Anschieben bei leerer Batterie: Was Suzuki und KTM dagegen haben

„Zweiter Gang, Kupplung ziehen, wir schieben.“ Mit diesem Satz retten zwei Freunde seit Jahrzehnten den Morgen, an dem die Batterie aufgegeben hat. In der Anleitung einer Suzuki V-Strom 650 steht trotzdem, dass du das Anschieben lassen sollst, und zwar dort, wo es um den Katalysator geht. Für die 890 Adventure und die 390 Duke verlangt KTM, die Maschine nie mit leerer Batterie zu betreiben. Und Kawasaki nennt eine Folge, an die beim Schieben kaum jemand denkt: das ABS.

Bei Suzuki gehört die Regel zum Katalysator

Im Handbuch der V-Strom 650 bekommt der Katalysator ein eigenes Kapitel. Darin listet Suzuki auf, was du zu seinem Schutz vermeiden sollst. Mittendrin heißt es: „Motorstartversuche durch Anschieben oder Bergabwärtsrollen sind zu unterlassen.“ Dieselbe Regel findet sich in den englischen Handbüchern der SV650 und der GSX-R1000.

Die Nachbarn in der Liste sind aufschlussreich. Den Motor nicht abstellen, solange die Maschine mit eingelegtem Gang rollt. Den Tank nicht leer fahren. Alle drei Punkte, das Anschieben eingeschlossen, drehen sich um einen einwandfrei laufenden Motor, und den hält Suzuki im Absatz darüber für sehr wichtig.

KTM kommt auf einem anderen Weg zum selben Ergebnis. In den Handbüchern der 890 Adventure von 2023 und der 390 Duke von 2024 warnt KTM vor Unfallgefahr: Ist die 12-Volt-Batterie entladen oder fehlt sie, nehmen elektronische Bauteile und Sicherheitseinrichtungen Schaden. Gerade beim Starten könne die Elektronik dann gestört sein. Die Maschine soll deshalb nie mit entladener oder ohne Batterie betrieben werden.

Bei der 390 Duke steht diese Warnung im Kapitel zum Starten. An anderer Stelle desselben Handbuchs folgt die Konsequenz: Das Fahrzeug sei dann nicht mehr verkehrssicher.

Honda, Yamaha, Kawasaki und BMW erwähnen das Anschieben in keiner der Anleitungen, die diesem Text zugrunde liegen, weder als Tipp noch als Warnung. Stattdessen beschreiben die vier das Laden der Batterie, BMW außerdem die Starthilfe.

Klick statt Anlasser: So klingt eine leere Batterie

Bevor jemand die Ärmel hochkrempelt, hilft kurzes Zuhören. Für die Z900 zählt Kawasaki auf, woran du eine entladene Batterie erkennst. Die Blinker blinken langsam, die Hupe klingt leise, und beim Druck auf den Startknopf hörst du nur ein Klicken, ohne dass sich der Anlasser dreht.

Bleibt alles still, kann es die Batterie sein oder eine Kleinigkeit. Kawasaki und Honda nennen für diesen Fall zuerst die Kleinigkeiten. Steht der Not-Aus auf Betrieb, ist der Leerlauf drin, stimmt die Reihenfolge beim Starten? Ist eine Sicherung durchgebrannt, sitzen die Batterieklemmen fest und ohne Korrosion?

An der R 1300 GS bricht die Elektronik den Startvorgang laut BMW von selbst ab, wenn die Batteriespannung nicht reicht. Vor weiteren Versuchen sollst du die Batterie laden oder dir Starthilfe geben lassen. Bleiben bei eingeschalteter Zündung Kontrollleuchten und Display dunkel, nennt BMW die Batterie vollständig entladen, ihre Spannung liegt dann unter 12 Volt.

Klickt es nur noch, spricht das für eine leere Batterie, und an dieser Stelle kommt oft jemand auf die Idee mit dem Anschieben. Kawasaki rät zu etwas anderem: Batterie laden und dann prüfen, ob der Anlasser wieder dreht. Für die Helfer ist das ohnehin die freundlichere Lösung. Eine Reiseenduro mit über 200 Kilo im Laufschritt zu schieben, ist Schwerarbeit, und wer neben der Maschine herrennt, hat sie nur halb im Griff.

Springt ein Einspritzer an, wenn du ihn anschiebst?

Das Anschieben im zweiten Gang kommt aus den Jahren, in denen die meisten Motorräder einen Vergaser hatten. An vielen dieser Maschinen läuft der Sprit von allein aus dem Tank in die Schwimmerkammer. Zum Anlaufen braucht der Motor dann vor allem Drehung und einen Zündfunken.

Beim Einspritzer braucht neben der Zündung auch die Kraftstoffversorgung Strom. Die Kraftstoffpumpe baut beim Einschalten der Zündung Druck für die Einspritzventile auf, das Steuergerät muss wach sein, und die Ventile öffnen auf sein Kommando. Ist die Batterie leer, hängt all das fast nur an dem, was die Lichtmaschine liefert, während die Maschine rollt.

Eine Zusage, dass dieser Strom beim Anschieben deiner Maschine für Pumpe, Steuergerät und Zündung reicht, findest du in keinem dieser Handbücher.

An einer Maschine mit Doppelkupplungsgetriebe fehlt schon der Kupplungshebel für diesen Trick. Bei Hondas DCT wählt das Getriebe beim Einschalten der Zündung von selbst den Leerlauf. Aus N in den Automatikmodus D wechselt es laut Honda nur, wenn die Maschine steht und der Motor läuft.

Was der Katalysator beim Anschieben abbekommt

Vor der Liste schreibt Suzuki, dass der Katalysator bei normalem Gebrauch so lange hält wie das Motorrad. Fehlzündungen, etwa wegen falscher Motorabstimmung, können ihn aber überhitzen, und dann drohen dauerhafte Wärmeschäden an ihm und an anderen Bauteilen.

Zündet eine Füllung im Zylinder nicht, schiebt der Kolben ihren Sprit unverbrannt in den Auspuff. Im Katalysator kann er nachbrennen und ihn heißer machen, als ihm guttut. Beim Anschieben dreht der Motor, bevor er sauber läuft, und in diesen Sekunden kann eine Zündung nach der anderen ausbleiben.

Wie viel ein einzelner Versuch dem Katalysator antut, beziffert Suzuki nicht. Die Regel steht trotzdem da, zusammen mit dem Bergabwärtsrollen, das auf dasselbe hinausläuft: Der Motor wird von außen gedreht, bevor er von selbst läuft.

An einer älteren Maschine ohne Katalysator fällt dieses Argument weg. Die Sache mit der leeren Batterie bleibt.

Mit leerer Batterie fehlt womöglich das ABS

Angenommen, das Anschieben hat geklappt und der Motor läuft. Die Batterie ist damit so leer wie vorher, erst jetzt beginnt die Lichtmaschine, sie langsam zu laden.

Für die Z900 schreibt Kawasaki dazu zwei knappe Sätze: Das ABS funktioniert nicht, wenn die Batterie entladen ist. Mit einer nicht ausreichend geladenen Batterie fährst du womöglich ebenfalls ohne ABS. Derselbe Hinweis steht in der Anleitung der Ninja 125.

Auch Suzuki schreibt für die V-Strom 650: Mit entladener Batterie steht das ABS nicht zur Verfügung. Die Anleitung nennt außerdem, worauf du achten kannst. Die ABS-Leuchte geht beim Einschalten an und erlischt, sobald du schneller als 5 km/h fährst. Blinkt sie oder leuchtet sie weiter, arbeitet das ABS nicht.

Die Bremse selbst bleibt dir. Für den Fall einer ABS-Störung schreibt Kawasaki ausdrücklich, dass die gewöhnlichen Bremsen weiter funktionieren. Was fehlt, ist der Schutz vor dem blockierenden Rad, und den brauchst du in dem Moment, mit dem du nicht gerechnet hast.

Sicherheitshinweis: Lade eine Batterie, die den Anlasser nicht mehr drehen konnte, bevor du losfährst. Musst du nach einer Starthilfe oder dem Anschieben trotzdem fahren, dann kurz, ruhig und mit viel Abstand, als hättest du kein ABS.

Ohne ABS kann bei einer kräftigen Bremsung ein Rad blockieren, gerade auf nasser Fahrbahn droht dann ein Sturz.

Laden geht vor Schieben

Statt des Anschiebens beschreiben die Hersteller Wege, die unspektakulär klingen und die Elektronik schonen. Für eine leere Batterie gibt Honda vor: ausbauen und mit einem Ladegerät für Motorradbatterien laden. Ein Autobatterieladegerät kommt dafür nicht infrage, die kleine Batterie könnte daran überhitzen und bleibenden Schaden nehmen.

Bei der R 1300 GS gehört eine vollständig entladene Batterie laut BMW abgeklemmt an ein Ladegerät, das direkt an ihren Polen hängt. Lädst du sie über die Steckdose, kann das die Fahrzeugelektronik beschädigen.

Starthilfe ist dort ebenfalls beschrieben, mit klaren Grenzen: nur über die Batteriepole, nie über die Steckdose, und die Spenderbatterie muss 12 Volt haben. Starthilfesprays schließt BMW aus. Honda rät davon ab, mit einer Autobatterie fremdzustarten, weil die elektrische Anlage Schaden nehmen kann. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.

Ein Starthilfegerät mit eigenem Akku erspart dir den Helfer und das zweite Fahrzeug. An den Grenzen ändert es nichts, auch hier zählen Anschlusspunkt und Spannung.

Auch wenn der Motor nach Starthilfe oder Anschieben läuft, ist die Batterie noch nicht voll. Die Lichtmaschine versorgt zuerst Zündung, Einspritzung und Licht, und bei niedriger Drehzahl bleibt für die Batterie wenig übrig. Mit dem Ladegerät statt des Anschiebens beginnst du deshalb gleich mit dem Teil, der ohnehin gemacht werden muss.

Die leere Batterie hat einen Grund

Eine Batterie gibt selten ohne Vorgeschichte auf. Meist ist sie alt, die Maschine stand wochenlang, irgendein Gerät nimmt sich auch bei abgeschalteter Zündung Strom, oder das Ladesystem lädt nicht richtig nach.

Kawasaki hat für einen Teil davon eine eigene Leuchte eingebaut. An der Z900 geht die Batteriewarnleuchte an, wenn die Spannung unter 11 Volt fällt oder über 16 Volt steigt. Im ersten Fall sollst du laden. Steigt die Spannung zu hoch oder bleibt die Leuchte auch nach dem Laden an, lässt du Batterie und Ladesystem vom Händler prüfen.

Die R 1300 GS passt laut BMW sogar in der Garage auf. Der Battery Guard der GS prüft den Ladezustand bei abgestellter Maschine einmal am Tag. Ist er zu niedrig, erscheint nach dem Einschalten eine Warnung, und die Steckdose wird aktiviert, damit ein angeschlossenes Ladegerät nachladen kann. Je nach Verfügbarkeit der BMW Motorrad Teleservices kommt die Warnung auch als elektronische Nachricht, bei kritischem Ladezustand täglich.

Kawasaki rechnet auch mit dem Ende einer Batterie. Dreht der Anlasser nach dem Laden noch immer nicht richtig, kann sie schadhaft sein, und dann prüft sie der Händler.

Das Anschieben klärt keine dieser Ursachen. Der Motor läuft, bis du ihn abstellst, und am nächsten Morgen wartet in der Garage dieselbe Batterie.

❓ Häufige Fragen zum Anschieben

Lässt sich ein Motorrad mit Einspritzung anschieben?

Ein Einspritzer springt beim Anschieben nur an, wenn Restladung und Lichtmaschine genug Strom für Kraftstoffpumpe, Steuergerät und Einspritzventile liefern. Eine Zusage dafür steht in keiner der hier ausgewerteten Anleitungen. Laut Suzuki sind solche Startversuche zu unterlassen, und KTM verlangt, die Maschine nie mit entladener Batterie zu betreiben.


Warum soll Anschieben dem Katalysator schaden?

Springt der Motor nicht gleich sauber an, kann Sprit unverbrannt in den Auspuff gelangen und im Katalysator nachbrennen. Suzuki nennt Fehlzündungen als Ursache für Überhitzung und dauerhafte Wärmeschäden am Kat und führt das Anschieben unter den Dingen, die du zu seinem Schutz lassen sollst.


Funktioniert das ABS mit leerer Batterie?

Laut Kawasaki und Suzuki arbeitet das ABS bei entladener Batterie nicht. Kawasaki ergänzt, dass es auch mit einer nicht ausreichend geladenen Batterie ausfallen kann. Du bremst dann wie auf einem Motorrad ohne ABS, ein blockierendes Rad verhindert die Elektronik nicht mehr.


Hilft es, das Motorrad zum Starten bergab rollen zu lassen?

Bergab rollen lassen ist nichts anderes als Anschieben, nur übernimmt die Schwerkraft das Schieben. Suzuki nennt beides in einem Satz: Zum Schutz des Katalysators sind solche Startversuche zu unterlassen. Mit leerer Batterie rollst du dabei außerdem womöglich ohne ABS.


Kann ein anderes Motorrad Starthilfe geben?

Ob ein anderes Motorrad Starthilfe geben darf und wie die Kabel angeklemmt werden, steht in der Anleitung deiner Maschine. An der R 1300 GS knüpft BMW die Starthilfe an zwei Bedingungen: 12 Volt beim Spender und Anschluss ausschließlich an den Batteriepolen, nicht an der Steckdose. Ein zweites Motorrad mit 12-Volt-Batterie erfüllt die erste. Honda rät von einer Autobatterie als Spender ab.


Was mache ich, wenn die Motorradbatterie leer ist?

Lade die Batterie mit einem Gerät, das zu ihrem Typ passt, oder hol Starthilfe so, wie es die Anleitung deiner Maschine beschreibt. Für die R 1300 GS verlangt BMW, eine vollständig entladene Batterie abgeklemmt direkt an ihren Polen zu laden. Danach lohnt die Suche nach dem Grund, warum sie leer war.

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