Die realistische Tagesetappe: Wie viele Kilometer am Tag auf dem Motorrad wirklich Spaß machen

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„Sechshundert. Locker.“

Der Marker quietscht über das Papier, der Kaffee ist längst kalt, die Kaffeetasse hält die Karte am Rand fest. Am Küchentisch ist die Tagesetappe auf dem Motorrad eine Zahl. Sauber, gerade, planbar. Zwei Wochen später, irgendwo hinter Kilometer 400, mit brennenden Augen und einem Nacken wie Beton, ist dieselbe Zahl nur noch eine Meinung. Und meistens keine besonders kluge.

Das Problem ist nicht, dass du 600 Kilometer nicht schaffst. Du schaffst sie. Fast jeder schafft sie. Die Frage ist nur, was am Ende davon übrig bleibt - und ob du dich am Abend an die Straße erinnerst oder nur daran, dass du irgendwann aufgehört hast, sie wahrzunehmen.

Warum die Karte lügt - und ab welchem Kilometer genau

Der ADAC hat für Tourenplaner eine Faustregel-Staffel veröffentlicht, zuletzt aktualisiert im Januar 2026, und die ist unbequem ehrlich. Autobahn: höchstens 700 Kilometer am Tag. Bundesstraßen: höchstens 450. Landstraßen: höchstens 350. Gebirge und Pässe: höchstens 250. Enduro und Schotter: höchstens 200.

Lies das nochmal. Zwischen der ersten und der letzten Zeile liegt der Faktor dreieinhalb - bei identischer Sitzzeit, identischem Fahrer, identischem Motorrad. Es ändert sich nur die Straße.

Das ist eine Faustregel, keine Vorschrift, kein Gesetz, keine Norm. Niemand hält dich an, wenn du drüber gehst. Aber genau deshalb ist sie so brauchbar: Sie beschreibt nicht, was erlaubt ist, sondern was noch Spaß macht. Und es sind laut ADAC Höchstwerte für gutes Motorradwetter: Bei Hitze, Kälte, starken Temperaturschwankungen oder Dauerregen sollst du die Strecke ausdrücklich kürzen. Wie viel davon für dich gilt, hängt an deinem eigenen Fitness- und Trainingszustand - und der ADAC merkt trocken an, dass sich beim Einschätzen desselben viele überschätzen.

Und jetzt die Rechnung, die weh tut. Deine 600 Landstraßen-Kilometer sind nicht „ambitioniert“. Sie sind rund 70 Prozent mehr als das, was der ADAC für Landstraße als Obergrenze nennt. Auf Pässen wäre das Ganze das 2,4-fache. Der Satz „ab Kilometer 400 wird’s eine Meinung“ ist also noch untertrieben - die Karte fängt schon bei 350 an zu lügen.

Fahrschnitt ist nicht Reiseschnitt - und diese Differenz frisst deinen Tag

Hier passiert der eigentliche Planungsfehler, und zwar bei fast allen. Du rechnest mit dem Tempo, das der Tacho zeigt. Du solltest mit dem Tempo rechnen, das die Uhr zeigt.

Fahrschnitt ist, was passiert, während das Rad sich dreht. Reiseschnitt ist, was zwischen Garagentor und Hotelparkplatz übrig bleibt. Dazwischen liegen: Tanken. Kaffee. Der Blick von der Passhöhe, den du dir schuldig bist. Das Foto, das keiner braucht und das du trotzdem machst. Die Baustellenampel. Der Moment, in dem du merkst, dass das Navi seit zwölf Kilometern eine andere Meinung hat als du.

Ein Tourenfahrer hat das mal an seinem Bordcomputer abgelesen und 2017 in seinem Blog aufgeschrieben: Auf süddeutschen Land- und Bundesstraßen kam er auf kaum mehr als 60 bis 65 km/h im Schnitt. Und das ist der eigentliche Punkt - dieser Wert entsteht nicht durch Kurven, sondern durch Ortsdurchfahrten, Ampeln und das Hinterherrollen in der Autoschlange. Selbst wenn er außerorts den Hahn aufdrehte, blieb unterm Strich wenig übrig. Belastbare Messreihen gibt es dazu nicht (Stand August 2026), und die Spanne ist riesig: In Tourenplaner-Foren berichten Fahrer je nach Gegend von 70 bis 80 km/h laut Bordcomputer bis hinunter zu gut 30 auf wirklich extremem Geläuf. Nimm die 60 also als groben Planungswert inklusive allem, was dich bremst - nicht als reinen Fahrschnitt.

Rechne selbst. 350 Kilometer bei einem Planungsschnitt von 60 sind knapp sechs Stunden - und längere Pausen sind da noch nicht drin. Plus Tanken, plus Mittag, plus zwei ordentliche Pausen, plus einmal falsch abgebogen - und schon bist du bei acht Stunden Tag. Für 350 Kilometer. Das ist keine Schwäche. Das ist Landstraße.

Der Limitfaktor sitzt nicht im Hintern. Er sitzt im Kopf

Fast jede Diskussion über lange Etappen dreht sich um Ergonomie. Sitzbank, Handgelenke, Knie, tauber Hintern. Verständlich - das ist das, was du spürst.

Und trotzdem ist es das falsche Thema.

Es gibt dazu einen Dauertest, den das ifz, das Institut für Zweiradsicherheit, gemeinsam mit zwei Kliniken begleitet hat. Er ist nicht neu - gefahren wurde im Sommer 2007 -, aber er ist bis heute die umfangreichste Untersuchung seiner Art: 50 motorraderfahrene Braunschweiger Autobahnpolizisten zwischen 29 und 57 Jahren spulten 100.000 Kilometer ab, begleitet von Messgeräten, Urinproben und Fragebögen. Den Teil mit den Stresshormonen verantwortete dabei nicht das ifz selbst, sondern die Abteilung Arbeitsmedizin der Medizinischen Hochschule Hannover. Das Ergebnis, kurz gefasst: Fahrer vom Stresstyp Selbstüberforderung zeigten den höchsten Anstieg des Stresshormons Adrenalin im Urin - gemessen von der Freizeit zur Fahrzeit -, und Adrenalin steht für psychische Belastung. Noradrenalin dagegen steht für körperliche Belastung, und da fanden sich zwischen den Stresstypen keine wesentlichen Unterschiede im Anstieg zwischen Freizeit und Fahrzeit.

Übersetzt: Die Langstrecke kostet dich vor allem den Kopf - nicht nur die Muskeln.

Wer sich selbst am meisten unter Druck setzte - der Typ, der die Etappe „durchziehen“ will, der sich Zeitvorgaben macht, der sich an der eigenen Planung misst - hatte den höchsten Adrenalinanstieg. Das Motorrad bestraft Ehrgeiz nicht sofort. Es bestraft ihn mit Verzögerung.

Der ADAC formuliert die Konsequenz in einem Satz, den du dir tätowieren lassen solltest: Treten erste Konzentrationsmängel auf, ist das ein deutliches Signal dafür, dass du bereits zu lange gefahren bist. Nicht „gleich wird’s kritisch“. Sondern: Es ist schon passiert.

⚠️ Sicherheitshinweis: Ziehst du übermüdet die letzte Etappe „noch durch“, fährst du mit reduzierter Wahrnehmung und verlängerter Reaktionszeit auf genau der Straße, die volle Aufmerksamkeit verlangt - ein Kurvenfehler oder eine übersehene Vorfahrt endet auf dem Motorrad ohne Knautschzone. Früher Schluss zu machen ist keine Schwäche, sondern die billigste Sicherheitsmaßnahme, die du hast.

Warum die Zwei-Stunden-Regel aus dem Auto dich in die Irre führt

Jeder kennt sie: alle zwei Stunden eine Pause. Steht in jedem Autofahrer-Ratgeber, kommt aus der Pkw-Welt, wird von Bikern ungeprüft übernommen.

Der ADAC selbst schreibt dazu, dass dieser Zwei-Stunden-Rhythmus aus dem Autobereich für Motorradfahrer zu lange sein kann - je nach Motorrad mit oder ohne Verkleidung, je nach Streckenbeschaffenheit, je nach Wetter. Das ist bemerkenswert. Da verwirft eine Institution ihre eigene bekannteste Regel für eine bestimmte Fahrzeuggattung.

Der Grund liegt in der Art der Ermüdung. Die gesamte gut belegte Müdigkeitsforschung - Sekundenschlaf, Monotonie, der klassische Nacht-auf-der-Autobahn-Fall - beschreibt Unterforderung. Immer dieselbe Spur, immer dasselbe Geräusch, nichts passiert, das Gehirn schaltet ab.

Auf einer kurvigen Landstraße passiert das exakte Gegenteil. Du bist im Dauer-Workload: Blickführung, Linienwahl, Fahrbahnbelag lesen, Gegenverkehr einschätzen, Kuppe, Split, Kuhfladen, der Wohnmobilfahrer, der gleich zumacht. Kein einziger Moment Leerlauf. Du ermüdest nicht, weil zu wenig passiert. Du ermüdest, weil zu viel passiert - und das über Stunden.

Deshalb greift die Auto-Regel nicht. Und deshalb ist die Frage nach der richtigen Tagesetappe keine Frage der Sitzhärte, sondern eine Frage des verfügbaren Aufmerksamkeits-Budgets.

Windschutz: zwei Welten, und die Physik erklärt warum

Ein Sportler mit Stummellenker und ein voll verkleideter Tourer sind bei 130 km/h nicht zwei Geschmacksrichtungen. Sie sind zwei verschiedene Sportarten.

Die Begründung passt in einen Satz, und sie erklärt, warum die letzten zehn km/h so viel kosten: Der Luftwiderstand wächst quadratisch mit der Geschwindigkeit. Doppeltes Tempo bedeutet vierfachen Widerstand. Beim Motorrad schlägt das früher durch als beim Auto, weil ein Bike samt Fahrer nur einen Bruchteil der Pkw-Masse auf die Reifen bringt und der Rollwiderstand entsprechend wenig ins Gewicht fällt. Spätestens ab Landstraßentempo ist der Luftwiderstand der dominierende Fahrwiderstand überhaupt - alles andere wird zur Fußnote. Die Fachpresse zieht die Grenze ähnlich: Ab Tempo 80 bis 100 werde der Luftwiderstand zum stärksten aller Fahrwiderstände.

Wenn du ungeschützt im Wind hängst, hältst du diesen Druck mit deinem Körper. Nacken, Schultern, Unterarme, Handgelenke. Stundenlang. Auf einem nackten Bike pendelt sich das entspannte Reisetempo erfahrungsgemäß irgendwo zwischen 120 und 140 km/h ein. Damit stehe ich nicht allein: Die Fachpresse schrieb schon vor zwanzig Jahren, ohne Verkleidung pendle sich die Reisegeschwindigkeit auf längeren Autobahnetappen „früher oder später so um die 140“ ein, weil darüber Druck und Windgeräusche zu stark werden. Eine saubere Messung, die dir eine Belastungsgrenze in km/h vorrechnet, gibt es bis heute nicht (Stand August 2026) - nimm die Spanne also als gesammelte Erfahrung, nicht als Messwert. Und zwar gilt sie nicht, weil das Motorrad nicht mehr könnte, sondern weil du nicht mehr magst. Hinter einer ordentlichen Scheibe verschiebt sich diese Grenze deutlich nach oben, und mit ihr die Etappe, die am Abend noch als schön durchgeht.

Kein Urteil über den Bike-Typ. Nur eine Bitte: Plane die Etappe für das Motorrad, das in der Garage steht. Nicht für das, das im Prospekt steht.

Wetter kostet dich Stunden, nicht Kilometer

Hitze und Regen ändern die Zahl auf der Karte nicht. Sie ändern nur, wie lange du brauchst - und wie viel du danach noch bist.

Bei Hitze sagt das ifz ganz schlicht: häufiger als gewohnt Pause machen, an einem schattigen Plätzchen, auch wenn du dich noch fit fühlst - ein Zeitintervall nennt das Institut selbst nicht. Die Zahl, die durch die Ratgeber geistert, kommt woanders her: aus einer Tippliste der Nachrichtenagentur dpa vom 19. Juni 2026, die den ganzen Sommer über nachgedruckt wurde. Dort heißt es, du sollst nicht erst anhalten, wenn du dich schlapp fühlst, sondern vorbeugend circa alle 60 Minuten. Das ifz kommt in dieser Meldung zwar zu Wort, aber die 60 Minuten stehen in keinem seiner Zitate. Nimm sie als Faustzahl, nicht als Grenzwert. Und rechne sie trotzdem einmal gegen deinen Etappenplan: Sechs Stunden Fahrzeit werden dann zu sechs Stunden plus sechs Stopps plus dem Zeitverlust dafür, dass du bei 35 Grad in voller Montur einfach langsamer aus dem Kaffee kommst.

Regen ist der ehrlichere Gegner. Er ist ungemütlich, aber vor allem verlangt er noch mehr von dem, was ohnehin knapp ist: Konzentration. Nasse Fahrbahnmarkierung, Gullideckel, der Diesel-Regenbogen an der Kreuzung, das Visier, das von innen zumacht. Auf nassen Pässen von der Trockenzahl auszugehen, ist die zuverlässigste Methode, im Dunkeln anzukommen.

Die 250 aus der Faustregel stehen dabei auf einer ganz anderen ADAC-Seite als die feinere Staffelung, und die liest sich so (Stand Juli 2026): Bei kleinen Nebenstraßen und extremen Pässen, teilweise sogar unbefestigt, sollte das Tagespensum trotz guter Kondition höchstens 200 Kilometer betragen; bei kurvenreichen Straßen und einigen höheren Pässen reichen 300 - und zwar, wörtlich, wenn du „stressfrei und vor allem vor Einbruch der Dämmerung am Ziel sein“ willst. Nicht überhaupt ankommen. Stressfrei.

Sozius und Gruppe: jeder zusätzliche Mensch kostet Tempo

Zu zweit ist alles anders. Das Bike ist schwerer, die Bremswege sind länger, die Kurve fühlt sich träger an, und du fährst plötzlich nicht mehr nur für dich, sondern für zwei Menschen mit unterschiedlichem Blasenrhythmus. In den Tourenforen und am Stammtisch kursieren dazu Zahlen: grob 200 bis 250 Kilometer Tagesetappe zu zweit, Pausen alle 60 bis 90 Minuten, und nicht wenige halbieren ihre Solo-Strecke gleich auf 150 bis 200 Kilometer. Eine Institution, die das je erhoben hätte, habe ich nicht gefunden - weder ADAC noch ifz führen zur Sozius-Etappe eine eigene Empfehlung. Das ist also keine Forschung, das ist gelebte Erfahrung aus der Szene, aber sie deckt sich verdächtig gut mit dem, was jeder Sozius nach der dritten Stunde von selbst sagt.

Technisch heißt zu zweit außerdem: Federvorspannung, Reifendruck und Zuladung passen nicht mehr wie im Solobetrieb. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch - besonders bei zulässiger Zuladung und dem Reifendruck für Beladung mit Sozius und Gepäck.

Und die Gruppe? Dazu sagen zwei Häuser etwas, und sie sagen es getrennt. Der ADAC bleibt sachlich: Bei unkomplizierter Verkehrssituation kommen Gruppen mit bis zu zehn Motorrädern zügig und stressfrei voran, und im Zweifel soll sich eine große Gruppe lieber teilen - in welche Häppchen, sagt er nicht. Die Zahl dazu kommt vom ifz, dem Institut für Zweiradsicherheit: kleinere Gruppen von vier bis sechs Motorrädern seien harmonischer unterwegs, blieben leichter zusammen, und jeder könne entspannter fahren. Eine Zeitrechnung pro Kopf liefert dir keiner von beiden. Meine Erfahrung sagt etwas anderes, und sie ist unbelegt, also nimm sie als das, was sie ist: Jeder zusätzliche Mensch bringt eine eigene Tankreichweite, eine eigene Blase, eine eigene Vorstellung von „kurz mal“. Vier Leute tanken nicht viermal so schnell wie einer. Sie tanken viermal.

Nicht dein Geburtsjahr limitiert dich. Deine Fitness und deine Fahrpraxis

Der Klassiker am Stammtisch: „Mit 55 fährst du halt keine 500 mehr.“

Falsch. Und zwar überprüfbar falsch.

In der Auswertung derselben Fahrt durch die Universitätsklinik Freiburg zeigte das Alter der Fahrer bei allen Untersuchungen keine Auswirkung auf die Belastung. Kein Alterseffekt - jedenfalls in dieser Altersspanne und bei erfahrenen Fahrern. Die Testfahrer waren zwischen 29 und 57 Jahre alt. Was tatsächlich Unterschiede machte: Fitness, Körpergewicht und Fahrpraxis. Fahrer mit Übergewicht, wenig Fahrerfahrung und mäßiger Fitness standen deutlich schlechter da - unabhängig vom Geburtsjahr.

Der Satz, den die Freiburger daraus ableiten, ist einer der schönsten, die ich in so einem Papier gelesen habe: Ein älterer Motorradfahrer mit guter Gesundheit und entsprechender Fitness kann ohne Risiko große Motorradtouren unternehmen.

Und die Auswertung geht weiter: Motorrad fahren ist Sport, schreibt das ifz ganz nüchtern. Ein regelmäßiges wöchentliches Fitnessprogramm von mehr als vier Stunden fördert demnach das Regenerationsverhalten bei mehrstündigen Belastungen. Und Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme sind auf langen Touren keine Nebensache.

Der Ü50-Tourenfahrer mit Laufschuhen im Schrank fährt also die längere Etappe als der 30-Jährige, dessen einziges Training das Kupplungsziehen ist. Unbequem, aber so steht’s da.

Tagesetappe Motorrad: plane in Stunden im Sattel, nicht in Kilometern

Der ganze Artikel läuft auf diesen einen Umbau hinaus. Hör auf, in Kilometern zu planen. Kilometer sind eine Eigenschaft der Karte. Stunden sind eine Eigenschaft von dir.

Ein Tourenfahrer hat seine eigene Praxis 2017 in seinem Blog so zusammengefasst - Erfahrungswert, keine Studie: Auf der Autobahn kommt er auf gut 700 bis 800 Kilometer am Tag, auf der Landstraße pur noch auf 400, mit einer längeren Sehenswürdigkeit auf 300, im Schotter auf 150. Wichtig ist, wie die Zahlen zustande kommen: Seinen Autobahnschnitt hat er über 1.000 Kilometer nachgehalten und kam wegen Staus und Baustellen auf knapp 100 km/h. Die 700 bis 800 Kilometer sind also die Ausbeute von sieben bis acht Stunden, nicht von sechs - mit einem 130er-Schnitt zu rechnen, schreibt er trocken, klappt eben nicht. Fällt dir was auf? Die Größenordnung zeigt in dieselbe Richtung wie die ADAC-Staffel - mal etwas darüber, mal darunter. Das beweist nichts, aber es ist ein Muster.

Also: Leg dein Zeitbudget fest, bevor du die Route zeichnest. Sagen wir sieben Stunden zwischen Abfahrt und Ankunft, Pausen inklusive. Dann rechnest du mit einem ehrlichen Reiseschnitt - nicht mit deinem besten Tag, sondern mit deinem normalen. Und dann schaust du, welche Zahl übrig bleibt. Sie wird dir nicht gefallen. Sie wird stimmen.

Ein Zusatz, der nichts kostet: Plane die Ankunft vor die Dämmerung, nicht auf sie. Der Puffer, den du nicht brauchst, ist der einzige, den du am Abend genießen kannst.

Der teuerste Fehler passiert auf der letzten Etappe

Das ist keine Statistik. Eine belastbare Müdigkeitsquote für Motorradunfälle gibt es nämlich nicht, und das kannst du selbst nachschlagen. Im Bericht „Kraftrad- und Fahrradunfälle im Straßenverkehr“ des Statistischen Bundesamts taucht „Übermüdung“ nur als Nummer 03 im Ursachenverzeichnis auf; in der Tabelle zum Fehlverhalten werden aus der Rubrik Verkehrstüchtigkeit ausschließlich Alkohol und andere berauschende Mittel einzeln ausgewiesen. Und im Forschungsbericht „Unfallgefährdung von Motorradfahrern“ der Unfallforschung der Versicherer kommt Müdigkeit auf 177 Seiten kein einziges Mal vor. Daran hat sich bis heute nichts geändert (Stand August 2026). Wer dir also eine Prozentzahl nennt, hat sie erfunden.

Es ist eine Beobachtung. Meine, und die von so ziemlich jedem, der lange genug fährt.

Der Tag ist gelaufen. Der Pass war grandios. Es sind noch 80 Kilometer bis zum Hotel, und du weißt schon, wie das Bier schmeckt. Genau hier passiert es. Nicht in der schwierigen Kehre am Vormittag, wo du wach warst und Respekt hattest. Sondern auf dem letzten, harmlosen Stück, das du im Kopf schon abgehakt hast.

Der Mechanismus ist simpel: Du bist müde, du willst ankommen, dein Aufmerksamkeits-Budget ist seit zwei Stunden aufgebraucht - und die Straße weiß das nicht. Die Straße ist genauso anspruchsvoll wie um zehn Uhr morgens. Nur du bist es nicht mehr.

Deshalb ist die einzige Etappenplanung, die zählt, die, die einen Abbruch vorsieht. Nicht als Notfall, sondern als Option. Ein Hotel 60 Kilometer früher ist kein Scheitern. Es ist die Version des Tages, an die du dich erinnerst.

Und weil das die Sorte Frage ist, die du nicht allein am Küchentisch klärst: Eine ehrliche Tagesetappe auf dem Motorrad besteht am Ende aus zwei Zahlen. Der einen, die du planst. Und der anderen, die du zugibst.

Ich habe irgendwann aufgehört, Etappen zu zählen. Ich zähle jetzt Stunden, in denen ich die Straße wirklich gesehen habe - und die sind fast immer weniger, als der Tank hergibt. Am Abend erinnerst du dich nicht an die Zahl auf dem Tacho. Du erinnerst dich an drei Kurven, an einen Kaffee an einem Ort, dessen Namen du nicht kennst, und an das Gefühl, dass es genau richtig war aufzuhören. Kein Mensch hat je auf dem Sterbebett gesagt: „Hätte ich mal die 600 vollgemacht.“

❓ Häufige Fragen zur Tagesetappe auf dem Motorrad

Wie viele Kilometer am Tag sind auf dem Motorrad realistisch?

Der ADAC nennt als Faustregel höchstens 700 Kilometer auf der Autobahn, 450 auf Bundesstraßen, 350 auf Landstraßen, 250 im Gebirge und 200 auf Schotter. Das sind Empfehlungen für einen Tag, der noch Spaß macht - keine Vorschrift. Planst du deutlich darüber, schaffst du die Strecke meist trotzdem, bezahlst sie aber mit Konzentration.


Warum ist die Tagesetappe im Gebirge so viel kürzer?

Kurven, Kehren und Höhenmeter senken das Reisetempo drastisch und verlangen dauerhaft volle Aufmerksamkeit. Die 250 Kilometer stehen bei einer anderen ADAC-Empfehlung als die feinere Staffelung. Diese nennt (Stand Juli 2026) bei kleinen Nebenstraßen und extremen Pässen höchstens 200 Kilometer, bei kurvenreichen Straßen und einigen höheren Pässen 300 - damit du stressfrei und vor der Dämmerung am Ziel bist.


Wie oft sollte ich auf einer Motorradtour Pause machen?

Der bekannte Zwei-Stunden-Rhythmus stammt aus dem Autobereich, und der ADAC hält ihn für Motorradfahrer je nach Maschine, Strecke und Wetter ausdrücklich für zu lang. Plane Pausen nach Gefühl und Bedingungen, nicht nach Stoppuhr. Bei Hitze rät das ifz, häufiger als gewohnt im Schatten zu pausieren, auch wenn du dich noch fit fühlst - ein Intervall nennt es selbst nicht. Die kursierende Zahl „etwa alle 60 Minuten“ stammt nicht vom ifz, sondern aus einer dpa-Tippliste vom 19. Juni 2026.


Was ist der Unterschied zwischen Fahrschnitt und Reiseschnitt?

Der Fahrschnitt zählt nur die Zeit, in der sich das Rad dreht. Der Reiseschnitt zählt alles zwischen Abfahrt und Ankunft - Tanken, Kaffee, Fotos, Verfahren. Genau diese Differenz frisst den Tag, und planst du deine Tour mit dem Fahrschnitt, kommst du fast immer später an als gedacht.


Ermüde ich auf dem Motorrad anders als im Auto?

Ja. Die klassische Müdigkeitsforschung beschreibt Monotonie und Unterforderung auf der Autobahn. Auf kurviger Landstraße ist es umgekehrt: Du ermüdest durch Reizdichte und permanente Entscheidungen. Eine ifz-Untersuchung mit der Medizinischen Hochschule Hannover (Dauertest 2007) zeigte: Fahrer vom Stresstyp Selbstüberforderung hatten den höchsten Adrenalinanstieg von der Freizeit zur Fahrzeit - Adrenalin steht für psychische Belastung -, während der körperliche Marker Noradrenalin zwischen den Stresstypen keine wesentlichen Unterschiede zeigte.


Bin ich mit über 50 für lange Etappen zu alt?

Nein. In der Freiburger Auswertung des ifz-Dauertests von 2007 hatte das Alter der Fahrer keine Auswirkung auf die Belastung. Entscheidend waren Fitness, Körpergewicht und Fahrpraxis. Ein älterer Motorradfahrer mit guter Gesundheit und entsprechender Fitness kann laut dieser Freiburger Auswertung ohne Risiko große Motorradtouren unternehmen; veröffentlicht hat die Ergebnisse das ifz.


Wie viele Kilometer sind mit Sozius sinnvoll?

In Tourenforen und Community-Ratgebern kursieren grob 200 bis 250 Kilometer am Tag und Pausen alle 60 bis 90 Minuten; eine offizielle Empfehlung von ADAC oder ifz zur Sozius-Etappe gibt es dazu nicht. Das ist reines Erfahrungswissen, keine Forschung. Technisch gilt: Federvorspannung, Reifendruck und Zuladung an den Zweipersonenbetrieb anpassen und dabei die Angaben im Fahrzeughandbuch beachten.

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