
Eine Einmündung in einem Dorf im Allgäu, das Stoppschild steht mitten in der Steigung. Du hältst, der Motor läuft im Standgas, und hinter dir rollt ein Lieferwagen heran, bis du im Spiegel nur noch seinen Kühlergrill siehst. Die Straße ist frei. Jetzt soll die Maschine anfahren, ohne einen Zentimeter zurückzurollen und ohne auszugehen.
Anfahren am Berg musst du nicht im Blut haben. Es ist ein Ablauf aus drei Teilen: Bremse, Kupplung und Gas. Wer die Reihenfolge kennt und den Schleifpunkt seiner Kupplung fühlt, also die Stelle am Hebel, an der sie zu greifen beginnt, bleibt an solchen Einmündungen irgendwann ganz ruhig.
In der Ebene reicht oft schon Standgas, damit die Maschine beim Einkuppeln losrollt. Am Hang zieht das Gewicht von Motorrad, Fahrer und Gepäck zusätzlich nach hinten. Gibst du dann zu wenig Gas oder lässt die Kupplung zu schnell kommen, fällt die Drehzahl so tief, dass der Motor stehen bleibt.
Angefahren wird deshalb immer im ersten Gang, KTM nennt ihn für die 890 Adventure ausdrücklich den Anfahr- oder Berggang. Je steiler die Straße und je schwerer die Fuhre, desto mehr Gas braucht es, die Technik bleibt aber dieselbe.
Bewährt hat sich ein Ablauf, bei dem der rechte Fuß das Motorrad hält und beide Hände frei für Gas und Kupplung bleiben. So geht es Schritt für Schritt:
Wenn der Ablauf sitzt, dauert er kaum zwei Sekunden. Dass der linke Fuß stehen bleibt, passt meist auch zur Straße: Hältst du am rechten Fahrbahnrand, steht er auf der höheren Seite, weil die Fahrbahn zur Mitte hin meist ansteigt. Schau vor dem Absetzen kurz hin, denn auf Splitt, einer Ölspur oder nassem Laub rutscht auch ein guter Stiefel weg.
Bist du eher klein und erreichst den Boden nur mit den Zehen, rutschst du beim Anhalten ein Stück nach links auf der Sitzbank, bis der linke Stiefel flach steht. Rechts drückt der Fuß weiter auf den Bremshebel, und genau für diese Haltung ist die Technik gemacht.
Manche halten die Maschine lieber vorn, mit zwei Fingern am Handbremshebel, und stellen dafür beide Füße auf den Boden. Das gibt Halt auf unebenem oder schrägem Untergrund. Im Gegenzug muss die rechte Hand gleichzeitig bremsen und Gas geben, und das verlangt Übung.
Zwei Dinge gelten dabei immer. Rollst du mit stark eingeschlagenem Lenker, greifst du nicht ruckartig in die Vorderradbremse, sonst kippt die Maschine zur Seite. Und rollt das Motorrad rückwärts, trägt das Vorderrad am Hang weniger Gewicht und rutscht beim Bremsen auf Schotter oder nassem Belag schneller weg. Für das Zurückrollen am Hang rät das Institut für Zweiradsicherheit deshalb, sich mit dem linken Bein abzustützen und hinten mit dem rechten Fuß zu bremsen.
Wo die Kupplung greift, hängt nicht an der Steigung, wohl aber an der Temperatur. Am kalten Morgen liegt der Schleifpunkt oft an einer anderen Stelle des Hebelwegs als nach einer langen Fahrt. Probier ihn deshalb vor der ersten Steigung des Tages kurz aus, etwa im Stand mit gezogener Bremse.
Halten gehört auf die Bremse, nicht auf die Kupplung. Wer sich im Stau am Hang mit dauernd schleifender Kupplung von Meter zu Meter hangelt, heizt sie unnötig auf. Für die NC750X mit Doppelkupplungsgetriebe schreibt Honda sogar, dass du das Fahrzeug am Berg nicht mit Gas und Kupplung halten sollst, um die Kupplung zu schonen. Zwischen zwei Etappen bremst du also, und jeder Start ist wieder derselbe saubere Ablauf.
Mit Beifahrer und vollen Koffern zieht am Hang deutlich mehr Gewicht nach hinten. Du brauchst etwas mehr Drehzahl am Schleifpunkt, damit der Motor die Last übernimmt, bevor du die Bremse löst, sonst geht er genau dort aus, wo das Neusortieren am mühsamsten ist. Auch beim Halten brauchst du mehr Kraft, und der Boden unter deinem Fuß muss fest sein. Ein so beladenes Motorrad neigt laut ADAC bei langsamer Fahrt außerdem stärker zum Kippen, also genau in den ersten Metern.
Sprich vorher mit deinem Sozius ab, dass er beim Anfahren ruhig sitzt und sich nicht zur Seite lehnt. Seine Füße bleiben dabei auf den Rasten, auch wenn ihr steht, und Honda schreibt das ausdrücklich in seine Anleitungen. Eine Gewichtsverlagerung genau beim Lösen der Bremse bringt dich schneller aus dem Gleichgewicht als die Steigung selbst.
Einige Maschinen helfen beim Anfahren. An der R 1300 GS heißt die Hilfe Hill Start Control, eingeschaltet wird sie im Menü. Aktiviert wird sie im Stand bei laufendem Motor, indem du den Hand- oder den Fußbremshebel kräftig betätigst und zügig wieder loslässt. Dann hält das Motorrad über die Hinterradbremse, bis du mit Gas anfährst. BMW stellt klar, dass sie nur das Anfahren erleichtert und keine Parkbremse ist.
Laut BMW löst die Funktion nach zehn Minuten, ebenso beim Ausklappen der Seitenstütze oder beim Abstellen mit dem Not-Aus-Schalter. Das Motorrad meldet sich dann mit einem Ruck, und ab da musst du selbst bremsen. Schaltest du die Zündung aus, baut sich der Haltedruck sofort und ohne diesen Ruck ab. Am Hang gilt deshalb weiter: Wer absteigt, sichert die Maschine selbst, mit Gang und Seitenständer.
Bei Hondas Doppelkupplungsgetriebe kuppelt die Elektronik, halten musst du am Hang trotzdem mit der Bremse. Die E-Clutch an der Hornet nimmt dir das Kuppeln beim Anfahren ab, kann sich laut Honda aber abschalten, etwa bei Verschleiß, und dann kuppelst du wieder selbst. Wer die Technik mit Hebel und Bremse beherrscht, ist deshalb auch auf diesen Maschinen nicht verloren. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.
Abwürgen passiert jedem irgendwann. Geht der Motor aus, hältst du die Maschine sofort mit der Hinterradbremse und ziehst die Kupplung. Dann startest du neu. An der MT-07 etwa springt der Motor mit eingelegtem Gang nur an, wenn die Kupplung gezogen und der Seitenständer oben ist, und bei der Hornet verlangt Honda dafür ebenfalls den gezogenen Kupplungshebel. Die Leute hinter dir warten die paar Sekunden.
Musst du ein Stück zurückrollen, um von einer zu steilen Stelle wegzukommen, bleibst du sitzen, stützt dich links ab und bremst mit dem rechten Fuß. Üben kannst du das Anfahren am Berg auf einer ruhigen Nebenstraße mit leichter Steigung, wenn niemand hinter dir ist, oder auf einem Verkehrsübungsplatz. Ein paar Dutzend Starts, und die Bewegung sitzt.
Der Lieferwagen steht noch immer dicht hinter dir. Du lässt die Kupplung bis zum Schleifpunkt kommen, gibst etwas Gas, und als der Fuß die Bremse freigibt, zieht die Maschine ruhig den Hang hinauf. Im Spiegel wird der Kühlergrill kleiner, und du merkst erst an der nächsten Kurve, dass du gar nicht mehr darüber nachgedacht hast.
Wie klappt das Anfahren am Berg mit dem Motorrad?
Erster Gang, Kupplung gezogen, und der rechte Fuß hält das Motorrad über die Hinterradbremse. Greift die Kupplung, gibst du ruhig etwas mehr Gas und nimmst den Fuß nach und nach von der Bremse, während die Kupplung ganz kommt.
Hinterradbremse oder Vorderradbremse beim Anfahren am Hang?
Für die meisten ist hinten einfacher, denn Gas und Kupplung bleiben dann in den Händen. Wer vorne hält, kann mit beiden Füßen stehen, braucht aber eine Hand, die gleichzeitig bremst und Gas gibt, und wer mit eingeschlagenem Lenker rollt, greift nicht ruckartig in die Vorderbremse.
Warum würgt mein Motorrad am Berg ab?
Am Hang braucht der Motor mehr Kraft als in der Ebene. Kommt die Kupplung zu schnell oder gibst du zu wenig Gas, sinkt die Drehzahl, bis er stehen bleibt. Etwas mehr Gas und ein ruhiger Schleifpunkt helfen.
Schadet es der Kupplung, am Berg schleifen zu lassen?
Kurz beim Anfahren ist das normal. Hältst du das Motorrad aber minutenlang mit schleifender Kupplung am Hang, wird sie heiß und verschleißt. Honda rät sogar bei einer Maschine mit Doppelkupplungsgetriebe, am Berg nicht mit Gas und Kupplung zu halten, sondern zu bremsen.
Was macht eine Berganfahrhilfe am Motorrad?
Berganfahrhilfen halten das stehende Motorrad an der Steigung mit der Bremse fest, bis du anfährst. Bei BMW heißt das System Hill Start Control, gilt als Komfortsystem und nicht als Parkbremse, und nach zehn Minuten oder wenn du die Zündung ausschaltest, gibt es die Bremse frei.
Was tun, wenn das Motorrad am Berg zurückrollt?
Zuerst bremst du hinten und ziehst die Kupplung. Willst du bewusst zurück, bleibst du sitzen, das linke Bein stützt, der rechte Fuß bremst hinten, so rät es das Institut für Zweiradsicherheit.
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