
Im Schnitt bei 58 km/h. Die Spitze liegt bei 125, und ab 120 läuft die Fahrt ganze 82 Sekunden lang.
Der Normverbrauch im Datenblatt deines Motorrads stammt aus einer halben Stunde auf dem Prüfstand, nach einem Fahrplan, der für alle Hersteller derselbe ist. Kennst du den Fahrplan, verstehst du, warum die Zahl zu einer ruhigen Landstraßenrunde besser passt als zu deiner Autobahnetappe.
Die Prüfung findet auf dem Rollenprüfstand statt. Das Hinterrad treibt eine Walze an, und vor der Maschine steht ein Gebläse, dessen Luftstrom dem Tempo der Walze folgt. Für jede einzelne Sekunde ist vorgeschrieben, wie schnell sie laufen soll. Mehr als 3,2 km/h darf der Fahrer nicht danebenliegen, von kurzen Ausreißern beim Schalten abgesehen.
Der Fahrplan, nach dem der Normverbrauch entsteht, heißt WMTC. Er kommt von den Vereinten Nationen, als weltweit einheitlicher Prüfzyklus für Motorräder, und ist in der EU seit der Abgasstufe Euro 4 Pflicht. An seinem Ablauf hat sich für Motorräder mit Euro 5 und Euro 5+ nichts geändert. In den technischen Daten steht neben dem Verbrauch oft das Kürzel WMTC oder die Nummer der zugehörigen EU-Verordnung, 134/2014.
Das Ganze dauert 1.800 Sekunden und führt über 28,9 Kilometer, das ergibt die 58 km/h im Schnitt. Der Fahrplan hat drei Teile zu je zehn Minuten. Die Verordnung nummeriert sie nur, dem Tempo nach stehen sie für Stadt, Landstraße und Autobahn.
Der erste Teil beginnt mit kaltem Motor. Kalt heißt hier: Die Maschine hat vorher bei 20 bis 30 Grad gestanden, mindestens sechs Stunden oder so lange, bis der Motor so warm ist wie der Raum. Dann folgen zehn Minuten Stadtverkehr auf 4,1 Kilometern: anfahren, auf 30 bis 50 km/h beschleunigen, ausrollen, stehen.
Neunmal steht die Walze still, zusammen knapp zwei Minuten. Ein einziges Mal geht es auf 60 km/h hinauf.
Der zweite Teil ist 9,1 Kilometer lang, der Schnitt liegt bei 55 km/h. Fast vier der zehn Minuten spielen sich zwischen 50 und 70 km/h ab. Über 90 läuft die Walze nur 44 Sekunden lang, die Spitze sind 94,9 km/h.
Hier steckt auch der flotteste Start des ganzen Fahrplans. Von null auf 50 km/h vergehen sieben Sekunden.
Erst der dritte Teil wird schnell: 15,7 Kilometer in zehn Minuten, im Schnitt 94 km/h. Gut dreieinhalb Minuten vergehen, bis die Tempokurve zum ersten Mal 100 km/h erreicht. Danach pendelt sie meist zwischen 110 und 120. Bei 120 und mehr liegt sie zusammen 82 Sekunden, und die Spitze von 125,3 km/h steht nur vier Sekunden lang auf dem Plan.
So fährt ein Motorrad, das mindestens 140 km/h läuft. Langsamere Maschinen und 125er fahren kürzere oder entschärfte Fassungen, bei den kleinsten ist schon bei 50 km/h Schluss.
Zusammengezählt steht die Walze in dieser halben Stunde fast drei Minuten still. Weitere knapp elf Minuten läuft sie nicht schneller als 50 km/h. Über 100 km/h geht es keine sechs Minuten lang.
Für den Normverbrauch im Datenblatt wirft die Verordnung die drei Teile aber nicht einfach zusammen. Jeder Teil bekommt seinen eigenen Verbrauch, und daraus entsteht ein gewichtetes Mittel. Bei allen Maschinen, die 130 km/h und mehr erreichen, zählen Stadt und Autobahn je ein Viertel, die Landstraße die Hälfte.
Alle drei Teile dauern gleich lang, also entfällt auf den schnellsten die meiste Strecke: 15,7 von 28,9 Kilometern. Im Ergebnis zählt der Autobahnteil trotzdem nur ein Viertel. Die Gewichte sollen abbilden, wie Motorräder im Alltag bewegt werden. Laut der Regelung der Vereinten Nationen sind sie aus weltweiten Nutzungsdaten errechnet. Am stärksten prägen den Normverbrauch die zehn Minuten Landstraße, in denen die Walze meist zwischen 50 und 90 km/h läuft.
Den Kraftstoff selbst misst bei alledem niemand. Die Anlage fängt das Abgas auf und rechnet aus dem Kohlenstoff darin zurück, wie viel Kraftstoff verbrannt ist. Das Ergebnis wird auf eine Stelle hinter dem Komma gerundet.
Die Verordnung legt auch fest, wer fährt und unter welchen Bedingungen. Der Prüffahrer wiegt 75 Kilo, fünf mehr oder weniger sind erlaubt. Er fährt allein und ohne Gepäck, auf einer Maschine, die eingefahren ist und mindestens 1.000 Kilometer hinter sich hat. Im Prüfraum sind es 20 bis 30 Grad. Gegenwind, Regen und Steigungen kommen nicht vor.
Den Fahrtwind gibt es auf der Rolle nur als Kühlung. Den Luftwiderstand stellt die Bremse der Walze nach, und dafür lässt die Vorschrift zwei Wege zu. Der eine ist eine Tabelle, die nur das Gewicht der Maschine kennt. Eine verkleidete Maschine bekommt danach denselben Luftwiderstand wie eine unverkleidete, die gleich viel wiegt.
Der andere Weg sind Ausrollmessungen auf der Straße. Dabei stoppen die Prüfer, wie schnell die Maschine ohne Antrieb langsamer wird. Für diese Messungen ist sogar der Fahrer genormt: 1,75 Meter groß, gut sitzende Kombi, Arme normal gestreckt. Mit Textiljacke, Tankrucksack und 95 Kilo sitzt du anders im Wind.
Wann der Fahrer schaltet, entscheidet nicht sein Gefühl. Die Schaltpunkte ergeben sich aus Leistung, Gewicht und Drehzahlen der Maschine. Der Verordnungstext liefert ein Beispiel gleich mit: eine 600er mit 98 PS und 199 Kilo, die ihre Höchstleistung bei 11.800 Touren erreicht. Nach dieser Rechnung schaltet sie schon bei knapp 4.900 Touren hoch, aus dem ersten Gang noch früher, und fährt beim Beschleunigen ab 83 km/h im sechsten Gang.
Die berechneten Werte gelten als Untergrenze. Höher drehen und länger im Gang bleiben darf der Fahrer, früher in einen höheren Gang wechseln nicht. An der schnellsten Stelle des Fahrplans dreht der Motor aus dem Beispiel im Sechsten knapp 6.800 Touren.
Viel Leistung ruft der Fahrplan ebenfalls nicht ab. In der erwähnten Tabelle der Verordnung stehen Fahrwiderstände für jede Gewichtsklasse. Für 280 Kilo Maschine samt Fahrer gerechnet, braucht selbst die anspruchsvollste Sekunde rund 17 Kilowatt am Hinterrad, also 23 PS. Verluste im Antrieb kommen noch dazu, am Bild ändern sie wenig: Ein Motorrad mit 95 PS braucht für die ganze Messung des Normverbrauchs nie viel mehr als ein Viertel seiner Leistung.
Fährst du auf einem Autobahnabschnitt ohne Tempolimit 140 oder 150, bist du außerhalb des Fahrplans. Für dieses Tempo steht kein Normverbrauch im Datenblatt. Gerade dort wird Fahren schnell teurer, weil der Luftwiderstand mit dem Quadrat des Tempos wächst.
Mit denselben Tabellenwerten gerechnet, muss das Hinterrad bei 150 km/h auf jedem Kilometer rund 40 Prozent mehr Fahrwiderstand überwinden als bei 125. Bei 160 ist es gut die Hälfte mehr. Um wie viel der Verbrauch dabei steigt, hängt am Motor und an der Übersetzung. Dass er steigt, steht fest.
Außerdem fehlt auf dem Prüfstand, was unterwegs dazukommt: Koffer und Topcase im Wind, ein Sozius, Gegenwind, eine Steigung, zehn Grad Außentemperatur statt 25. Auch der Kaltstart zählt im Alltag anders. In der Messung trifft er nur den ersten Teil, und der beginnt bei mindestens 20 Grad. Fährst du jeden Morgen zehn Minuten zur Arbeit, besteht deine ganze Strecke aus Teil 1, im Oktober bei acht Grad.
Umgekehrt geht es auch. Die Messung fährt, wie ein sehr sparsamer Fahrer fahren würde: früh hochschalten, sanft beschleunigen, nie lange schnell. Rollst du mit 80 oder 90 km/h über eine freie Landstraße, ohne viel zu bremsen und zu beschleunigen, bist du in dem Tempobereich, der am meisten zählt. Dann kann dein Verbrauch in der Nähe des Normverbrauchs liegen.
Honda nennt im Oktober 2026 auf seiner Website für die NC750X mit 745 Kubik 3,5 Liter auf 100 Kilometer. Harley-Davidson gibt für die Street Glide Limited, einen Tourer mit 1.923 Kubik, 5,9 Liter an. Beide Herstellerangaben stammen aus demselben Fahrplan, mit demselben Fahrergewicht und derselben Gewichtung. Der Abstand zwischen ihnen sagt etwas über die Maschinen, und dafür ist der Normverbrauch gemacht.
Über deine Tankrechnung sagt der Normverbrauch weniger. Honda schreibt das selbst unter seine Pressedaten: Die Werte seien unter den genormten Bedingungen des WMTC auf dem Rollenprüfstand ermittelt, mit einer Maschine im Serienzustand, einem Fahrer und ohne Sonderzubehör. Der tatsächliche Verbrauch hänge unter anderem von Fahrweise, Wartung, Wetter, Reifendruck, Zubehör und Zuladung ab.
Am deutlichsten wird das, wenn aus dem Normverbrauch eine Reichweite wird. Honda nennt für die NC750X „bis zu 400 km“. Das ist der Tank von 14,1 Litern, geteilt durch 3,5, und es gilt für das Fahrprofil der Messung. Verbrauchst du auf deiner Etappe einen Liter mehr auf 100 Kilometer, bleiben 313 Kilometer. Ein Liter Mehrverbrauch kostet diese Maschine 90 Kilometer Reichweite.
Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel ordnet die Lage allgemein und journalistisch ein (Stand: Oktober 2026). Er ist keine Rechtsberatung, und Einzelfälle können anders liegen. Wenn es bei dir konkret wird, etwa bei Fragen zum Normverbrauch in den Zulassungsunterlagen deiner Maschine, frag den Hersteller oder eine Prüforganisation.
Die Zahl, mit der du planen kannst, ist nicht der Normverbrauch. Du bekommst sie an der Zapfsäule: volltanken, Kilometer notieren, an der nächsten Säule wieder volltanken, die Liter durch die Kilometer teilen und mit 100 malnehmen. Eine Füllung allein streut zu sehr, drei oder vier hintereinander ergeben ein Bild.
Sinnvoll sind zwei Werte statt eines einzigen. Einer für die Landstraße, einer für die Autobahn in deinem Reisetempo, am besten mit dem Gepäck, das im Urlaub mitfährt. Der Unterschied zwischen beiden ist die Lücke, die der Normverbrauch nicht kennt.
Sicherheitshinweis: Rechne Tankstopps mit deinem eigenen Autobahnverbrauch und nicht mit dem Normverbrauch aus dem Datenblatt. Plane so, dass du mit Reserve an der Säule ankommst, vor allem nachts, in Baustellen und auf Strecken mit großen Abständen zwischen den Tankstellen.
Bleibst du mit leerem Tank liegen, stehst du im schlechtesten Fall auf einer Autobahn ohne Standstreifen oder hinter einer Kuppe, mit einer Maschine, die sich nicht mehr aus dem Verkehr fahren lässt.
Wie groß die Reserve deines Tanks ist und ab wann die Anzeige warnt, steht in der Anleitung. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.
Mit dem eigenen Autobahnwert stimmt auch die Reichweitenrechnung: Tankinhalt geteilt durch Verbrauch, mal 100, nur eben mit deinem. Zieh davon die Kilometer ab, die du als Reserve behalten willst, und du weißt, nach welcher Strecke du tanken fährst.
Was ist der WMTC?
WMTC steht für World harmonised Motorcycle Test Cycle, den weltweit abgestimmten Prüfzyklus für Motorräder. Nach ihm werden Abgaswerte, CO2-Ausstoß und Verbrauch auf dem Rollenprüfstand ermittelt, in bis zu drei Abschnitten von je zehn Minuten. In der EU müssen neue Modelle ihn seit Euro 4 durchlaufen.
Bis zu welcher Geschwindigkeit wird im WMTC gefahren?
Die höchste Geschwindigkeit im WMTC beträgt 125,3 km/h und wird nur wenige Sekunden gehalten. Das gilt für Motorräder, die mindestens 140 km/h erreichen. Langsamere Maschinen fahren entschärfte Fassungen, bei 125ern endet der Zyklus je nach Höchstgeschwindigkeit bei 50, 82,5 oder knapp 95 km/h.
Warum verbraucht mein Motorrad mehr, als im Datenblatt steht?
Der Verbrauchswert im Datenblatt entsteht bei durchschnittlich 58 km/h, mit einem 75 Kilo schweren Fahrer, ohne Gepäck und bei 20 bis 30 Grad. Autobahntempo über 125 km/h, Sozius, Koffer, Kälte, Gegenwind und Kurzstrecke kommen in der Prüfung nicht oder kaum vor. Jeder dieser Punkte kann den Verbrauch im Alltag über den Normwert heben.
Lassen sich Verbrauchsangaben verschiedener Hersteller vergleichen?
Verbrauchsangaben verschiedener Hersteller lassen sich vergleichen, wenn sie nach dem WMTC ermittelt wurden und die Maschinen in dieselbe Klasse fallen. Fahrplan, Fahrergewicht und Gewichtung der Teile sind dann gleich. Für Motorräder ab 130 km/h Höchstgeschwindigkeit zählen Stadt und Autobahn je ein Viertel und die Landstraße die Hälfte.
Wie wird der Verbrauch auf dem Prüfstand ermittelt?
Auf dem Prüfstand wird der Kraftstoff selbst nicht gemessen. Die Prüfanlage sammelt das Abgas, bestimmt Kohlendioxid, Kohlenmonoxid und Kohlenwasserstoffe und rechnet daraus den verbrannten Kraftstoff aus. Angegeben wird das Ergebnis in Litern je 100 Kilometer mit einer Nachkommastelle.
Kann ich mit dem Normverbrauch die Reichweite berechnen?
Tankinhalt geteilt durch Normverbrauch ergibt eine Reichweite, die nur für das Fahrprofil der Prüfung gilt. Für die Tourenplanung ist der eigene Verbrauch die bessere Grundlage, ermittelt über mehrere Tankfüllungen von voll bis voll. Sinnvoll ist ein eigener Wert für die Autobahn.
Wird beim WMTC mit Vollgas gefahren?
Mit Vollgas wird im WMTC in der Regel nicht gefahren. Der Zyklus beschleunigt verhalten, der flotteste Start führt in sieben Sekunden von null auf 50 km/h, und hochgeschaltet wird früh, nach berechneten Schaltpunkten. Vollgas ist nur vorgesehen, wenn eine schwache Maschine dem vorgegebenen Tempo sonst nicht folgen kann.
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