
„Halt dich einfach gut fest.“ Mehr Einweisung bekommt ein Sozius selten, bevor das Motorrad losrollt. Für eine ruhige Runde genügt das. Für den Moment, in dem vor euch ein Traktor aus dem Feldweg zieht und du voll bremsen musst, genügt es nicht.
Bei so einer Vollbremsung will ein Sozius von 75 Kilo mit rund 60 Kilo nach vorn. Was er davon nicht selbst abfängt, landet in deinem Rücken und läuft von dort durch deine Arme in den Lenker. Wer von euch beiden welchen Teil übernimmt, klärt ihr vor dem Aufsteigen.
Du ziehst den Hebel, die Gabel taucht ein, das Motorrad verzögert. Deinen Sozius bremst zunächst nur die Sitzbank, und die hält ihn bloß von unten. Sein Oberkörper kippt nach vorn, und reicht die Reibung nicht, rutscht er hinterher, bis ihn etwas aufhält. Hat er sich nicht abgestützt, bist dieses Etwas du.
Zuerst stößt sein Helm an deinen. Dann liegt sein Oberkörper in deinem Rücken, und du selbst wirst nach vorn geschoben. Deine Arme strecken sich und stemmen sich gegen den Lenker, das Becken rutscht in Richtung Tank.
Jede dieser Bewegungen kostet dich etwas, und zwar in dem Augenblick, in dem du es am wenigsten entbehren kannst. Mit durchgestreckten Armen dosierst du die Vorderradbremse nicht mehr fein. Drücken die Arme ungleich auf die Lenkerenden, lenken sie mit. Der ADAC rät für die Bremsung geradeaus, auf gleiche Kräfte an beiden Lenkerenden zu achten und die Arme mit leichter Beuge abzustützen.
Das Becken am Tank hat eine eigene Folge. Der Club warnt davor, mit ihm unkontrolliert nach vorn zu rutschen: Das Hinterrad hebe dann leichter ab. Zu zweit schiebt dich dein Sozius in diese Lage hinein.
Die Zahl ist schnell gerechnet. Nimm eine Vollbremsung auf trockenem Asphalt, die dich aus 100 km/h nach knapp 50 Metern zum Stehen bringt. Das entspricht 0,8 g, also vier Fünfteln der Erdbeschleunigung. Alles, was mitfährt, will währenddessen mit vier Fünfteln seines Gewichts nach vorn. Bei einem Sozius, der samt Kleidung und Helm 75 Kilo wiegt, sind das 60 Kilo.
Eine solche Bremsung dauert aus Tempo 100 etwa dreieinhalb Sekunden. So lange drücken die 60 Kilo, ohne Vorwarnung und oft, ohne dass dein Sozius sieht, was vorn passiert. Die Sitzbank nimmt ihm über die Reibung etwas davon ab, für alles Übrige braucht er Beine und Hände. Bei einer kräftigen Bremsung mit halber Erdbeschleunigung sind es knapp 40 Kilo, bei einer gewöhnlichen vor der Ampel um die 20. Diese kleine Last fängt er nebenbei ab, und deshalb fällt das Problem im Alltag nicht auf.
Für dich gilt dieselbe Rechnung. Wiegst du 80 Kilo, sind es bei der Vollbremsung 64. Zusammen wollen gut 120 Kilo nach vorn. Was Sitzbank und Beine davon nicht halten, landet auf deinen Armen, und die sollen beim Bremsen locker und leicht gebeugt bleiben.
Wie stark eine Vollbremsung ausfällt, hängt an den Reifen, am Straßenbelag und an deiner Hand. Mit einer härteren Bremsung wird die Zahl größer, mit einer weicheren kleiner. Sitzt hinten der Schwerere von euch beiden, verschiebt sich auch das Verhältnis: 95 Kilo Sozius schieben bei 0,8 g mit 76 Kilo, und wiegst du selbst 65 Kilo, hast du dem wenig entgegenzusetzen.
Geht es einen Pass hinunter, zieht ein Teil des Gewichts in Fahrtrichtung, bei dir wie bei deinem Sozius. Bei zehn Prozent Gefälle sind das für 75 Kilo siebeneinhalb Kilo, bei 15 Prozent elf. Sie drücken nicht für dreieinhalb Sekunden, sondern die ganze Abfahrt lang.
Vor jeder Kehre kommt die Bremsung obendrauf. Aus knapp 40 Kilo bei einer kräftigen Bremsung werden im steilen Stück fast 50, Kehre für Kehre.
Ein Sozius, der sich bergab nur an dir festhält, hängt nach wenigen Kehren in deinem Rücken, und du stützt euch beide über die Handgelenke am Lenker ab. Auf einer Abfahrt lohnt es sich deshalb doppelt, dass er die Knie schließt und sich beim Bremsen am Tank abstützt oder an den Griffen zurückhält.
Du hast den Tank zwischen den Knien und den Lenker vor dir. Dein Sozius hat zunächst nur die Sitzbank. Trotzdem hat er Hände, Beine und Kopf, um die Kraft von dir fernzuhalten.
Für die Fahrt empfiehlt der ADAC, dass der Sozius deine Taille umfasst. Beim Bremsen sollen sich seine Hände, falls möglich, am Tank abstützen. Die Arme laufen dann links und rechts an dir vorbei, und die Kraft geht in die Maschine statt in deinen Rücken.
Von deiner Taille ist der Weg an den Tank kurz, einen Augenblick braucht er trotzdem. Den hat dein Sozius, wenn er die Bremsung kommen sieht oder du den Bremsdruck nicht schlagartig aufbaust. Trifft sie ihn unvorbereitet, halten ihn im ersten Moment nur Knie und Füße, und die Hände kommen nach.
Auf einer großen Reiseenduro oder einem Tourer kommt nicht jeder Sozius an den Tank. Dort bleiben die Haltegriffe an der Sitzbank: Er greift sie mit beiden Händen und hält sich daran gegen den Schub nach vorn zurück. Greift er hinten, bleibt er beim Bremsen auch dort. Für den Wechsel an den Tank ist eine Schrecksekunde zu kurz.
In den Anleitungen stehen Taille, Riemen und Griffe. Honda nennt je nach Modell den Sitzgurt, also den Riemen quer über der Bank, oder die Haltegriffe, dazu deine Taille oder Hüfte. Yamaha schreibt: immer mit beiden Händen am Fahrer, am Sitzgurt oder am Haltegriff. Deine Schultern sind kein Haltepunkt. Ein Griff so weit oben würde dich beim Bremsen nach vorn kippen.
Die kräftigsten Muskeln sitzen in den Beinen. Drückt dein Sozius die Knie an deine Hüfte und stemmt die Füße in die Rasten, hält ihn der Unterkörper auf der Bank, und der Oberkörper kippt weniger weit nach vorn.
Beide Füße müssen dafür auf den Rasten stehen, während der ganzen Fahrt. Honda will sie dort auch dann sehen, wenn die Maschine steht. Yamaha warnt davor, jemanden mitzunehmen, der die Fußrasten nicht bequem mit beiden Füßen erreicht.
Schaut dein Sozius an deiner Schulter vorbei nach vorn, sieht er die Bremsung kommen. Nach Angaben des ADAC verhindert dieser Blick auch, dass die Helme zusammenschlagen. Ein Mitfahrer, der den Traktor selbst sieht, spannt sich an, bevor die Bremse zupackt.
Auch du kannst verhindern, dass die Last am Lenker ankommt. Der ADAC beschreibt die Haltung für die Vollbremsung so: gerade sitzen, den Unterkörper mit den Beinen gut am Tank, die Arme leicht gebeugt, und möglichst nicht in Richtung Tank rutschen. Mit geschlossenen Knien fängst du dein eigenes Gewicht an den Tankflanken ab und, wenn es sein muss, einen Teil der Last von hinten.
Zu zweit zählt die Hinterradbremse mehr als allein. Über dem Hinterrad sitzt jetzt ein zweiter Mensch. Das Rad bleibt beim Bremsen stärker belastet und kann mehr Bremskraft übertragen. Je nach Maschinentyp nennt der ADAC eine Verteilung zwischen vorn und hinten von rund 80 zu 20 bis hin zu 50 zu 50. Bei manchen Maschinen mit Kombibremse bremst der Handhebel das Hinterrad ohnehin mit, dann übernimmt die Anlage einen Teil dieser Arbeit.
Die Bremsung selbst beginnt nach dem Rat des Clubs möglichst mit dem Fuß. So komme schneller Last auf das Vorderrad, und die vordere Bremse könne eher voll arbeiten. Den Handhebel ziehst du zügig, aber nicht schlagartig. Mit Sozius hat das einen zweiten Nutzen. Die Maschine nickt weniger heftig, und dein Mitfahrer bekommt den Augenblick, den er zum Abstützen braucht.
Steht die Maschine, ist die Bremsung für deinen Sozius noch nicht vorbei. Die Gabel federt aus, sein Gewicht kommt zurück auf die Bank, und du hältst mit einem Fuß am Boden zwei Menschen und ein Motorrad im Gleichgewicht. Am meisten hilft er dir, wenn er sitzen bleibt, wie er sitzt: Füße auf den Rasten, kein Umdrehen, kein Absteigen ohne dein Zeichen.
Manches erledigst du schon vor der Fahrt, am Motorrad selbst. Zu zweit braucht das Heck mehr Federvorspannung, sofern das Fahrwerk die Beladung nicht selbst ausgleicht. Für den Reifendruck nennt die Anleitung den Wert für die Fahrt mit Sozius: Manche Maschinen fahren solo und zu zweit mit demselben Druck, andere bekommen hinten mehr. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.
Unterwegs kommt der Abstand dazu. Der ADAC schreibt, zu zweit werde der Bremsweg um einiges länger. Mehr Platz nach vorn ist die einfachste Vorsorge: Er kann aus der Vollbremsung, bei der dein Sozius mit 60 Kilo nach vorn will, eine kräftige Bremsung mit knapp 40 machen.
Die Absprache passt in fünf Sätze. Sag sie im Stand, bevor dein Mitfahrer aufsteigt:
Nach den fünf Sätzen setzt du dich in den Sattel, stellst beide Füße auf den Boden und ziehst die Vorderradbremse. Erst dann steigt dein Sozius auf, und ihr probiert beide Haltungen im Stand aus. Er greift zuerst an die Taille, danach an den Tank oder die Griffe, so oft, bis er nicht mehr hinsehen muss.
Auf den ersten Kilometern bremst du früh und weich, damit er die Kräfte kennenlernt. Hartes Bremsen übt ihr nicht auf der Straße. Der ADAC rät, auch das Bremsen mit Beifahrer zu trainieren, und nennt für Bremsübungen das Fahrsicherheitstraining: mit niedrigen Verzögerungen beginnen und sie nach und nach steigern.
Sicherheitshinweis: Probiert hartes Bremsen zu zweit nicht im Verkehr und nicht ohne Absprache aus. Fangt bei einem Fahrsicherheitstraining mit sanften Bremsungen an und steigert euch in kleinen Schritten.
Ein Sozius, der eine harte Bremsung nicht kommen sieht, rutscht dir in den Rücken und drückt dich auf den Lenker. Dir fehlt dann das Gefühl in der Bremshand. Im schlimmsten Fall rutscht das Vorderrad weg oder das Heck steigt, und ihr stürzt beide.
Sag die fünf Sätze vor der nächsten Fahrt, auch wenn ihr seit Jahren zusammen unterwegs seid. Die Bremsung, für die sie gedacht sind, kündigt sich nicht an.
Wie stark drückt ein Sozius beim Bremsen nach vorn?
Die Kraft, mit der ein Sozius beim Bremsen nach vorn drückt, entspricht seinem Gewicht mal der Verzögerung in g. Verzögert das Motorrad mit 0,8 g, schieben 75 Kilo Mitfahrer mit etwa 60 Kilo, 90 Kilo mit gut 70. Bremst du vor einer Ampel sanft, bleibt davon gut ein Drittel.
Wo stützt sich der Sozius bei einer Vollbremsung ab?
Bei einer Vollbremsung stützt sich der Sozius nach dem Rat des ADAC mit den Händen am Tank ab, falls das möglich ist. Erreicht er den Tank nicht, hält er sich von Anfang an mit beiden Händen an den Haltegriffen fest. Dazu schließt er die Knie und stemmt die Füße in die Rasten, damit sein Oberkörper nicht in deinen Rücken kippt.
Warum stoßen beim Bremsen die Helme zusammen?
Die Helme stoßen zusammen, weil der Oberkörper des Sozius beim Einsetzen der Bremsung nach vorn kippt, während das Motorrad schon verzögert. Schaut er an deiner Schulter vorbei und stützt sich ab, bleibt der Abstand erhalten. Du hilfst ihm, wenn du den Bremsdruck zügig, aber nicht schlagartig aufbaust.
Wie wichtig ist die Hinterradbremse mit Sozius?
Mit Sozius trägt die Hinterradbremse mehr zur Verzögerung bei als im Solobetrieb. Das Gewicht des Mitfahrers hält das Hinterrad am Boden, es blockiert später. Nach Angaben des ADAC verschiebt sich die Bremslastverteilung je nach Motorrad von etwa 80:20 bis zu 50:50.
Wo übe ich die Vollbremsung mit Sozius?
Die Vollbremsung mit Sozius übst du bei einem Fahrsicherheitstraining und nicht im Straßenverkehr. Dort fängst du mit sanften Bremsungen an und steigerst dich Schritt für Schritt. Vorher geht ihr die Haltepunkte im Stand durch: Taille, Tank oder Haltegriffe, Knie und Fußrasten.
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