Auch ohne Notbremsung prüft sich das ABS am Motorrad bei jeder Fahrt

Es klickt irgendwo unter dir, kurz und trocken, und im Bremshebel zuckt es einmal. Du bist gerade erst vom Hof gerollt, zwei Finger ziehen noch ganz leicht am Hebel. Ist da etwas kaputtgegangen?

Wahrscheinlich nicht. Klicken und Zucken passen genau zu dem Selbsttest, den Yamaha in seinen Bedienungsanleitungen für das ABS am Motorrad beschreibt, und beides gilt dort als normal. Solche Selbsttests hängen außerdem mit einer Frage zusammen, die sich das Institut für Zweiradsicherheit (ifz) gestellt hat: Was passiert mit einem ABS, das jahrelang nie regeln muss?

Was beim Anrollen klickt

Yamaha beschreibt den Ablauf für die MT-07 (Ausgabe August 2021), die Tracer 700 und die MT-07 Tracer gleich. Jedes Mal, wenn der Schlüssel auf „ON“ gedreht wurde und die Maschine danach 10 km/h erreicht, führt das ABS einen Selbsttest durch. Dabei klickt es aus dem Hydraulik-Steuergerät.

Ziehst du in diesem Moment leicht am Handbremshebel oder trittst leicht auf den Fußbremshebel, spürst du dazu eine Vibration. Laut Yamaha ist das kein Anzeichen für eine Störung. An der XSR900 GP läuft der Test schon ab 5 km/h, mit dem gleichen Hinweis auf Klicken und Vibration.

Im Hydraulik-Steuergerät sitzen Ventile und eine kleine Pumpe. Beim Regeln senken sie den Bremsdruck an einem Rad, das zu blockieren droht, und bauen ihn wieder auf. Beim Selbsttest werden sie kurz angesteuert, auch wenn du gar nicht bremst. Das Klicken kommt aus diesem Steuergerät, nicht von Bremsscheibe oder Bremssattel.

Bei BMW, Honda, Kawasaki und KTM geht es in den Anleitungen, die wir dafür gelesen haben, beim Losfahren um die ABS-Leuchte. Hörst du an deiner Maschine kein Klicken, ist das also kein schlechtes Zeichen. Wichtiger als jedes Geräusch ist, was die Leuchte macht.

Die ersten Meter ohne ABS

In den Bedienungsanleitungen von F 900 R (Ausgabe 2019) und F 800 GS (2023) teilt BMW die Eigendiagnose in zwei Schritte. Gleich nach dem Einschalten der Zündung prüft das System im Stand seine Bauteile. Beim Anfahren prüft es die Drehzahlsensoren an den Rädern, denn sie liefern erst ein Signal, wenn sich die Räder drehen. Bis beides erledigt ist, blinkt die ABS-Leuchte.

BMW nennt in beiden Anleitungen und in der zur R 1300 GS (Ausgabe 2025) eine Mindestgeschwindigkeit von 5 km/h. Alle drei sagen außerdem „Langsam losfahren“ und weisen darauf hin, dass die ABS-Funktion bis zum Abschluss der Eigendiagnose nicht zur Verfügung steht.

Bei anderen Marken geht die Leuchte bei etwas anderem Tempo aus. An der Honda CB650R erlischt sie ab etwa 10 km/h, bei der KTM 390 Duke ab etwa 6 km/h.

Sicherheitshinweis: Fahr die ersten Meter so an, dass du nicht hart bremsen musst, vor allem auf Schotter, nassem Laub oder einer abschüssigen Einfahrt.

Solange die ABS-Leuchte noch blinkt oder leuchtet, kannst du dich nicht auf das ABS verlassen. Blockiert in dieser Phase das Vorderrad, droht ein Sturz.

Rostet das ABS am Motorrad ein, wenn es nie regelt?

Wer vorausschauend fährt, bringt sein ABS selten zum Regeln. Das ifz schreibt, die Zahl derer, die eine ganze Saison oder sogar mehrere nie in den Regelbereich kommen, sei „vermutlich gar nicht mal so klein“. Daraus entsteht die Sorge, dass Pumpe und Ventile vom Stehen fest werden könnten, so wie eine Bremse, die den Winter über nie bewegt wurde.

Das ifz gibt dazu eine Auskunft des ABS-Herstellers Bosch wieder: Solange die Wartungsvorgaben eingehalten werden, ist das System auch dann in Ordnung, wenn es zwischendurch nie aktiv war. Erklärt wird das über zwei Kreise in der Hydraulik.

Der erste Kreis arbeitet bei jeder normalen Bremsung mit, die Bremsflüssigkeit darin ist regelmäßig in Bewegung. Der zweite wird nur durchströmt, wenn das ABS eingreift. Eine automatische Systemprüfung beim Einschalten der Zündung aktiviert laut Bosch aber regelmäßig Pumpe und Ventile dieses zweiten Kreises. So bewegt sich die Flüssigkeit auch dort, ohne dass das ABS beim Fahren je eingreifen muss. Wann genau das passiert, hängt vom System ab; an der MT-07 klickt es erst bei 10 km/h.

Ventile, Kolben und Pumpen altern trotzdem, wie jedes Bauteil. Laut ifz lassen sie sich an der Verschleißgrenze aber größtenteils ersetzen. Die Bauteile im Hydraulikaggregat stammen nach Angaben des Instituts außerdem aus der ABS- und ESP-Technik für Autos, die dort seit über 30 Jahren im Einsatz ist. Die Erfahrungen damit sprächen auch ohne spezielle Langzeittests für Motorräder für ein stabiles System, selbst nach längerer Pause.

Die Bremsflüssigkeit altert auch in der Garage

Wichtig ist laut ifz vor allem die Wartung und dabei ganz besonders der regelmäßige Wechsel der Bremsflüssigkeit. Ein verbreiteter Irrtum sei, dass wenig Fahren diesen Wechsel erspart. Die meisten Bremsflüssigkeiten ziehen Feuchtigkeit aus der Luft, auch dann, wenn die Maschine nur steht.

Das Wasser senkt die Temperatur, ab der sich in der Bremse Dampfblasen bilden, und fördert Korrosion an den feinen beweglichen Teilen. Beides bleibt lange unbemerkt. Spürbar werden die Dampfblasen erst bei großer Hitze, zum Beispiel wenn du bergab lange bremsen musst: Dann wird der Druckpunkt weich.

Die Intervalle stehen in deiner Anleitung. In den Wartungstabellen der Kawasaki Ninja 650, der Yamaha MT-07 und der Honda CB650R sind es zwei Jahre. Yamaha sieht dabei auch vor, die inneren Bauteile von Hauptbremszylinder und Bremssattel zu erneuern. Bei BMW ist der erste Wechsel an der F 800 GS wie an der R 1300 GS nach einem Jahr fällig, danach alle zwei Jahre. Manche Fachleute raten laut ifz sogar zu einem jährlichen Wechsel.

Vom Wechsel in Eigenregie rät das ifz an einer Maschine mit ABS ab. Die Gefahr sei groß, dass alte Flüssigkeit im System bleibt, etwa in den Pumpen des ABS. Eine Fachwerkstatt hat die Geräte, um sie aus allen Kolben und Ventilen zu holen.

Auch beim Nachfüllen zählt die Sorte. Welche es ist, steht in der Anleitung, meist DOT 4. Andere Flüssigkeiten können laut Yamaha die Gummidichtungen zersetzen. Vorsicht bei den Namen: DOT 5.1 ist wie DOT 4 eine Flüssigkeit ohne Silikon, DOT 5 dagegen eine auf Silikonbasis. KTM schließt DOT 5 etwa in der Anleitung zur 890 Adventure ausdrücklich aus. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.

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So fühlt es sich an, wenn es wirklich regelt

Das kurze Zucken beim Selbsttest ist ein kleiner Vorgeschmack auf das, was du in einer echten Notbremsung spürst. Regelt das ABS, pulsiert der Handbremshebel unter deinen Fingern oder der Fußbremshebel unter deinem Stiefel. So beschreiben es Yamaha, Kawasaki und KTM übereinstimmend. BMW erwähnt in der Anleitung zur R 1300 GS das Pulsieren am Handbremshebel. Kawasaki nennt das normal und schreibt, dass der Bremsvorgang deshalb nicht abgebrochen werden muss.

Yamaha schreibt dazu: weiterbremsen, das ABS arbeiten lassen und nicht pumpen, weil Pumpen die Bremswirkung verringert. Wenn es unter der Hand plötzlich rattert, liegt der Gedanke nahe, die Bremse aufzumachen. Genau dann soll die Hand dranbleiben.

Spüren lässt sich dieses Pulsieren an der MT-07 auch ohne Notbremsung. Ihr ABS hat einen Testmodus, in dem du es am Hand- oder Fußbremshebel fühlen kannst. Dafür braucht es allerdings Spezialwerkzeug, Yamaha verweist deshalb auf die Fachwerkstatt.

Was das ABS nicht kann, steht in den Anleitungen gleich daneben. Laut Honda verkürzt das System an der CB650R den Bremsweg nicht und kann ihn unter bestimmten Umständen sogar verlängern. Für die Ninja 650 nennt Kawasaki als solche Umstände unbefestigte, unebene oder abschüssige Fahrbahnen. Das ABS hält die Räder vom Blockieren ab, an der Haftung des Untergrunds ändert es nichts.

Eine weitere Grenze liegt in der Kurve. Laut der Anleitung zur Ninja 650 können die Räder beim Bremsen in Kurven auch mit ABS wegrutschen. Das Tempo baust du am besten schon vor dem Einlenken ab.

Manche neuere Maschinen haben ein Kurven-ABS, das die Schräglage mitrechnet. BMW schreibt in den Anleitungen zu F 800 GS und R 1300 GS, sein ABS Pro mildere bei einer Schreckbremsung abrupte Änderungen der Lenkkraft und damit das Aufrichten der Maschine. Die Grenzen der Fahrphysik hebe es aber nicht auf.

Üben gehört auf den Platz

Musst du das ABS ab und zu auslösen, damit es gängig bleibt? Technisch gibt es dafür laut ifz keinen Grund, solange die Wartung stimmt. Schaden kann es dem System aber auch nicht.

Sinnvoll ist das Bremsen bis in den Regelbereich trotzdem, nur aus einem anderen Grund. Nicht die Technik soll dabei flott bleiben, sondern der Mensch am Lenker. Das ifz spricht von der „oberen Hälfte“, die beim Bremsen nicht einrosten soll, und meint damit dich. Üben solltest du das am besten jedes Jahr auf sicherem Gelände, etwa in einem Fahrsicherheitstraining. Anbieter solcher Trainings listet unter anderem das ifz auf seiner Website.

Auf öffentlichen Straßen hat so eine Übung nichts zu suchen, auch wenn sie dem ABS am Motorrad nicht schadet. Hinter dir fährt jemand, der nicht weiß, dass du gerade testen willst.

Wenn die ABS-Leuchte anbleibt

Wozu der ganze Selbsttest gut ist, merkst du, wenn etwas nicht stimmt. Geht die ABS-Leuchte nach dem Anfahren nicht aus oder leuchtet sie während der Fahrt auf, musst du damit rechnen, dass deine Maschine wie eine ohne ABS bremst. Honda, Kawasaki und KTM schreiben übereinstimmend, dass die Bremse selbst weiter funktioniert, nur der Schutz vor dem Blockieren fehlt.

Manchmal steckt hinter der Leuchte kein Defekt. Dreht sich das Hinterrad, während die Maschine aufgebockt ist, kann an der Honda CB650R die Leuchte blinken. Zündung aus und wieder an, dann geht sie laut Honda ab 30 km/h aus. Kawasaki zählt für die Ninja 650 weitere Fälle auf, darunter längere Fahrten auf rauen Straßen, ein Vorderrad, das beim Beschleunigen abhebt, und falschen Reifendruck. Außerdem warnt Kawasaki: Ist die Batterie nicht ausreichend geladen, funktioniert das ABS möglicherweise nicht.

Bleibt die Leuchte trotzdem an, lass die Anlage gleich in der Werkstatt prüfen. Das ifz warnt ausdrücklich davor, einfach ohne ABS weiterzufahren, als wäre nichts. Defekte seien selten, kämen aber vor, auch an jüngeren Maschinen, häufiger an älteren mit hoher Laufleistung.

Sicherheitshinweis: Bleibt die ABS-Leuchte an oder geht sie unterwegs an, brems so dosiert wie auf einem Motorrad ohne ABS und fahr nur noch vorsichtig zur nächsten Werkstatt.

Ein blockiertes Vorderrad kann dich in Sekundenbruchteilen zu Fall bringen. Fällt das ABS mitten in einer harten Bremsung aus und blockiert das Vorderrad, löse die Vorderradbremse sofort und brems neu, so wie du es ohne ABS tun müsstest.

Beim Klicken auf den ersten Metern kannst du also weiterrollen. Dein ABS macht gerade seinen kurzen Rundgang, Pumpe und Ventile inklusive. Ob der Test einen Fehler gefunden hat, zeigt dir danach die Leuchte. Den Rest übernehmen die Werkstatt mit frischer Bremsflüssigkeit und du selbst, einmal im Jahr auf dem Übungsplatz.

❓ Häufige Fragen zum ABS-Selbsttest am Motorrad

Warum klickt mein Motorrad beim Losfahren?

Ein Klicken kurz nach dem Losfahren kann vom ABS kommen, das sich nach jedem Einschalten selbst prüft. Bei MT-07, Tracer 700 und MT-07 Tracer von Yamaha läuft dieser Test bei 10 km/h, bei der XSR900 GP schon bei 5 km/h. Yamaha nennt das Klicken normal.


Warum vibriert der Bremshebel kurz beim Anfahren?

Der Bremshebel kann beim ABS-Selbsttest kurz vibrieren, wenn du ihn in diesem Moment leicht ziehst. Yamaha nennt das ausdrücklich kein Anzeichen für eine Störung. Dauert das Pulsieren an oder leuchtet danach die ABS-Lampe, lass die Bremse prüfen.


Muss ich das ABS regelmäßig auslösen, damit es nicht einrostet?

Ein ABS muss nicht regelmäßig ausgelöst werden, solange die Wartung stimmt, so gibt das ifz eine Auskunft von Bosch wieder. Eine automatische Systemprüfung aktiviert demnach Pumpe und Ventile des zweiten Hydraulikkreises regelmäßig. Das Bremsen bis in den Regelbereich empfiehlt das ifz trotzdem, als Übung im Fahrsicherheitstraining.


Wie oft muss die Bremsflüssigkeit bei einem Motorrad mit ABS gewechselt werden?

Die Bremsflüssigkeit ist laut Anleitung zum Beispiel bei Honda CB650R, Kawasaki Ninja 650 und Yamaha MT-07 alle zwei Jahre dran. Bei BMW ist für F 800 GS sowie R 1300 GS der erste Wechsel nach einem Jahr vorgesehen, danach alle zwei Jahre. Verbindlich ist immer die Anleitung deiner Maschine.


Warum blinkt die ABS-Leuchte nach dem Starten weiter?

Die ABS-Leuchte bleibt an oder blinkt, bis die Eigendiagnose fertig ist, und dafür muss das Motorrad rollen. Die Raddrehzahlsensoren liefern erst beim Fahren ein Signal. BMW nennt für F 900 R, F 800 GS und R 1300 GS 5 km/h, Honda für die CB650R etwa 10 km/h, KTM für die 390 Duke etwa 6 km/h.


Kann ich mit leuchtender ABS-Lampe weiterfahren?

Mit leuchtender ABS-Lampe musst du damit rechnen, dass die Maschine wie ein Motorrad ohne ABS bremst und die Räder blockieren können. Fahr vorsichtig und auf direktem Weg in eine Werkstatt. Das ifz rät ausdrücklich davon ab, einfach ohne ABS weiterzufahren.


Kann ich die Bremsflüssigkeit an einem ABS-Motorrad selbst wechseln?

Den Bremsflüssigkeitswechsel an einem Motorrad mit ABS überlässt du nach Ansicht des ifz besser der Werkstatt. In Eigenregie bleibt leicht Altes zurück, gerade in den Pumpen der ABS-Einheit. Werkstätten haben Geräte, mit denen sich die alte Flüssigkeit aus dem ganzen System pumpen lässt.

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