
Es ist dieser eine, fiese Moment, den jeder Motorradfahrer fürchtet. Du ziehst an einem sonnigen Sonntagnachmittag auf deiner absoluten Lieblings-Landstraße in Schräglage, der Motor singt, die Linie passt perfekt. Und plötzlich spürst du ein schwammiges, unpräzises Gefühl im Hinterrad. Das Motorrad lenkt träge ein, das Heck beginnt beim Rausbeschleunigen leicht zu schmieren. Du ahnst Schreckliches, rollst an den Straßenrand, klappst den Seitenständer aus und dein Blick fällt auf den massiven 180er Hinterreifen. Da steckt er: ein glänzender, dicker Schraubenkopf, zielsicher direkt in die Mitte der weichen Lauffläche gebohrt. Ein leises Zischen bestätigt dein Ende der Tour.
Wenn du jetzt in einer Gegend ohne Handyempfang stehst, an einem Sonntag, fernab jeder ADAC-Station oder Motorradwerkstatt, hast du exakt zwei Optionen. Entweder du beginnst einen stundenlangen, frustrierenden Fußmarsch, oder du ziehst ein kleines, unscheinbares Täschchen unter deiner Sitzbank hervor, reparierst den Reifen selbst und fährst zwanzig Minuten später vorsichtig, aber aus eigener Kraft nach Hause.
Ein Reifenpannenset (oft „Flickzeug“ genannt) in Kombination mit einer effektiven Luftquelle gehört zur absoluten Grundausstattung eines jeden Tourenfahrers. Es ist die beste und günstigste Versicherung gegen gestrandete Urlaubstage. Nur nützen dir das beste Set und die stärkste Pumpe gar nichts, wenn du im Ernstfall panisch am Straßenrand stehst und nicht genau weißt, wie du beides unter Stress anwendest.
⚠️ Sicherheitshinweis: Ein von außen eingebrachter Gummistopfen (Wurm) ist immer nur eine temporäre Notfallreparatur! Er dient ausschließlich dazu, dich mit deutlich reduzierter Geschwindigkeit zur nächsten Fachwerkstatt zu bringen. Die maßgebliche Zahl fürs Motorrad kommt vom ADAC: höchstens 50 km/h, möglichst ohne Sozius und ohne zusätzliches Gepäck, auf kürzest möglicher Strecke. Die 80 km/h, die du überall liest, stehen auf Pkw-Dichtmittel-Sets und sind hier nicht der Maßstab. Vermeide starke Beschleunigung, hartes Bremsen und tiefe Schräglagen. Und das Wichtigste, weil es fast überall falsch steht: Sobald ein Stopfen oder eine Dichtschnur im Reifen steckt, ist eine spätere fachgerechte Reparatur laut ADAC nicht mehr zulässig. Der Reifen wird danach ersetzt, nicht geflickt. Trotzdem gehört er in die Werkstatt: Der ADAC verlangt ausdrücklich, ihn nach der Notreparatur von einer Fachkraft beurteilen zu lassen - schon weil nur die sieht, ob auch die Felge etwas abbekommen hat (Stand: August 2026).
Um zu verstehen, was wir gleich tun werden, musst du den Aufbau deines Motorradreifens verstehen. Die allermeisten modernen Straßenmotorräder fahren auf schlauchlosen Reifen, erkennbar an der Kennzeichnung „Tubeless“ oder „TL“ auf der Flanke. Hier gibt es keinen fragilen Gummischlauch im Inneren, der sofort platzt. Die Luft wird direkt zwischen der starren Felge und der dichten Gummihaut des Reifens gehalten.
Fährst du dir einen Nagel ein, geht er zuerst durch die Lauffläche, dann durch den Gürtel und erst danach durch die Karkasse und die luftdichte Innenschicht. Der Gürtel besteht je nach Reifen aus Stahlcord oder aus Aramid- beziehungsweise Textilfasern. Doch oft dichtet das zähe Gummi den Fremdkörper anfangs noch ab. Der Druckverlust ist schleichend - und genau darin steckt die zweite Gefahr. Der entscheidende Schaden entsteht nämlich häufig nicht durch den Nagel, sondern durch die Kilometer danach: Wer mit deutlich zu wenig Druck weiterfährt, walkt die Karkasse von innen kaputt, und von außen siehst du davon nichts. Deshalb verlangt der ADAC, den Reifen nach jeder Notreparatur von einer Fachkraft beurteilen zu lassen. Sobald sich das Fahrverhalten verändert hat, ist der Wurm nur noch dein Heimweg - keine Rettung des Reifens. Genau dieses System der massiven, stabilen Karkasse machen wir uns bei der Reparatur zunutze. Wir stopfen das Loch nicht von innen, sondern pressen einen klebrigen, chemisch reagierenden Gummistreifen mit roher Gewalt von außen durch den Gürtel.
Wichtig: Diese Reparaturmethode funktioniert ausschließlich bei schlauchlosen Reifen (Tubeless). Wenn du ein Motorrad mit Schlauch fährst - heute vor allem ältere Maschinen und ein Teil der Enduro- und Offroad-Modelle -, bringt dir das Stopfenset nichts. Verlass dich dabei nicht auf die Speichen: Moderne Kreuzspeichenräder sind meist schlauchlos. Es zählt allein, was auf der Flanke steht, TL oder TT. In diesem Fall musst du das Rad ausbauen und den Schlauch wie beim Fahrrad flicken - was unterwegs auf dem Seitenständer ein Albtraum ist.
Ein vernünftiges Reparaturset für Motorradreifen kostet im Fachhandel zwischen 20 und 40 Euro (Stand: August 2026). Es sollte kompakt sein, um unter jede Soziussitzbank zu passen. Öffnest du es, findest du in der Regel folgendes Spezialwerkzeug:
Es ist passiert. Du hast den Übeltäter lokalisiert. Jetzt musst du Ruhe bewahren. Die Reparatur erfordert Kraft, Präzision und Entschlossenheit. Halte dich exakt an diese Reihenfolge.
Stelle das Motorrad sicher ab, am besten auf den Hauptständer, falls vorhanden, oder lege den ersten Gang ein, damit es auf dem Seitenständer nicht wegrollt. Markiere dir das Loch zur Not mit einem Kreidestift, falls du den Nagel entfernst und das winzige Loch im schwarzen Gummi danach im Sonnenlicht nicht wiederfindest. Nutze die Zange, um den Nagel oder die Schraube mit einem kräftigen Ruck gerade herauszuziehen. Vorsicht: Jetzt entweicht die restliche Luft sofort stoßartig.
Dieser Schritt erfordert körperliche Überwindung. Du musst das Loch vergrößern. Nimm die raue Reibahle (das Raspelwerkzeug) und stoße sie mit voller Kraft genau in dem Winkel in das Loch, in dem auch der Nagel steckte. Du wirst ein raues, kratzendes Geräusch hören. Das ist normal und es ist auch nicht das Geräusch von Zerstörung: Die Ahle weitet den Stichkanal, raut seine Wände auf und schleift laut ADAC dabei die Stahlfäden der Karkasse ab, die in den Kanal ragen. Durchtrennt ist der Gürtel an dieser Stelle längst - das hat der Nagel erledigt, nicht du. Ja, du machst den Kanal dabei etwas größer, anders geht es nicht. Genau deshalb gilt die 4,5-Millimeter-Grenze für die Schadenstelle: Wer ein ohnehin fettes Loch noch aufreibt, ist raus aus der Freigabe.
Stoße die Ahle mehrmals kräftig rein und raus. Das Ziel ist es, das Loch minimal zu weiten und die Ränder des Gummis aufzurauen. Nur an einer angerauten, sauberen Oberfläche kann die Vulkanisierflüssigkeit später eine chemische Verbindung (Kaltvulkanisation) eingehen. Ohne dieses Aufrauen findet der Kleber keinen Halt, und der Stopfen arbeitet sich unter Innendruck und Walkarbeit früher oder später wieder heraus. Lass die Ahle am Ende vorerst im Reifen stecken, damit keine weitere Luft entweicht und du das Loch nicht verlierst.
Nimm das Einführwerkzeug (die Nadel mit dem Öhr). Fädle einen der klebrigen Gummistreifen (den „Wurm“) exakt mittig durch das Öhr, sodass auf beiden Seiten gleich viel Material heraushängt. Das ist eine fummelige, klebrige Angelegenheit. Bestreiche nun den kompletten Wurm und die Spitze des Werkzeugs großzügig mit der Vulkanisierflüssigkeit aus der Tube. Spare hier nicht, das Lösungsmittel löst die Gummioberflächen an und macht sie klebrig, gleichzeitig schmiert es beim Einführen. Mit echter Vulkanisation hat das trotz des Namens auf der Tube übrigens nichts zu tun. Das ist ein Kleber, mehr nicht.
Jetzt wird es wieder anstrengend. Ziehe die Reibahle aus dem Reifen und drücke stattdessen SOFORT das Einführwerkzeug samt klebrigem Wurm mit dem ganzen Oberkörper in das Loch. Es wird schwer gehen. Drücke so lange, bis von den beiden Enden außen nur noch etwa fünf bis zehn Millimeter herausschauen.
Jetzt kommt der Trick, bei dem viele Anfänger scheitern. Du darfst das Werkzeug jetzt nicht einfach langsam wieder herausziehen. Andernfalls ziehst du den mühsam platzierten Wurm gleich wieder mit raus. Der Spalt an der Spitze des Werkzeugs ist dafür da, den Wurm loszulassen. Ziehe das Werkzeug mit einem extrem schnellen, absolut geraden Ruck heraus. Der Gummiwurm bleibt im Reifen stecken, presst sich durch die Form und den Kleber sofort in den verletzten Gürtel und dichtet das Loch hermetisch ab.
Jetzt Geduld: Der ADAC macht das Abschneiden nicht an einer Uhrzeit fest, sondern am Zustand - erst wenn das Vulkanisationsmittel getrocknet ist, darf das Messer ran. In der Praxis sind das ein paar Minuten, aber fass lieber einmal mehr an, statt auf die Uhr zu schauen. Nimm dann das Cuttermesser und schneide die überstehenden Enden des Gummistreifens bündig mit dem Reifenprofil ab. Schneidest du es nicht ab, wird der überstehende Knuppel bei jeder Radumdrehung den Asphalt berühren und den Stopfen durch die Reibung langsam wieder aus dem Reifen walken.
⚠️ Wichtiger Hinweis für Bikes mit RDKS: Viele moderne Reise- und Tourenmotorräder haben ab Werk ein Reifendruckkontrollsystem. Der Funksensor sitzt innen im Felgenbett direkt am Ventil - also tief unten und damit weit außerhalb der Reichweite deiner Ahle. Gefährlich für ihn ist etwas anderes: die Sprühdose. Laut ADAC können Dichtmittel und die darin enthaltenen Lösungsmittel die Sensoren beschädigen. Genau deshalb ist das Stopfen-Set beim RDKS-Bike die klar bessere Wahl. Stoße die Ahle trotzdem nur so tief ein wie nötig: Sobald du durch bist, hast du innen nichts mehr zu suchen.
Die beste Reparatur nützt dir überhaupt nichts, wenn du danach einen perfekt abgedichteten, aber völlig platten Reifen hast. Du brauchst Luft, und zwar viel davon. Hier scheiden sich die Geister der Tourenfahrer.
Den meisten kompakten Pannensets liegen drei kleine CO2-Kartuschen (Patronen) bei. Das Prinzip ist simpel: Du schraubst einen Adapter auf dein Reifenventil, drehst die Patrone ein und das extrem komprimierte Gas schießt in den Reifen.
Die Realität: Eine winzige Kartusche bringt gefühlt nichts. Drei Kartuschen bringen einen fetten 180er Hinterreifen einer Tourenmaschine bestenfalls in den Bereich um 1,5 Bar - belastbare Herstellerzahlen dafür gibt es kaum, plan also pessimistisch. Und dieser Druck ist kein Fahrdruck. Der ADAC wird da ungewohnt deutlich: Der Wulst eines schlauchlosen Motorradreifens mit zu geringem Druck kann sich vom Felgenhorn lösen und unvermittelt ins Tiefbett rutschen, die Luft ist schlagartig komplett raus, und „die Maschine ist dann häufig unkontrollierbar, was unweigerlich zu einem Sturz führt“. Im Klartext: Kommst du nach den Kartuschen nicht wenigstens in die Nähe des Solldrucks, schiebst du. Fahr also wirklich nur bis zur nächsten Tankstelle und keinen Meter weiter.
Dazu kommt die Kälte. In der Kartusche steht das CO2 unter so hohem Druck, dass es flüssig ist. Beim Entleeren verdampft es und entzieht die dafür nötige Wärme dem, was am nächsten dran ist: dem restlichen Inhalt und der Metallwand. Die wird binnen Sekunden eiskalt und beschlägt sichtbar. Der ADAC weist ausdrücklich darauf hin. Halte sie nie mit bloßer Hand, sondern immer mit einem Handschuh, sonst riskierst du einen Kältebrand.
Und eines noch, das kaum jemand sagt: CO2 gehört nicht dauerhaft in den Reifen. Der ADAC rät ausdrücklich, das Gas bei nächster Gelegenheit gegen normale Luft zu tauschen. Reines CO2 wandert schneller durch die Innenhaut des Reifens als Luft, der Druck fällt also weiter, auch wenn dein Stopfen tadellos dicht sitzt. Wer das nicht weiß, sucht später ein Leck, das gar keines ist.
Wer Platz hat, verbannt die CO2-Kartuschen und investiert 30 bis 70 Euro (Stand: August 2026) in einen portablen Mini-Kompressor mit Akku. Diese akkubetriebenen Geräte sind kaum größer als eine dicke Powerbank.
Der Vorteil: Sie pressen dir völlig stressfrei, per Knopfdruck und digitaler Vorwahl exakt 2,9 Bar in deinen Hinterreifen. Eine Einschränkung gibt es: Die Winzlinge haben Maximallaufzeiten und wollen zwischendurch abkühlen. Dafür musst du dir keine Finger erfrieren, hast keine limitierte Anzahl an Schüssen und kannst den Druck nach ein paar Kilometern bequem nachkontrollieren.
Alternativ gibt es ultraleichte 12-Volt-Kompressoren ohne eigenen Akku, die du an die Bordsteckdose oder über einen SAE-Stecker direkt an die Batterie hängst. Vorsicht bei modernen Bikes: Die Bordsteckdose ist dort oft elektronisch auf nur wenige Ampere begrenzt, und der Anlaufstrom eines Kompressors liegt darüber. Dann schaltet die Bordelektronik einfach ab. In diesem Fall hilft nur ein direkter, abgesicherter Kabelbaum an die Batterie.
Du hast das Loch gestopft, der Reifen hat wieder 2,9 Bar. Du wartest zehn Minuten. Keine Bläschen, kein Zischen. Der Reifen hält. Was nun?
Erst einmal die Einordnung, weil dazu viel Halbgares kursiert: Es gibt in Deutschland keine Vorschrift, die dir nach einer Notreparatur ein Tempolimit von 80 km/h aufs Nummernschild schreibt. Die 80 km/h stehen in den Beipackzetteln vieler Pannensets, nicht im Gesetz. Der ADAC geht sogar weiter und rät nach einer solchen Reparatur zu höchstens 50 km/h, ohne Sozius und ohne Gepäck. Ein Freibrief ist das trotzdem nicht: Laut ADAC ist eine Reifenreparatur nach § 36 StVZO zwar grundsätzlich erlaubt, aber nur durch eine Fachkraft nach Prüfung des Schadens und nach Herstellervorgabe. Daneben gibt es die amtliche Richtlinie für die Instandsetzung von Luftreifen, und die hat einen eigenen Absatz für Kraftradreifen: Zulässig sind Stichverletzungen bis höchstens sechs Millimeter Schadensausdehnung im Laufflächenbereich, alles außerhalb der Lauffläche ist beim Kraftrad ausdrücklich unzulässig. Michelin grenzt auf seinen Motorradseiten noch enger ein und nennt eine T-Zone von etwa drei Vierteln der Lauffläche, die den Rand der Lauffläche und die Flanke ausschließt - die Schulter zählt dort also schon zum Sperrgebiet, obwohl da noch Profil ist. Bei ZR-markierten Reifen - also praktisch jedem fetten Hinterreifen - nennt Michelin sogar nur drei Millimeter. Für dein Set am Straßenrand gilt noch eine eigene Grenze: Viele Systeme sind laut ADAC nur bis 4,5 Millimeter Einstichdurchmesser freigegeben. Schau also genau hin, bevor du loslegst: Der Schraubenkopf sagt dir wenig, es zählt das Loch, das der Schaft hinterlassen hat (Stand: August 2026).
Und jetzt der Satz, der in fast jeder Anleitung im Netz fehlt: Dein Wurm ist keine Vorstufe der richtigen Reparatur, er ersetzt sie nicht und er ermöglicht sie auch nicht. Er beendet sie. Der ADAC schreibt es unmissverständlich: Wurden Stöpsel, Stopfen oder Dichtschnüre eingesetzt, darf der Reifen anschließend nicht mehr repariert werden. Dasselbe gilt für Pannenspray aus der Dose. Heißt für dich: Der Reifen, den du am Straßenrand gerettet hast, ist ein Reifen auf Abruf. Er bringt dich heim, und dann kommt er runter.
Das klingt bitter, ist aber die ehrlichere Rechnung. Die fachgerechte Reparatur, die du sonst bekommen hättest, sieht so aus: Reifen komplett runter von der Felge, von innen begutachtet, Loch von innen mit einem Kombireparaturkörper verschlossen. Nur bekommst du sie ohnehin immer seltener. Immer mehr Reifenhersteller halten sich mit Reparaturempfehlungen für Motorradreifen zurück, manche raten grundsätzlich ab, und etliche Betriebe lehnen es deshalb rundheraus ab. Das ist keine Abzocke, sondern ihre Haftung - bei einem Reifen, der für weit jenseits von 200 km/h freigegeben ist, will das niemand unterschreiben.
Unter Weltreisenden und Enduristen hört man trotzdem ständig das Gegenteil: Der Stopfen hält, also bleibt er drin. Das mag in der Praxis oft gutgehen - gedeckt ist es von niemandem. Pirelli und Metzeler schreiben in ihren Motorrad-Produkthandbüchern wörtlich, sie rieten aus Sicherheitsgründen von Reifenreparaturen ab und die erhältlichen Pannenhilfen seien nur als Notbehelf anzusehen. Wer am Nordkap steht, wird den fast neuen Hinterreifen nicht in der nächsten Stadt für 250 Euro wegwerfen, verständlich. Nur fährst du dann bewusst auf eigenes Risiko und nicht auf einer Empfehlung: kein Autobahntempo, kein Vollgepäck, Druck bei jedem Stopp kontrollieren.
Dennoch gilt für jeden normal sterblichen Straßenfahrer: Willst du in drei Tagen wieder mit 220 km/h über die deutsche Autobahn fliegen, fährst du ein massives, lebensgefährliches Risiko. Bei extremen Fliehkräften und enormer Hitzeentwicklung (Walkarbeit des Reifens) kann sich der provisorische Stopfen lösen. Das Ergebnis ist ein sofortiger, katastrophaler Druckverlust. Spiel hier nicht mit deinem Leben, um 250 Euro für einen neuen Reifen zu sparen.
Es gibt Zubehör, das kaufst du für die Optik. Es gibt Zubehör, das kaufst du für den Sound. Und dann gibt es Zubehör, das entscheidet darüber, ob du deinen langersehnten Motorradurlaub lachend am Lagerfeuer fortsetzt, oder ob du weinend an einer regnerischen Landstraße auf den Abschleppwagen wartest.
Ein hochwertiges Tubeless-Reparaturset und ein kompakter, leistungsstarker Mini-Kompressor sind die billigste Rettung, die du für deine Reiseplanung kaufen kannst. Hast du sie dabei, wirst du sie vermutlich jahrelang nie brauchen (Murphys Gesetz). Hast du sie nicht dabei, wird dich die spitze Schraube genau im tiefsten Schwarzwald treffen. Nimm dir die rund 60 bis 100 Euro für Set und Kompressor, pack beides unter die Sitzbank und, noch viel wichtiger: Schau dir vorher zu Hause in Ruhe ein Video an, wie es wirklich geht. Unter Stress am Straßenrand ist der falsche Moment für das erste Selbststudium.
Dieser Artikel ist ein redaktioneller Überblick und ersetzt keine Rechtsberatung. Maßgeblich sind der jeweils aktuelle Gesetzestext und im Zweifel eine fachkundige Auskunft.
Der Nagel kommt sowieso. Nicht heute, nicht morgen, aber er kommt, und er sucht sich dafür den Sonntag im tiefsten Schwarzwald aus, an dem du zwei Balken Empfang hast und keinen davon brauchen kannst. Der Unterschied zwischen einem versauten Wochenende und einer Geschichte, die du im Herbst dreimal erzählst, wiegt keine 400 Gramm und liegt unter deiner Sitzbank. Bereite dich vor, hab keine Angst vor dem zerstörerischen Geräusch der Reibahle im Gürtel und fahr immer mit dem sicheren Gefühl, dass dich ein kleiner Nagel auf deiner großen Tour ganz sicher nicht aufhalten wird.
Kann man jeden Reifen am Motorrad mit einem Pannenset flicken?
Nein. Diese Methode funktioniert ausschließlich bei schlauchlosen Reifen (Tubeless), da hier der dicke Reifen selbst die abdichtende Schicht bildet. Fährst du dagegen ein Motorrad mit Schlauch, bringt dir der Gummistopfen von außen gar nichts. Und verlass dich nicht auf die Speichen: Moderne Kreuzspeichenräder sind meist schlauchlos, entscheidend ist die Kennzeichnung TL oder TT auf der Flanke. Der Schlauch würde weiter Luft verlieren. In diesem Fall musst du zwingend das Rad ausbauen und den Schlauch flicken oder komplett ersetzen.
Wie lange hält ein geflickter Motorradreifen mit Gummistopfen?
Vorgesehen ist der Stopfen von außen ausschließlich als Notfallreparatur, um dich zur nächsten Werkstatt zu bringen. Fürs Motorrad nennt der ADAC dafür höchstens 50 km/h - die verbreiteten 80 km/h sind eine Pkw-Dichtmittel-Angabe und gelten hier nicht. Ein gesetzliches Tempolimit für geflickte Reifen gibt es in Deutschland ohnehin nicht. In der Praxis vieler Reisender hält ein sauber gesetzter Stopfen oft lange dicht - nur steht kein Hersteller dafür gerade: Pirelli und Metzeler raten in ihren Produkthandbüchern ausdrücklich von Reifenreparaturen ab und nennen Pannenhilfen einen Notbehelf. Dennoch: Für hohe Geschwindigkeiten auf der Autobahn ist das Risiko eines plötzlichen Druckverlusts bei Hitze lebensgefährlich. Tausche den Reifen bei erster Gelegenheit aus.
Darf man einen Riss an der Reifenflanke flicken?
Auf gar keinen Fall! Ein Reifenpannenset mit Gummistopfen ist ausschließlich für kleine, punktuelle Löcher (z.B. durch Nägel oder Schrauben) im mittleren Bereich der Lauffläche konzipiert. Und Vorsicht: Lauffläche heißt nicht die ganze Breite. Michelin nennt für Motorradreifen eine T-Zone von etwa drei Vierteln der Lauffläche und schließt den Laufflächenrand ausdrücklich aus. Die Schulter zählt also schon zum Sperrgebiet, obwohl da noch Profil ist. Die Seitenwand (Flanke) eines Reifens walkt in Kurven extrem stark und besitzt dort nicht den stabilisierenden Gürtel. Ein Stopfen hält dort der Walkarbeit nicht stand und kann sich schlagartig lösen - mit sofortigem Druckverlust in Schräglage.
Wie viel Bar Druck schaffen die kleinen CO2-Kartuschen wirklich?
Drei handelsübliche 16-Gramm-CO2-Kartuschen schaffen es gerade einmal, einen dicken Touren-Hinterreifen (z.B. 170er oder 180er Breite) auf etwa 1,2 bis maximal 1,5 Bar zu füllen. Das ist weit entfernt vom idealen Fahrdruck (meist 2,9 Bar). Es reicht lediglich, um im Schleichgang vorsichtig zur nächsten Tankstelle zu rollen. Verlasse dich also niemals auf nur eine einzige Kartusche in deinem Set.
Warum frieren die CO2-Kartuschen beim Befüllen ein?
Dahinter steckt schlichte Physik: In der Kartusche steht das CO2 unter so hohem Druck, dass es flüssig ist. Beim Entleeren verdampft es schlagartig und entzieht dafür der Umgebung - also der Kartusche und allem, was sie berührt - massiv Wärme. Die Metallkartusche kühlt innerhalb von Sekunden auf weit unter Null Grad ab. Trage beim Befüllen unbedingt immer einen dicken Motorradhandschuh, um schwere Erfrierungen an den Fingern zu vermeiden.
Schadet das Einführen der Raspel (Reibahle) dem Reifen nicht zusätzlich?
Doch, ein wenig schon - und das ist unvermeidlich. Der Nagel hat den Gürtel längst durchtrennt, das kriegt niemand zurück. Die Ahle weitet den Kanal zusätzlich, raut die Wände auf und schleift laut ADAC vorstehende Stahlfäden der Karkasse ab. Ohne diesen Schritt findet der Kleber keinen Halt. Wichtig ist nur: minimal weiten, nicht ausbohren - die Schadenstelle darf die 4,5 Millimeter nicht reißen.
Was passiert, wenn der Gummistopfen nicht bündig abgeschnitten wird?
Ein überstehender Knuppel ist fatal. Wenn der Stopfen bei jeder Radumdrehung unweigerlich den Asphalt berührt, entsteht eine enorme Zugbelastung und Reibungshitze auf den weichen Gummiwurm. Dadurch kann der Stopfen durch das ständige Walken wieder langsam aus dem Gürtel herausgezogen oder zerstört werden. Schneide ihn daher nach der Reparatur mit einem Cuttermesser immer so flach wie nur möglich am Profil ab.
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