Wenn der Krümmer glüht, hat er rund 500 Grad oder mehr

Halb sieben im November, Rastplatz an der Autobahn, keine einzige Laterne, es ist längst stockdunkel. Du rollst nach einer langen, zügigen Etappe in die erste freie Parkbucht, machst den Motor aus und steigst ab. Dabei fällt dein Blick nach unten, zur Maschine, und da schimmert etwas. Das Rohr direkt am Zylinderkopf, der Krümmer, glimmt schwach rot.

Dein erster Gedanke: Da ist etwas kaputt. Die Farbe verrät aber erst einmal nur, wie heiß das Rohr gerade ist. Wenn der Krümmer glüht, hat er rund 500 Grad oder mehr. Am Tag hättest du davon nichts gesehen.

Die Farbe ist ein Thermometer

Jeder Körper strahlt Wärme ab. Wird Stahl heiß genug, rutscht ein Teil dieser Strahlung in den Bereich, den dein Auge sieht, und das Metall beginnt zu glühen. Bei welcher Temperatur welche Farbe erscheint, haben Physiker und Kesselbauer schon vor über 100 Jahren in Tabellen gefasst. Ein Schmied liest die Hitze seines Eisens bis heute an dieser Farbe ab.

Ab rund 400 Grad glimmt Stahl in völliger Dunkelheit grau, ohne erkennbare Farbe. Grau, weil dein Auge im Dunkeln auf das Nachtsehen umschaltet, und das kennt keine Farben. Ab rund 525 Grad beginnt die Rotglut, ein dunkles, schwaches Rot. Um 700 Grad wird es zu einem deutlichen Dunkelrot, um 850 Grad zu Kirschrot.

Ein Präzisionsinstrument ist dieses Thermometer nicht. Licht, Oberfläche und dein Auge spielen mit, und im Dunkeln zeigt sich die Rotglut laut dem Lexikon der Physik schon merklich früher als bei 525 Grad. Für einen schnellen Blick reicht es trotzdem: Wenn dein Krümmer glüht und du ein erkennbares Rot siehst, ist das Rohr an dieser Stelle rund 500 Grad heiß oder heißer.

Ein blau oder golden angelaufener Krümmer ist etwas anderes. Diese Farben entstehen durch Hitze an der Oberfläche und bleiben, auch wenn das Rohr längst kalt ist. Das Glühen dagegen ist Licht, das nur so lange da ist wie die Hitze.

Am Tag siehst du davon kaum etwas

Glut ist ein schwaches Leuchten, und ihr geht es wie einer Kerze in der Mittagssonne: Sie brennt, nur fällt sie niemandem auf. Damit du das Rot siehst, muss die Umgebung deutlich dunkler sein als das Rohr. Am Tag sieht dein Auge vor allem das Licht, das die Oberfläche zurückwirft. Für die Grauglut braucht es völlige Dunkelheit, für eine beginnende Rotglut immer noch stark gedämpftes Licht.

Ob der Krümmer glüht, merkst du deshalb fast nur nachts, und zwar dort, wo keine Lampe hinreicht: auf dem dunklen Parkplatz oder in der unbeleuchteten Einfahrt. Im Herbst und Winter kommt das öfter vor, weil es früher dunkel wird und viele Etappen in den Abend hineinreichen. Unter dem hellen Dach einer Tankstelle geht ein schwaches Rot dagegen im Licht unter.

Am Nachmittag ist das Rohr nach derselben Strecke im selben Tempo ebenso heiß. Dass der Krümmer glüht, siehst du dann nur nicht.

Am heißesten ist das Rohr am Zylinder

Das Abgas verlässt den Brennraum mit seiner höchsten Temperatur und gibt auf dem Weg nach hinten laufend Wärme an die Rohrwand ab. Am heißesten ist deshalb meist das erste Stück des Krümmers, direkt hinter dem Auslass am Zylinderkopf. Wenn der Krümmer glüht, dann dort und in der ersten Biegung zuerst. Das dünne Rohr hat wenig Masse und heizt sich schnell auf. Der Zylinderkopf daneben hat eine Kühlung, das Rohr muss mit Fahrtwind und Abstrahlung auskommen.

Ob du es siehst, hängt auch von deiner Maschine ab. Bei vielen Modellen versteckt sich der Krümmer hinter Verkleidung, Kühler oder einem Hitzeschutz. Bei Naked Bikes und manchen Reiseenduros liegt er frei vor dem Motor, dort fällt das Rot im Dunkeln am ehesten auf.

Weiter hinten wird es meist kühler, mit einer Ausnahme: dem Katalysator. Er sitzt je nach Modell im Sammler, dem Topf unter dem Motor, oder im Endtopf und ist so etwas wie ein kleiner Ofen im Auspuff. Laut den Anleitungen von Honda wandeln dort Edelmetalle die Schadstoffe durch chemische Hochtemperaturreaktionen um, und dabei entsteht zusätzliche Wärme. Der Endtopf ist außen oft kühler als der Krümmer, für schwere Verbrennungen reicht es trotzdem.

Wenn der Krümmer glüht, ohne dass du schnell warst

Ist so ein Glühen normal? Die Anleitungen helfen dir da kaum weiter. Dass Motor und Abgassystem im normalen Betrieb sehr heiß werden, schreibt etwa Kawasaki für die Ninja 650. Ab wann ein sichtbares Glühen unbedenklich ist, sagt dir aber keine der durchgesehenen Anleitungen, von Honda über Yamaha und KTM bis BMW.

Am besten vergleichst du deine Maschine mit sich selbst. Ein schwaches Rot nach langer, zügiger Autobahnfahrt zeigt zunächst nur, dass der Motor lange unter Last lief. Auffällig wird es, wenn der Krümmer glüht, wo er bei gleichem Licht bisher dunkel blieb, etwa nach ruhiger Fahrt oder im Stand. Das gilt auch für ein einzelnes Rohr, das deutlich anders aussieht als seine Nachbarn.

Hast du deinen Krümmer allerdings noch nie im Dunkeln angeschaut, fehlt dir dieser Vergleich. Dann ist das Rot vielleicht gar nicht neu, du siehst es nur zum ersten Mal. Und ein Glühen im Stand ist für sich allein noch kein Defekt. Der US-Auspuffhersteller Brock’s Performance nennt es für seine Rohre mit nur 0,7 Millimetern Wand völlig normal, wenn sie im Leerlauf bei wenig Licht matt rot glühen. Das gilt für diese Rohre und nicht für jeden Serienkrümmer, zeigt aber, wie viel an der Bauart hängt.

Kommen zum Glühen Fehlzündungen dazu, stirbt der Motor ab oder zeigt er andere Auffälligkeiten, wird es ernst. Honda schickt dich dann im Katalysator-Kapitel seiner Anleitungen zum Kundendienst, und der Motor sollte bis dahin nicht weiterlaufen. Was auf dem Spiel steht, zeigt die Anleitung der Suzuki SV650: Hat ein falsch eingestellter Motor Fehlzündungen, kann das den Katalysator überhitzen und ihm sowie anderen Bauteilen dauerhaft schaden.

Lange im Stand laufen lassen solltest du die Maschine ohnehin nicht, auch nicht morgens zum Warmwerden vor der Garage. BMW warnt davor in vielen Anleitungen, etwa in der Ausgabe 2019 für die R 1250 RT. Läuft der Motor länger im Stand, reicht die Kühlung laut BMW nicht aus, und er kann überhitzen, im Extremfall bis zum Fahrzeugbrand. Nach dem Starten heißt es dort: sofort losfahren.

Nach dem Abstellen bleibt die Hitze

Der Motor ist aus, der Krümmer kühlt ab. Bis er wieder anfassbar ist, vergeht aber deutlich mehr Zeit als bis zum Ende des Glühens.

Sicherheitshinweis: Ein Krümmer, der eben noch geglüht hat, verbrennt Haut und schmilzt Kunststoff sofort. Halte nach der Fahrt vor allem Kinder vom Auspuff fern. Stell die Maschine nicht dort ab, wo trockenes Laub, hohes Gras oder anderes Brennbares an die heißen Rohre reicht. Im schlimmsten Fall brennt die ganze Maschine.

Die Plane kommt später drauf. Für die 890 Adventure von 2023 nennt KTM heiße Fahrzeugteile eine Brand- und Explosionsgefahr, und du sollst das Fahrzeug abkühlen lassen, bevor du es abdeckst. Eine Minutenzahl nennt KTM nicht, warte also, bis Motor und Auspuff kalt sind. Aus demselben Grund gehören Benzinkanister, ölverschmierte Lappen und Kartons in der Garage nicht neben den heißen Auspuff.

An der Zapfsäule holt dich die Hitze wieder ein. Kommst du direkt von der Autobahn, ist der Krümmer noch heiß, auch wenn er im Licht der Tankstelle harmlos aussieht. Für die 390 Duke, Modelljahr 2026, verlangt KTM, dass kein Kraftstoff verschüttet wird, vor allem nicht auf heiße Teile. Geht doch etwas daneben, wisch es sofort auf. Den Tank füllst du laut KTM höchstens bis an die Unterkante des Einfüllstutzens, denn warmes Benzin braucht mehr Platz und kann aus einem randvollen Tank austreten.

Dieselbe Hitze trifft auch dein Gepäck. Bei der 390 Duke warnt KTM, die heiße Auspuffanlage könne Gepäck verbrennen, und das merkst du manchmal erst abends beim Auspacken, am Brandloch in der Tasche. Seitentaschen, Packrollen und lose Riemen gehören deshalb so befestigt, dass sie auch bei Fahrtwind und Schräglage nicht an den Endtopf oder andere heiße Rohre kommen. Dasselbe gilt für Hosenbein und Stiefel deines Sozius beim Auf- und Absteigen, ob der Krümmer glüht oder schon wieder grau aussieht.

Das Rot verschwindet vor der Hitze

Lange schaust du dem Rot nicht zu. Bis der Helm ab ist und du wieder hinsiehst, ist es am Krümmer meist verschwunden, denn das dünnwandige Rohr kühlt schnell unter die Temperatur, bei der es sichtbar glüht. Was bleibt, ist ein leises Ticken, wenn sich das Metall beim Abkühlen zusammenzieht.

Die Hitze ist damit nicht weg. Ein Rohr mit 300 Grad sieht im Dunkeln nicht anders aus als ein kaltes, verbrennt aber eine Wade sofort und schmilzt ein Loch in die Packrolle. Das Glühen ist nur der Teil der Hitze, den du sehen kannst.

❓ Häufige Fragen zum glühenden Krümmer

Ab welcher Temperatur glüht ein Auspuffkrümmer?

Ein Krümmer aus Stahl glüht ab rund 500 Grad sichtbar rot. Die meisten Glühtabellen setzen den Beginn bei etwa 525 Grad an, im Dunkeln kann das Rot schon früher zu sehen sein. Es ist anfangs schwach, bei 700 Grad dunkelrot, um 850 Grad kirschrot. Kühlt das Rohr ab, erlischt das Rot, schwere Verbrennungen kann es trotzdem verursachen.


Ist es normal, dass der Krümmer nach schneller Fahrt glüht?

Ein schwaches Glühen nach langer, schneller Fahrt zeigt, dass dieses Stück Rohr ungefähr 500 Grad oder mehr erreicht hat. Die Hersteller schreiben, dass Motor und Abgasanlage im Betrieb sehr heiß werden, eine Grenze für sichtbares Glühen nennen die gängigen Anleitungen nicht. Glüht der Krümmer stärker oder früher als gewohnt, sollte eine Werkstatt nachsehen.


Warum ist das Glühen tagsüber nicht zu sehen?

Ein heißer Krümmer leuchtet so schwach, dass Tageslicht das Glühen überstrahlt. Sichtbar wird es erst, wenn die Umgebung deutlich dunkler ist als das Rohr, also nachts, in der Dämmerung oder in einer dunklen Garage. Ein Rohr, das am Tag normal aussieht, kann deshalb ebenso heiß sein.


Was tun, wenn der Krümmer im Leerlauf glüht?

Ein Krümmer, der im Leerlauf oder nach langsamer Fahrt neuerdings glüht, ist eine Auffälligkeit, die eine Werkstatt anschauen sollte. An sehr dünnwandigen Nachrüstanlagen kann ein schwaches Rot im Leerlauf normal sein. Für Auffälligkeiten am Motor rät Honda in seinen Anleitungen, den Kundendienst aufzusuchen und den Motor bis dahin nicht weiter zu betreiben. BMW rät in vielen Anleitungen außerdem, den Motor nicht unnötig im Stand laufen zu lassen, weil er dabei überhitzen kann.


Wann darf die Abdeckplane auf das Motorrad?

Eine Abdeckplane gehört erst auf ein abgekühltes Motorrad. KTM weist in den Anleitungen darauf hin, dass heiße Fahrzeugteile eine Brandgefahr darstellen, und rät, das Fahrzeug vor dem Abdecken abkühlen zu lassen. Eine feste Wartezeit nennen die Anleitungen nicht. Motor und Auspuff sollten kalt sein.


Kann ein heißer Auspuff Laub oder Gras entzünden?

Laub und trockenes Gras können an einem heißen Auspuff Feuer fangen. Die Anleitung der Kawasaki Ninja 650 nennt hohes Gras und trockene Blätter ausdrücklich und rät, das Motorrad dort weder laufen zu lassen noch zu parken. Im Herbst liegt solches Material oft dort, wo Krümmer und Sammler über dem Boden hängen.

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