
Auf dem Campingplatz läuft vor dir eine Familie mit Bollerwagen zum Waschhaus. Du rollst hinterher, im ersten Gang, den Kupplungshebel losgelassen, den Gasgriff zu. Trotzdem kommst du ihnen immer näher. Deine Maschine läuft rund 10 km/h, ein Fußgänger schafft die Hälfte, und von selbst wird sie nicht langsamer.
Diese 10 km/h kannst du ausrechnen, und zwar aus Leerlaufdrehzahl, Übersetzungen und Reifengröße. Viele Anleitungen nennen alle drei. Vier Maschinen von 650 bis 1.250 Kubik, vom Naked Bike bis zur Reiseenduro, und das Ergebnis fällt jedes Mal ähnlich aus. Dieses Tempo ist zugleich die Schwelle, unter der es nur noch mit der linken Hand weitergeht.
Ein Reihenvierzylinder, ein Reihenzweizylinder, ein V2 und ein Boxer mit Kardan: Die vier Antriebe haben wenig gemeinsam. Die Tabelle rechnet für jeden aus, wie schnell er die Maschine im Standgas vorwärtsschiebt, im ersten Gang und im zweiten. Alle Ausgangswerte stammen aus den Bedienungsanleitungen.
| Maschine | Leerlaufdrehzahl laut Anleitung | Übersetzung gesamt, 1. Gang | Tempo im 1. Gang | Tempo im 2. Gang |
|---|---|---|---|---|
| Honda CB650R (2021) | 1.250/min | 14,5 | rund 10 km/h | rund 13 km/h |
| Honda NC750X mit Schaltgetriebe (2025) | 1.200/min | 12,4 | rund 11 km/h | 15 bis 16 km/h |
| Suzuki V-Strom 650 (DL650A) | 1.200 bis 1.400/min | 16,1 | 9 bis 10 km/h | rund 13 km/h |
| BMW R 1250 GS (2020) | 1.050/min | 12,4 | rund 10 km/h | rund 14 km/h |
Die Werte sind gerechnet, nicht gemessen. Für die beiden Hondas nennen die Anleitungen eine Toleranz von 100 Umdrehungen nach oben und unten, Suzuki gibt gleich eine Spanne an. Dazu rollt jeder Reifen je nach Fabrikat und Abnutzung ein paar Prozent mehr oder weniger ab. Auf einen halben km/h kommt es deshalb nicht an.
Die Größenordnung steht trotzdem fest: 9 bis 11 km/h im ersten Gang, 13 bis 16 im zweiten. Schon im ersten bist du damit gut doppelt so schnell wie ein Fußgänger. In Metern heißt das: Du legst knapp drei pro Sekunde zurück, der Spaziergänger vor dir gut einen. Mit jeder Sekunde schrumpft dein Abstand um etwa anderthalb Meter.
Auffällig ist, wie sich die Unterschiede aufheben. Der Boxer der R 1250 GS dreht im Leerlauf 200 Umdrehungen langsamer als der Vierzylinder der CB650R, ist dafür aber länger übersetzt. Die V-Strom ist von den vieren am kürzesten übersetzt und darf im Leerlauf am höchsten drehen. Am Hinterrad kommt fast dasselbe an.
Bei kleinen Motoren kann die Zahl deutlich niedriger liegen. Die Kawasaki Ninja 125 von 2021 dreht im Leerlauf laut Anleitung mit 1.800 Umdrehungen höher als alle vier, ist im ersten Gang aber nur etwa halb so lang übersetzt. Bei ihr ergibt dieselbe Rechnung rund 7 km/h.
Nach oben geht es ebenso. Die Suzuki GSX-R1000, ein Supersportler, ist im ersten Gang länger übersetzt als alle vier aus der Tabelle. Bei ihr kommen rund 13 km/h heraus. Ein langer erster Gang hebt das Tempo im Standgas, ein kurzer senkt es. Welche Zahl für deine Maschine gilt, rechnest du mit einer Handvoll Werten selbst aus.
Was du brauchst, steht bei vielen Maschinen hinten in der Anleitung, im Kapitel mit den technischen Daten. Bei einer Maschine mit Kette findest du dort drei Übersetzungen: die Primärübersetzung zwischen Kurbelwelle und Kupplung, die Stufe des ersten Gangs und die Endübersetzung von Ritzel und Kettenrad. Je nach Hersteller heißen sie auch Primäruntersetzung und Sekundär- oder Enduntersetzung. Miteinander malgenommen ergeben die drei die Gesamtübersetzung.
Für die CB650R geht die Rechnung im ersten Gang so:
Bei der R 1250 GS mit Kardan sind es mehr Faktoren, weil BMW Getriebeeingang, Gangstufe, Getriebeausgang und Hinterradantrieb einzeln aufführt. Das Prinzip bleibt gleich: Du nimmst alle Übersetzungen zwischen Kurbelwelle und Hinterrad miteinander mal. Heraus kommen 12,4.
Die Leerlaufdrehzahl steht meist ebenfalls in der Anleitung, bei manchen in den technischen Daten, bei anderen im Wartungskapitel. Wer das Tempo im Standgas senken will, kommt über den Leerlauf nicht weit: An einem Einspritzmotor stellt ihn in aller Regel die Steuerung ein. Yamaha überlässt eine Korrektur bei der MT-09 der Fachwerkstatt. Suzuki nennt dafür bei der V-Strom 650 den Händler oder einen qualifizierten Fachmann. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.
Solange die Kupplung geschlossen ist, sind Tempo und Drehzahl starr gekoppelt. Halbes Tempo heißt halbe Drehzahl. Für 5 km/h im ersten Gang müssten die Motoren der vier Maschinen mit rund 500 bis 700 Umdrehungen laufen, also mit etwa der Hälfte ihrer Leerlaufdrehzahl.
So langsam läuft keiner von ihnen rund. Zwischen zwei Zündungen lebt ein Motor von seinem Schwung, und bei halber Drehzahl ist davon nur noch ein Viertel da.
Im Standgas selbst passiert nichts, solange du den Motor in Ruhe lässt: Auf ebener Strecke hält er die Maschine in Bewegung, und bei einem Einspritzer regelt die Steuerung dabei nach. Bremst du aber gegen den Motor oder geht es spürbar bergauf, sackt die Drehzahl unter den Wert aus der Anleitung. Erst ruckelt er, dann geht er aus.
Dieselbe Schwelle steckt in jedem Anfahren. Bis das Hinterrad schnell genug dreht, um zur Motordrehzahl zu passen, muss die Kupplung schleifen. Fährst du im ersten Gang sanft mit Leerlaufdrehzahl an, endet das Schleifen bei rund 10 km/h, mit mehr Gas entsprechend später. Die ersten Meter jeder Fahrt gehören der Kupplung.
Suzuki schreibt im Schaltkapitel der V-Strom 650: nie die Kupplung schleifen lassen, um das Tempo zu regeln, sondern herunterschalten, damit der Motor in seinem normalen Leistungsbereich arbeitet. Solange es einen kleineren Gang gibt, ist das der Weg. Unter dem ersten ist keiner mehr da.
Unter die 10 km/h geht es nur über den linken Hebel. Entweder ziehst du ihn ganz: Die Maschine rollt aus, hat aber keinen Zug mehr am Hinterrad. Geradeaus vor der Ampel genügt das völlig. Oder du hältst die Kupplung am Schleifpunkt und gibst etwas Gas: So bleibt Zug am Rad, und so wendest und rangierst du. Oder du hältst an.
Die Hinterradbremse allein bringt dich nicht unter die Schwelle. Mit geschlossener Kupplung bremst sie den Motor mit herunter, bis er ruckelt. Zum Werkzeug fürs Schritttempo wird sie erst zusammen mit der schleifenden Kupplung. Dann zieht der Motor bei leichtem Gas gleichmäßig gegen die Bremse, und der Antrieb bleibt ständig auf Zug. Über die Bremse lässt sich das Tempo fein dosieren, und du musst den Zug nicht immer wieder mit der Kupplung unterbrechen.
Sicherheitshinweis: Fahr enge Bögen im Schritttempo mit etwas Gas und der Kupplung am Schleifpunkt, damit der Motor über seiner Leerlaufdrehzahl bleibt. Fängt er an zu ruckeln, zieh den Hebel ein Stück weiter und gib eine Spur mehr Gas, bis er wieder rund läuft.
Geht der Motor mit eingelegtem Gang aus, bremst er das Hinterrad schlagartig ab. Mitten im Wenden fehlt dann der Zug, der die Maschine im Bogen aufrecht hält. Sie kippt nach innen, meist schneller, als dein Fuß am Boden ist.
Im Stau entscheidet die Zahl darüber, wie viel deine linke Hand arbeitet. Rollt die Kolonne mit 10 km/h oder schneller, fährst du im ersten Gang mit geschlossener Kupplung mit und gleichst kleine Unterschiede am Gasgriff aus. Kriecht sie langsamer, hängst du am Schleifpunkt, Meter für Meter.
Ruhiger geht es so: stehen bleiben, bis vor dir eine Lücke aufgeht, anfahren und sie mit geschlossener Kupplung im Standgas zufahren. Eine Lücke von 30 Metern reicht dabei für gut zehn Sekunden Fahrt, und die Kupplung schleift nur beim Anfahren. Minutenlanges Halten am Schleifpunkt heizt dagegen Kupplung und Öl auf.
Wo du mit 15 km/h rollen kannst, auf einer langen Zufahrt etwa oder einem großen, leeren Parkplatz, ist oft der zweite Gang der angenehmere. Im Standgas läuft die Maschine darin 13 bis 16 km/h, und Gasgriff und Motorbremse greifen sanfter zu als im ersten. Das klappt, solange es eben bleibt: Der zweite ist länger übersetzt, am Hinterrad kommt weniger Kraft an, und am kleinsten Buckel gerät der Motor schneller ins Ruckeln.
Eine Rampe hinunter hält dich der Motor im ersten Gang nahe an seinen 10 km/h, ohne dass du etwas tust. Wird es steiler, schiebt die Maschine ihn an, die Drehzahl steigt, und du nimmst die Bremse dazu.
Bergauf ist es umgekehrt. Dort braucht der Motor Gas, um seine Leerlaufdrehzahl zu halten, und eine enge Spitzkehre am Pass fährst du oft langsamer als 10 km/h. An dieser Stelle gehört die schleifende Kupplung zum Handwerk.
Die Leerlaufdrehzahl aus der Anleitung gilt für den warmen Motor. BMW schreibt das bei der R 1250 GS dazu, Suzuki bei der V-Strom 650. Kalt dreht ein Motor im Leerlauf höher, das siehst du an jedem kühlen Morgen am Drehzahlmesser. Kawasaki beschreibt es in der Anleitung der Ninja 125: Solange der Motor kalt ist, hebt ein eigenes System die Drehzahl selbsttätig an.
Weil Tempo und Drehzahl im festen Verhältnis stehen, läuft die Maschine dann im ersten Gang schneller. Zeigt der Drehzahlmesser einer CB650R nach dem Kaltstart zum Beispiel 1.500 statt 1.250 Umdrehungen, schiebt sie mit rund 12 statt 10 km/h. Auf den ersten Metern aus der Garage brauchst du also mehr Kupplung als abends bei der Rückkehr.
Alles bisher gilt für das Schaltgetriebe mit Handkupplung. Übernimmt die Elektronik das Kuppeln, füllt sie auch die Lücke unter 10 km/h. Honda schreibt zur E-Clutch, beim Anfahren und Anhalten sei kein Griff zum Kupplungshebel nötig, und nennt als Vorteil das Fahren im Verkehr „ohne Motorabwürgen“. Gekuppelt wird trotzdem, nur nicht von dir.
Am weitesten geht die Honda Gold Wing mit Doppelkupplungsgetriebe. Sie hat fürs Rangieren einen eigenen Modus. Darin fährt sie laut Honda vorwärts höchstens 1,8 km/h und rückwärts 1,2, gesteuert über die beiden Schalttasten links am Lenker. Vorwärts ist das ein Fünftel bis ein Sechstel dessen, was die vier Maschinen aus der Tabelle im ersten Gang im Standgas laufen.
Für alle anderen bleibt die linke Hand zuständig. Im ersten Gang liegt zwischen Stillstand und 10 km/h ein Bereich, den der Motor allein nicht abdeckt. Den füllst du mit der Kupplung.
Die Rechnung kannst du dir sparen. Such dir mit warmem Motor einen leeren, ebenen Parkplatz, fahr im ersten Gang an, lass den Kupplungshebel ganz los und dreh das Gas zu. Die Maschine läuft allein weiter, und der Tacho zeigt ihr Tempo im Standgas. Meist liegt er etwas über dem gerechneten Wert, weil Tachos nach oben abweichen.
Für manche Maschinen ist das der einzige Weg. Nicht jede Anleitung nennt die Gangstufen, und ohne sie lässt sich nichts nachrechnen.
Den zweiten Gang nimmst du gleich mit, dann hast du beide Zahlen. Hinter dem Bollerwagen hilft dir allerdings keine von beiden. Dort ziehst du die Kupplung, hältst an und wartest.
Wie schnell fährt ein Motorrad im ersten Gang ohne Gas?
Vier nachgerechnete Maschinen von 650 bis 1.250 Kubik kommen im ersten Gang im Standgas auf 9 bis 11 km/h, ein Vierzylinder-Naked-Bike ebenso wie eine große Reiseenduro mit Kardan. Das Tempo ergibt sich aus Leerlaufdrehzahl, Gesamtübersetzung und Reifenumfang. Ein lang übersetzter Supersportler liegt darüber, eine kurz übersetzte 125er darunter: Für die Suzuki GSX-R1000 ergeben sich rund 13 km/h, für die Kawasaki Ninja 125 rund 7.
Warum ruckelt mein Motorrad, wenn ich im ersten Gang sehr langsam fahre?
Bei geschlossener Kupplung gehört zu jedem Tempo eine feste Drehzahl. Wird die Maschine langsamer als ihr Tempo im Standgas, muss der Motor unter seine Leerlaufdrehzahl, und dort läuft er nicht mehr rund. Ziehst du die Kupplung nicht rechtzeitig, geht er aus.
Kann ich mit der Hinterradbremse langsamer fahren als im Standgas?
Die Hinterradbremse allein bringt ein Motorrad nicht sauber unter sein Tempo im Standgas. Solange die Kupplung geschlossen ist, zieht die Bremse den Motor dabei mit unter seine Leerlaufdrehzahl, bis er ruckelt und ausgeht. Langsamer geht es nur, wenn die Kupplung schleift oder ganz gezogen ist.
Wie rechne ich das Tempo im Standgas für mein Motorrad aus?
Multipliziere alle Übersetzungen zwischen Kurbelwelle und Hinterrad, wie sie viele Anleitungen in den technischen Daten nennen. Bei einer Maschine mit Kette sind das Primärübersetzung, Gangstufe und Endübersetzung. Teile die Leerlaufdrehzahl durch dieses Produkt, dann hast du die Umdrehungen des Hinterrads pro Minute. Nimm sie mit dem Reifenumfang mal, bei 17-Zoll-Hinterreifen 1,9 bis 2,0 Meter, und dann mit 60. Das sind die Meter pro Stunde, durch 1.000 geteilt ergeben sie das Tempo im Standgas in km/h.
Warum zieht mein Motorrad morgens im ersten Gang stärker?
Ein kalter Motor läuft im Leerlauf mit höherer Drehzahl als ein warmer. Weil Tempo und Drehzahl bei geschlossener Kupplung im festen Verhältnis stehen, rollt die Maschine dann entsprechend schneller. Mit warmem Motor sinkt die Drehzahl auf den Wert, den die Anleitung nennt.
Schadet es der Kupplung, im Schritttempo zu schleifen?
Kurzes Schleifen beim Anfahren, Wenden und Rangieren gehört zur normalen Bedienung einer Motorradkupplung. Minutenlanges Halten am Schleifpunkt im Stau erzeugt dagegen Wärme, die bei einer Nasskupplung ins Motoröl geht. Kriecht die Kolonne nur, bleibst du besser stehen, bis eine Lücke aufgeht, und fährst sie dann mit geschlossener Kupplung zu.
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