
Pole. Die schnellste Runde des Tages. Und am Sonntagabend trotzdem nur Platz zehn. Wenn du wissen willst, warum Rennsport grausamer ist als jede Pressemitteilung, dann schau dir an, was Can Öncü beim WorldSSP Misano 2026 erlebt hat. Freitag der Held, Sonntag fast vergessen – dazwischen liegen 48 Stunden, in denen sich die Supersport-Weltmeisterschaft kein bisschen um Heldenerzählungen geschert hat.
Round 7 der FIM Supersport-WM, der Emilia-Romagna-Round am Misano World Circuit Marco Simoncelli. Adriaküste, Mitte Juni, Hitze, die vom Asphalt zurückschlägt. Und ein Türke auf einer Yamaha YZF-R9, der am Freitag eine Botschaft setzte – bevor der Rest des Wochenendes sie wieder kassierte.

1:36,755. Mit dieser Zeit nagelte Can Öncü die Superpole fest, im Trikot von Pata Yamaha Ten Kate Racing. Es war seine dritte Pole der Saison 2026 und die siebte WorldSSP-Pole seiner Karriere – damit zieht er mit Andrea Locatelli gleich. Eine Zahl, die in der Szene Gewicht hat. Wer Locatelli kennt, weiß, in welcher Liga sich Öncü da bewegt.
Dahinter wurde es eng. Richtig eng. Albert Arenas, der Spanier im AS BLU CRU Racing Team, fehlten am Ende exakt 0,100 Sekunden – 1:36,855. Eine Zehntelsekunde. Im Qualifying ist das fast nichts und doch genug für Startplatz zwei. Zwei Yamaha R9 auf den ersten beiden Startplätzen, ein sauberes Eins-Zwei für Yamahas Dreizylinder. So weit die Schlagzeile, die du auf dem Papier erwarten würdest.
Nur stimmt sie ab Startplatz drei nicht mehr. Denn dort stand Valentin Debise – und der fährt keine Yamaha. Seine ZXMOTO 820RR, das chinesische Projekt von EASTROC ZXMOTO Evan Bros, fehlten gerade einmal 0,114 Sekunden auf die Pole. Die erste Reihe in Misano war also kein Yamaha-Wohnzimmer, sondern ein Schaufenster dafür, wie vielfältig dieses Feld 2026 geworden ist. Zwei R9, eine ZXMOTO. Wer das übersieht, hat das Spannende verpasst.
Und dann kam der rote Lappen. Rund zwei bis drei Minuten vor Schluss verlor Héctor Garzo, Debütant bei Renzi Corse, in Kurve 13 die Kontrolle. Sein Motorrad zerlegte sich, Teile flogen über den Asphalt, die Session war sofort unterbrochen. Garzo wurde zur medizinischen Untersuchung ins Medical Centre gebracht. Mehr lässt sich seriös nicht sagen – wer hier über Verletzungsgrade spekuliert, dichtet. Nach dem Neustart blieb dem Feld nur noch eine einzige fliegende Runde. Wer da nicht parat stand, hatte Pech. Öncü stand parat.
Im freien Training am Freitag lag Öncü laut Zeitenliste nur auf Rang vier – im entscheidenden Moment der Superpole passte es dann.
Hinter der ersten Reihe sortierte sich das Feld eng: Philipp Oettl auf P4 (1:37,022), dahinter Matteo Ferrari, Alessandro Zaccone, Tom Booth-Amos auf der PTR-Triumph (P7), dann Oli Bayliss, Mattia Casadei und Jaume Masia auf Rang zehn. Weiter hinten gingen einige der spannenden Yamaha-Namen ins Rennen: Filippo Farioli von P11 bei seinem Heimspiel, Roberto Garcia (GMT94) von P14, Aldi Satya Mahendra (AS BLU CRU) von P16, Yuki Okamoto (Pata Ten Kate) ganz hinten von P31.
Bei Lucas Mahias bleibt die Quellenlage unsauber. Den Angaben zufolge stürzte der GMT94-Pilot in der Superpole – laut Yamaha. Ob es ein echter Sturz war oder nur ein Ausritt ins Kiesbett, aus dem er sich auf rund P17 rettete, lässt die Mitteilung offen. Also lassen wir es offen.
Falls du Can Öncü nur als „den mit dem berühmten Nachnamen“ abgespeichert hast – Zeit für ein Update. Geboren am 26. Juli 2003 in Alanya, Türkei. Sein Zwillingsbruder Deniz fährt selbst auf hohem Niveau – Zwilling, kein jüngerer Bruder, der Punkt ist Öncü-Fans wichtig. Beide wurden von Kenan Sofuoglu geformt, dem fünffachen Supersport-Weltmeister, der in der Türkei längst eine eigene Talentschmiede betreibt.
Öncü war 2018 der Mann, über den die ganze Paddock-Welt sprach. Erst gewann er den Red Bull MotoGP Rookies Cup. Dann, als Moto3-Wildcard in Valencia, fuhr er mit 15 Jahren und 115 Tagen zum Sieg – damals der jüngste GP-Sieger überhaupt. Ein Etikett, das hängenbleibt. 2026 ist er bei Pata Yamaha Ten Kate gelandet, dem erfolgreichsten Team der WorldSSP-Geschichte, beheimatet im niederländischen Nieuwleusen.
Was die Aragón-Geschichte angeht, die kurz vor Misano für Gesprächsstoff sorgte: Beim sechsten Lauf kassierte Öncü eine Back-of-Grid-Strafe. Grund war ein Verstoß gegen die Gelbflaggen-Prozedur im Warm-up am Samstagmorgen – ein zu schneller Sektor unter Gelb. Von ganz hinten kämpfte er sich im ersten Aragón-Rennen auf Rang elf vor. Nicht aufs Podium, elf. Wer behauptet, er sei in Aragón zweimal Dritter geworden, verwechselt da etwas gründlich.

Um zu verstehen, warum ein Yamaha-Eins-Zwei in Misano überhaupt eine Erzählung wert ist, musst du kurz unter die Verkleidung schauen. Die YZF-R9 ist kein reinrassiger Rennmotor. Ihr Herz ist der 890-cm³-CP3, ein flüssigkeitsgekühlter Reihendreizylinder mit doppelter obenliegender Nockenwelle, zwölf Ventilen, Bohrung mal Hub 78 x 62,1 mm. Abgeleitet von der Straßenplattform aus MT-09, XSR900 und Tracer 9. Kein weißes Blatt Papier, sondern ein cleveres Recycling vorhandener Großserientechnik.
Vorsicht bei den Leistungsangaben: Die kursierenden 119 PS (87,5 kW) bei 10.000 Umdrehungen und 93 Nm bei 7.000 Touren sind die Werte des Straßenmotorrads. Was im WorldSSP-Trim tatsächlich anliegt, steht auf einem anderen Blatt – diese Straßenzahlen als Rennleistung zu verkaufen, wäre schlicht falsch. Vorgestellt wurde die R9 am 9. Oktober 2024, öffentlich gezeigt in Suzuka am 25. Oktober 2024. Sie löste die 600er-Vierzylinder-R6 ab, die nach rund 25 Jahren Dienst in den Ruhestand ging.
Möglich macht das die „Next Generation“-Regel von 2022. Sie weitete die Hubraum-Fenster spürbar: Laut Reglement sind seither Vierzylinder bis 800 cm³, Dreizylinder von 500 bis 900 cm³ und Twins von 660 bis 990 cm³ zugelassen. Der 890er-Triple passt also in die Dreizylinder-Schublade von 500 bis 900 – kein 675er-Limit, das ist ein hartnäckiger Irrtum. Damit das große Triebwerk die kleineren Vierzylinder nicht einfach überrennt, greift eine Balance of Performance: Mindestgewicht fürs Motorrad, ein kombiniertes Mindestgewicht aus Fahrer und Maschine, ein elektronischer Drehzahlbegrenzer und Luftmengen-Restriktoren. Alles während der Saison nachjustierbar.
Genau das passierte Mitte 2025. Vor dem Aragón-Lauf strich der Veranstalter der R9 800 Umdrehungen – von 11.800 auf 11.000 –, um den hubraumstärkeren Dreizylinder näher an die 600er-Referenz zu rücken. In der Szene wird darüber bis heute gestritten, ob das fair oder Symptompolitik ist.
Die Bilanz spricht für die R9. In ihrer Debütsaison 2025 holte Stefano Manzi gleich den Titel – allerdings sitzt Manzi 2026 nicht bei Pata Ten Kate, dort fahren Öncü und Okamoto. Mit rund zehn Piloten stellt Yamaha 2026 das größte Herstellerkontingent, vor knapp neun Ducati Panigale V2, dazu Triumph, Honda, Kawasaki, MV Agusta, ZXMOTO und QJ Motor. Ein R9-Eins-Zwei spiegelt also durchaus die Kräfteverhältnisse der Saison. Nur ist das Feld eben kein Yamaha-Pokal: ZXMOTO, Ducati und Triumph können gewinnen und aufs Podium fahren. Misano sollte das auf brutale Weise bestätigen.
Der Misano World Circuit liegt in Misano Adriatico, Provinz Rimini, mitten in der Emilia-Romagna, einen Steinwurf von Rimini und Cattolica entfernt. Adriaküste, Strandschirme, und dahinter eine Strecke, die im GP-Layout 4,226 Kilometer misst, 16 Kurven hat – sechs links, zehn rechts – und seit dem Umbau Mitte der 2000er-Jahre im Uhrzeigersinn gefahren wird.
2012 bekam die Strecke ihren heutigen Namen, offiziell am 8. Juni, in Erinnerung an Marco Simoncelli. Der Italiener aus dem nahen Cattolica war beim MotoGP-Lauf in Malaysia 2011 tödlich verunglückt. Wer hier fährt, fährt auf seinem Boden. Das spürst du im Paddock, jedes Jahr aufs Neue.
Übrigens: Öncüs 1:36,755 war beeindruckend, aber kein Streckenrekord. Die WorldSSP-Bestmarke in Misano hält weiter Nicolò Bulega mit 1:36,495 aus dem Jahr 2023, auf einer Ducati. Rund 0,26 Sekunden fehlten. In diesem Sport ist das eine kleine Ewigkeit.

Arenas ist die Geschichte der Saison. Der Spanier, Moto3-Weltmeister 2020, fährt 2026 seine WorldSSP-Rookie-Saison – und führt die Tabelle an. Als Neuling. Das musst du erst mal sacken lassen.
Daneben lohnt der Blick auf die Nachwuchsfraktion aus Yamahas bLU cRU-Pyramide. Aldi Satya Mahendra, Indonesier, geboren am 27. Juni 2006, Startnummer 57, ebenfalls AS BLU CRU. 2024 wurde er WorldSSP300-Champion und damit Indonesiens erster Motorrad-Weltmeister überhaupt – ein Aushängeschild für den Weg vom R3-Cup über die 300er in die Supersport-WM. Merk dir den Namen, er taucht im Renn-Fazit noch auf.
Filippo Farioli, Italiener aus Bergamo, Jahrgang 2005, fährt 2026 für VFT Racing auf der R9, nach einer Debütsaison mit MV Agusta. Misano ist sein Heimrennen – Druck und Rückenwind zugleich. Lucas Mahias bringt die Erfahrung mit: der Franzose, Baujahr 1989, war 2017 Supersport-Weltmeister auf der R6, jetzt bei GMT94 auf der R9. Sein Teamkollege Roberto Garcia, 19, Europa-Moto2-Champion 2024, holte in Balaton Park sein erstes WorldSSP-Podium (P3 im zweiten Lauf). Und Yuki Okamoto, Japaner, Jahrgang 1999, All-Japan-JSB1000-Champion 2024, komplettiert als Öncüs Teamkollege das offizielle Ten-Kate-Duo.
GMT94 von Christophe Guyot, AS Racing und VFT Racing sind die Satelliten- und unterstützten Teams rund um das Werksprojekt aus Nieuwleusen. Ein dichtes, ehrgeiziges Yamaha-Netzwerk – das in Misano trotzdem nicht alle Fäden in der Hand behielt.

Jetzt die ehrliche Abrechnung. Denn eine Pole füllt keine Pokalvitrine, und an diesem Wochenende wurde das schmerzhaft deutlich.
Rennen 1 am Samstag: Es lief auf ein Finale hinaus, wie es der Rennsport schreibt, nicht die Pressestelle. Valentin Debise – ja, der ZXMOTO-Mann von P3 – holte sich den Sieg mit einem Überholmanöver in der letzten Runde. Sein sechster Saisonsieg. Albert Arenas wurde Zweiter, 0,107 Sekunden dahinter. Und Öncü? Dritter, aber schon 5,049 Sekunden zurück. Vom Polesetter zum Distanzierten in einem Rennen. Schnellste Runde fuhr Debise mit 1:37,216. Jaume Masia, von P10 gestartet, flog in der letzten Runde nach Kontakt mit Booth-Amos raus – einer dieser Momente, die eine Meisterschaft drehen können.
Rennen 2 am Sonntag: Diesmal machte Arenas alles klar. Der Tabellenführer gewann mit 1,976 Sekunden Vorsprung souverän. Zweiter wurde Tom Booth-Amos auf der PTR-Triumph – ein weiterer Beleg, dass dieses Feld eben nicht monochrom Yamaha ist. Dritter: Aldi Satya Mahendra, der Indonesier von AS BLU CRU, der auch die schnellste Rennrunde stehen ließ (1:37,518). Debise kassierte eine Strafe um eine Position wegen Track Limits und wurde als Neunter gewertet. Farioli holte bei seinem Heimspiel einen achten Platz.
Und Öncü? Platz zehn. Von der Pole zum zehnten Rang am Sonntag. Wer am Freitag nur die Schlagzeile gelesen hat, würde dieses Ergebnis nicht glauben. Genau deshalb steht es hier.

Zur Einordnung zwei klar getrennte Stände. Vor Misano, also nach Aragón (Round 6), führte Arenas mit 206 Punkten vor Masia (166), Debise (163), Öncü (137), Oettl (121) und Ferrari (101).
Nach Misano (Round 7) sieht die Welt anders aus: Arenas 251, Debise 195, Masia 179, Öncü 159, Oettl 122, Booth-Amos 115. Arenas führt jetzt mit 56 Punkten Vorsprung. Aus einem engen Dreikampf an der Spitze ist eine Lücke geworden – und Debise hat sich am Rookie-Leader vorbei auf Platz zwei geschoben. Die WorldSSP Misano 2026 hat die Meisterschaft nicht entschieden, aber sie hat eine Richtung vorgegeben.
Eine Pole am Freitag, ein roter Lappen, ein chinesisches Motorrad in der ersten Reihe, ein Rookie an der Tabellenspitze – und ein Polesetter, der am Sonntag Zehnter wird. Die WorldSSP Misano 2026 war kein Drehbuch, das jemand vorab abgesegnet hätte. Genau das ist ihr Reiz. Can Öncü hat in Misano gezeigt, wie schnell er über eine Runde ist. Was ihm jetzt fehlt, ist die Antwort auf die schwierigere Frage: Wie machst du aus Polepositions wieder Punkte, bevor Arenas mit seinen 56 Zählern Vorsprung außer Reichweite ist? Die nächsten Rennen werden es zeigen – und du wirst dabei sein wollen.
Wer holte die Pole beim WorldSSP Misano 2026?
Die Pole sicherte sich Can Öncü auf der Yamaha YZF-R9 von Pata Yamaha Ten Kate Racing mit einer Zeit von 1:36,755. Es war seine dritte Pole der Saison 2026 und die siebte seiner WorldSSP-Karriere. Damit zog er mit Andrea Locatelli gleich.
War die erste Startreihe in Misano komplett mit Yamaha besetzt?
Nein. Öncü und Albert Arenas auf den Plätzen eins und zwei fuhren beide eine Yamaha R9, also ein echtes R9-Eins-Zwei. Auf Startplatz drei stand jedoch Valentin Debise auf einer chinesischen ZXMOTO 820RR. Die erste Reihe war damit nicht reines Yamaha-Terrain.
Warum wurde die Superpole in Misano unterbrochen?
Rund zwei bis drei Minuten vor Schluss stürzte der Debütant Héctor Garzo in Kurve 13, sein Motorrad zerlegte sich. Daraufhin wurde die Session mit roter Flagge unterbrochen. Garzo wurde zur medizinischen Untersuchung gebracht; nach dem Neustart blieb dem Feld nur eine fliegende Runde.
Wie gingen die beiden Rennen beim WorldSSP Misano 2026 aus?
Rennen 1 gewann Valentin Debise (ZXMOTO) mit einem Manöver in der letzten Runde vor Albert Arenas und Can Öncü. Rennen 2 entschied Arenas mit 1,976 Sekunden Vorsprung für sich, vor Tom Booth-Amos und Aldi Satya Mahendra. Öncü kam im zweiten Lauf nur als Zehnter ins Ziel.
Wer führt nach Misano die WorldSSP-Meisterschaft 2026 an?
Nach Round 7 in Misano führt Albert Arenas mit 251 Punkten. Dahinter folgen Valentin Debise mit 195 und Jaume Masia mit 179 Punkten. Öncü liegt mit 159 Zählern auf Rang vier, der Vorsprung von Arenas an der Spitze beträgt 56 Punkte.
Was ist die Yamaha YZF-R9 und warum ersetzt sie die R6?
Die R9 ist ein 890-cm³-Reihendreizylinder vom Typ CP3, abgeleitet von der Straßenplattform aus MT-09, XSR900 und Tracer 9. Sie löste ab der Saison 2025 die 600-cm³-Vierzylinder-R6 ab und gewann auf Anhieb den Titel. Möglich macht den größeren Hubraum die Next-Generation-Regel, die Dreizylinder von 500 bis 900 cm³ zulässt.
Wer ist Can Öncü?
Can Öncü ist ein türkischer Rennfahrer, geboren 2003 in Alanya, und der Zwillingsbruder von Deniz Öncü. Er gewann 2018 den Red Bull MotoGP Rookies Cup und wurde im selben Jahr als Moto3-Wildcard jüngster GP-Sieger seiner Zeit. 2026 fährt er für Pata Yamaha Ten Kate Racing in der Supersport-WM.






