
Drei Minuten vor der Aufwärmrunde geht in der Startaufstellung die Tafel hoch, und die MotoGP-Fahrer müssen ihre Helme aufsetzen. Eine Runde später stehen sie wieder auf ihren Startplätzen, Vorderrad hinter der Linie, der Motor läuft. Vorn verlässt ein Offizieller mit der roten Flagge die Strecke. Dann leuchtet die Ampel rot. Wie lange, weiß in diesem Moment keiner der Fahrer.
Genau hier zeigt sich mentale Stärke am Start. Nicht als Mut, sondern als Handwerk: Wer zu früh rollt, kassiert eine Strafe, wer zu spät reagiert, verliert in der ersten Kurve Plätze. Die gute Nachricht für alle, die nie in einer Startaufstellung stehen werden: Die Werkzeuge gegen das Flattern sind gut erforscht, und einige davon kannst du vor deinem nächsten Trackday selbst ausprobieren.
Der Ablauf steht im Reglement der Motorrad-WM, und eines lässt er offen: den genauen Moment. Nach der Aufwärmrunde stellen sich die Fahrer mit laufendem Motor auf ihre Plätze. Sind alle Reihen komplett, tritt der Offizielle mit der roten Flagge zur Seite. Dann leuchtet die rote Ampel zwischen zwei und fünf Sekunden, und wenn sie erlischt, läuft das Rennen.
Die Falle steckt in diesem Zeitfenster. Als Frühstart gilt, wenn sich das Motorrad in dem Moment nach vorn bewegt, in dem die Lichter ausgehen. Die Standardstrafe ist eine doppelte Long Lap: Der Fahrer muss innerhalb von fünf Runden zweimal durch die markierte Strafschleife. Zuckt eine Maschine kurz und steht dann wieder still, entscheiden die Offiziellen, ob daraus ein Vorteil entstanden ist.
Wer den Motor abwürgt, darf ihn in der Startaufstellung nicht wieder anlassen, sondern bleibt sitzen und hebt den Arm. Auch das verlangt Nerven: stillhalten, während um dich herum alles auf die Lichter wartet.
Dazu haben sich 2026 die Bedingungen am Start geändert. Seit dem Rennen in Assen Ende Juni fahren die MotoGP-Maschinen ohne die vordere Startvorrichtung, das sogenannte Holeshot-Device. Abgeschafft wurde es, nachdem die Fahrer in zusätzlichen Startübungen Gelegenheit hatten, ihre Starts zu testen. Und seit dem Großen Preis von Deutschland stehen die Reihen zwölf statt neun Meter auseinander, damit die Starts sicherer werden.
Dass der Puls rast, ist keine Einbildung, sondern messbar. Eine Studie mit 34 Fahrern der Straßen-Europameisterschaft 2005 fand, dass die Herzfrequenz im Rennen die meiste Zeit über 90 Prozent des jeweiligen Maximums lag. Französische Forscher maßen bei zwölf Fahrern am Tag von Qualifying und Rennen bis zu dreimal so hohe Werte des Stresshormons Cortisol wie an einem Ruhetag, am höchsten zehn Minuten nach dem Rennen.
Die spannendere Frage ist, was du mit dieser Aufregung anfängst. Alison Wood Brooks von der Harvard Business School hat 2014 mehrere Experimente veröffentlicht, in denen Menschen vor einer Belastungsprobe entweder versuchten, sich zu beruhigen, oder ihre Aufregung als Vorfreude umdeuteten. Dafür reichte schon ein laut ausgesprochenes „Ich bin heiß drauf“ (im Original „I am excited“). Wer umdeutete, spürte mehr Vorfreude und schnitt besser ab als die Gruppe, die sich zur Ruhe zwingen wollte.
Getestet wurde allerdings nicht auf dem Motorrad, sondern beim Karaoke, bei einer Rede und bei Rechenaufgaben. Übertragen lässt sich vor allem der Gedanke dahinter: Das Kribbeln vor dem Start ist kein Alarm, den du abstellen musst. Es ist die Bereitschaft deines Körpers, und die darfst du nutzen.
Eine Startroutine kann aus wenigen Handgriffen bestehen: Handschuhe fest, Visier zu, erster Gang, Blick auf die Lichter. Dass so etwas mehr ist als Aberglaube, zeigt eine Metaanalyse von Forschern der Universität Wien, die 112 Effektgrößen aus Studien zu Vorbereitungsroutinen im Sport ausgewertet hat. Die Routinen verbesserten die Leistung, in Experimenten sogar deutlich, und zwar auch unter Druck. Welche Art Routine es war, spielte dabei ebenso wenig eine Rolle wie Alter oder Leistungsniveau.
Das zweite Werkzeug ist das Bild im Kopf. Wer den Start vorher in Gedanken fährt, die Hand am Kupplungshebel, die Lichter, das Einlenken in die erste Kurve, übt mit, ohne auf dem Motorrad zu sitzen. Eine Metaanalyse von 2021 fand für solche Vorstellungsübungen im Sport einen mittleren positiven Effekt. Zusammen mit echtem Training brachten sie mehr als das Training allein, und je intensiver geübt wurde, desto größer war der Effekt.
Unter dem Helm bleiben zwei Werkzeuge, die niemand sieht. Das erste ist langsames Atmen. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2018 hat Studien zu Atemtechniken mit weniger als zehn Atemzügen pro Minute ausgewertet: Die Teilnehmer fühlten sich entspannter und zugleich wacher, Anspannung und Angst gingen zurück. Untersucht wurden gesunde Menschen, nicht Fahrer in einer Startaufstellung. In der Forschung zur Herzfrequenzvariabilität zeigen sich die stärksten Effekte meist bei etwa sechs Atemzügen pro Minute, also rund zehn Sekunden für einmal Ein- und Ausatmen.
Das zweite ist das Selbstgespräch. Eine Metaanalyse über 32 Studien fand dafür einen mittleren positiven Effekt auf die Leistung. Am stärksten wirkte es bei feinmotorischen und bei neuen Aufgaben, und bei feinmotorischen Aufgaben halfen sachliche Anweisungen an sich selbst mehr als bloße Anfeuerung. Übertragen auf den Start hieße das: nicht „Du packst das!“, sondern kurze Befehle wie „Lichter. Kupplung. Linie.“
Nicht jede Anspannung lässt sich wegatmen. Casey Stoner, MotoGP-Weltmeister 2007 und 2011, erzählte 2022 im Podcast „Gypsy Tales“, er habe über Jahre an Renntagen zusammengekrümmt auf dem Boden seines Wohnmobils gelegen, mit verknotetem Magen, und nicht fahren wollen. Je besser ein Wochenende lief, desto schlimmer sei es gewesen. Die Diagnose Angststörung bekam er nach eigener Aussage erst Jahre nach seinem Rücktritt.
Sein Fall zeigt, dass Anspannung zu mehr werden kann als Lampenfieber. Wenn aus der Aufregung vor einem Start etwas wird, das Schlaf, Magen und die Freude am Fahren frisst, gehört das in die Hände von Fachleuten. Einige Spitzenfahrer sprechen offen darüber, dass sie mit Psychologen arbeiten: Jorge Martín sagte nach seinem WM-Titel 2024, sein Psychologe habe ihm geholfen, ohne Angst vor dem Verlieren zu fahren. Aleix Espargaró erzählte 2022, er arbeite mit einem Sportpsychologen, seit er 15 Jahre alt war.
Sicherheitshinweis: Wer vor dem Trackday oder dem Rennen merkt, dass die Angst die Kontrolle übernimmt, fährt an diesem Tag nicht raus. Verkrampfte Arme, Tunnelblick und verspätete Reaktionen sind auf der Strecke nicht nur ein Gefühlsproblem, sondern ein Sturzrisiko, für dich und für die Fahrer hinter dir.
In Deutschland führt die Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp) eine Datenbank mit sportpsychologischen Expertinnen und Experten für den Leistungssport. Über sie kannst du die Fachleute direkt kontaktieren, und wer dort gelistet ist, musste für die Aufnahme eine sportpsychologische Ausbildung nachweisen. Suchst du anderswo, frag nach Ausbildung und Erfahrung, denn nicht jeder, der sich Mentaltrainer nennt, ist Sportpsychologe. Und wenn die Angst auch abseits der Strecke bleibt, ist deine Hausarztpraxis ein guter erster Schritt.
In einer MotoGP-Startaufstellung wirst du vermutlich nie stehen. Das Flattern vor dem ersten Turn auf dem Trackday oder vor der ersten Vollbremsung im Fahrsicherheitstraining kennen trotzdem viele. Die Werkzeuge aus der Sportpsychologie lassen sich dafür klein machen.
Bau dir eine kurze Routine, die in der Boxengasse beginnt und jedes Mal gleich abläuft: Handschuhe, Visier, zwei langsame Atemzüge, ein Stichwort für die erste Kurve. Sag dir, dass die Aufregung Bereitschaft ist, statt gegen sie anzukämpfen. Und wenn du am Abend vorher die Strecke in Gedanken abfährst, ist das keine Spinnerei, sondern Training.
Eines gilt trotzdem: Keine Routine ersetzt Fahrkönnen. Mentale Stärke am Start heißt auch, die eigene Grenze zu kennen und an einem schlechten Tag in der Box zu bleiben.
Mentale Stärke am Start ist nicht nur Talent. Zu einem guten Teil besteht sie aus Dingen, die sich trainieren lassen: einer Routine, einem Bild im Kopf, einem langsamen Atemzug, einem klaren Wort.
Die Aufregung gehört dazu, beim Weltmeister wie beim Einsteiger auf dem Trackday. Entscheidend ist, ob sie dich trägt oder lähmt. Und wo die Techniken nicht mehr reichen, ist Hilfe von Fachleuten kein Eingeständnis, sondern ein vernünftiger Schritt.
Zwei bis fünf Sekunden Rot. Mehr Zeit bekommt niemand. Wer vorher weiß, was er in diesen Sekunden tut, hat schon viel gewonnen.
Wie lange leuchtet die Startampel in der MotoGP?
Zwischen zwei und fünf Sekunden, so steht es im Reglement der Motorrad-WM. Wenn die roten Lichter ausgehen, ist das Rennen gestartet. Bewegt sich ein Motorrad in diesem Moment nach vorn, gilt das als Frühstart, die Standardstrafe ist eine doppelte Long Lap innerhalb von fünf Runden.
Ist Nervosität vor dem Start schlecht?
Nein. Ein hoher Puls und Anspannung gehören zur Belastung dazu. Experimente der Forscherin Alison Wood Brooks von 2014 zeigen, dass Menschen, die ihre Aufregung als Vorfreude umdeuten, besser abschneiden als solche, die sich zur Ruhe zwingen. Getestet wurde allerdings beim Singen, Reden und Rechnen, nicht auf dem Motorrad.
Was bringt eine feste Routine vor dem Start?
Mehr als Aberglaube. Eine Metaanalyse mit 112 Effektgrößen fand, dass Vorbereitungsroutinen die sportliche Leistung verbessern, in Experimenten auch unter Druck. Welche Art Routine es war, spielte dabei keine Rolle, ebenso wenig Alter oder Leistungsniveau.
Hilft langsames Atmen gegen die Nervosität?
Es kann helfen. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2018 fand bei Atemtechniken mit weniger als zehn Atemzügen pro Minute mehr Entspannung und Wachheit und weniger Angstsymptome. Die Studien liefen mit gesunden Menschen, nicht im Rennen, und ein Ersatz für ärztliche Hilfe bei echter Angst ist Atmen nicht.
Arbeiten MotoGP-Fahrer mit Sportpsychologen?
Ja, und manche sprechen offen darüber. Jorge Martín sagte nach seinem WM-Titel 2024, sein Psychologe habe ihm geholfen, ohne Angst vor dem Verlieren zu fahren. Aleix Espargaró erzählte 2022, er arbeite mit einem Sportpsychologen, seit er 15 Jahre alt war.
Wo finde ich in Deutschland einen Sportpsychologen?
Die Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie (asp) führt eine Datenbank mit sportpsychologischen Expertinnen und Experten für den Leistungssport, die allen Interessierten offensteht und über die du direkt Kontakt aufnehmen kannst. Suchst du anderswo, frag nach Ausbildung und Erfahrung, denn nicht jeder, der sich Mentaltrainer nennt, ist Sportpsychologe. Bei anhaltender Angst ist deine Hausarztpraxis ein guter erster Schritt.
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