Wo endet dein Bremsweg mit dem Motorrad? Fünfzig Fahrer haben es ausprobiert

Du sitzt auf deinem Motorrad, das Vorderrad an einer weißen Bremslinie. Vor dir geht ein Helfer mit einem Hütchen die Bahn hinunter. „Stopp“ rufst du, sobald er an der Stelle ist, an der du nach einer Vollbremsung aus Tempo 50 stehen würdest. Wann rufst du?

So beginnt ein Versuch, den das Institut für Zweiradsicherheit (ifz) mit 50 Leuten auf ihren eigenen Maschinen gemacht hat. Erst steckten sie ihren Bremsweg mit dem Motorrad per Hütchen ab, danach bremsten sie voll. Je nach Tempo brauchten 46 bis 54 Prozent der Teilnehmer mehr Platz, als sie abgesteckt hatten. Vor einem Hindernis am eigenen Hütchen wären sie nicht rechtzeitig zum Stehen gekommen. Anfänger waren das nicht.

Ein Hütchen markiert die Schätzung

Der Versuch lief von Juni bis September 2024 auf dem ADAC-Verkehrsübungsplatz in Recklinghausen, die Auswertung hat das ifz im August 2026 veröffentlicht. Worum es ging, erfuhren die Teilnehmer erst, als sie an der Linie saßen. Die Nächsten in der Reihe durften nicht zusehen, damit sich niemand vorher Zahlen zurechtlegen konnte.

Geschätzt wurde für Tempo 50, 70, 80 und 100. Nach jeder Schätzung maßen Helfer die Strecke bis zum Hütchen aus, dann kam es wieder weg, damit sich später niemand daran heranbremsen konnte. Es folgten vier Vollbremsungen: aus 50, zweimal aus 70 und aus 80 km/h. Für Tempo 100 war der Auslauf womöglich zu kurz, dort blieb es bei der Schätzung.

Gemeint war jedes Mal eine Gefahrenbremsung, also eine Vollbremsung mit allem, was Bremse und Reifen hergeben. Kameras auf die Bremslichter und zwei Smartphones im Rucksack jedes Fahrers hielten fest, wo die Bremsung tatsächlich begann und wie schnell die Maschine war. Kaum jemand traf Linie und Tempo exakt. Die Forscher haben jede Bremsung deshalb auf das genaue Tempo und denselben Startpunkt umgerechnet.

Gemessen wurde nur der reine Bremsweg. Die Schrecksekunde fehlte, denn jeder wusste, wann und wo er bremsen sollte. Dazu kamen ein Belag mit sehr viel Grip, gute Sicht und ABS an jeder Maschine, ohne ABS durfte niemand mitfahren. Auf der Landstraße hast du es selten so gut.

Bremsweg mit dem Motorrad: im Schnitt richtig, einzeln daneben

Zuerst das Erstaunliche: Als Gruppe lagen die 50 ziemlich richtig. Bei Tempo 50 stand das Hütchen im Schnitt nach 16,4 Metern, der echte Bremsweg lag nach den Zahlen der Studie bei durchschnittlich 16 Metern.

Nur bremst auf der Straße keine Gruppe. Es bremst immer einer allein, und da sah es anders aus. Die Schätzungen für Tempo 50 reichten von 7,6 bis 41,7 Meter, die echten Bremswege nur von 11,2 bis 20,2 Meter. Beim Bremsen waren sich die 50 viel ähnlicher als beim Schätzen. Der kürzeste Tipp lag gut dreieinhalb Meter unter der kürzesten Bremsung des Tests, der längste war mehr als doppelt so lang wie die längste.

Getroffen hat es keiner. Alle wichen von ihrer eigenen Schätzung ab, auf einen Meter genau lagen bei Tempo 50 elf von 50, bei Tempo 70 nur drei. Mehr Platz als abgesteckt brauchten bei Tempo 50 gut die Hälfte, bei 70 und 80 knapp die Hälfte. Die übrigen standen früher, als sie gedacht hatten.

Im Fragebogen danach fiel das Urteil eindeutig aus. Auf der Skala von sehr leicht bis sehr schwierig stufte keiner die Vollbremsungen als schwierig ein, 88 Prozent nannten sie leicht oder sehr leicht. Das Schätzen dagegen fand gut die Hälfte schwierig oder sehr schwierig. Leicht fanden sie also das Bremsen, schwer das Vorhersagen, wo sie stehen würden.

Fünfzig Meter, die keine fünfzig sind

Stand das Hütchen, kam noch eine Frage: Wie viele Meter sind das bis dorthin? Die Antworten fielen im Schnitt zu groß aus. Bei Tempo 50 nannten sie im Mittel 19,3 Meter, nachgemessen waren es 16,4.

Je weiter weg, desto größer der Fehler. Bei der Schätzung für Tempo 100 war 50 Meter die häufigste Antwort, gemessen waren im Schnitt gut 37. „Vermeintliche 50 Meter Abstand können in Wirklichkeit vielleicht nur 30 Meter sein“, sagt ifz-Forschungsleiter André Lang. Auf der Straße glaubst du dann, reichlich Luft zu haben, und hast womöglich deutlich weniger.

Und die Formel aus der Fahrschule? Für die Gefahrenbremsung teilst du das Tempo durch zehn, nimmst das Ergebnis mit sich selbst mal und halbierst es. Aus Tempo 50 werden so 12,5 Meter, aus Tempo 100 werden 50. Gut die Hälfte der Teilnehmer gab an, die Formel zu kennen. Richtig wiedergeben konnten sie 14 von 50.

Die Forscher halten die Formel ohnehin nur für eine grobe Faustregel. Bei Tempo 50 lag der echte Bremsweg im Schnitt sogar über diesen 12,5 Metern. Der zweite Befund wiegt schwerer: Die Fehler kommen laut Studie weniger aus fehlendem Wissen als aus der Übertragung auf die Straße. Die 50 Meter aus der Formel nützen dir wenig, wenn dein Auge sie bei 37 Metern sieht. Merkregeln in Metern allein reichen oft nicht, folgert das ifz.

Viele Kilometer, kein besseres Augenmaß

Erfahrung hatten die 50 reichlich. Im Schnitt waren sie 56 Jahre alt, die Hälfte über 60, und im Mittel seit fast 33 Jahren auf zwei Rädern mit Motor unterwegs. Im Jahr kamen sie auf gut 9.000 Kilometer. Fast neun von zehn hatten schon ein Sicherheitstraining hinter sich, die meisten mehrere. Zwei Drittel saßen auf Tourern oder Reiseenduros.

Naheliegend wäre, dass Vielfahrer besser schätzen. Im Test war davon nichts zu sehen, die Jahresfahrleistung hatte keinen erkennbaren Einfluss. „Entgegen der Vermutung schätzen Vielfahrer Bremswege nicht zuverlässiger ein als Wenigfahrer“, sagt Lang. Auch die eigene Einstufung als sportlicher oder bedächtiger Fahrer spielte keine verlässliche Rolle.

Einen Zusammenhang gab es beim Alter: Je älter die Teilnehmer, desto länger schätzten sie. Lang sieht darin eine mögliche gute Seite: Längere Schätzungen könnten im Alltag zu größeren Abständen führen.

Auffällig war außerdem, wie beständig die Fehler waren. Lag jemand bei Tempo 50 zu kurz, lag er meist auch bei 70 und 80 zu kurz, und umgekehrt. Das war kein Ausrutscher bei einem einzelnen Versuch, sondern eher eine Eigenheit der Person.

Worauf sie sich verließen, haben die 50 auch verraten: 58 Prozent nannten das Bauchgefühl, 18 Prozent Erfahrungswerte, zwölf Prozent hatten gerechnet. Einer schrieb in den Fragebogen, Bremsen bleibe am Ende ein Gefühl.

Gegen das Gefühl ist nichts zu sagen. Es kann aber nur so gut sein wie die Rückmeldung, die es bekommt, und im Alltag bremst du selten voll. Nachgeprüft wird deine Schätzung dort erst, wenn es darauf ankommt.

Die eigene Bremse kennenlernen

Beim echten Bremsweg fand die Studie einen messbaren Zusammenhang. Teilnehmer, die sich nach eigener Aussage intensiver mit ihrer Bremsanlage beschäftigt hatten, kamen im Schnitt früher zum Stehen. Bei denen, die Gefahrenbremsungen häufiger übten, zeigte sich die gleiche Tendenz, nur weniger deutlich. „Das Üben von Gefahrenbremsungen geht tendenziell mit kürzeren realen Bremswegen einher“, sagt Lang.

So ein Versuch kann nicht trennen, ob das Üben den Weg verkürzt oder ob die Übenden ohnehin beherzter bremsen. Einen Nachteil fanden die Forscher jedenfalls nicht. Die Beschäftigung mit Theorie und Praxis der Gefahrenbremsung macht den Bremsweg ihnen zufolge keinesfalls länger.

Sich mit der Bremse zu beschäftigen heißt zum Beispiel: Du weißt, ob deine Maschine eine Kombi- oder Integralbremse hat, bei der ein Hebel beide Räder bremst. Und ob ihr ABS auch in Schräglage regelt. Du kennst das Gefühl im Hebel, wenn das ABS arbeitet, und weißt, wie tief die Gabel eintaucht. Manches davon steht im Fahrzeughandbuch, den Rest musst du erfahren.

Sicherheitshinweis: Bei einer sehr harten Bremsung kann das Hinterrad abheben, je nach Motorrad auch mit ABS, und genau das nannte ein Teilnehmer der Studie, als nach den größten Schwierigkeiten gefragt wurde. Vollbremsungen bis ins ABS übst du deshalb nur auf abgesperrtem Gelände, am besten mit einem Trainer, nie im Verkehr.

Ein Fahrsicherheitstraining im Jahr kann dafür ein passender Rahmen sein, so sieht es auch das ifz. Die meisten Teilnehmer hatten so etwas schon hinter sich, und doch schätzte etwa die Hälfte zu kurz. Ein Training zeigt dir, was deine Bremse kann. Wie weit du an einem anderen Tag auf einem anderen Belag brauchst, zeigt es dir nicht.

Das Auto vor dir bremst meist kürzer

Auf der Straße kommt vor dem Bremsweg noch die Zeit dazu, bis deine Hand überhaupt zieht. In einer Sekunde rollst du bei Tempo 50 knapp 14 Meter weit, bei Tempo 100 fast 28. Im Test fehlte diese Strecke ganz.

Und das Auto vor dir hat einen Vorteil. Unter gleichen Bedingungen kommt es früher zum Stehen als ein Motorrad, davon geht das ifz aus. Im Fragebogen hielten 13 der 50 das Motorrad für den besseren Bremser, die meisten wegen des geringeren Gewichts. „Ein klassischer Irrglaube“, sagt ifz-Leiter Matthias Haasper über diese Annahme.

Das geringere Gewicht hilft dabei kaum. Ein schweres Auto braucht zwar mehr Bremskraft, drückt seine Reifen aber auch entsprechend fester auf den Asphalt. Die meisten, die auf das Auto tippten, nannten als Grund seine vier Räder auf zwei Spuren. Am Motorrad trägt bei einer harten Bremsung vor allem das Vorderrad, das Hinterrad wird leicht und kann abheben. Härter bremsen geht dann nicht mehr, ohne dass die Maschine nach vorn kippt.

Hinter einem Auto kannst du deshalb nicht damit rechnen, auf derselben Strecke zum Stehen zu kommen wie der Wagen vor dir. Der Abstand muss deine Schrecksekunde aufnehmen und dazu den Unterschied, um den der Bremsweg mit dem Motorrad länger ausfallen kann.

Zähl Sekunden statt Meter

Weil Meter das Auge täuschen, rechne den Abstand in Zeit um. Der ADAC empfiehlt außerorts den halben Tachowert als Mindestabstand, bei Tempo 100 also 50 Meter. Bei jedem Tempo sind das knapp zwei Sekunden.

Sobald das Heck vor dir an einem Leitpfosten, einer Brückenkante oder einem Schatten auf dem Asphalt vorbei ist, zählst du ruhig zwei Sekunden. Bist du vorher an derselben Stelle, fehlt dir Platz. Das klappt bei 60 genauso wie bei 100, ohne dass du einen einzigen Meter schätzen musst.

Bei Regen oder schlechter Sicht rät der ADAC zu „Abstand gleich Geschwindigkeit“, also zum Doppelten. In der Stadt sollen es bei Tempo 50 mindestens drei Autolängen sein. Ein Drittel der Teilnehmer gab an, innerorts in der Regel höchstens zehn Meter hinter einem Auto zu bleiben. Bei Tempo 50 ist das weniger als eine Sekunde, und nach dem, was der Test über Meterangaben zeigt, dürfte die echte Lücke oft noch kleiner sein.

Die Luft nach vorn nennt das ifz die beste Knautschzone, die ein Motorrad hat. Von allem, was dich bei einem Auffahrunfall schützt, ist sie das Einzige, was du unterwegs noch vergrößern kannst.

❓ Häufige Fragen zum Bremsweg mit dem Motorrad

Bremst ein Motorrad schneller als ein Auto?

Ein Motorrad bremst unter gleichen Bedingungen nicht kürzer als ein Auto, so sieht es das Institut für Zweiradsicherheit. Die verbreitete Annahme, es sei umgekehrt, nennt ifz-Leiter Matthias Haasper einen klassischen Irrglauben. Hinter einem Auto planst du also eher mehr Abstand ein als weniger.


Wie lang ist der Bremsweg mit dem Motorrad aus 50 km/h?

Der Bremsweg mit dem Motorrad aus 50 km/h betrug in einem Versuch des ifz mit 50 erfahrenen Fahrern im Mittel rund 16 Meter. Der beste Bremser stand nach gut elf Metern, der schwächste nach gut 20. Gemessen wurde auf sehr griffigem Belag, mit ABS und ohne Reaktionszeit. Im Verkehr kommen bei Tempo 50 knapp 14 Meter für jede Sekunde hinzu, die bis zum Bremsen vergeht.


Welche Faustformel gilt für den Bremsweg?

Für den Bremsweg rechnet die Faustformel aus der Fahrschule das Tempo durch zehn und multipliziert die Zahl mit sich selbst. Das ist der normale Bremsweg in Metern, bei einer Gefahrenbremsung zählt die Hälfte, bei Tempo 100 sind das 50 Meter. Mit dem Reaktionsweg, Tempo durch zehn mal drei, ergibt das 80 Meter Anhalteweg. Das ifz versteht die Formel nur als grobe Richtschnur.


Hilft ein Fahrsicherheitstraining, den Bremsweg zu verkürzen?

Ein Fahrsicherheitstraining kann nach Ansicht des ifz ein passender Rahmen sein, um Gefahrenbremsungen regelmäßig zu üben. In der Bremsstudie des Instituts standen Fahrer, die ihre Bremsanlage nach eigener Einschätzung besser kannten, im Schnitt früher, und häufiges Üben wies in die gleiche Richtung. Belegt ist die Wirkung damit nicht, Nachteile fanden die Forscher keine.


Wie viel Abstand sollte ich auf dem Motorrad halten?

Für den Abstand auf dem Motorrad gilt die allgemeine Faustregel des ADAC: außerorts mindestens der halbe Tachowert in Metern, auf der Landstraße mit 100 km/h entsprechend 50 Meter. Umgerechnet ergibt das bei jedem Tempo knapp zwei Sekunden, die du ab einem festen Punkt am Straßenrand abzählst. Bei Regen oder schlechter Sicht empfiehlt der ADAC das Doppelte, innerorts bei 50 km/h drei Autolängen oder mehr.


Weshalb verschätzen sich so viele beim Bremsweg?

Beim Bremsweg verschätzen sich viele auch, weil das Auge Entfernungen schlecht in Meter übersetzt. Im ifz-Versuch nannten die Teilnehmer für ihre abgesteckten Strecken im Schnitt mehr Meter, als tatsächlich gemessen wurden, bei der Schätzung für Tempo 100 rund ein Drittel mehr. Dazu verließen sich die meisten auf ihr Bauchgefühl, und viele Kilometer im Jahr machten die Schätzungen nicht genauer.

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