
Ausrollen, Leerlauf, und bevor der Daumen zum Schalter geht, dreht die rechte Hand noch einmal kurz am Griff. Der Motor bellt auf, und noch bevor die Drehzahl wieder unten ist, kommt der Schalter: der Gasstoß vor dem Abstellen. Wenn du das machst, dann vermutlich seit deiner ersten Maschine, und vermutlich hast du dich nie gefragt, warum. Frag heute Abend mal denjenigen, von dem du es hast. Die Antwort wird kurz sein, und sie wird nicht stimmen.
Die erste Antwort lautet: „Damit sie morgen besser anspringt.“ Die zweite: „Damit die Kerzen freibrennen.“ Die dritte ist die ehrlichste: „Hab ich so gelernt.“
Alle drei fallen auf jedem Treffen, und alle drei werden mit derselben Sicherheit vorgetragen. Interessant ist, dass die ersten beiden einander widersprechen. Wer die Kerzen freibrennen will, will Hitze im Brennraum. Wer den Motor auf morgen vorbereiten will, will Kraftstoff im Ansaugtrakt. Beides gleichzeitig geht nicht, und beides in einer Sekunde ohne Last schon gar nicht.
Der Gasstoß vor dem Abstellen ist in Fleisch und Blut übergegangen. Er sitzt in der Hand, nicht im Kopf, und deshalb übersteht er jede technische Entwicklung. Der Fahrer, der ihn heute an einer Maschine mit Ride-by-Wire und zwei Lambdasonden macht, hat ihn von jemandem, der ihn an einem Vergaser gemacht hat, und der von jemandem, der noch früher gefahren ist. Irgendwo in dieser Kette gab es einen Grund. Nur eben nicht an ihrem Ende.
Auffällig ist, wo die Gewohnheit nicht herkommt: aus der Fahrschule. Dort ist die Bewegung kein Thema, weder in der Theorie noch auf dem Übungsplatz. Der Gasstoß wird durch Zusehen weitergegeben, auf dem Hof, am Treffen, beim älteren Bruder, und Handgriffe, die so wandern, leben vom Nachmachen, nicht vom Erklären.
Bevor wir zu dem Grund kommen, ein Satz zur Beruhigung: Der Gasstoß schadet deinem Motor nicht. Er hilft ihm nur auch nicht. Das ist eine kleinere Erkenntnis, als Verfechter und Warner sich wünschen, und trotzdem lohnt es sich, ihr nachzugehen, weil unterwegs zwei Legenden umfallen.
Belegen lässt sich der Ursprung nicht, dafür ist die Gewohnheit zu alt und zu mündlich weitergegeben. Was sich prüfen lässt, ist, an welchem Motor der Gasstoß überhaupt etwas bewirkt hätte: am Vergaser, den die erste Antwort meint, an der Kerze, die die zweite meint, oder an dem Motor, auf dem der gelernt hat, von dem du es hast. Und da bleibt von drei Kandidaten genau einer übrig.
Fangen wir mit der beliebtesten Erklärung an, der vom besseren Kaltstart. Sie geht so: Der Gasstoß zieht noch einmal Kraftstoff in den Vergaser, und morgen früh liegt der schon bereit.
Nur funktioniert ein Vergaser nicht so. Die Schwimmerkammer, in der der Kraftstoff steht, wird über ein Schwimmerventil auf ihrem Stand gehalten, solange die Maschine läuft und der Benzinhahn offen ist. Sie ist nach dem Ausrollen genauso voll wie nach dem Gasstoß, weil das Ventil sie voll hält. Was der Gasstoß zusätzlich bewegt, ist ein Spritzer aus der Beschleunigerpumpe in den Ansaugtrakt, sofern der Vergaser eine hat. Dieser Spritzer verdunstet über Nacht. Am Morgen ist davon nichts mehr da, was den Start erleichtern könnte. Der Kaltstart wird von Choke, Kerze und Batterie entschieden, nicht von dem, was gestern Abend im Ansaugstutzen lag.
Zweite Erklärung: Der Gasstoß brennt die Zündkerze frei. Auch hier gibt es einen wahren Kern, und der macht die Erklärung erst richtig falsch.
Eine Zündkerze reinigt sich tatsächlich selbst, aber erst ab einer bestimmten Temperatur. NGK nennt rund 450 Grad am Isolator. Unter diesem Wert setzt sich Ruß ab, darüber brennt er weg. Diese Temperatur erreicht die Kerze erst, wenn der Motor ein paar Minuten unter Last gelaufen ist, bei ordentlicher Drehzahl. Ein Gasstoß im Stand, eine Sekunde lang, ohne einen Meter zu fahren, bringt sie nicht dorthin. Eine Kerze, die nach zwanzig Minuten Stadtverkehr verrußt ist, bleibt es auch nach dem Bellen in der Einfahrt. Wer das Kerzenbild sauber halten will, braucht die Landstraße, nicht den Griff.
Bleibt die dritte Spur, und die führt zu den Motoren, an denen die Generation groß geworden ist, von der die meisten von uns das Fahren übernommen haben: Zweitakter.
Ein Zweitaktmotor bekommt sein Öl mit dem Kraftstoff. Entweder ist es im Tank schon beigemischt, oder eine kleine Pumpe dosiert es aus einem eigenen Behälter in den Ansaugtrakt, das nennt sich Getrenntschmierung. Und an dieser Pumpe hängt der Schlüssel zur Geschichte: Je nach Bauart fördert sie abhängig von der Drehzahl oder zusätzlich abhängig von der Stellung des Gasgriffs. An vielen Maschinen lief dafür ein eigener Seilzug vom Gasgriff zur Pumpe, an den Yamaha RD zum Beispiel. Gas auf hieß mehr Öl, Gas zu hieß Mindestmenge.
Ein Gasstoß vor dem Abstellen war an so einem Motor ein letzter Ölschub. Die Pumpe gab noch einmal einen Hub, Öl ging mit dem Gemisch ins Kurbelgehäuse, an Kurbelwellenlager und Kolben, und dort blieb es über Nacht. Beim Kaltstart am nächsten Morgen, wenn die Pumpe noch nichts gefördert hatte, war das der Film, auf dem die ersten Umdrehungen liefen. Bei Gemischschmierung war der Effekt schwächer, aber die Richtung dieselbe: Der letzte Schluck, der in den Motor ging, war ein satter, und in jedem Schluck steckte Öl. Wer auf einer Simson oder einer alten Vespa mit Gemisch im Tank gelernt hat, kennt den Griff vermutlich von dort.
Ob es genau so gemeint war, kann heute niemand mehr belegen. Aber es ist die einzige der drei Erklärungen, hinter der ein Mechanismus steht, der tatsächlich etwas bewirkt hat. Und sie erklärt, warum die Gewohnheit auf die Viertakter übergegangen ist: Wer als Junge auf einem Zweitakter gelernt hat, dass der Motor „noch einen Schluck kriegt“, hat das mitgenommen, als die erste Viertakt-Maschine kam. Dort bewirkte es nichts mehr. Aber es fühlte sich immer noch richtig an.
Zurück zu deiner Maschine, mit Steuergerät, Einspritzung und Katalysator. Was passiert, wenn du im Stand kurz am Griff drehst und den Motor abstellst, bevor die Drehzahl wieder unten ist?
Das Steuergerät bemerkt den offenen Griff und gibt für einen Moment mehr Kraftstoff, als es im Leerlauf geben würde, das ist die Beschleunigungsanreicherung, und die ist normal. Solange der Motor dabei zündet, verbrennt dieser Kraftstoff, und alles ist in Ordnung. Dann kommt der Schalter oder der Schlüssel, und in diesem Augenblick enden Zündung und Einspritzung gleichzeitig. Der Kraftstoff, der bereits in die Ansaugkanäle gespritzt war, wird noch angesaugt, aber nicht mehr gezündet. Er geht mit den letzten Umdrehungen unverbrannt durch die Zylinder in die Abgasanlage, und dort sitzt ein heißer Katalysator.
Bevor jetzt jemand die Werkstatt anruft: Das ist eine Prise. Ein paar Zylinderfüllungen, einmal am Tag. Der Katalysator verkraftet das, und dein Motor merkt davon nichts. Ein echtes Problem für den Kat ist ein Zylinder, der über Kilometer nicht zündet und die Anlage mit Sprit flutet. Ein Gasstoß in der Einfahrt ist davon so weit entfernt wie ein Tropfen von einem Eimer.
Nur nützt er eben auch nichts. Der Einspritzer bereitet sich auf den Kaltstart selbst vor, sobald du morgen die Zündung einschaltest: Die Pumpe baut Druck auf, das Steuergerät liest die Temperatur und rechnet sich die Anreicherung aus. Was der Gasstoß am Abend vorher hinterlassen hat, spielt dabei keine Rolle. Und die Kerzen erreichen ihre Reinigungstemperatur auf der Fahrt, nicht danach.
Eine Variante gibt es allerdings, bei der es mehr wird als eine Prise, und die betrifft die Dauer. Manche Fahrer geben nicht einen Stoß, sondern halten den Motor für ein paar Sekunden bei hoher Drehzahl und schalten dann aus. Aus hoher Drehzahl läuft der Motor länger aus, und jede dieser Umdrehungen saugt nach, was noch in den Kanälen liegt. Dann sind es nicht ein paar Füllungen, sondern ein paar Dutzend, und die Anlage ist in diesem Moment heiß. Immer noch kein Schaden. Aber wer sich fragt, warum die Maschine des Nachbarn nach dem Abstellen so laut knackt: Ein heißer Auspuff, der aus hoher Drehzahl heraus abgestellt wurde, ist ein Teil der Antwort.
Eine Wirkung hat der Gasstoß, die mit Technik nichts zu tun hat, und die ist neben der eingeübten Hand der zweite Grund, warum er die Jahrzehnte überlebt hat: Er klingt gut. Ein Motor, der noch einmal aufbellt, bevor er verstummt, setzt einen Punkt. Das ist der Schlussakkord der Fahrt, und jeder, der ihn hört, weiß, dass jemand angekommen ist.
Um halb elf abends in einer Wohnstraße wissen es auch alle anderen. Der Gasstoß ist eines der Geräusche, die Nachbarn mit Motorrädern verbinden, weil er im Stand passiert, direkt vor dem Schlafzimmerfenster, und weil er offensichtlich unnötig ist. Wer sein Motorrad in der Nachbarschaft gern gesehen haben will, verzichtet an dieser Stelle. Es ist der Verzicht, den wirklich jeder Anwohner bemerkt, und er kostet keinen Meter Fahrt.
Der Sozius bemerkt es übrigens auch. Wer hinten sitzt und gerade absteigen will, bekommt das Bellen und je nach Motor einen kleinen Ruck in dem Moment, in dem er die Fußraste sucht. Frag, wer bei dir hinten sitzt, ob der Gasstoß beliebt ist. Die Antwort ist meist eindeutig.
Dann gibt es noch etwas, das der Gasstoß tatsächlich prüft, nur am falschen Ende der Fahrt: ob der Griff von allein zurückspringt. Ein Gasgriff, der nicht sauber in die Ruhestellung fällt, zieht weiter, wenn du bremsen willst, und der Test dafür ähnelt genau der Bewegung, die du abends aus Gewohnheit machst, nur dass du abends nicht hinschaust. Sie gehört an den Anfang: Motor aus, Griff bis zum Anschlag drehen, loslassen, und er muss spürbar zurückschnappen. Wenn deine Hand die Bewegung ohnehin kennt, gib ihr diese Aufgabe. Morgens, vor dem Start, bringt sie etwas. Abends, vor dem Abstellen, ist sie Folklore.
Was bleibt, ist unspektakulär. Ausrollen, Gas zu, Leerlauf, abstellen. Kawasaki zum Beispiel beschreibt es in seinen Anleitungen in genau dieser Reihenfolge, ohne Zwischenschritt. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch. Die Abstellprozedur für deine Maschine steht dort, und ein Gasstoß kommt in keiner vor, die wir kennen.
Der Motor braucht keinen Abschluss. Er braucht keine Runde Leerlauf zum Abkühlen, das ist ein Ritual aus der Welt der aufgeladenen Autos und Lastwagen, und am Motorrad mit Saugmotor gibt es dafür keinen Grund. Er braucht auch keine bestimmte Drehzahl beim Ausschalten. Ein Motor, der im Leerlauf ausgeht, ist im besten Zustand, den er in diesem Moment haben kann: warm, gleichmäßig, mit geschlossener Drosselklappe und ohne Kraftstoff, der nirgends mehr hin kann. Beim luftgekühlten Motor spricht sogar etwas dagegen, ihn im Stand noch tuckern zu lassen: Ohne Fahrtwind wird er seine Wärme schlechter los als in Bewegung.
An einer Maschine mit elektronischem Gasgriff gilt das erst recht: Die Drosselklappe steht dort, wo das Steuergerät sie haben will, und im Leerlauf ist das die Stellung, aus der sie morgen wieder startet. Ein Gasstoß vorher bringt die Klappe kurz auf und wieder zu und schickt die letzte Prise Kraftstoff unverbrannt in den Kat. Sonst passiert nichts.
Wenn du einen Vergaser fährst, gibt es einen Handgriff, der wirklich etwas bringt, und der hat mit dem Gas nichts zu tun: den Benzinhahn schließen, sofern er eine OFF-Stellung hat, wenn die Maschine länger als ein paar Tage steht. Damit läuft die Schwimmerkammer nicht über, falls das Schwimmerventil einmal nicht dicht hält. Das ist das Ritual, das an dieser Maschine Sinn ergibt.
Und wenn du einen Zweitakter fährst, am besten mit echter Getrenntschmierung und Ölpumpe am Seilzug: Dann darfst du. Dann macht der Gasstoß das, wofür er einmal gut war, und die Geschichte in diesem Text ist deine.
Abends, Einfahrt, Ausrollen. Die Hand geht zum Griff, und du weißt jetzt, was sie dort will: einen Zweitakter versorgen, den du vielleicht nie gefahren bist, an einem Motor, der es nicht braucht.
Manche hören damit auf, nachdem sie das gelesen haben. Die meisten nicht. Der Griff dreht sich, der Motor bellt, der Nachbar sieht kurz aus dem Fenster. Und ganz ehrlich: Es ist eine der harmloseren Gewohnheiten, die ein Fahrer haben kann. Der Motor hat sie überlebt, seit es Motoren gibt, die sie nicht brauchen.
Was sich ändert, ist nur die Antwort, wenn dich jemand fragt. Bis eben hättest du „damit sie besser anspringt“ gesagt. Ab jetzt sagst du: „Weil mein Vater einen Zweitakter hatte.“ Das ist kürzer, es ist wahrscheinlicher, und der Motor hört sowieso nicht zu.
Schadet der Gasstoß vor dem Abstellen einem Einspritzer?
Nein. Beim Abstellen mitten im Hochdrehen geht die bereits eingespritzte Füllung unverbrannt in die Abgasanlage, das sind ein paar Zylinderfüllungen und für den Katalysator eine Prise. Ein Nutzen entsteht dabei allerdings auch nicht: Der Einspritzer bereitet den nächsten Kaltstart beim Einschalten der Zündung selbst vor.
Springt das Motorrad nach einem Gasstoß morgens besser an?
Nein. Beim Vergaser ist die Schwimmerkammer nach dem Ausrollen genauso voll wie nach dem Gasstoß, weil das Schwimmerventil sie voll hält. Ein Spritzer aus der Beschleunigerpumpe im Ansaugtrakt verdunstet über Nacht. Beim Einspritzer regelt das Steuergerät den Kaltstart beim Einschalten der Zündung. Ob sie morgens anspringt, entscheiden Batterie, Kerzen und Choke oder Steuerung, nicht der letzte Griff am Abend.
Brennt der Gasstoß die Zündkerzen frei?
Nein. Eine Zündkerze reinigt sich erst ab rund 450 Grad am Isolator selbst, und diese Temperatur erreicht sie unter Last nach einigen Minuten Fahrt. Ein Gasstoß im Stand von einer Sekunde ohne Last bringt eine verrußte Kerze nicht dorthin. Wer das Kerzenbild sauber halten will, braucht eine Fahrt mit ordentlicher Drehzahl.
Woher kommt die Gewohnheit mit dem Gasstoß vor dem Abstellen?
Belegen lässt sich das nicht, aber die einzige Erklärung mit einem echten Mechanismus führt zu Zweitaktern mit Getrenntschmierung. Deren Ölpumpe fördert je nach Bauart abhängig von der Gasgriffstellung, ein Gasstoß vor dem Abstellen war dort ein letzter Ölschub ins Kurbelgehäuse für den nächsten Kaltstart. Über die Fahrer, die auf solchen Maschinen gelernt haben, kam die Bewegung auf Viertakter, wo sie nichts mehr bewirkt.
Wie stelle ich den Motor am Motorrad richtig ab?
Ausrollen, Gas zu, Neutral einlegen und den Motor im Standgas abstellen, so beschreiben es Hersteller wie Kawasaki in ihren Anleitungen. Ein Nachlaufen im Stand zum Abkühlen braucht ein Motorrad mit Saugmotor nicht, das ist eine Angewohnheit von aufgeladenen Autos und Lastwagen; ein luftgekühlter Motor wird seine Wärme im Stand ohne Fahrtwind sogar schlechter los. Bei einer Vergasermaschine, die länger steht, lohnt es sich, den Benzinhahn zu schließen, sofern er eine OFF-Stellung hat. Was für deine Maschine gilt, steht im Fahrzeughandbuch.
0 Stimmen: 0× Daumen hoch, 0× Daumen runter (0 Punkte)







Für die Reichweitenmessung mit Google Analytics bitten wir um Ihre Einwilligung. Stimmen Sie zu, setzt Google zwei Cookies mit einer Laufzeit von bis zu zwei Jahren, die Google selbst auslesen kann. Ohne Ihre Einwilligung speichern wir in Ihrem Browser nur, was die Seite zum Funktionieren braucht: diese Entscheidung, die gewählte Darstellung und, wenn Sie einen Beitrag bewerten, einen Vermerk dazu. Sie entscheiden frei und können Ihre Wahl jederzeit für die Zukunft widerrufen.