Rostige Reflexe und kalter Asphalt: So holst du deine Fahrtechnik nach der Winterpause zurück

Im Oktober bist du die Kurve am Waldrand gefahren, ohne an sie zu denken. Im März ist es dieselbe Kurve. Der Asphalt im Schatten ist noch kalt vom Winter, die Reifen sind es auch, und deine Hand findet den Bremshebel eine Spur später als im Herbst. Die alten Abläufe lassen sich zurückholen, wenn du dabei eine Reihenfolge einhältst.

Die Reihenfolge beginnt bei Reifen und Bremse, die nach dem Winter anders reagieren als vor der Pause. Danach folgen Haltung und Blick, und das Tempo kommt erst ganz zum Schluss zurück.

Kalte Reifen brauchen Kilometer

KTM warnt im Handbuch der 890 Adventure von 2023 ausdrücklich: Kalte Reifen haben weniger Bodenhaftung. Deshalb fährst du laut KTM bei jeder Fahrt die ersten Kilometer vorsichtig und mäßig schnell, bis die Reifen auf Betriebstemperatur sind. BMW empfiehlt für die R 1300 GS achtsames Warmfahren, ohne starkes Beschleunigen und mit einer Schräglage, die nur langsam wächst.

Wie lange das dauert, nennt keine der beiden Anleitungen in Minuten. Wärme bekommt der Reifen vor allem aus der Walkarbeit, also aus dem ständigen Verformen unter Last, und die kommt mit dem Fahren. Schlangenlinien auf den ersten Kilometern bringen dagegen kaum etwas, und auf einem schattigen Waldstück kühlt der Gummi wieder ab.

Sind während der Pause neue Reifen aufs Motorrad gekommen, gilt eine zweite Warnung aus dem KTM-Handbuch: Die Lauffläche neuer Reifen ist noch nicht aufgeraut, deshalb haften sie schlechter. Für die 890 Adventure nennt KTM 200 Kilometer Einfahrstrecke mit gemäßigter Fahrweise und einer Schräglage, die nur langsam steigt.

Zur Temperatur kommt der Luftdruck. Continental zufolge gilt ein Verlust bis 0,1 bar pro Monat als normal, über einen Winter von November bis März können also bis zu 0,5 bar fehlen. Zu wenig Luft beeinträchtigt laut Suzuki das Fahrverhalten, besonders in Kurven, und lässt den Reifen schneller verschleißen.

Bei Yamaha steht für die MT-07 die Druckprüfung vor jeder Fahrt in der Liste, bei Honda für die NC750X eine Messung mindestens einmal im Monat. Gemessen wird jeweils am kalten Reifen, am einfachsten daheim vor der Fahrt. Bis zur Tankstelle hat sich der Reifen oft schon erwärmt, doch wenn du weißt, wie viel am kalten Reifen gefehlt hat, gibst du dort genau so viel dazu. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.

Die erste Bremsung vor der ersten Kurve

Der ADAC rät, zu Beginn jeder Fahrt die Bremsen zu testen, besonders nach einer längeren Standpause. Einiges merkst du schon beim Herausschieben. Rollt die Maschine im Leerlauf auffällig schwer, obwohl der Luftdruck stimmt und keine Feststellbremse angezogen ist, kann ein klemmender Bremssattel oder eine zu stramme, verrostete Kette dahinterstecken. Dann fährst du nicht los, sondern lässt nachsehen. Rollt sie frei, bremst du in der Einfahrt im Schritttempo einmal vorn und einmal hinten und spürst, ob Hand- und Fußbremshebel einen festen Druckpunkt haben und das Rad sauber verzögert.

Die Vollbremsung ist eine andere Sache. Der ADAC zählt die Voll- oder Notbremsung zu den schwierigsten Aufgaben auf dem Motorrad: Sie muss beim ersten Versuch gelingen, und deshalb rät er, das Bremsen immer wieder zu üben. Ein typischer Fehler ist der Griff, der im Schreck den Hebel durchreißt. Besser baust du den Druck in einem kurzen Moment auf, bis die Gabel eintaucht und mehr Gewicht auf dem Vorderrad liegt, und steigerst ihn dann bis zur vollen Verzögerung.

Für solche Übungen brauchst du einen abgesperrten Platz, nicht die Landstraße und keinen Parkplatz, auf dem jederzeit jemand um die Ecke biegen kann. Ein ABS nimmt dir die Übung nicht ab. Es verhindert, dass das Rad blockiert, aber kräftig genug bremsen musst du selbst, und der Bremsweg wird damit nicht kürzer, als es der kalte Reifen zulässt.

Arme locker, Blick weit

Achte in den ersten Kurven darauf, wie du sitzt. Sind die Arme durchgestreckt, halten die Hände den Lenker fest und klebt der Blick ein paar Meter vor dem Vorderrad, fährst du verkrampft. Steife Arme geben jede Bewegung des Oberkörpers an den Lenker weiter, und jeder ungewollte Druck dort wirkt wie ein Lenkimpuls.

Die Ellbogen dürfen leicht gebeugt sein, gehalten wird der Körper von unten, über Becken, Beine und Füße auf den Rasten. Die Hände liegen nur so fest am Griff, wie du für Gas und Bremse brauchst, und der Blick geht weit voraus, durch die Kurve zum Ausgang. Merkst du an einer Ampel, dass die Schultern hochgezogen sind, lass sie sinken.

In Etappen zurück

Wie viele Kilometer es braucht, bis alles wieder sitzt, lässt sich nicht beziffern. Eine sinnvolle Reihenfolge sieht so aus:

  • Kurze Runden auf bekannten Straßen. Am besten am frühen Nachmittag, wenn der Asphalt am wärmsten ist, mit dem Bremstest in der Einfahrt und ohne Termin im Nacken.
  • Bremsen und Ausweichen auf dem Platz. Ein Training früh im Jahr holt die Abläufe zurück, die du im Notfall ohne Nachdenken brauchst.
  • Längere Touren, Gepäck und Sozius. Erst wenn Bremsen und Kurven wieder sitzen, und mit Pausen, solange du noch frisch bist. Mit Sozius oder Gepäck lenkt und bremst die Maschine anders, und welcher Luftdruck und welche Federvorspannung dann gelten, steht in deiner Anleitung.
  • Fremde Strecken. Zum Schluss, wenn du Überraschungen hinter der nächsten Kuppe wieder gelassen nimmst.

Fahr die ersten Wochen eine Stufe unter dem, was du dir zutraust. Das Gefühl, wieder drin zu sein, kann früher kommen als das Können.

Ein Tag auf dem Übungsplatz

Beim Basis-Training der ADAC-Fahrsicherheitszentren Südbayern fährst du rund acht Stunden mit dem eigenen Motorrad, auf dem Plan stehen unter anderem Blickführung, Lenkimpuls und Sitzposition, Bremsen bei verschiedenen Geschwindigkeiten und Bremsen mit Ausweichen. Der Preis beginnt dort bei 199 Euro. In Schlüsselfeld in Oberfranken kostet das Basis-Training des ADAC Nordbayern bei gleicher Dauer 179 Euro, und zwar an jedem Wochentag, beides Stand Oktober 2026. Einen Zuschuss der Berufsgenossenschaft nennt der ADAC als möglich, ob er für dich infrage kommt, sagt dir deine Berufsgenossenschaft.

Wann hast du zuletzt wirklich voll gebremst, mit Absicht und auf einem Platz, auf dem nichts passieren konnte?

❓ Häufige Fragen zur Fahrtechnik nach der Winterpause

Wie lange brauchen Motorradreifen, bis sie warm sind?

Feste Minuten nennen die Hersteller nicht. KTM warnt vor kalten Reifen und rät, bei jeder Fahrt anfangs mäßig und vorsichtig zu fahren, bis die Reifen Betriebstemperatur haben, und BMW rät, die Schräglage beim Warmfahren langsam zu steigern. Auf kaltem Asphalt und im Schatten dauert es länger.


Wie viel Druck verliert ein Motorradreifen im Winter?

Pro Monat gelten bei Continental Verluste bis zu 0,1 bar als normal. Über die Winterpause kommen so bis zu 0,5 bar zusammen. Vor dem Saisonstart misst du deshalb am kalten Reifen nach und stellst den Wert aus deiner Anleitung ein. Füllst du erst an der Tankstelle auf, kommt der kalt gemessene Fehlbetrag auf den warmen Wert obendrauf.


Muss ich nach dem Winter die Bremsen testen?

Der ADAC rät, die Bremsen zu Beginn jeder Fahrt zu testen, nach einer langen Standpause erst recht. Geht das Schieben schwer, obwohl die Reifen genug Luft haben und keine Feststellbremse greift, lässt du Bremsen und Kette nachsehen, statt loszufahren. Sonst merkst du im Schritttempo, ob Hand- und Fußbremshebel einen festen Druckpunkt haben.


Hilft ABS auf kaltem Asphalt?

ABS hält das Rad am Rollen und das Motorrad beim Bremsen stabil. Mehr Haftung schafft es nicht: Wie kurz du zum Stehen kommst, hängt weiter am kalten Reifen und am Belag. Den Bremsdruck aufbauen musst du trotzdem selbst.


Wo kann ich Bremsen üben?

Vollbremsungen übst du auf einem abgesperrten Platz, am besten in einem Fahrsicherheitstraining mit Trainern. Landstraße und Parkplätze eignen sich dafür nicht, weil dort jederzeit Verkehr kommen kann.


Was kostet ein Fahrsicherheitstraining für Motorradfahrer?

Für einen Basistag beim ADAC zahlst du in Bayern 179 Euro in Schlüsselfeld oder ab 199 Euro in den Zentren Südbayerns, Stand Oktober 2026. Gefahren wird jeweils einen ganzen Tag auf dem eigenen Motorrad. Ob deine Berufsgenossenschaft einen Zuschuss gibt, fragst du dort nach.


Wie lange dauert es, bis die Fahrtechnik nach dem Winter zurück ist?

Wann die Fahrtechnik nach dem Winter wieder sitzt, hängt an dir und nicht an einer Kilometerzahl. Fang mit kurzen Runden auf Straßen an, die du kennst, und hol dir Bremsen und Ausweichen in einem Training zurück. Lange Touren, Fahrten mit Gepäck oder Sozius und neue Strecken hebst du dir für später auf.

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