
Die Zapfpistole klackt, du hängst sie ein und drückst den Tankdeckel zu. Als das Cockpit wieder aufleuchtet, steht dort: Durchschnittsverbrauch 4,2 Liter. Klingt gut. Dann liest du den Tageskilometerzähler ab, rechnest die Liter von der Säule im Kopf dagegen, und heraus kommt irgendetwas nahe an fünf.
Die Zapfsäule misst, der Bordcomputer schätzt, so viel steht fest. Wer von beiden hier danebenliegt, ist damit noch nicht gesagt. Vergleichst du überhaupt dasselbe?
Im Tank deines Motorrads gibt es keinen Durchflussmesser, der zählt, wie viel Benzin Richtung Motor fließt. Die Verbrauchsanzeige entsteht auf einem anderen Weg, und der ist ziemlich clever.
Das Steuergerät legt ohnehin bei jeder einzelnen Einspritzung fest, wie lange die Düse offen bleibt, bei 6.000 Umdrehungen meist 50-mal pro Sekunde je Zylinder. Aus diesen Öffnungszeiten und der Menge, die eine Düse pro Zeiteinheit durchlassen soll, rechnet es aus, wie viel Kraftstoff eingespritzt wurde. Die Strecke kommt vom Geschwindigkeitssignal, also aus den Umdrehungen eines Rades oder einer Welle im Antrieb. Liter durch Kilometer, fertig ist die Zahl im Display.
Der Haken steckt in dem Wort „soll“. Die Rechnung setzt voraus, dass die Düsen in jedem Moment genau so viel durchlassen, wie im Steuergerät hinterlegt ist. Bauteiltoleranzen, der Kraftstoffdruck, die winzige Verzögerung, mit der eine Düse aufgeht und die bei schwacher Bordspannung länger dauert, oder schlicht die Programmierung der Anzeige: Jede Abweichung zwischen angenommener und tatsächlicher Menge landet unbemerkt im Display, auf jedem Kilometer ein bisschen.
Einen Sonderfall solltest du kennen, wenn du gebraucht gekauft hast. Hat jemand zwischen Steuergerät und Einspritzdüsen ein Zusatzmodul eingebaut, das die Einspritzzeiten verlängert, bekommt das Steuergerät davon nichts mit. Es rechnet die Anzeige weiter mit seinen eigenen, kürzeren Zeiten, und das Display zeigt weniger, als tatsächlich durch die Düsen geht.
Die Zapfsäule dagegen misst wirklich, auf ein halbes Prozent genau, bei 15 Litern also auf weniger als ein Zehntel Liter. Auch die Temperatur taugt nicht als Ausrede: Benzin dehnt sich im warmen Tank zwar aus, aber nur um gut ein Prozent je zehn Grad. Eine Lücke von zehn Prozent zwischen Display und Quittung erklärt das nicht.
Wie weit der Bordcomputer danebenliegt, hängt am Modell. In einem Dauertest mit einem Supersportler lagen die Zahlen einmal schwarz auf weiß nebeneinander: 7,4 Liter zeigte die Elektronik, 8,65 Liter ergab das Nachrechnen von Hand. Die Anzeige führte dabei nicht nur einen Fahrer in die Irre, sondern auch andere, die mit der Testmaschine unterwegs waren. Ob sie an deinem Modell ebenfalls zu niedrig liegt und wie weit, sagt dir allerdings nur deine eigene Rechnung.
Manche Hersteller schreiben die Grenzen ihrer Anzeige sogar selbst in die Betriebsanleitung. Bei Yamaha steht in der Anleitung der MT-07, der momentane Kraftstoffverbrauch sei nur als allgemeine Angabe zu verstehen und solle nicht dazu dienen, abzuschätzen, wie weit du mit der aktuellen Tankfüllung noch kommst. In einer anderen Yamaha-Anleitung gilt derselbe Hinweis ausdrücklich auch für den Durchschnittsverbrauch. Als grobe Orientierung taugt die Anzeige also, für den Liter hinter dem Komma ist sie nicht gebaut.
Beim ersten Nachdenken liegt ein anderer Verdacht nahe. Der Tacho zeigt bekanntlich mehr an, als du fährst, also zählt der Bordcomputer vielleicht zu viele Kilometer und drückt damit den Verbrauch pro 100 Kilometer nach unten.
Der Gedanke ist nicht falsch, er erklärt nur eine Differenz zwischen Display und eigener Rechnung nicht. Denn in deiner eigenen Rechnung an der Säule steckt ja derselbe Kilometerzähler. Du teilst die getankten Liter durch die Kilometer, die dein Motorrad dir anzeigt, und die kommen vom selben Signal wie im Bordcomputer.
Zählt der Zähler also zwei Prozent zu viel, rechnen beide Seiten mit denselben zwei Prozent. Das gilt auch dann, wenn er mit einem abgefahrenen Reifen etwas mehr zählt als mit einem neuen: Es trifft beide Rechnungen gleich. Bleibt nach einer sauberen Rechnung über dieselbe Strecke eine Lücke, dann steckt sie in den Litern, also genau dort, wo der Bordcomputer schätzt und die Säule misst.
Einen Haken hat die Sache aber doch. Wenn dein Kilometerzähler großzügig zählt, sind am Ende beide Zahlen etwas zu schön, auch deine eigene Rechnung von der Tankquittung. Wirklich genau wird es erst, wenn du die Strecke einmal mit einer GPS-Aufzeichnung vergleichst. Für die Frage, warum Display und Quittung auseinanderliegen, brauchst du das nicht.
Bevor du dem Bordcomputer eine Schätzung vorwirfst, prüf erst, ob du überhaupt dieselbe Strecke vergleichst. Das ist der banalste Grund für eine Differenz, und er wird gern übersehen.
Der Durchschnittsverbrauch im Display läuft seit dem letzten Zurücksetzen. Wann das war, weiß kaum jemand. Vielleicht vor drei Wochen, vielleicht beim letzten Service, vielleicht hat die Werkstatt den Wert gelöscht, vielleicht war es der Vorbesitzer. Die Zahl im Display kann also die Sommertour über die Pässe enthalten, die Autobahnetappe in den Urlaub und den halben August im Stadtverkehr.
Deine Tankquittung dagegen erzählt nur von der letzten Füllung. Waren das 180 Kilometer Pendelstrecke mit Ampeln und kaltem Motor am Morgen, liegt sie womöglich höher als der Schnitt aus einem ganzen Sommer, ohne dass irgendetwas falsch rechnet.
Den momentanen Verbrauch kannst du für diesen Vergleich gleich vergessen. Er springt mit jeder Bewegung am Gasgriff, beim Beschleunigen schießt er nach oben, und rollst du mit geschlossenem Gas im Gang auf eine Ortschaft zu, fällt er fast auf null, weil moderne Einspritzer im Schiebebetrieb die Einspritzung ganz oder nahezu ganz wegnehmen. Vergleichen solltest du immer den Durchschnitt.
Selbst über dieselbe Füllung erfassen Display und Quittung nicht zwingend dasselbe. Ducati schreibt in der Anleitung der Multistrada 1200, dass das Cockpit den Durchschnittsverbrauch nur berechnet, solange der Motor läuft und das Motorrad rollt. Was an der Ampel im Stand durch die Düsen geht, fehlt bei dieser Maschine also im Display, auf der Quittung steht es trotzdem.
Bleibt der Tankvorgang selbst. Wie tief die Pistole im Stutzen steckt, ob die Maschine aufrecht oder auf dem Seitenständer steht und ob du nach dem ersten Klick noch einmal nachdrückst, verschiebt die getankte Menge von Füllung zu Füllung um mehrere Zehntel Liter. Eine einzelne Quittung ist deshalb eine Momentaufnahme und kein Beweis gegen die Elektronik.
Solange nur die Verbrauchszahl im Display etwas zu schön ist, schadet das niemandem. Spannend wird es bei der Anzeige, die daraus gerechnet wird.
Im Handbuch der BMW R 1250 GS steht, wie die Restreichweite zustande kommt: aus dem Durchschnittsverbrauch und der Kraftstoffmenge im Tank. Das Ergebnis nennt BMW ausdrücklich einen Näherungswert, und neu berechnet wird es nur bei eingeklappter Seitenstütze, weil sich die Kraftstoffmenge in der Schräglage nicht korrekt ermitteln lässt. Andere Modelle rechnen mit dem gerade aktuellen Verbrauch.
Das Prinzip bleibt dasselbe: Schätzt der Bordcomputer den Verbrauch zu niedrig, schätzt er die Reichweite zu hoch. Zehn Prozent klingen nach wenig. Zeigt die Anzeige vor dem Pass aber noch 60 Kilometer, sind es vielleicht nur 54, und bergauf kostet jeder Kilometer ohnehin mehr als im Schnitt.
Eine Anzeige, die mit dem Durchschnitt rechnet, hinkt außerdem jeder Änderung hinterher. Wechselst du mit vollen Koffern und Gegenwind von der Landstraße auf die Autobahn, rechnet sie noch eine ganze Weile mit dem sparsameren Verbrauch davor.
Wie wenig Luft selbst dann bleibt, wenn die Anzeige vorsichtig wirkt, zeigt ein Dauertest mit einer Mittelklasse-Naked. Die Balken der Tankanzeige fielen dort auffällig früh nach unten. Als der Tester die Restreichweite schließlich bis auf null herunterfuhr, gingen knapp 13 Liter in den 14-Liter-Tank. Übrig war also rund ein Liter, gut 20 Kilometer.
Sicherheitshinweis: Fahr die Restreichweite nie bis auf null herunter, schon gar nicht auf der Autobahn oder abseits der Hauptstrecken. Geht der Sprit auf der Autobahn oder hinter einer engen Kurve ohne Ausweichfläche aus, stehst du mit einem liegengebliebenen Motorrad neben dem fließenden Verkehr. Solange du deine eigene Abweichung nicht kennst, zieh von der angezeigten Reichweite ein Viertel ab und plane den Tankstopp innerhalb dieser Strecke.
Wie viel dein Tank fasst und ab wann die Reserve beginnt, ist von Modell zu Modell unterschiedlich. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch, dort steht auch, was die Reserveanzeige bei deinem Modell bedeutet. Die Abweichung deines eigenen Bordcomputers beim Verbrauch findest du dagegen nur selbst heraus, mit drei Tankfüllungen.
Wer wissen will, was sein Motorrad wirklich verbraucht, kommt um ein kleines Tankbuch nicht herum. Das klingt nach Buchhaltung, ist aber in zwei Minuten pro Tankstopp erledigt, und das Handy reicht als Notizblock.
Ein Beispiel zum Nachrechnen: Du tankst bei drei Stopps 12,8, 14,1 und 11,6 Liter, zusammen 38,5 Liter. Gefahren bist du 280, 295 und 245 Kilometer, zusammen 820. 38,5 geteilt durch 820 mal 100 ergibt 4,7 Liter auf 100 Kilometer. Das ist dein echter Verbrauch, belastbarer als jede einzelne Füllung.
Der eigentliche Gewinn kommt beim letzten Stopp. Weil du den Durchschnitt im Display seit dem ersten Tanken nicht zurückgesetzt hast, läuft er jetzt über genau dieselben 820 Kilometer, sagen wir mit 4,2 Litern. Teilst du 4,7 durch 4,2, kommt 1,12 heraus: Bei deiner Fahrweise verbrauchst du rund zwölf Prozent mehr, als das Display anzeigt. Diese Zahl ist dein Korrekturfaktor.
Noch einfacher geht es, wenn dein Cockpit die verbrauchte Kraftstoffmenge in Litern anzeigt, bei der MT-09 von 2021 etwa unter FUELCON. Dann setzt du diesen Zähler beim Tanken zurück und legst beim nächsten Stopp die Literzahl aus dem Display direkt neben die Literzahl auf der Quittung, Kilometer spielen dann keine Rolle mehr. In der Differenz steckt neben der Schätzabweichung allerdings auch die Streuung beim Tanken, deshalb gilt auch hier: Eine Füllung ist ein Hinweis, drei sind ein Ergebnis.
Den Faktor nimmst du ab jetzt überall mit. Zeigt die Reichweite 120 Kilometer, sind es in Wirklichkeit eher gut hundert, und auch die fährst du nicht aus. Das pauschale Viertel aus dem Sicherheitshinweis brauchst du damit nicht mehr, eine Reserve aber schon, denn der Faktor korrigiert die Schätzung, nicht die Trägheit der Anzeige. Ändert er sich bei der nächsten Messreihe deutlich, ohne dass du anders gefahren bist, hat sich womöglich am Motorrad etwas verändert.
Fährst du im Alltag vor allem Stadt und im Urlaub vor allem Autobahn, rechne den Faktor für beide Fahrweisen getrennt nach. Stimmen Display und Quittung auf ein, zwei Prozent überein, gratuliere: Dann rechnet dein Bordcomputer ziemlich genau. Zwölf Prozent Abweichung sind aber in aller Regel auch kein Defekt, sondern eine Schätzung, deren Größe du jetzt kennst.
Warum zeigt der Bordcomputer am Motorrad weniger Verbrauch an, als ich tanke?
Weil er den Verbrauch nicht misst, sondern aus der Öffnungszeit der Einspritzdüsen berechnet. Weicht die tatsächliche Menge von der hinterlegten ab, landet die Differenz in der Anzeige. Oft liegt es aber auch am Vergleich selbst: Der Durchschnitt im Display läuft seit dem letzten Zurücksetzen, die Quittung gilt nur für eine Füllung. Manche Cockpits lassen außerdem den Verbrauch im Stand weg, Ducati etwa bei der Multistrada 1200.
Wie genau ist die Verbrauchsanzeige am Motorrad?
Als grobe Orientierung brauchbar, als absolute Zahl nicht. Hersteller wie Yamaha schreiben in ihren Anleitungen, der Wert sei nur eine allgemeine Angabe. Die Abweichung zur Tankquittung kann wenige Prozent betragen oder deutlich mehr, in einem Dauertest standen 7,4 Liter im Display gegen 8,65 Liter nachgerechnet.
Wie berechne ich den Verbrauch meines Motorrads richtig?
Von voll bis voll über mindestens drei Tankfüllungen. Jedes Mal auf dieselbe Weise bis zur Unterkante des Einfüllstutzens tanken, nicht darüber, Liter und Kilometer notieren, am Ende alle Liter durch alle Kilometer teilen und mit 100 multiplizieren. Eine einzelne Füllung schwankt zu stark, weil sich die getankte Menge von Stopp zu Stopp unterscheidet.
Liegt die Abweichung am Kilometerzähler?
Nicht die Abweichung zwischen Display und eigener Rechnung. Beide teilen durch dieselben Kilometer vom selben Signal, ein zu großzügiger Zähler wirkt deshalb auf beide Zahlen gleich. Die Differenz entsteht bei den Litern, die der Bordcomputer schätzt und die Zapfsäule misst.
Kann ich mich auf die Restreichweite verlassen?
Nur mit Reserve. Die Reichweite ist eine Hochrechnung aus Füllstand und Verbrauch, BMW nennt das Ergebnis ausdrücklich einen Näherungswert. Rechnet der Bordcomputer den Verbrauch zu niedrig, zeigt er zu viele Kilometer an. Plane den Tankstopp deshalb deutlich vor null, besonders auf der Autobahn, mit Gepäck und auf abgelegenen Strecken.
Warum rechnet die Reichweite auf dem Seitenständer nicht neu?
Weil die Maschine schräg steht und sich die Kraftstoffmenge dann nicht korrekt ermitteln lässt. BMW rechnet die Reichweite der R 1250 GS deshalb laut Betriebsanleitung nur bei eingeklappter Seitenstütze neu.
Was ist ein Korrekturfaktor für den Bordcomputer?
Das Verhältnis zwischen nachgerechnetem Verbrauch und angezeigtem Verbrauch über dieselbe Strecke, zum Beispiel 4,7 geteilt durch 4,2 gleich 1,12. Mit diesem Faktor rechnest du Verbrauchs- und Reichweitenanzeige künftig auf realistische Werte um. Ändert er sich ohne erkennbaren Grund, lohnt ein Blick auf das Motorrad.
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