
Kehre 34 am Stilfser Joch, von Prad kommend. Vor dir ein Wohnmobil, hinter dir einer, der schneller will, und in der Kehre selbst liegt eine Handvoll Rollsplitt, die irgendwer aus dem Innenradius rausgetragen hat. Du hast zwei Sekunden für eine Entscheidung, die du eigentlich längst getroffen hast: Kupplung schleifen oder Hinterradbremse? Und du bist überzeugt, dass deine Antwort die richtige ist.
Das ist das Merkwürdige an dieser Frage. Frag zehn Fahrer an der Passhöhe, du bekommst zehn feste Meinungen und keinen Zweifel. Kein Thema in der Fahrtechnik ist so klar besetzt und so selten begründet.
Die Kupplungs-Fraktion argumentiert mit Kontrolle. Am Schleifpunkt bestimmst du millimetergenau, wie viel Antrieb ans Hinterrad geht. Kein Ruckeln, kein Absterben, kein Lastwechsel mitten im Einschlag. Wer aus dem Gelände kommt, hat genau das gelernt.
Die Bremsen-Fraktion argumentiert mit Stabilität. Ein leicht geschleppter Fußbremshebel spannt das Fahrwerk, hält das Motorrad ruhig und erlaubt dir, gleichzeitig ein Stück Gas stehen zu lassen. Das Bike hängt dann zwischen Antrieb und Verzögerung wie an zwei Seilen - und wackelt nicht.
Beide Beschreibungen sind korrekt. Nur reden sie über zwei verschiedene Bauteile mit zwei verschiedenen Aufgaben, und deswegen führt die Streitfrage in die Irre. Kupplung schleifen oder Hinterradbremse ist keine Alternative. Es ist eine Arbeitsteilung.
Die Kupplung dosiert, wie viel Drehmoment ankommt. Die Bremse dosiert, wie viel davon in Geschwindigkeit umgesetzt wird. Wer nur eines von beidem bedient, muss das andere Werkzeug überfordern - und genau dort entstehen die Fehler, die du am Pass so oft siehst.
Rechne einmal nach, warum du sie überhaupt brauchst. Im ersten Gang bei Standgas rollt ein Motorrad je nach Übersetzung mit grob zehn bis fünfzehn km/h. Eine echte Spitzkehre bergauf, mit Gegenverkehr und Rollsplitt im Innenradius, fährst du langsamer. Deutlich langsamer.
Damit ist die Frage entschieden, bevor du sie stellst: Unter Standgas-Geschwindigkeit im ersten Gang gibt es keinen Weg ohne schleifende Kupplung. Alles andere heißt abwürgen oder hüpfen. Bei Reise-Enduros mit langem erstem Gang ist der Abstand zwischen „Standgas“ und „so langsam wie die Kehre es verlangt“ besonders groß.
Am Schleifpunkt passiert dabei etwas, das viele unterschätzen. Du entkoppelst Motordrehzahl und Radgeschwindigkeit, ohne den Kraftfluss zu unterbrechen. Der Motor läuft in seinem Wohlfühlbereich, das Hinterrad dreht so langsam, wie es will, und dazwischen sitzt eine kontrollierte Rutschkupplung, die du mit zwei Fingern steuerst.
Das Entscheidende: Ein leichter Zug am Hinterrad bleibt erhalten. Genau dieser Zug ist es, der das Motorrad im Einschlag aufrichtet und stabil hält. Ziehst du die Kupplung ganz, verlierst du ihn - und das Bike fällt in den Radius, statt zu tragen.
Warum das überhaupt geht, ohne dass sofort etwas kaputtgeht, liegt am Öl. Fast jedes moderne Motorrad hat eine Nasskupplung, die im Ölbad läuft. Das Öl nimmt die Reibungswärme auf und führt sie ab, deshalb verträgt so eine Kupplung deutlich mehr Schleifen als eine trockene. Trockenkupplungen, wie sie früher in einzelnen Sportmodellen verbaut wurden, sind da erheblich empfindlicher: Sie haben nur Luft zum Kühlen.
Und jetzt zur zweiten Fraktion, denn deren Punkt ist mindestens so stark. Die Hinterradbremse ist im Schritttempo kein Verzögerungswerkzeug. Sie ist ein Stabilisator.
Sobald du sie leicht schleifen lässt, spannst du den Antriebsstrang zwischen Motor und Bremse ein. Das Fahrwerk setzt sich, das Heck bleibt ruhig, die Lenkung wird berechenbarer. Vor allem aber: Du kannst gleichzeitig etwas Gas stehen lassen. Konstantes Gas plus schleifende Bremse ergibt eine Fahrsituation ohne Lastwechsel - und Lastwechsel sind das, was dich bei vollem Einschlag umlegt.
Das ist der Grund, warum in jedem ordentlichen Fahrsicherheitstraining Übungen dabei sind, in denen du absichtlich so langsam wie möglich fährst, mit schleifender Kupplung und schleifender Fußbremse gleichzeitig. Nicht als Kunststück. Als Grundhandwerk.
Der zweite Vorteil ist banal und wird trotzdem selten genannt: Die Hinterradbremse arbeitet auch dann, wenn dein linker Arm im vollen Einschlag ohnehin schon beschäftigt ist. Ein Fuß, ein Hebel, kein Nachdenken.
Sicherheitshinweis: Am vollen Lenkeinschlag greifst du nicht in die Vorderradbremse. Ein blockierendes Vorderrad bei stehendem Lenker legt das Motorrad in Sekundenbruchteilen um - und in einer Spitzkehre bergauf fällt es dir dann hangabwärts entgegen, mit deinem Bein darunter.
Hier wird aus der Grundsatzfrage endlich eine praktische Antwort. Bergauf hilft dir die Steigung: Sie bremst schon von selbst. Du brauchst wenig Verzögerung und viel saubere Kraft.
Also führt die Kupplung. Du gehst früh in den ersten Gang, kommst mit gleichmäßigem, leicht geöffnetem Gas in die Kehre und dosierst die Geschwindigkeit über den Schleifpunkt. Die Fußbremse bleibt dabei als Feinregler dabei - ein Hauch Druck, mehr nicht, um das Fahrwerk zu beruhigen und Pendeln aus dem Lenker zu nehmen.
Wenn dir die Frage Kupplung schleifen oder Hinterradbremse bergauf trotzdem einer stellt, ist die ehrliche Antwort: Kupplung, plus einen Fingerbreit Bremse. Nicht umgekehrt. Umgekehrt heißt, gegen den Antrieb anzubremsen und Wärme in beides zu jagen.
Zwei Dinge sabotieren dir das trotzdem. Erstens der zweite Gang, weil er sich bergauf so schön ruhig anfühlt - bis der Motor im Einschlag ins Ruckeln kommt und du zwischen Abwürgen und Kupplung-ziehen wählen musst. Zweitens der Blick: Wer die Kehre anschaut, fährt in sie hinein. Wer den Ausgang anschaut, kommt raus.
Bergab dreht sich alles. Der Hang schiebt, das Gewicht wandert nach vorn, und der Motor ist plötzlich kein Antrieb mehr, sondern deine wichtigste Bremse.
Deshalb bleibt die Kupplung bergab geschlossen, solange der Motor rund läuft. Ziehst du sie, verlierst du die Motorbremse in dem Moment, in dem du sie am dringendsten brauchst, und das Motorrad wird schneller, obwohl du nichts getan hast. Wer bergab in der Kehre die Kupplung zieht, um „ruhiger“ zu werden, macht die Situation meistens hektischer.
Eine Ausnahme gibt es allerdings, und sie betrifft genau die Kehren, die weh tun: den engen Innenradius einer steilen Abfahrt. Dort fällt die Drehzahl unter Standgas, der Motor fängt an zu ruckeln und schiebt diese Stöße direkt ins Hinterrad - im Einschlag ist das das Letzte, was du brauchst. Hier ist die Kupplung nicht dazu da, Kraft zu dosieren, sondern um den bockenden Motor abzukoppeln. Wer das macht, muss aber wissen, was er dabei aufgibt: Mit der Kupplung ist auch die Motorbremse weg, und das Tempo hängt komplett an der Hinterradbremse. Die liegt deshalb schon an, bevor die Hand zum Hebel geht, nicht danach.
Die Geschwindigkeit regelst du hier also über die Bremsen, und ein guter Teil davon läuft hinten. Die Vorderradbremse setzt du vor dem Einschlag ein, in der aufrechten Phase, dosiert und früh. Im Einschlag selbst ist die Fußbremse dein Werkzeug.
Ein Punkt, den fast niemand auf dem Zettel hat: Wenn du zehn Kehren am Stück bergab die Hinterradbremse schleppst, wird sie heiß. Richtig heiß.
Das hat einen Grund, der gar nicht in der Bremse liegt: Bergab wandert die Radlast nach vorn, das Hinterrad wird leicht, und ein leichtes Rad kann über die Bremse kaum noch verzögern. Der Fuß spürt, dass wenig passiert, und drückt fester. Was dabei vor allem entsteht, ist Wärme.
Bremsflüssigkeit, die schon Wasser gezogen hat, kann dann Dampfblasen bilden, und der Hebel geht plötzlich weiter durch als gewohnt. Motorbremse und ein niedriger Gang sind bergab nicht nur bequem - sie sind der Grund, warum die Bremse ihre Reserve behält. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch, wenn es um Bremsflüssigkeit und Wechselintervalle geht.
Jetzt der Teil, um den sich die Passhöhen-Diskussion in Wahrheit dreht. Beide Lager haben nämlich Angst um Bauteile - nur um verschiedene.
Wer die Kupplung schont, denkt an Beläge und Öl. Und ja, Schleifen kostet. Jede Minute, in der die Scheiben rutschen, wird Bewegungsenergie in Wärme umgesetzt, die das Öl abtransportieren muss. Wird es zu viel, verglasen die Reibbeläge, verziehen sich die Stahlscheiben, und das Öl nimmt Schaden. Die Rechnung kommt allerdings verzögert: Du merkst es nicht in der Kehre, sondern Wochen später, wenn die Drehzahl auf der Autobahn beim Beschleunigen kurz hochspringt, ohne dass das Motorrad schneller wird.
Wer die Bremse schont, denkt an Beläge und Scheibe - und die sind hinten billiger als eine Kupplung. Der wahre Preis liegt woanders, nämlich bei der Hitze in der Anlage. Ein hinterer Bremsbelag, der eine Passabfahrt lang mitschleift, ist Verbrauchsmaterial. Eine ausgekochte Bremsflüssigkeit ist ein Sicherheitsproblem.
Damit ist die Kostenfrage ziemlich unromantisch entschieden. Kurze, dosierte Kupplungsphasen in einzelnen Kehren interessieren eine Nasskupplung wenig. Dauerhaftes Schleifen über eine ganze Auffahrt interessiert sie sehr. Und dauerhaftes Bremsenschleppen bergab interessiert deine Bremsanlage.
Kommt dazu noch ein Sozius und Gepäck, verschiebt sich alles nach oben: mehr Masse, mehr Antrieb bergauf, mehr Verzögerung bergab, mehr Wärme in beidem. Ein Motorrad, das solo locker durch die Kehre kommt, will voll beladen früher in den ersten Gang.
Und es gibt einen Faktor, der nichts mit deiner Technik zu tun hat: die Übersetzung, die dein Hersteller gewählt hat. Ein Bike mit kurzem erstem Gang und viel Drehmoment von unten macht Spitzkehren fast von allein. Eine drehmomentschwache Maschine mit langem erstem Gang zwingt dich in die Kupplung, ganz egal, welcher Fraktion du dich zugehörig fühlst. Wer sich mit einer solchen Maschine am Pass für einen schlechten Fahrer hält, verwechselt Technik mit Ausstattung.
Der erste ist die ganz gezogene Kupplung. Sie fühlt sich sicher an, weil nichts mehr zieht, und ist genau deshalb gefährlich: kein Zug, kein Aufrichten, kein stabiles Hinterrad. Motorräder fallen in Spitzkehren fast nie um, weil sie zu schnell waren - sondern weil unten kein Antrieb mehr ankam.
Der zweite ist zu viel Fuß. „Schleifen“ heißt schleifen. Wer richtig zutritt, blockiert das Hinterrad, und ein blockiertes Hinterrad im Einschlag rutscht seitlich weg. Bei Maschinen mit ABS am Hinterrad passiert das später und weniger dramatisch, aber verlassen solltest du dich darauf nicht - eine Regelung ist kein Ersatz für Dosierung.
Der dritte ist die Panikreaktion nach vorn. Kehre zu eng eingefahren, Radius reicht nicht, Hand greift zur Vorderradbremse. Das ist die Bewegung, die dich hinlegt. Die einzige Rettung in dieser Sekunde heißt: Blick zum Ausgang, Fuß auf die Hinterradbremse, Kupplung an den Schleifpunkt, weiterlenken. Klingt nach viel für eine halbe Sekunde. Genau deshalb übst du es auf einem leeren Parkplatz und nicht am Berg.
Das Gute an dieser ganzen Diskussion: Sie ist auf einem leeren Parkplatz in zwanzig Minuten entschieden. Nicht theoretisch, sondern in deinen Händen und Füßen. Volle Montur, auch bei 5 km/h - ein Sturz aus dem Stand bricht Handgelenke genauso zuverlässig wie ein Sturz bei Tempo 80.
Erste Übung: geradeaus so langsam fahren, wie du kannst. Beide Füße auf den Rasten, Blick weit nach vorn, konstantes Gas, Geschwindigkeit ausschließlich über den Schleifpunkt. Zwanzig Meter, und du willst dafür so lange brauchen wie möglich. Das ist der Moment, in dem du deinen Schleifpunkt kennenlernst, statt ihn zu vermuten.
Zweite Übung: dasselbe noch einmal, jetzt mit leicht mitgeschleppter Fußbremse. Der Unterschied ist verblüffend deutlich. Das Motorrad steht plötzlich wie auf Schienen, weil du das Wackeln aus dem System genommen hast.
Dritte Übung: ein Achter um zwei Markierungen, und in jeder Runde ziehst du die Markierungen etwas zusammen, bis der Lenker am Anschlag steht. Hier lernst du, dass der Radius fast immer reicht - und dass es nicht der Radius war, der dich beunruhigt hat, sondern das Tempo.
Eine Regel für alle drei: Die rechte Hand hat während der Übung nichts an der Vorderradbremse zu suchen. Nimm die Finger komplett vom Hebel. So kann die Panikreaktion, die dich am Berg hinlegt, gar nicht erst entstehen - und nach ein paar Runden ist sie auch nicht mehr dein erster Reflex.
Die ehrliche Antwort auf Kupplung schleifen oder Hinterradbremse ist unbequem, weil sie niemandem den Sieg schenkt: Bergauf führt die Kupplung und die Bremse beruhigt, bergab führt die Bremse und die Kupplung bleibt zu, solange der Motor rund läuft. Wer nur ein Werkzeug hat, fährt jede Kehre mit dem falschen.
Und dann gibt es noch die dritte Variante, die niemand am Pass zugibt. Anhalten. Wohnmobil vorbeilassen, zwei Sekunden atmen, sauber wieder los. Es gibt keinen einzigen Grund, eine Kehre unter Druck zu fahren, außer dem Blick im Rückspiegel - und der ist selten ein guter Ratgeber.
Soll ich in der Spitzkehre die Kupplung schleifen lassen oder die Hinterradbremse benutzen?
Beides, aber je nach Richtung mit unterschiedlicher Hauptrolle. Bergauf dosierst du die Geschwindigkeit über den Schleifpunkt der Kupplung und begleitest mit einem Hauch Hinterradbremse. Bergab bleibt die Kupplung geschlossen, damit die Motorbremse arbeitet, und die Fußbremse übernimmt die Feinregelung. Nur in der engsten Phase einer steilen Abfahrt, wenn die Drehzahl unter Standgas fällt und der Motor ruckelt, ziehst du sie - dann verzögert allein die Hinterradbremse.
Nehme ich der Kupplung Lebenszeit, wenn ich sie schleifen lasse?
Kurze, dosierte Schleifphasen in einzelnen Kehren steckt eine Nasskupplung im Ölbad gut weg, weil das Öl die Wärme abführt. Kritisch wird dauerhaftes Schleifen über lange Strecken: Dann können Reibbeläge verglasen und die Kupplung rutscht später unter Last. Trockenkupplungen sind dabei deutlich empfindlicher.
Warum darf ich am vollen Lenkeinschlag nicht vorne bremsen?
Weil das Vorderrad bei stehendem Lenker kaum Seitenführung hat. Blockiert es, kippt das Motorrad in Sekundenbruchteilen weg, und du hast keine Chance zu korrigieren. In der Langsamfahrt gehört die Verzögerung deshalb nach hinten.
Erster oder zweiter Gang in der Spitzkehre?
Erster Gang, und zwar vor der Kehre eingelegt. Der zweite fühlt sich ruhiger an, lässt dir aber im Einschlag keine Reserve: Sobald der Motor ins Ruckeln kommt, musst du kuppeln, und genau dann verlierst du den stabilisierenden Zug am Hinterrad.
Was mache ich, wenn der Radius mitten in der Kehre nicht reicht?
Blick zum Kurvenausgang, Kupplung an den Schleifpunkt, dosiert auf die Hinterradbremse und weiterlenken. Nicht aufrichten und nicht nach vorne greifen. Wenn du das Gefühl hast, es wird nicht reichen: anhalten, absetzen, neu ansetzen. Das ist keine Schande, das ist Erfahrung.
Kann die Hinterradbremse auf einer langen Passabfahrt überhitzen?
Ja. Wer sie kilometerlang mitschleppt, heizt die Anlage auf, und Bremsflüssigkeit mit Wasseranteil kann Dampfblasen bilden - der Hebel geht dann weiter durch als gewohnt. Deshalb bergab in einem niedrigen Gang fahren und die Motorbremse arbeiten lassen.
Ändert sich die Technik mit Sozius und Gepäck?
Ja, alles wird träger und braucht mehr Reserve. Geh früher in den ersten Gang, plane mehr Platz ein und rechne bergab mit deutlich längeren Bremswegen. Was dein Motorrad an Zuladung tragen darf, steht im Fahrzeughandbuch.
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