
„Hinterreifen erneuern, Vorderreifen noch gut.“ So steht es auf dem Werkstattzettel, und du hast das Gefühl, denselben Satz vor gar nicht langer Zeit schon einmal gelesen zu haben. Der Blick in die Mappe bestätigt es: Der vordere ist noch vom vorletzten Wechsel.
Dass der Hinterreifen schneller verschleißt als der vordere, hat fast jeder schon erlebt. Trotzdem schleicht sich beim zweiten oder dritten Mal eine Frage ein, die an der Theke kaum jemand laut stellt: Ist das noch normal, oder stimmt mit dem Motorrad etwas nicht - mit der Kette, dem Federbein, dem Luftdruck?
Die Zahl, die in jeder Garage kursiert, hat tatsächlich einen seriösen Absender. Dunlop schreibt auf seiner Seite zur Laufleistung von Motorradreifen, im Schnitt verbrauche ein Fahrer mindestens zwei Hinterreifen pro Vorderreifen. Als Hauptgründe nennt der Reifenhersteller die Gewichtsverteilung, die Kraftübertragung und starkes Bremsen.
Der Satz, der direkt danach kommt, fällt beim Weitererzählen meistens weg: Das Verhältnis zwei zu eins sei nicht für jede Marke und jedes Modell in Stein gemeißelt. Es ist ein Durchschnitt über viele Motorräder und viele Fahrer, und ein Durchschnitt beschreibt selten genau deine Maschine.
Für deine Frage vom Werkstattzettel ist das eine gute Nachricht. Ist der Hinterreifen doppelt so schnell runter wie der vordere, liegt das mitten in dem, was ein großer Reifenhersteller als üblich beschreibt. Mit der Kette oder dem Federbein hat das erst einmal nichts zu tun.
Wie oft die Regel in der Praxis aufgeht, zeigen Reifentests, und das Ergebnis fällt ernüchternd aus. In einem Tourenreifentest fuhren mehrere Reifenmodelle auf baugleichen Motorrädern dieselbe lange Tour, danach wurde der Profilverlust verglichen. Ein Reifen hatte hinten kaum etwas verloren, vorne aber fast 70 Prozent seines Profils. Beim zweiten baute das Profil vorne und hinten gleichmäßig ab, beim dritten traf es vor allem das Hinterrad.
Gleiches Motorrad, dieselbe Strecke, und trotzdem drei verschiedene Bilder. Wie schnell vorne und hinten verschwinden, hängt also auch am Reifenmodell, an der Mischung und daran, wie der Hersteller die Laufleistung zwischen beiden Rädern verteilt.
Die großen Dauertests helfen nur bedingt weiter. In einem davon kamen bei einem Supersportler zehn Hinterreifen auf sechs Vorderreifen, in einem anderen bei einem halbverkleideten Mittelklasse-Allrounder vier auf drei. Nur wurde dort meistens paarweise gewechselt, und ein Vorderreifen, der dabei mitgeht, war nicht unbedingt runter. So eine Zählung fällt fast zwangsläufig niedriger aus als das echte Verhältnis. Belastbar ist nur die Richtung: Hinten ist meistens zuerst Schluss.
Die Reifenhersteller rechnen übrigens selbst damit. Bei vielen Sport- und Tourenreifen bekommt der Hinterreifen zwei Mischungen: in der Mitte, wo am meisten gefahren wird, eine härtere und verschleißfestere, an den Schultern eine weichere für den Grip in Schräglage. Die harte Mitte soll also genau dort dagegenhalten, wo hinten das meiste Gummi verloren geht.
Die Antwort liefert ein ganz normaler Tag. Jedes Anfahren an der Ampel, jedes Herausbeschleunigen aus der Kurve, jeder Überholvorgang auf der Landstraße muss durch ein handtellergroßes Stück Gummi hinten auf den Asphalt. Der Vorderreifen hat in diesen Momenten wenig zu tun, er wird beim Beschleunigen sogar leichter.
Ganz ohne Rutschen kommt die Kraft allerdings nicht auf die Straße. Damit der Reifen Antriebskraft überträgt, muss er ein kleines bisschen schlupfen, und Schlupf bedeutet Abrieb, so steht es in einem technischen Handbuch von Continental für Motorradreifen. Sanftes Gasgeben verringert den Schlupf deutlich, ganz vermeiden lässt er sich nicht.
Beschleunigt wird außerdem meist aus dem aufrechten oder fast aufrechten Motorrad, also auf dem mittleren Streifen der Lauffläche. Deshalb verschleißt der Hinterreifen in der Mitte am schnellsten, während der Vorderreifen seine Abnutzung gleichmäßiger über die Breite verteilt. Wer viel Autobahn fährt, verstärkt das, weil Kilometer um Kilometer derselbe schmale Streifen arbeitet, und hohes Tempo zählt laut Dunlop ohnehin zu den großen Verschleißfaktoren.
Der Vorderreifen hat seine eigene harte Arbeit, und die ist das Bremsen. Beim kräftigen Bremsen wandert die Last nach vorne, und vorne wird dann der größte Teil der Verzögerung übertragen. Zeitlich ist das aber nur ein kleiner Teil jeder Fahrt. Das Beschleunigen und das Halten des Tempos passieren hinten in jedem Moment, in dem du nicht einfach rollst.
Je beherzter du Leistung abrufst, desto stärker verschiebt sich das Verhältnis nach hinten, sehr aggressives Beschleunigen gilt bei Michelin als eine der Ursachen für starken Mittelverschleiß. Wer sanft beschleunigt und dafür kräftig bremst, verschiebt die Arbeit dagegen ein Stück nach vorne, ganz gleich, auf welchem Motorrad.
Und die Motorbremse? Am Stammtisch hält sich hartnäckig die Idee, wer vor jeder Kurve runterschaltet, fahre sich den Hinterreifen schneller runter, weil die Motorbremse ja nur hinten wirkt. Dass sie hinten wirkt, stimmt. Einen Beleg dafür, dass sie den Hinterreifen spürbar schneller verbraucht, gibt es nicht. Michelin empfiehlt sogar ausdrücklich, die Motorbremse zusammen mit den Bremsen zu nutzen, um die Bremsen zu entlasten und den Reifenverschleiß insgesamt zu senken.
Anders sieht es aus, wenn beim hektischen Runterschalten das Hinterrad stempelt oder rutscht. Das kostet Gummi, vor allem aber Stabilität, und hat mit sauber dosierter Motorbremse nichts zu tun.
Die Vermutung liegt nahe, denn das zusätzliche Gewicht landet hinten. An der Maschine selbst liegt es dabei nicht unbedingt: Für die erste Yamaha MT-09 wurde in einem Test eine Radlastverteilung von 51 zu 49 Prozent gemessen, also fast genau hälftig.
Den Unterschied machen die Menschen und das Gepäck, die dazukommen. Du sitzt eher im hinteren Teil zwischen den Rädern, ein Sozius noch näher an der Hinterachse, und Topcase, Gepäckrolle und Seitenkoffer hängen fast immer hinten. Der ADAC beschreibt für die Fahrt zu zweit genau diese Folge: Das Vorderrad wird entlastet, das Heck arbeitet stärker.
Was das für den Verschleiß bedeutet, ist allerdings weniger eindeutig, als es klingt. In demselben Handbuch von Continental gilt der Sozius sogar als Reifenschoner: Das stärker belastete Hinterrad wird fester auf die Straße gedrückt und schlupft weniger. Kippen kann das über den Luftdruck. Kommt zur Last zu wenig Luft, arbeitet der Reifen stärker, erwärmt sich mehr und verliert schneller Profil.
Mehr Gewicht verlangt deshalb nach dem passenden Luftdruck. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch. Manche Handbücher nennen für die Fahrt allein und zu zweit ausdrücklich dasselbe Wertepaar, dann gilt es auch mit Sozius. Yamaha schreibt zum Beispiel für die MT-09 in beiden Fällen 2,5 bar vorne und 2,9 bar hinten vor, kalt gemessen. Steht dort gar nichts zur Beladung, frag die Werkstatt, statt dir selbst einen Zuschlag auszudenken.
Zur Beladung gehört auch das Federbein. Der ADAC rät, mit Sozius vor allem hinten die Federvorspannung zu erhöhen. Bleibt sie auf der Soloeinstellung, hängt das Heck tiefer, die Front wird leichter, und die Federung kann durchschlagen.
Beim Auto gibt es für ungleich abgefahrene Reifen einen einfachen Trick: Die Räder wandern zwischen Vorder- und Hinterachse, und der Verschleiß gleicht sich über die Zeit aus. Am Motorrad klappt das nicht.
Vorder- und Hinterreifen sind hier zwei verschiedene Produkte, meist mit unterschiedlicher Größe, Kontur und Bauweise. Bei vielen Baureihen ist das Profil vorne sogar gespiegelt, weil vorne vor allem Bremskräfte und hinten Antriebskräfte wirken. Dunlop schreibt ausdrücklich, dass sich der Verschleiß beim Motorrad nicht durch Umstecken ausgleichen lässt. Und ein Reifen mit der Aufschrift „Front“ oder „Rear“ gehört nach den Sicherheitshinweisen der Reifenhersteller nur an diese Position.
Weil der Hinterreifen schneller verschleißt und sich nichts ausgleichen lässt, laufen am Motorrad zwei Reifen mit zwei eigenen Uhren. Hinten verschwindet schon der zweite oder dritte Satz Profil, während der Vorderreifen einfach älter wird. Er verdient deshalb nicht weniger Aufmerksamkeit, nur weil er noch gut aussieht, denn Gummi altert auch dann, wenn das Profil noch reicht.
Ein Hinterreifen, der doppelt so schnell verschleißt, ist kein Alarmsignal. Einen zweiten Blick verdienen aber drei Fälle, und für den ersten brauchst du nicht einmal den Reifen, sondern die alten Rechnungen.
Wie lange ein Hinterreifen bei dir hält, steht oft schon in deiner Mappe, auf den Rechnungen der letzten Wechsel mit dem Kilometerstand. Zwei Reifen desselben Modells ergeben deine eigene Laufleistung, gefahren mit deinem Motorrad, deinen Strecken und deinem Gepäck. Hält der nächste bei ähnlicher Fahrweise plötzlich deutlich weniger, ist der Luftdruck der erste Verdächtige.
Michelin und Dunlop geben dafür eine Faustregel: Zu viel Luft macht die Aufstandsfläche kleiner und frisst die Mitte, zu wenig Luft oder zu viel Last eher die Schultern. Ein Beweis ist das Verschleißbild allein nicht, die Schultern arbeiten schließlich auch in jeder Kurve, aber es zeigt dir, wo du mit der Suche anfängst.
Eine abgefahrene Mitte ist allerdings nie ein Grund, mit weniger Luft zu fahren, als das Handbuch vorgibt. Mit Sozius, Gepäck und Autobahntempo gilt der höchste Wert, den das Handbuch für dein Motorrad nennt. Die Zahl auf der Reifenflanke ist dagegen eine Obergrenze des Reifens und kein Fülldruck.
Als Nächstes ist das Hinterrad dran. Steht es nach dem Kettenspannen nicht genau in der Flucht, läuft die Maschine minimal schräg, du lenkst unbewusst dagegen, und der Reifen trägt auf einer Seite mehr. Allerdings kann einseitiger Abrieb auch ganz harmlose Gründe haben. Im Rechtsverkehr trifft es oft die linke Seite, weil die weiteren, übersichtlicheren Linkskurven zügiger gefahren werden. Und viele Straßen fallen zum Rand hin leicht ab, damit Regenwasser abläuft: Auf dieser Schräge rollt auch ein geradeaus fahrendes Motorrad ein kleines Stück links der Reifenmitte.
Das kommt vor und ist nicht gleich ein Defekt. Der Tourenreifentest zeigt, dass manche Reifenmodelle vorne schlicht mehr hergeben. Wer viel und kräftig bremst, belastet den Vorderreifen ebenfalls stärker, und zusammen mit zu wenig Luft entsteht dort schnell unregelmäßiger Verschleiß.
Prüfe in diesem Fall zuerst den Luftdruck vorne. Zeigt der Vorderreifen dazu ausgeprägte Wellen oder Stufen quer zur Laufrichtung, lass auch die Gabel prüfen.
Unregelmäßige Muster haben mit dem Verhältnis vorne zu hinten nichts mehr zu tun. Ein leichter Sägezahn am Vorderrad ist bei vielen Profilen normal, ein ausgeprägter oder früh auftretender ist ein Grund, genauer zu suchen. Als Ursachen für Auswaschungen gelten eine Unwucht, falscher Druck oder eine müde Dämpfung, die das Rad springen lässt, vorne in der Gabel, hinten im Federbein. Eine flache Stelle entsteht, wenn das Rad einmal blockiert hat.
Sicherheitshinweis: Zu wenig Luftdruck ist beim beladenen Hinterrad nicht nur ein Verschleißthema. Ein Reifen, der mit Sozius, Gepäck und zu wenig Luft gefahren wird, walkt stärker und wird heißer. Bridgestone warnt, dass zu niedriger Druck zu höheren Temperaturen, Ermüdungsrissen und irreparablen Schäden am Reifen führen kann. Im schlimmsten Fall versagt der Reifen bei hohem Tempo. Prüfe den Druck am kalten Reifen vor jeder Fahrt, erst recht vor der Tour zu zweit.
Trifft nichts davon zu, heftest du den Werkstattzettel ohne schlechtes Gefühl ab. Der Vorderreifen sieht dann eben den nächsten Hinterreifen kommen und gehen. Irgendwann entscheidet bei ihm nicht mehr das Profil über den Wechsel, sondern sein Jahrgang.
Stimmt es, dass auf einen Vorderreifen zwei Hinterreifen kommen?
Als Durchschnitt ja, Dunlop nennt mindestens zwei Hinterreifen pro Vorderreifen. Der Hersteller schreibt aber selbst, dass das nicht für jedes Modell gilt, und je nach Reifenmodell kann sogar der Vorderreifen schneller verschleißen.
Warum verschleißt der Hinterreifen am Motorrad schneller als der Vorderreifen?
Weil er die gesamte Antriebskraft auf die Straße bringt, meist in der Mitte der Lauffläche, und dafür immer ein wenig schlupfen muss. Dunlop nennt außerdem die Gewichtsverteilung als Grund. Der Vorderreifen muss vor allem beim Bremsen ran, und das ist zeitlich nur ein kleiner Teil jeder Fahrt.
Kann ich Vorder- und Hinterreifen wie beim Auto tauschen?
Nein. Vorder- und Hinterreifen haben unterschiedliche Größen, Konturen und Aufbauten, viele Profile sind vorne gespiegelt. Reifen mit der Kennzeichnung für vorne oder hinten gehören laut Reifenherstellern nur an diese Position.
Ist es normal, wenn der Vorderreifen schneller verschleißt?
Es kommt vor, etwa bei manchen Reifenmodellen oder wenn du viel und kräftig bremst. Prüfe zuerst den Luftdruck vorne. Zeigt der Reifen ausgeprägte Auswaschungen oder Stufen, gehört auch die Gabel zur Kontrolle.
Warum ist mein Hinterreifen in der Mitte abgefahren?
Weil in der Mitte die Geradeausfahrt und das Beschleunigen stattfinden, besonders auf der Autobahn. Dort verschleißt der Hinterreifen normalerweise am schnellsten. Ist der Mittelverschleiß ungewöhnlich stark, können dauerhaft zu hoher Luftdruck oder sehr aggressives Beschleunigen dahinterstecken. Weniger Luft, als das Handbuch vorgibt, ist trotzdem keine Lösung.
Verschleißt der Hinterreifen mit Sozius schneller?
Nicht zwingend. Sozius und Gepäck belasten vor allem das Hinterrad, und in einem technischen Handbuch von Continental gilt der Sozius sogar als Reifenschoner, weil das stärker belastete Rad weniger schlupft. Fährst du mit Beladung aber zu wenig Luft, walkt der Reifen stärker, wird heißer und verschleißt schneller. Wichtig sind deshalb der Luftdruck laut Handbuch und die passende Federvorspannung.
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