Schotter fahren mit dem Motorrad: So meisterst du losen Untergrund ohne Sturz

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Die Kurve war Gold. Griffig, sonnig, ein Traum aus Asphalt. Dann das Schild: Baustelle. Fahrbahn aufgerissen, 300 Meter loser Kies, und du mitten drin auf einem Naked Bike mit Sportreifen. Schotter fahren mit dem Motorrad war nie dein Plan - du hast ein reines Straßenbike, keine Stollen, keine große Reiseenduro mit einem Fahrmodus für jede Lebenslage. Und jetzt? Genau darum geht es hier.

Kein Enduro-Kaufartikel. Kein „Kauf dir erst mal einen Adventure-Reifen“. Sondern das, was du wirklich brauchst, wenn der lose Untergrund dich überrascht: die aufgerissene Baustelle, die Schotterzufahrt zum Alpen-Parkplatz, der Rollsplitt nach dem Winter, der Feldweg zur Hütte. Reine Fahrtechnik. Für dein Bike, so wie es ist.

Und du wirst diesen Situationen nicht entkommen. Der Rollsplitt im April, wenn die Bauhöfe die Winterrouten abgestreut haben und die Reste in den Kurven liegen. Der ist übrigens der unangenehmere Fall: Eine Schotterbaustelle fährst du aufrecht und geradeaus an, eine Splittzunge erwischt dich mitten in Schräglage. Dort hilft dir nur, was du vorher getan hast - früher vom Gas, größerer Bogen, und im Frühjahr grundsätzlich damit rechnen, dass hinter der Kurve etwas liegt. Die letzten Meter zum Aussichtspunkt, wo der Asphalt einfach aufhört. Der Schotterstreifen vor einer Wanderparkbucht in Tirol. Du kannst umdrehen, klar. Aber manchmal willst du nicht, und manchmal kannst du gar nicht, weil du längst mittendrin bist und der Kies erst hinter der Kuppe auftaucht. Also lernst du besser, damit umzugehen.

Warum Schotter fahren mit dem Motorrad dein Kopf gewinnt - nicht die Reifen

Die schlechte Nachricht zuerst. Auf losem Untergrund hast du weniger Grip. Punkt. Der Reifen liegt nicht satt auf, er rollt über kleine bewegliche Steine, die selbst wegrutschen. Das Vorderrad wandert. Es pendelt. Es macht Dinge, die es auf Asphalt nie tut.

Und jetzt die gute Nachricht. Genau dieses Wandern ist meistens harmlos - solange du es zulässt. Das Bike balanciert sich zu einem großen Teil selbst aus. Nicht durch Zauberei, sondern durch das Zusammenspiel von Lenkgeometrie, Gewichtsverteilung und den Kreiselkräften der drehenden Räder. Der Nachlauf - also der Abstand, mit dem der Reifenaufstandspunkt hinter der verlängerten Lenkachse liegt - zieht das Vorderrad wieder in die Spur zurück, ähnlich wie die Rolle an einem Einkaufswagen. Die Fahrdynamikforschung untersucht dieses Verhalten am Motorrad seit den frühen Siebzigern, und sie ist sich in einem Punkt einig: Keiner dieser Effekte gibt allein den Ausschlag. Verstellst du nur den Nachlauf, nur die Trägheit des Vorderrads oder nur die Schwerpunktlage des Vorderbaus, kippt das Verhalten - alle drei greifen ineinander, und je nach Bauart trägt mal der eine, mal der andere mehr bei. Und eine Einschränkung musst du kennen, weil sie auf Schotter direkt zählt: Dieses Selbstfangen setzt erst ab etwa zwanzig bis fünfundzwanzig Stundenkilometern richtig ein. Darunter arbeitet es nicht nur schlechter, es fehlt schlicht - im Schritttempo hältst du das Bike allein mit Balance, Blick und feiner Lenkarbeit aufrecht, ohne jede Unterstützung von der Physik. Nach oben hin lässt die Wirkung übrigens auch wieder nach. Verlass dich also nicht blind darauf, sondern nutze sie als das, was sie ist: eine Hilfe in genau dem Tempobereich, in dem du ohnehin über Kies rollen solltest.

Was das für dich heißt? Dein wichtigstes Werkzeug ist nicht der Reifen. Es ist die Fähigkeit, nichts Falsches zu tun. Loslassen, wo andere zupacken. Ruhig bleiben, wo der Instinkt schreit.

Fehler Nummer eins: Panik und der Todesgriff

Wann hast du das letzte Mal aus purem Schreck den Lenker umklammert? Auf Schotter ist das der Klassiker. Das Vorderrad rutscht ein paar Zentimeter zur Seite, dein Körper schaltet auf Alarm, und deine Hände krallen sich fest. Genau das ist der Moment, in dem es kippt.

Denn ein festgehaltener Lenker kann sich nicht mehr ausrichten. Du unterbindest die Selbststabilisierung, gegen die du eigentlich gar nicht ankämpfen musst. Du zwingst dem Rad eine Richtung auf, während es sich selbst gefangen hätte. Ich sage das so deutlich: Verkrampfen ist auf losem Untergrund gefährlicher als der Untergrund selbst.

Die alte Fahrschul-Weisheit vom „rohen Ei zwischen Hand und Lenker“ trifft es gut. Halt den Lenker, als läge da etwas, das du nicht zerdrücken willst. Locker. Beweglich. Lass dem Vorderrad seinen Spielraum, über die Steine zu tänzeln. Es sieht wild aus und fühlt sich noch wilder an - aber es funktioniert.

Und dein Oberkörper? Der bleibt weich. Schultern runter, Ellbogen locker, Atmung nicht anhalten. Klingt nach Yoga, ist aber knallharte Physik: Ein steifer Fahrer überträgt jeden Schlag direkt ins Lenkverhalten. Ein lockerer Fahrer lässt das Bike arbeiten.

Die Vorderbremse - dein größtes Risiko

Jetzt kommt der Teil, der dir das Leben retten kann. Also lies langsam.

> ⚠️ Sicherheitshinweis: Blockiert auf Schotter das Vorderrad, verlierst du fast augenblicklich die Seitenführung - das Rad rutscht weg und du gehst zu Boden, oft ohne jede Vorwarnung. Ein blockiertes Vorderrad bei eingeschlagenem Lenker ist der Klassiker unter den Stürzen auf losem Untergrund - der Fehler, den dir jeder Fahrlehrer und jeder Geländetrainer als Erstes austreiben will, weil er so schnell geht und so wenig Vorwarnung lässt.

Warum ist das so brutal? Ein rollendes Rad überträgt Seitenkräfte und hält die Spur. Ein blockiertes Rad nicht. Es wird zum Schlitten. Auf Asphalt hast du oft noch eine Chance, kurz zu lösen. Auf Kies ist die Haftung so gering, dass zwischen „zu viel Bremse“ und „am Boden“ kaum Zeit liegt.

Heißt das, Finger weg von der Vorderbremse? Nein. Das wäre genauso falsch. Es heißt: extrem fein dosieren. Auf trockenem Asphalt baust du Bremsdruck sauber über ungefähr eine halbe Sekunde auf, damit sich erst Last aufs Vorderrad legt, bevor du richtig zupackst. Auf Schotter gilt das verschärft. Kein Ruck. Kein Griff aus dem Handgelenk. Nur ein sanftes, progressives Anlegen - und beim ersten Anzeichen, dass das Rad stempelt oder rutscht, sofort weicher werden.

Die Hinterradbremse wird dafür dein wichtigster Helfer. Ein rutschendes Hinterrad ist deutlich gutmütiger als ein rutschendes Vorderrad - du merkst es früher, du hast mehr Zeit, und in aller Regel bleibst du oben. Beherrschbar heißt aber nicht harmlos: Auch hinten bricht das Heck bei zu viel Druck seitlich aus. Und jetzt kommt die Stelle, an der viele Ratgeber danebengreifen. Du liest oft die eiserne Regel, ein rutschendes Hinterrad dürfe man niemals abrupt lösen, weil dich das wieder greifende Rad nach oben abwerfen kann. Diese Regel gibt es wirklich, sie steht in der Fahrtechniklehre - aber sie gilt für griffigen Asphalt, wo der Grip schlagartig zurückkommt. Auf Kies gilt das Gegenteil, und da sind sich die Fahrsicherheitsexperten einig: Auf rutschigem Untergrund darfst und sollst du die Bremse öffnen, damit das Rad wieder rollt, und danach feiner neu anlegen. Loser Schotter gibt keinen Grip schlagartig zurück, dafür ist er zu beweglich. Mach es trotzdem gefühlvoll und nicht mit einem Zucken aus dem Fußgelenk, allein weil jede ruckartige Bewegung Unruhe ins Bike bringt.

Und rechne mit etwas, das dich sonst im falschen Moment erschreckt: Auf einem modernen Straßenbike blockiert hinten meist gar nichts, weil das ABS dazwischengeht. Stattdessen hämmert dir das Pedal gegen die Fußsohle, aus dem Modulator knattert es, und das Bike verzögert schlechter, als du erwartest. Das ist normal. Fester treten holt keinen Meter mehr heraus. Verlager den Großteil der Verzögerung trotzdem nach hinten und behandle vorn wie rohe Eier. Nicht meiden, aber respektieren.

Und das ABS? Verlass dich nicht drauf

Hier kommt der ehrliche Teil, den die Offroad-Ratgeber gern überspringen. Auf losem Untergrund kann ABS den Bremsweg sogar verlängern. Der Grund: Vor einem kurz blockierenden Rad schiebt sich im Kies ein kleiner Wall aus Material auf, und der bremst mit. Ein Rad, das die Elektronik immer wieder freigibt, baut diesen Wall nie richtig auf. In Messreihen an Autos ist der Effekt eindeutig nachgewiesen; fürs Motorrad ist er physikalisch derselbe, aber nicht mit belastbaren Zahlen belegt - und moderne Regelalgorithmen gleichen einen guten Teil davon wieder aus. Bezeichnend ist, was ein kontrollierter Vergleich auf Schotter tatsächlich ergeben hat: Ein sehr geübter Geländefahrer bremst ohne ABS zwar eine Spur kürzer, aber unruhig und mit stark schwankenden Ergebnissen von Versuch zu Versuch. Derselbe Fahrer mit ABS kommt stabiler zum Stehen. Der größte Unterschied lag ohnehin nicht an der Elektronik, sondern am Fahrer: Zwischen geübt und ungeübt lagen aus fünfzig Sachen fast zehn Meter - beide mit ABS. Übung schlägt hier Technik.

Nur: Bei den meisten reinen Straßenmotorrädern kannst du das Vorderrad-ABS gar nicht abschalten. Manche Modelle lassen dich das hintere deaktivieren, das vordere bleibt an. Das ist kein Versäumnis der Hersteller, sondern klar geregelt - und die Regeln sind feiner, als es die Foren erzählen. Das ABS komplett stilllegen darfst du nur über einen eigenen Gelände-Fahrmodus, nur im Stand und nur mit einer bewussten Doppelhandlung; ein versehentlicher Tastendruck reicht nicht. Danach zeigt dir eine gelbe Kontrollleuchte, was du getan hast, und beim nächsten Zündungswechsel steht das System wieder scharf da. Nur beim Hinterrad ist mehr erlaubt: Dessen Regelung darfst du bei einigen Maschinen sogar während der Fahrt wegschalten, und einzelne Modelle merken sich das über den Motorstopp hinaus. Was dein Bike wirklich tut, steht deshalb nur an einer Stelle verbindlich - in deiner Bedienungsanleitung. Schau vorher rein, nicht mitten im Kies. Und vergiss den Ratschlag aus dem Enduro-Forum, „einfach das ABS rauszunehmen“: Auf einem Straßenbike hast du diese Option meistens gar nicht.

Und dreh die Sache im Kopf einmal um: Die Elektronik bleibt an, und das ist unterm Strich gut so. Sie kostet dich auf Kies vielleicht ein paar Meter Bremsweg - dafür verhindert sie genau das, was dich hier am zuverlässigsten hinlegt, nämlich ein blockiertes Vorderrad ohne Seitenführung. Ein ABS, das regelt, ist immer noch besser als ein Vorderrad, das steht. Sieh es als Notnagel, den du gar nicht erst beanspruchen willst. Und weil ein Notnagel nur ein Notnagel ist, gilt: niedriges Tempo, großer Abstand, feine Dosierung. Du kannst die Technik nicht austricksen. Also fahr so, dass du sie kaum brauchst.

Gas statt Bremse - die Kunst des ruhigen Zugs

Der zweite große Denkfehler: Bei Unsicherheit Gas wegnehmen. Fühlt sich sicher an. Ist es nicht.

Nimmst du abrupt Gas weg, verlagert sich Gewicht nach vorn, das Vorderrad wird schwerer und gräbt sich leichter in den Untergrund ein. Genau das willst du nicht. Ein Vorderrad, das sich eingräbt, verliert Lenkbarkeit und will dich abwerfen.

Der Trick heißt: gleichmäßiger, leichter Zug. Eine konstante bis minimal ziehende Last hält das Vorderrad leicht und lässt es über die Oberfläche gleiten, statt sich festzufressen. Das Prinzip dahinter ist simpel: langsam rein, ruhig durch, sanft raus. Kein Gasstoß, kein Zumachen. Ein stetiger, sauberer Faden Gas.

Stell dir vor, dein Gaszug wäre aus Glas und würde bei jeder ruckartigen Bewegung springen. So fein arbeitest du. Das Hinterrad darf dabei ruhig ein bisschen scharren und Steinchen wegschleudern - dieses leichte Graben nach hinten ist okay, solange es kontrolliert bleibt. Was du nicht willst, ist der nervöse Wechsel aus Aufreißen und Zumachen, dieses „Gas-Bremse-Gas-Bremse“, das Anfänger im Stress produzieren. Jeder Lastwechsel schickt eine Gewichtsverlagerung durchs Bike, und jede Gewichtsverlagerung ist auf Kies eine Einladung zum Rutschen. Ruhe im Handgelenk. Das ist die halbe Miete.

Dazu ein niedriger Gang, damit der Antrieb gleichmäßig zieht und du keine ruckartigen Lastwechsel produzierst. Aber - und das ist wichtig für dich als Straßenfahrer - „niedriger Gang“ heißt nicht „am Standgas kriechen“. Die Regel „Geschwindigkeit bringt Sicherheit“ gilt für erfahrene Offroader auf Enduros, nicht für dich auf dem Sportler. Kriech nicht verkrampft im Schritttempo, aber rase auch nicht. Ein ruhiges, stetiges Tempo, bei dem das Bike sauber rollt und du Zeit zum Reagieren hast. Und ein Wort zum Tempo, weil es oft falsch herum erzählt wird: Das eigentliche Problem der meisten Anfänger ist nicht die Zahl auf dem Tacho, sondern die Verkrampfung. Löse also zuerst die Anspannung, nicht die Bremse. Zu schnell und zu langsam sind auf Kies beides Fehler.

Blick weit voraus - nicht aufs Vorderrad starren

Der Instinkt zieht deinen Blick nach unten. Direkt vors Vorderrad, auf jeden einzelnen fiesen Stein. Falsch.

Wohin du schaust, dahin fährst du. Starrst du auf das Loch, fährst du ins Loch. Such stattdessen die Linie weit vorn. Eine feste Zahl gibt dir dafür niemand, und das hat einen guten Grund: Die richtige Blickweite hängt an deinem Tempo, nicht an einer Regel. Die deutsche Fahrsicherheitslehre dreht die Frage deshalb um und fragt nicht, wie weit du schaust, sondern was du überblicken musst - nämlich mindestens die Strecke, die du zum Reagieren und zum Anhalten brauchst. Auf der Landstraße bei siebzig sind das rund vierzig Meter, bei hundert schon über siebzig. Im langsamen Schottertempo schrumpft das entsprechend zusammen, und trotzdem schauen die meisten dort viel zu kurz, nämlich direkt vors Vorderrad, wo ihnen die Information nichts mehr nützt. Nimm dir also lieber ein Ziel statt einer Zahl: Such dir gleich das Ende der Schotterpassage, den Punkt, an dem der Asphalt wieder anfängt. Weiche Wellen im Blick, keine Fixierung. Dein Unterbewusstsein steuert die Feinkorrekturen erstaunlich gut, wenn du ihm nur das Ziel zeigst - und nicht mit Panik-Blicken dazwischenfunkst.

Ich weiß, das ist leichter geschrieben als gemacht. Auf den ersten losen Metern will das Auge nach unten. Zwing es hoch. Atme aus. Und lass die Linie kommen.

Ein Nebeneffekt, den kaum jemand erwähnt: Sobald dein Blick hochgeht, entspannt sich fast automatisch der Rest. Der Kopf sortiert die Prioritäten neu, die Schultern fallen, der Griff wird lockerer. Es hängt alles zusammen. Ein Fahrer, der nach unten stiert, ist auch der Fahrer, der den Lenker umklammert und am Gas ruckelt. Ein Fahrer, der weit vorausschaut, fährt automatisch runder. Deshalb ist die Blickführung nicht irgendein Tipp unter vielen - sie ist der Schalter, der die anderen Fehler gleich mit ausknipst.

Stehen oder sitzen? Was auf dem Straßenbike wirklich geht

Jeder Offroad-Ratgeber predigt: aufstehen. Gewicht auf die Rasten, Knie an den Tank, die klassische Enduro-Standposition. Für die GS mit hohem Lenker und breiten Rasten stimmt das auch. Für deinen Naked-Twin oder deinen Supersportler mit tiefem Lenker und weit hinten liegenden Rasten? Nur bedingt.

Volles Aufstehen ist auf vielen Straßenbikes ergonomisch kaum möglich und manchmal sogar kontraproduktiv - der Lenker ist zu tief, du hängst nach vorn, das entlastet gar nichts. Also übertrag die Enduro-Haltung nicht eins zu eins.

Was funktioniert: dich leicht auf die Rasten stellen, den Hintern nur ein paar Zentimeter von der Bank lösen, Knie locker gebeugt. Und nein, der Schwerpunkt wandert dabei nicht nach unten - dieser Satz steht in jedem zweiten Ratgeber und stimmt physikalisch trotzdem nicht, denn dein Körper sitzt im Stehen ja höher als vorher. Der echte Gewinn ist ein anderer und sogar der wichtigere: Du koppelst deinen Körper vom Motorrad ab. Das Bike darf unter dir arbeiten, ohne dich jedes Mal mitzunehmen, deine Beine fangen die Schläge ab statt dein Steißbein, und über den Druck auf die Rasten kannst du sogar sanft mitlenken. Deine Hüfte wird zur Federung. Geht das bei deiner Sitzposition nicht sauber, dann bleib sitzen und rutsch ein Stück nach hinten. Das entlastet das Vorderrad - und genau das willst du auf Schotter. Weniger Last vorn, weniger Eingraben, mehr Ruhe im Lenker.

Reifendruck - eine Feinheit, kein Wundermittel

Jetzt zum Punkt, der in Foren am heißesten diskutiert wird und am meisten überschätzt wird: Luft rauslassen.

Ja, etwas weniger Druck vergrößert die Aufstandsfläche, der Reifen legt sich besser um Unebenheiten, du hast situativ mehr Grip. Nur: Für dein Straßenmotorrad mit Serien-Straßenreifen gibt dir dafür niemand eine Zahl. Die Reifenhersteller sagen übereinstimmend dasselbe - halt dich an den Druck aus deinem Fahrzeughandbuch. Die deutsche Zweiradsicherheitsforschung geht noch weiter und stuft schon zwei Zehntel bar Abweichung als spürbaren Eingriff in die Fahrsicherheit ein, gerade beim Bremsen und in Schräglage. Und wo ein Hersteller das Ablassen im Gelände überhaupt erwähnt, meint er ein anderes Motorrad als deins: Stollenreifen mit Schlauch auf Speichenrädern, mit Reifenhaltern in der Felge, damit sich der Reifen nicht verdreht und das Ventil abreißt. Dein schlauchloser Straßenreifen hat davon nichts.

> ⚠️ Sicherheitshinweis: Lässt du zu viel Luft ab, riskierst du Durchschläge und Felgenschäden, weil der Reifen die Kante nicht mehr abpuffert. Bei schlauchlosen Rädern kommt die unangenehmste Variante dazu: Der Wulst springt bei seitlicher Belastung aus dem Felgenbett, und die Luft ist in Sekunden draußen. Fährst du noch mit Schlauch, kann sich zusätzlich der Reifen auf der Felge verdrehen und dabei das Ventil abreißen. Und danach wird die Straßenfahrt mit zu wenig Druck erst recht lebensgefährlich, weil das Handling schwammig wird und die stark walkende Flanke so heiß läuft, dass der Reifen im schlimmsten Fall aufgibt.

Also: Finger weg vom Ventil, solange du nicht ganz genau weißt, was du tust. Und falls du doch abgelassen hast, dann gilt vor der nächsten Asphalt- oder Autobahnetappe keine Option, sondern Pflicht: wieder auf den korrekten Druck aufpumpen. Und weil jeder Reifen und jede Felge anders ist: Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch, sowohl beim Reifendruck als auch bei der Frage, ob dein Reifen für losen Untergrund überhaupt taugt. Ehrlich gesagt ist der Druck für die meisten Schotter-Überraschungen zweitrangig. Die 300 Meter Baustelle fährst du mit Technik durch, nicht mit dem Ventil.

Was hier NICHT reingehört

Damit wir uns richtig verstehen: Das hier ist keine Anleitung, um deinen Sportler zum Endurobike umzudichten. Stollenreifen, Sturztraining, echtes Gelände - das sind eigene Themen. Nässe und Aquaplaning auf Asphalt auch. Und die perfekte Kurvenlinie auf der Landstraße sowieso. Hier geht es einzig um den Moment, in dem du mit einem Straßenbike unfreiwillig auf losem Untergrund landest und heil auf der anderen Seite ankommen willst.

Wenn du regelmäßig ins Gelände willst, kaufst du irgendwann das passende Werkzeug und übst gezielt - am besten auf einem sicheren Platz, wo ein Rutscher nur den Stolz kostet. Aber für die Baustelle hinter der Kuppe brauchst du keinen Kurs. Du brauchst einen kühlen Kopf und die paar Handgriffe, die du hier bekommst.

Die rote Linie: so wenig Input wie möglich

Wenn du dir aus diesem ganzen Text nur einen Satz merkst, dann diesen: Tu so wenig wie möglich. Locker lassen, gleichmäßig Gas, Blick weit voraus, vorn kaum bremsen. Das Bike erledigt den Großteil der Arbeit von allein, wenn du ihm nicht in die Quere kommst. Schotter fahren mit dem Motorrad ist zu neunzig Prozent die Kunst, nicht in Panik zu verfallen und dem Vorderrad zu vertrauen, das sich lieber selbst fängt, als von dir gewürgt zu werden.

Beim nächsten Mal, wenn hinter der Kuppe der Kies auftaucht, weißt du es besser. Kein Todesgriff. Kein Blick nach unten. Kein hektischer Zug an der Vorderbremse. Nur ruhiger Atem, ein weicher Faden Gas und die Linie im Blick - und plötzlich sind die 300 Meter Baustelle keine Bedrohung mehr, sondern nur ein anderer Belag.

Und das Beste daran? Hast du einmal gespürt, wie sich ein leicht pendelndes Vorderrad von selbst wieder einfängt, verlierst du die Angst vor dem losen Zeug. Nicht die Vorsicht. Nur die Angst.

❓ Häufige Fragen zu Schotter fahren mit dem Motorrad

Kann ich mit einem reinen Straßenmotorrad überhaupt über Schotter fahren?

Ja, kurze Schotterpassagen wie eine Baustelle oder eine Parkplatzzufahrt schaffst du auch mit Straßenreifen. Entscheidend ist nicht der Reifen, sondern die Technik: locker bleiben, gleichmäßig Gas, weit vorausschauen und vorn nur ganz fein bremsen. Für echtes Gelände ist ein Straßenbike aber nicht gemacht.


Warum ist die Vorderbremse auf Schotter so gefährlich?

Weil ein blockierendes Vorderrad auf losem Untergrund fast sofort die Seitenführung verliert und wegrutscht - der Klassiker unter den Sturzgründen auf Kies. Dosiere vorn extrem fein und progressiv und verlagere den Großteil der Verzögerung auf die Hinterradbremse, denn ein rutschendes Hinterrad bleibt gutmütiger als ein rutschendes Vorderrad.


Soll ich den Lenker festhalten oder locker lassen?

Locker lassen. Das Vorderrad pendelt auf Schotter über Steine, und ein festgeklammerter Lenker unterbindet die Selbststabilisierung, die durch den Nachlauf ohnehin passiert. Halte den Lenker so, als läge ein rohes Ei zwischen Hand und Griff. Verkrampfen ist der Fehler Nummer eins.


Muss ich auf dem Straßenbike aufstehen wie auf einer Enduro?

Nein, die volle Enduro-Standposition ist auf Nakeds, Tourern und Sportlern oft gar nicht sinnvoll möglich. Es reicht, dich leicht zu entlasten und den Hintern ein paar Zentimeter von der Bank zu heben. Geht das nicht bequem, bleib sitzen und rutsch nach hinten, um das Vorderrad zu entlasten.


Sollte ich für Schotter Luft aus den Reifen lassen?

Für kurze Schotterpassagen mit einem Straßenmotorrad: besser nicht. Etwas weniger Druck bringt zwar mehr Aufstandsfläche, aber die Reifenhersteller verweisen dich ausnahmslos auf den Druck aus dem Fahrzeughandbuch, und die Zweiradsicherheitsforschung wertet schon zwei Zehntel bar Abweichung als sicherheitsrelevant. Wo eine Absenkung im Gelände empfohlen wird, geht es um Stollenreifen mit Schlauch und Reifenhaltern in der Felge, nicht um deinen Straßenreifen. Die Baustelle fährst du mit Technik durch, nicht mit dem Ventil.


Kann ich das ABS für die Schotterpassage abschalten?

Bei den meisten reinen Straßenmotorrädern lässt sich das Vorderrad-ABS gar nicht deaktivieren, nur teils das Hinterrad-ABS. Das ist auch nicht schlimm: ABS kann auf losem Grund zwar den Bremsweg etwas verlängern, verhindert aber genau das blockierte Vorderrad, das dich dort am zuverlässigsten hinlegt. Was dir wirklich hilft, sind niedriges Tempo, großer Abstand und sehr feine Bremsdosierung.

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