
An der Einmündung rechts wartet ein Auto, es ist schon dunkel. Sein Abblendlicht fällt quer über die Fahrbahn, und du fährst mitten hindurch. Dein Scheinwerfer zeigt nach vorn, dein Rücklicht nach hinten. Wer im Auto sitzt, sieht in diesem Moment etwas anderes: einen gelben Punkt unten an deiner Gabel, der in seinem Licht kurz aufleuchtet.
Katzenaugen am Motorrad heißen im Amtsdeutsch seitliche Rückstrahler. Pflicht sind sie seit 2016 an neuen Motorradtypen und seit 2017 auch an Neumaschinen älterer Typen, mit einer Ausnahme für Restbestände. Der Termin fällt mit Euro 4 zusammen, doch mit der Abgasnorm haben die gelben Punkte nichts zu tun. Sie stammen aus einer Regelung der Vereinten Nationen über das Licht am Motorrad. Die legt auch Höhe, Farbe und Sichtbarkeit fest, und daraus erklärt sich der gelbe Punkt an der Gabel.
Ein Katzenauge leuchtet nicht selbst. Es wirft Licht dorthin zurück, woher es kommt. Am hellsten sieht es deshalb, wer hinter dem Scheinwerfer sitzt, der darauf gerichtet ist. Alle anderen sehen nur ein unscheinbares Stück Kunststoff.
Gebraucht wird es trotzdem, und den Grund liefern die übrigen Leuchten deiner Maschine. Die UN-Regelung Nr. 53 über den Anbau des Lichts an Motorrädern nennt für jede Leuchte einen Winkel, in dem sie mindestens zu sehen sein muss. Beim Abblendlicht und beim Bremslicht sind es 45 Grad nach links und rechts, beim Standlicht vorn und beim Rücklicht 80 Grad.
Genau quer zur Fahrtrichtung muss also keine einzige Leuchte zu sehen sein. Ob dein Rücklicht in der Praxis weiter zur Seite strahlt, hängt von seiner Bauart ab. Vorgeschrieben ist es nicht. Diesen Bereich decken die seitlichen Rückstrahler ab: Sie müssen 30 Grad nach vorn und 30 Grad nach hinten sichtbar sein, gemessen von der Querrichtung aus.
Das ist der Blick, den jemand im Auto an einer Einmündung, an einer Hofausfahrt oder an einer Kreuzung auf deine Flanke hat. Am Tag spielen Rückstrahler dabei kaum eine Rolle. Nachts ist es der Winkel, für den die Regelung die Katzenaugen vorsieht.
Und er entsteht nicht nur, wenn andere warten. Biegst du selbst ab oder wendest du auf einer dunklen Straße, zeigst du dem Gegenverkehr für ein paar Sekunden die Seite.
In der Regelung stehen die seitlichen Rückstrahler auf der Liste der Teile, die jedes Motorrad für seine Genehmigung haben muss. Dazu kommen Scheinwerfer, Blinker, Bremslicht, Rücklicht, Kennzeichenbeleuchtung, Standlicht und der rote Rückstrahler hinten. In der EU gilt diese Liste für neue Motorräder über die Delegierte Verordnung (EU) Nr. 3/2014.
Je Seite sind einer oder zwei vorgeschrieben. Ihre Höhe über dem Boden liegt zwischen 30 und 90 Zentimetern. Außerdem müssen sie so sitzen, dass deine Kleidung oder die deines Sozius sie unter normalen Umständen nicht verdeckt.
Damit fällt die Mitte der Maschine meist weg. In dieser Höhe hängen dort deine Beine, deine Stiefel und die des Sozius. Übrig bleiben die Enden: vorn die Gabel, hinten das Heck oder der Kennzeichenhalter. Ausgerichtet sein müssen die Rückstrahler genau zur Seite, nach außen. Für die Gabel gibt es dazu eine eigene Erlaubnis: Die vorderen dürfen mit dem Lenkeinschlag mitschwenken.
Für den Anbau selbst nennt die Regelung keine besondere Vorschrift, solange Höhe, Ausrichtung und Sichtwinkel stimmen. Deshalb sehen sie von Modell zu Modell anders aus und sitzen nicht überall an der gleichen Stelle.
Die Farben stehen in der Regelung in einer eigenen Liste. Der seitliche Rückstrahler ist vorn gelb und hinten gelb oder rot. Der Rückstrahler, der nach hinten zeigt, ist rot, wie das Rücklicht. Die Blinker sind gelb, das Standlicht vorn weiß oder gelb.
Diese Farbverteilung passt zu einer Grundregel, die ebenfalls in der Regelung steht: Nach vorn darf kein rotes Licht zu sehen sein, nach hinten kein weißes. Rot heißt auf der Straße hinten. Wer von der Seite einen roten Punkt an der Gabel sähe, würde dort das Heck vermuten, wo in Wahrheit die Front deiner Maschine ist.
Am Heck darf der Hersteller wählen. Siehst du an einer neuen Maschine hinten an der Seite ein rotes Katzenauge und vorn ein gelbes, ist das kein Fehler und muss kein Umbau sein.
Dass die Rückstrahler in der Regelung „nicht dreieckig“ heißen, liegt an den Anhängern. Für sie ist das Dreieck reserviert: Die StVZO verlangt an Anhängern zwei rote dreieckige Rückstrahler mit der Spitze nach oben, an Kraftfahrzeugen sind sie dagegen nicht zulässig. Ein Dreieck sagt jedem dahinter: Das vor dir ist ein Anhänger.
Mit dem 1. Januar 2016 begann für neue Motorräder die EU-Verordnung Nr. 168/2013 zu gelten. Ein Teil davon regelt die Abgase, das ist Euro 4. Ein anderer regelt die Sicherheit, dazu gehören Bremsen samt ABS und der Anbau des Lichts. Für Motorräder starteten beide Teile am selben Tag. Neue Typen mussten die Vorgaben ab 2016 erfüllen, Maschinen bereits genehmigter Typen ab 2017, sobald sie neu zugelassen wurden.
Für Restbestände gab es eine Ausnahme. Hersteller konnten für Maschinen aus einer auslaufenden Serie beantragen, sie bis zu 24 Monate lang weiter zuzulassen, in begrenzter Zahl und mit einem Vermerk auf der Übereinstimmungsbescheinigung. Eine Neumaschine von 2017 oder 2018 ohne Katzenaugen muss deshalb kein Umbau sein.
Vor 2016 regelte das eine EU-Richtlinie, zuletzt die 2009/67/EG. In ihrer Liste für Krafträder standen die seitlichen Rückstrahler bei den Einrichtungen, die eine Maschine haben durfte, nicht bei denen, die sie haben musste. Die Richtlinie erkannte aber auch die UN-Regelung als gleichwertig an. Darum tragen manche ältere Maschinen ab Werk Katzenaugen und andere nicht. Mal hat der Hersteller sie freiwillig angebaut, mal verlangte sie die Regel, nach der er seinen Typ genehmigen ließ.
Ein Blick aufs Typschild zeigt, nach welcher Vorschrift deine Maschine genehmigt wurde. Steht in der Nummer der EU-Typgenehmigung die Zeichenfolge 168/2013, ist es die Verordnung, die seit 2016 gilt.
Bei den zweirädrigen Kleinkrafträdern war die alte Richtlinie strenger. Für sie standen die seitlichen Rückstrahler auf der Pflichtliste, bei Mopeds mit nicht einklappbaren Pedalen auch Rückstrahler an den Pedalen. Der 50er-Roller trug die gelben Punkte also schon, als sie an der großen Maschine noch freiwillig sein konnten.
Österreich hat die gleiche Pflicht für neue Motorräder, sie kommt aus der EU-Typgenehmigung.
An einem Motorrad, dessen Typ nach den seit 2016 geltenden Regeln genehmigt wurde, gehören die seitlichen Rückstrahler zur vorgeschriebenen Ausstattung, ebenso wie der rote Rückstrahler am Heck. Sie bleiben dran. Bricht einer ab, kommt ein neuer an die gleiche Stelle. Bei jeder Hauptuntersuchung sind Rückstrahler ein Pflichtpunkt. Der Prüfer schaut dabei unter anderem auf ihren Zustand und darauf, ob alle da sind.
Ab Werk sitzen sie frei. Das kann sich mit dem ersten Zubehör ändern. Yamaha schreibt in seinen Bedienungsanleitungen, etwa in der MT-07-Anleitung vom August 2021, Zubehör sei vor der Benutzung darauf zu prüfen, dass es unter anderem keine Lichter oder Reflektoren verdeckt. Infrage kommen etwa Satteltaschen, Seitenkoffer oder Aufkleber.
Zusätzliche Reflexion lässt die EU-Vorschrift für den Anbau des Lichts dagegen ausdrücklich zu. Bei der Genehmigung dürfen Motorräder hinten und an der Seite zusätzliche rückstrahlende Einrichtungen und Materialien tragen, solange sie die Wirkung der vorgeschriebenen Leuchten nicht beeinträchtigen. Koffer und Satteltaschen nennt sie dabei eigens, mit rückstrahlendem Material in der Farbe der Leuchten, die dort sitzen. Klebst du selbst Reflexfolie an deine Maschine, zählt sie nach der StVZO als lichttechnische Einrichtung. Klär das vor dem Kleben mit einer Prüforganisation.
Die Katzenaugen sitzen tief, und unten an der Gabel landet bei Nässe, was das Vorderrad hochschleudert. Unter einer Schicht Straßendreck wirft ein Rückstrahler weniger Licht zurück. Spül ihn beim Waschen erst mit Wasser ab und wisch dann mit einem weichen Lappen nach. Scharfe Reiniger braucht er nicht.
Ist ein Rückstrahler gesprungen, ausgeblichen oder nach einem Umfaller weg, besorgst du Ersatz passend zum Modell, mit Prüfzeichen darauf. Das kann zum Beispiel ein E mit einer Zahl in einem Kreis sein. Hat sich nur der Halter verbogen, steht das Katzenauge schräg und leuchtet von der Seite schwächer auf.
Prüfen kannst du die Katzenaugen am Motorrad am einfachsten im Dunkeln. Stell die Maschine mit dem Gepäck ab, mit dem du fährst, und halte eine Taschenlampe dicht neben dein Gesicht. Dann gehst du ein paar Meter zur Seite und leuchtest sie an, erst links, dann rechts. Jedes freie Katzenauge leuchtet dir entgegen. Bleibt eines dunkel, sitzt etwas davor, oder es ist verdreckt oder beschädigt.
Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel ordnet die Lage allgemein und journalistisch ein (Stand: Oktober 2026). Er ist keine Rechtsberatung, und Einzelfälle können anders liegen. Bei Umbauten am Licht und an den Rückstrahlern ist eine Prüforganisation oder die Zulassungsbehörde die richtige Adresse.
Die EU-Verordnung von 2013 regelt, was neue Fahrzeuge für ihre Genehmigung brauchen. Ein Nachrüsten älterer Motorräder verlangt sie nicht.
Wer an einer älteren Maschine trotzdem von der Seite besser gesehen werden will, kann nachrüsten, nur eben nicht nach Gefühl. In Deutschland nennt die StVZO eigene Regeln für freiwillige Seitenrückstrahler, daneben steht die EU-Regelung für das Motorradlicht. Einig sind sich beide bei gelben Rückstrahlern mit Prüfzeichen, die nicht höher als 90 Zentimeter über dem Boden sitzen. Bei Anzahl und Lage weichen sie voneinander ab. Welche Regeln für deine Maschine gelten, klärt eine Prüforganisation.
Außerdem erlaubt die StVZO an Krafträdern ausdrücklich weiße rückstrahlende Ringe, die rund um den Reifen laufen. Vom Fahrrad kennt die jeder, am Motorrad sind sie selten.
Am Tag nimmt kaum jemand die gelben Punkte an der Gabel wahr. Ihre Arbeit beginnt, wenn es dunkel wird, und sie arbeiten dann für jemanden, der nicht auf deiner Maschine sitzt. Im Oktober startet ihre Schicht schon vor dem Abendessen, nach der Zeitumstellung am 25. Oktober noch eine Stunde früher.
Sind seitliche Rückstrahler am Motorrad Pflicht?
Für neue Motorradtypen schreibt die EU seitliche Rückstrahler, umgangssprachlich Katzenaugen, seit Januar 2016 vor, für Neumaschinen bereits genehmigter Typen seit Januar 2017. Vorgesehen sind einer oder zwei je Seite, in 30 bis 90 Zentimetern Höhe. Restbestände durften befristet weiter zugelassen werden.
Warum sind die Katzenaugen an der Gabel gelb?
Die Katzenaugen an der Gabel sind gelb, weil die UN-Regelung für das Licht am Motorrad für den vorderen seitlichen Rückstrahler nur diese Farbe zulässt. Hinten darf er gelb oder rot sein. Rotes Licht nach vorn schließt die Regelung ohnehin grundsätzlich aus.
Darf ich die Katzenaugen an meinem Motorrad abschrauben?
Die seitlichen Rückstrahler eines Motorrads, das nach den Regeln ab 2016 genehmigt wurde, gehören zur vorgeschriebenen Ausstattung, so wie der rote Rückstrahler hinten. Sie bleiben dran, und ein kaputter wird durch einen mit Prüfzeichen ersetzt. Bei der Hauptuntersuchung schaut der Prüfer auch auf die Rückstrahler. Änderungen am Licht besprichst du vorher mit einer Prüforganisation.
Muss ich mein älteres Motorrad mit Katzenaugen nachrüsten?
Ein älteres Motorrad musst du nach der EU-Verordnung von 2013 nicht mit Katzenaugen nachrüsten, sie betrifft nur die Genehmigung neuer Fahrzeuge. Willst du trotzdem nachrüsten, nimm gelbe Seitenrückstrahler mit Prüfzeichen und bring sie höchstens 90 Zentimeter über dem Boden an. Ob das an deiner Maschine genügt, sagt dir eine Prüforganisation.
Gilt die Pflicht für Katzenaugen auch in Österreich?
Für neue Motorräder gilt die Pflicht in Österreich genauso wie in Deutschland, weil sie aus der EU-Typgenehmigung stammt. Welche Regeln für ein älteres Fahrzeug gelten, erklären dir in Österreich eine Prüfstelle oder dein Automobilclub.
Braucht ein Motorrad vorne einen Reflektor?
Einen nach vorn gerichteten Rückstrahler sieht die UN-Regelung, nach der neue Motorräder in der EU genehmigt werden, nicht vor. Vorn sitzen die gelben seitlichen Rückstrahler, die zur Seite zeigen, oft an der Gabel. Nach hinten ist am Motorrad ein roter Rückstrahler vorgeschrieben, häufig sitzt er am Kennzeichenhalter.
Haben Roller und Mopeds auch Katzenaugen?
Roller mit mehr als 50 Kubik gehören in der EU zur gleichen Fahrzeugklasse wie Motorräder und brauchen deshalb die gleichen seitlichen Rückstrahler. Bei zweirädrigen Mopeds schrieb sie schon die frühere EU-Richtlinie 2009/67/EG vor, genauso wie heute.
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