
Drei Paar Handschuhe liegen auf dem Ladentisch, und alle drei sehen nach Motorrad aus. Den Unterschied findest du nicht am Leder, sondern auf einem kleinen Etikett innen an der Stulpe. Dort stehen ein Bildzeichen, die Nummer EN 13594:2015, eine 1 oder eine 2 und manchmal zwei Buchstaben dahinter.
Wer dieses Etikett lesen kann, kauft Motorradhandschuhe nicht mehr nach der Optik. Dazu kommt das Wetter: Luft an den Fingern im Sommer, im Winter Wärme, die dir das Gefühl am Hebel lässt, und trockene Handgelenke nach der dritten Stunde Regen. Für jede dieser Lagen gibt es ein anderes Paar, und manchmal reicht eins für zwei.
Arme und Hände trifft es bei einem Sturz besonders oft. In einer Auswertung des Unfallregisters im französischen Département Rhône hatten 67 Prozent von 951 verunglückten Fahrern motorisierter Zweiräder Verletzungen an Schultern, Armen oder Händen. Wer eine Motorradjacke oder Handschuhe trug, hatte an Armen und Händen nur gut ein Drittel des Risikos für Weichteilverletzungen, vor allem für Schürf- und Schnittwunden. Mit beidem zusammen war es noch einmal geringer.
Gegen Brüche, Verstauchungen und ausgerenkte Gelenke zeigte sich in derselben Auswertung kein messbarer Schutz. Eine australische Studie mit 212 gestürzten Motorradfahrern zeigt eine zweite Grenze: Rund ein Viertel der Motorradhandschuhe war im Sturz am Material kaputtgegangen. Trotzdem kamen Fahrer mit Handschuhen dort deutlich seltener ins Krankenhaus. Ein Handschuh ist also kein Panzer für die Knochen, die Haut aber schützt er.
Bevor Handschuhe als Schutzausrüstung für Motorradfahrer verkauft werden, prüft eine in der EU dafür zugelassene Prüfstelle, eine sogenannte benannte Stelle, das Modell nach der Norm EN 13594:2015. Danach tragen sie das CE-Zeichen. Sie zählen zur Schutzausrüstung der Kategorie II, also gegen mittlere Risiken. Die Ziffer am Bildzeichen ist die Leistungsstufe: 1 steht für Schutz mit möglichst wenig Einbußen beim Greifen, 2 für mehr Schutz in einem Handschuh, der schwerer und steifer ausfallen kann.
Steht KP dabei, wurde der Knöchelschutz eigens geprüft. Ein Fallgewicht von fünf Kilogramm schlägt dafür mit fünf Joule auf den Knöchelschutz, und ein Sensor darunter misst, wie viel Kraft durchkommt. Bei Level 1 ist ein Knöchelschutz freiwillig, bei Level 2 vorgeschrieben. Hat ein Level-1-Handschuh einen, der Schläge dämpfen soll, muss er laut dem Prüflabor SATRA den Test ebenfalls bestehen. Was die beiden Stufen sonst trennt, steht in den Gebrauchsanleitungen der Hersteller:
| Prüfung | Level 1 | Level 2 |
|---|---|---|
| Schlagtest am Knöchel (KP) | freiwillig | Pflicht |
| Abziehen bei geschlossenem Verschluss | mindestens 25 Newton | mindestens 50 Newton |
| Stulpe über die Handgelenkslinie | kürzer zulässig | mindestens 50 Millimeter |
| Schnittschutz | an der Handfläche | auch am Handrücken |
| Abrieb an der Handfläche, Mittelwert | mindestens vier Sekunden | mindestens acht Sekunden |
Die Gesamtstufe richtet sich nach dem schwächsten Ergebnis. Schafft ein Paar in vier Prüfungen Level 2 und in einer nur Level 1, steht auf dem Etikett eine 1. Für die Stadt im Hochsommer kann so ein Handschuh genau richtig sein. Für lange Etappen auf der Autobahn passt eher eine 2, weil dort mehr Tempo und damit eine längere Rutschstrecke im Spiel ist.
Bei 30 Grad willst du Luft an die Finger. Sommerhandschuhe sind deshalb gelocht oder haben Einsätze aus Netzgewebe, oft mit kurzer Stulpe. Schau trotzdem, wo die Löcher sitzen. Mit Handballen und Handkante kommst du im Sturz oft zuerst auf, dort gehört festes Material hin. Auch die Norm prüft den Abrieb an der Handfläche.
Eine kurze Stulpe braucht einen Ärmel, der sie überlappt. SCOTT schreibt in seine Gebrauchsanleitung, dass sich Ärmel und Stulpe überdecken sollen und der Handschuh auch bei einem Unfall nicht leicht abrutschen darf. Ein Spalt am Handgelenk ist an heißen Tagen bequem, im Sturz liegt dort die Haut frei.
Schwitzende Hände rutschen im Handschuh, und ein zu weites Paar verdreht sich dann beim Lenken. Luftig heißt deshalb nicht locker: Auch im Sommer liegt der Handschuh eng an, und der Verschluss am Handgelenk bleibt zu.
Mit kalten Fingern ziehst du den Bremshebel gröber, und gerade das feine Dosieren brauchst du, wenn es eng wird. Winterhandschuhe arbeiten mit Futter, meist mit einer wasserdichten Membran und einer langen Stulpe, die den Wind am Handgelenk aussperrt. Je dicker das Futter, desto weniger spürst du allerdings vom Hebel.
Probier ein Winterpaar deshalb mit der Jacke an, die du im Winter trägst, und greif an einen Lenker. O’Neal rät in seiner Anleitung, die Bewegungen beim Fahren nachzustellen und dabei alle Bedienelemente zu betätigen. Lässt sich der Kupplungshebel nicht mehr fein ziehen, ist das Paar zu dick, egal wie warm es hält.
Oft hilft eine Heizung mehr als dickeres Futter. Mit Heizgriffen oder beheizbaren Handschuhen reicht ein dünneres Paar, in dem du den Hebel noch spürst. Heizgriffe wärmen vor allem die Handflächen, den Fahrtwind auf den Fingerrücken halten Handschützer am Lenker ab. Hängen Griffe oder Handschuhe am Bordnetz, zählt, wie viel Strom deine Maschine übrig hat. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.
Und lass die Handschuhe vor einer kalten Fahrt nicht über Nacht in der ungeheizten Garage liegen. SCOTT empfiehlt, sie vor dem Gebrauch nicht draußen oder bei niedrigen Temperaturen aufzubewahren. Ein Paar aus der warmen Wohnung hat auf den ersten Kilometern einen Vorsprung, den du an den Fingerspitzen merkst.
Sicherheitshinweis: Werden die Finger taub, spürst du den Druckpunkt der Bremse nicht mehr sauber und greifst im Notfall zu zaghaft oder zu hart zu. Halte an, sobald das Gefühl nachlässt, und wärm die Hände auf, bevor du weiterfährst, aber nicht am Motor oder Auspuff: Taube Finger merken nicht, wann es zu heiß wird.
Regenhandschuhe und Allwettermodelle setzen auf eine Membran, die Wasser draußen halten und Feuchtigkeit von innen durchlassen soll. Nass wird die Hand trotzdem oft, und zwar am Handgelenk. Im Fahrtwind drückt die Luft das Wasser auf dem Ärmel nach hinten, im Stand läuft es nach unten.
Steckt die Stulpe unter dem Ärmel, kann der Fahrtwind Wasser vom Handschuh unter den Ärmel schieben. Liegt sie darüber, kann im Stand Wasser vom Ärmel in die Stulpe laufen, wenn deine Hände tiefer liegen als die Ellbogen. Welche Variante bei dir dicht bleibt, hängt an Jacke, Handschuh und Sitzhaltung. Zieh den Verschluss fest und probier bei den nächsten Regenfahrten beide aus.
Ein Handschuh schützt nur, solange er an der Hand bleibt. Zu groß, und er verrutscht im Sturz, die verstärkten Stellen liegen dann nicht dort, wo die Last kommt. Zu klein, und nach einer halben Stunde drückt er auf die Finger, bis sie kalt werden.
Leder hält von Natur aus viel Abrieb aus. Textil- und Mischgewebe werden aber nach derselben Norm geprüft und bekommen dieselben Stufen, wenn sie die Werte schaffen. Ein Textilhandschuh mit einer 2 hat deshalb mehr bewiesen als ein Lederhandschuh ohne Etikett. Leitfähige Fingerkuppen fürs Display sind reine Bequemlichkeit, mit dem Schutz haben sie nichts zu tun.
Nasse Handschuhe trocknen an der Luft, bei Raumtemperatur. Den Föhn schließen die Anleitungen von SCOTT, O’Neal und Fastway aus, SCOTT und Fastway warnen auch vor dem Heizkörper. Nasses Leder wird von zu viel Hitze hart. Gereinigt wird nach dem Pflegeetikett, mit einem feuchten Tuch oder milder Seife. Lösungsmittel und Kraftstoff greifen das Material an.
Auch ein gepflegtes Paar altert, und die Hersteller nennen dafür sehr unterschiedliche Fristen. SCOTT empfiehlt den Austausch spätestens drei Jahre nach dem ersten Gebrauch, O’Neal nennt fünf Jahre als Obergrenze, Fastway acht Jahre ab dem Herstellungsdatum. Schau deshalb in die Anleitung deines eigenen Paars.
Hat ein Paar einen Sturz mitgemacht, tauschst du es aus, auch wenn du ihm nichts ansiehst. Fastway verlangt das nach jedem Sturz, weil Schäden mit bloßem Auge nicht immer erkennbar sind. Offene Nähte, durchgescheuerte Stellen oder ein Klettverschluss, der nicht mehr hält, beenden das Leben eines Paars ebenfalls früher.
In Deutschland schreibt dir die Straßenverkehrs-Ordnung nur den Helm vor. Einen geeigneten Schutzhelm tragen dort Fahrer und Mitfahrer, sobald das Kraftrad bauartbedingt schneller als 20 km/h fahren kann. Das Wort Handschuh kommt in der ganzen Verordnung nicht vor.
In Frankreich müssen Fahrer und Beifahrer auf Motorrädern, Mopeds, motorisierten Dreirädern und Quads seit dem 20. November 2016 Handschuhe tragen, nach Artikel R431-1-2 des Code de la route. Verlangt werden Motorradhandschuhe mit CE-Kennzeichnung. Ausgenommen sind nur Fahrzeuge dieser Klassen, die Türen und Sicherheitsgurte haben.
Laut der französischen Behördenseite service-public.fr kostet ein Verstoß in der Regel 68 Euro, und dem Fahrer zieht das französische Punktesystem zusätzlich einen Punkt ab (Stand: 16.06.2026). Zahlen muss dort auch der Beifahrer, wenn er ohne Handschuhe mitfährt.
Spanien zieht seit dem 1. Oktober 2026 nach, allerdings nur außerorts. Nach dem Real Decreto 518/2026 müssen Fahrer und Beifahrer von Motorrädern und Mopeds auf Straßen außerhalb geschlossener Ortschaften Schutzhandschuhe tragen. Technische Vorgaben kann das Innenministerium per Verordnung festlegen. Bis es eine solche Verordnung gibt, gelten Handschuhe der Art, wie sie heute getragen werden. Mit CE-gekennzeichneten Motorradhandschuhen erfüllst du nach heutigem Stand beide Vorschriften.
Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel ordnet die Lage allgemein und journalistisch ein (Stand: Oktober 2026). Er ist keine Rechtsberatung, und Einzelfälle können anders liegen. Vor einer Reise lohnt ein Blick auf die Seiten der Behörden im Zielland, denn Bußgelder und Ausrüstungsregeln ändern sich.
Die drei Paare liegen noch auf dem Tresen. Du klappst die Stulpen um und liest: einmal eine 1, einmal eine 1 mit KP, einmal eine 2 mit KP. Dann ziehst du das dritte Paar an, machst eine Faust und greifst an den Lenker der Ausstellungsmaschine neben dem Tresen. Den Hebel spürst du noch. Eingegrenzt hat die Wahl das Etikett, entschieden hat sie deine Hand.
Sind Motorradhandschuhe in Deutschland Pflicht?
Keine Pflicht: Die Straßenverkehrs-Ordnung schreibt in Deutschland nur einen geeigneten Helm vor. Handschuhpflicht gilt dagegen in Frankreich für Fahrer und Beifahrer, und seit dem 1. Oktober 2026 auch in Spanien, dort auf Straßen außerorts.
Was bedeuten Level 1, Level 2 und KP auf dem Etikett?
Level 1 und Level 2 sind die Leistungsstufen der Norm EN 13594:2015, wobei die 2 mehr Schutz verlangt, etwa längere Abriebzeiten und eine höhere Abzugskraft. KP heißt, dass der Knöchelschutz mit einem Schlagtest geprüft wurde, und für Level 2 ist dieser Test vorgeschrieben.
Schützen Motorradhandschuhe auch vor Brüchen?
Gegen Brüche kaum. Eine französische Auswertung von 951 verunglückten Fahrern fand mit Handschuhen und Jacke deutlich weniger Schürf- und Schnittwunden an Armen und Händen, aber keinen messbaren Schutz gegen Brüche.
Welche Handschuhe brauche ich in Frankreich?
Gefordert sind Motorradhandschuhe mit CE-Kennzeichnung, für Fahrer und Beifahrer. Ohne sie kostet es in der Regel 68 Euro, der Fahrer verliert dazu einen Punkt im französischen System.
Wie trockne ich nasse Motorradhandschuhe?
Langsam an der Luft und bei Raumtemperatur. Föhn und Heizkörper schaden laut den Herstelleranleitungen, und Leder wird davon hart.
Wie lange halten Motorradhandschuhe?
Je nach Hersteller drei bis acht Jahre, die Frist steht in der Anleitung deines Paars. Nach einem Sturz tauschst du sie aus, denn manche Schäden sind nicht zu sehen.
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