Unter 10 km/h regelt das ABS am Motorrad oft nicht mehr

Den ganzen Nachmittag hat es genieselt, das Pflaster vor der Garage glänzt. Du rollst im Schritttempo heran und schlägst den Lenker ein, weil du vor dem Tor wenden und die Maschine rückwärts hineinschieben willst. Genau da greifst du etwas zu beherzt in die Bremse. Das Vorderrad steht für einen Moment still, die Maschine kippt nach innen, und dein linker Fuß ist schneller am Boden als jeder Gedanke.

Dabei hat die Maschine ABS. Nur reicht das ABS am Motorrad oft nicht bis zum Stillstand. Viele Anleitungen nennen die Grenze als nüchterne Zahl, je nach Modell zwischen 4 und 10 km/h. Darunter, auf den letzten Metern vor dem Halt und bei fast jedem Wendemanöver, kannst du dich nicht mehr aufs ABS verlassen.

Die Untergrenzen im Vergleich

In den deutschsprachigen Anleitungen findest du diese Werte:

  • Honda: ab 10 km/h. Das gilt laut Anleitung für die CB650R (Ausgabe 2024), die CBR650R (2026), die CB750 Hornet (2025 und 2026) sowie für NC750X, XL750 Transalp, NT1100 und Africa Twin (alle 2025). Die Gold Wing von 2025 fällt heraus, bei ihr greift das ABS bereits ab 5 km/h.
  • Kawasaki: ab etwa 10 km/h. Laut der Anleitung der Ninja 650 vom Juni 2026 funktioniert das ABS bei ca. 10 km/h oder weniger nicht.
  • Suzuki: ab etwa 8 km/h. Das gilt für SV650 und V-Strom 650.
  • BMW: über 4 km/h. Zu finden in der Anleitung der F 900 R von 2019 und in denen der F 800 GS und der F 900 GS (beide 07.2023). Ab diesem Tempo könne das ABS die Fahrstabilität auf jedem Untergrund sicherstellen, „im Rahmen der Fahrphysik“. Darunter könne es „systembedingt nicht auf allen Untergründen optimal unterstützen“. Von Abschalten schreibt BMW also nichts.

In den Yamaha-Anleitungen für MT-07, MT-09, Tracer 700 und XSR900 GP und in denen der KTM 390 Duke und 890 Adventure findet sich keine solche Untergrenze. Dort geht es um das Tempo, bei dem nach dem Start die ABS-Warnleuchte erlischt. Auch die Anleitungen der R 1250 GS (06.2020) und der R 1300 GS (02.2025) nennen im Kapitel über das ABS keine Zahl. Dass es dort keine Grenze gibt, folgt daraus nicht.

Vier bis zehn Stundenkilometer klingen nach wenig. Aus 10 km/h stehst du auf griffigem Belag bei einer kräftigen Bremsung nach rund einem Meter, den Weg bis zum Griff an den Hebel nicht mitgerechnet. Aus Schritttempo sind es ein paar Handbreit. Für einen Umfaller reicht diese kurze Strecke trotzdem, wenn das Vorderrad dabei blockiert.

Eine erloschene Leuchte sagt nichts über den letzten Meter

Das Bild kennst du vom Losfahren: Zündung an, die ABS-Leuchte brennt, und nach den ersten Metern geht sie aus. Das System hat sich dann selbst geprüft, und das Tempo dafür lässt sich leicht mit der Untergrenze verwechseln. Bei der Honda CB650R geht die Leuchte ab etwa 10 km/h aus, bei der 390 Duke und der 890 Adventure von KTM ab etwa 6. An R 1300 GS und F 900 GS sind es 5 km/h, und BMW begründet das mit der Prüfung der Radsensoren, für die das Motorrad rollen muss.

Die Leuchte meldet einmal pro Fahrt, dass das System bereit ist. Die Untergrenze dagegen gilt bei jedem Anhalten wieder, auch nach 300 Kilometern Landstraße und mit warmen Reifen. Dass die Leuchte aus ist, heißt also nicht, dass das ABS bis zum Stillstand regelt.

Was das ABS am Motorrad zum Regeln messen muss

Wie das System arbeitet, beschreibt Suzuki in der Anleitung der SV650. Ein Rechner überwacht, wie schnell sich die Räder drehen. Wird ein gebremstes Rad plötzlich langsamer, wertet er das als Rutschgefahr und nimmt Bremsdruck weg, bevor das Rad blockiert. Laut den Anleitungen von F 900 GS und R 1300 GS vergleicht das BMW-System dafür unter anderem, wie schnell sich Vorder- und Hinterrad drehen.

Die Straße sieht das ABS also nicht, es hängt im Kern an der Drehung der Räder. Warum die Grenze aber gerade bei 4, 8 oder 10 km/h liegt, erklärt keine der gelesenen Anleitungen.

Spüren kannst du die Grenze nicht. Regelt das ABS, merkst du das am Hebel: Suzuki, Kawasaki und KTM beschreiben ein Pulsieren an Hand- und Fußbremshebel, Honda einen spürbaren Eingriff. Wo das ABS nicht mehr regelt, bleibt der Hebel still, auch wenn das Vorderrad steht. Eine Warnung über die Hand gibt es dann nicht.

Bei Suzuki und Kawasaki steht gleich neben der Tempogrenze noch eine zweite Einschränkung. Ist die Batterie leer, fällt das ABS ganz aus, an der Ninja 650 womöglich schon, wenn sie nur schwach geladen ist. Dreht der Anlasser nach einer kalten Nacht nur noch müde, ist das auch fürs ABS ein Grund, die Batterie vor der Fahrt zu laden.

Wenden, Rangieren, Einfahrt: Hier bremst du oft allein

Unter 10 km/h bist du öfter, als es sich anfühlt. Beim Wenden in einer schmalen Gasse, beim Rangieren in der Tiefgarage, auf den letzten Metern über den Kies der Einfahrt. Auf dem nassen Laub vor dem Bordstein, an der Zapfsäule mit ihren dunklen Flecken auf dem Beton. An solchen Stellen liegt ein Motorrad schnell auf der Seite, fast ohne Tempo.

Auf dem Parkplatz vor dem Baumarkt wendest du mit voll eingeschlagenem Lenker zwischen zwei Parkreihen. Das sind vielleicht 6 km/h, also weniger als die Grenze von Honda, Kawasaki und Suzuki. Jemand schiebt einen Einkaufswagen aus der Lücke, deine Hand greift zu, und das Vorderrad bekommt alles ab, was der Hebel hergibt.

Das Institut für Zweiradsicherheit (ifz) beschreibt, warum solche Manöver heikel sind. Das Motorrad ist dann so langsam, dass es sich „im instabilen Bereich“ befindet: „es wird wackelig“. Für Wendemanöver, enge Kehren und das Abbiegen rät das Institut, mit etwas Gas zu fahren und das Tempo behutsam mit der Hinterradbremse zu dosieren. Bremst du dabei hinten zu stark, zieht es die Maschine nach innen.

Ob dein Fuß dabei nur hinten bremst, hängt an der Bremsanlage. An der R 1250 GS (06.2020) mit Teilintegralbremse wirkt der Fußbremshebel nur auf das Hinterrad, der Handhebel auf beide Räder. An der R 1300 GS (02.2025) mit Vollintegralbremse bremst jeder der beiden Hebel vorn und hinten. Auch an der Gold Wing verteilt Honda die Bremskraft von Hand- und Fußhebel auf beide Räder. Wer zwischen solchen Maschinen wechselt, sollte das beim ersten Wenden im Kopf haben.

Kawasaki hat für die Ninja 650 einen Satz, der an jedem dieser Orte passt: die Geschwindigkeit immer schon vor dem Lenkmanöver herunternehmen. Ist das Tempo vor dem Einschlagen weg, musst du mit eingeschlagenem Lenker kaum noch bremsen. Das gilt auch oberhalb der Grenze. Ein regelndes ABS hält dich nicht aufrecht: Bei starkem Bremsen in einer Kurve kann es laut Suzuki für die SV650 nicht verhindern, dass die Räder seitlich wegrutschen.

Sicherheitshinweis: Ein blockiertes Vorderrad bei Schritttempo und eingeschlagenem Lenker reicht, um das Motorrad umzuwerfen, und Fuß oder Bein können dabei unter die Maschine geraten. Nimm das Tempo heraus, bevor du den Lenker einschlägst, und bremse im Wendemanöver vor allem hinten, den Handhebel ziehst du nur sanft.

Üben lässt sich das gut. Das ifz empfiehlt, eine Wende einmal mit und einmal ohne Hinterradbremse auszuprobieren, mit größter Vorsicht und abseits des Verkehrs, noch besser unter Anleitung bei einem Training. Auf einem leeren Platz darf ein Fuß auch mal zu früh unten sein.

Auch die Traktionskontrolle braucht ein paar Meter

Nach dem Einschalten der Zündung gibt es eine ähnliche Lücke, nur am Gasgriff. An der CB650R, der CBR650R und der CB750 Hornet leuchtet dann die Anzeige der Drehmomentkontrolle, so heißt die Traktionskontrolle bei Honda. Erst ab etwa 5 km/h geht die Anzeige aus, und laut Honda zeigt sie damit an, dass die Drehmomentkontrolle einsatzbereit ist.

Bei KTM leuchtet an der 390 Duke und der 890 Adventure die Kontrollleuchte der Traktionskontrolle zusammen mit der ABS-Leuchte, bis die Maschine etwa 6 km/h fährt. Blinkt die gelbe Leuchte, greift die Regelung laut KTM gerade ein. Leuchtet sie dauerhaft, ist die Traktionskontrolle nicht aktiv, oder es liegt eine Fehlfunktion vor.

Diese Lücke betrifft das erste Anrollen nach dem Einschalten, nicht jedes Anfahren an der Ampel. Stell dir einen Wanderparkplatz im Herbst vor: Das Hinterrad steht auf nassem Laub, du startest und rollst los. Dreht es dort durch, ist die Traktionskontrolle an diesen Maschinen womöglich noch gar nicht bereit. Auf diesen ersten Metern hilft nur ein ruhiger Gasgriff, oder du schiebst die Maschine vorher auf festen Grund. Nach dem Start kann dir auf den ersten Metern also die Traktionskontrolle fehlen, vor jedem Halt auf den letzten Metern das ABS am Motorrad.

Wo die Zahl für deine Maschine steht

Welche Grenze für deine Maschine gilt, findest du schnell heraus, sofern die Anleitung überhaupt eine Zahl nennt. Im PDF führt die Suche nach „km/h“ nach einigen Treffern zur Stelle. Bei Honda heißt der Abschnitt „Antiblockiersystem (ABS)“, bei Suzuki „Funktionsweise des ABS“. BMW erklärt es für F 900 R, F 800 GS und F 900 GS unter „Technik im Detail“, Kawasaki bei den Fahranweisungen. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.

Bei einer Gebrauchten lohnt der Blick in die Anleitung des passenden Baujahrs. Viele Hersteller stellen ihre Anleitungen als PDF bereit, und zwischen zwei Modelljahren kann sich mehr ändern als die Farbe. Steht keine Zahl drin, fährst du am sichersten so, als gäbe es die Grenze auch bei dir.

Beim Wenden schaust du nicht auf den Tacho. Die Zahl aus der Anleitung sagt dir nur, ab wann du dich nicht mehr auf das ABS am Motorrad verlassen kannst. Den Rest erledigst du selbst: Das Tempo ist weg, bevor du einschlägst.

❓ Häufige Fragen zum ABS am Motorrad

Ab welcher Geschwindigkeit funktioniert das ABS am Motorrad?

Ein ABS am Motorrad braucht je nach Modell ein Mindesttempo, das viele Hersteller in der Anleitung angeben. Bei Honda sind es etwa für CB650R, NC750X und Africa Twin 10 km/h, für die Gold Wing 5 km/h. Suzuki gibt für SV650 und V-Strom 650 rund 8 km/h an, Kawasaki für die Ninja 650 etwa 10 km/h. Für F 900 R, F 800 GS und F 900 GS nennt BMW 4 km/h, darunter könne das System nicht auf allen Untergründen optimal unterstützen.


Warum blockiert das Vorderrad beim Wenden, obwohl das Motorrad ABS hat?

Ein Vorderrad kann beim Wenden blockieren, weil das ABS bei Schritttempo oft nicht mehr regelt. Beim Wenden fährst du meist langsamer als die Grenze, die Hersteller wie Honda, Suzuki oder Kawasaki nennen. Mit eingeschlagenem Lenker kann ein kurzer Ruck am Bremshebel dann reichen, damit die Maschine nach innen kippt.


Ist das ABS bereit, sobald die ABS-Leuchte ausgeht?

Die ABS-Leuchte erlischt nach dem Start, sobald das System seine Selbstprüfung beendet hat. An der Honda CB650R passiert das bei etwa 10 km/h, an KTM 390 Duke und 890 Adventure bei etwa 6 km/h. Von da an ist das ABS einsatzbereit. Die Untergrenze für das Regeln gilt trotzdem bei jedem Abbremsen bis zum Stillstand.


Mit welcher Bremse wendest du ein Motorrad am besten?

Die Hinterradbremse spielt laut Institut für Zweiradsicherheit gerade beim Wenden ihre Stärke aus, dosiert bei leicht gehaltenem Gas. Wer hinten zu fest tritt, bringt das Motorrad nach Angaben des Instituts zum Kippen ins Kurveninnere. Allerdings wirkt bei einer Vollintegralbremse wie an der BMW R 1300 GS auch der Fußbremshebel auf das Vorderrad.


Spürst du, wenn das ABS am Motorrad nicht mehr regelt?

Ein regelndes ABS spürst du am Hand- oder Fußbremshebel, Suzuki, Kawasaki und KTM beschreiben das in ihren Anleitungen als Pulsieren. Unterhalb der Grenze, die etwa Honda, Kawasaki und Suzuki nennen, regelt nichts mehr, und der Hebel bleibt ruhig. Blockiert das Vorderrad dort, warnt dich also kein Pulsieren vorher.


Ab wann arbeitet die Traktionskontrolle beim Anfahren?

Die Traktionskontrolle braucht bei manchen Modellen nach dem Start erst ein kurzes Stück Fahrt, bis sie sich bereit meldet. An Honda CB650R, CBR650R und CB750 Hornet erlischt ihre Anzeige ab etwa 5 km/h, an KTM 390 Duke und 890 Adventure leuchtet die Kontrollleuchte bis etwa 6 km/h. Auf Kies oder nassem Laub kann das Hinterrad beim ersten Anrollen also durchdrehen, bevor die Elektronik bereit ist.

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