
Im Datenblatt deines Motorrads steht die Leistung des Motors bis auf die Kommastelle. Eine Zeile für die Leistung der Bremse fehlt, obwohl sie oft die größere Zahl wäre. Rechne eine ideale Vollbremsung aus Tempo 100 einmal in PS um: Bei einer Maschine der Mittelklasse samt Fahrer kommen für einen kurzen Moment rund 100 PS heraus, oft mehr. Die Bremse verwandelt dann pro Sekunde mehr Bewegungsenergie in Wärme, als mancher Motor in derselben Zeit liefert.
Drei Zahlen bestimmen, was die Bremse leisten muss: das Gewicht von dir und deiner Maschine, das Tempo und die Verzögerung. Die Verzögerung wird gern in g angegeben, also im Verhältnis zur Erdanziehung. Bei 1 g drückt es dich mit deinem ganzen Körpergewicht nach vorn, gegen Tank und Lenker.
Setz 1 g als Idealfall einer sehr harten Vollbremsung an. Für Tempo 100 wird die Rechnung dann kurz: Gesamtgewicht in Kilo mal 0,37 ergibt, wie viele PS die Bremse im ersten Moment aufnimmt. In der 0,37 stecken nur die 100 km/h und das eine g, umgerechnet in PS. Den Luftwiderstand lässt die Rechnung weg, auf der Straße nimmt er der Bremse einen kleinen Teil ab.
Nimm die Honda NC750X, vollgetankt laut Datenblatt 216 Kilo. Mit dir in voller Montur, angenommen 85 Kilo, sind es gut 300. Mal 0,37 ergibt das rund 111 PS. Laut Honda leistet ihr Zweizylinder 58,6 PS, die Bremse nimmt im ersten Moment fast doppelt so viel auf.
Leistung ist nichts anderes als Energie pro Sekunde. Der Motor füllt die Maschine beim Beschleunigen mit Bewegungsenergie, die Bremse holt sie wieder heraus. Sie braucht dafür nur wenige Sekunden, und sie fängt dort an, wo das Tempo am höchsten ist.
Seine 58,6 PS gibt der Motor erst bei 6.750 Touren ab, dafür muss der passende Gang drin sein. Die Bremse kennt keine Drehzahl. Sie nimmt ihre Leistung auf, sobald du bei hohem Tempo kräftig ziehst, ganz gleich, in welchem Gang du gerade fährst.
Mit denselben 85 Kilo im Sattel sieht es bei vier Maschinen so aus. Die Motorleistung stammt jeweils vom Hersteller, die Bremse gilt für den ersten Moment einer idealen Vollbremsung aus Tempo 100:
Bei den drei Mittelklasse-Maschinen nimmt die Bremse im ersten Moment mehr auf, als ihr Motor überhaupt abgeben kann. Am größten ist der Abstand bei der NC750X, am kleinsten bei der MT-07, der leichtesten und stärksten der drei. Die R 1300 GS dreht das Verhältnis um: Mit dir allein an Bord bleibt die Bremse unter den 145 PS des Boxers.
Je stärker der Motor, desto eher liegt er vorn. Bei einem Supersportler mit 200 PS und mehr gewinnt er klar, denn für die Bremse zählen die Kilos, und davon bringt so eine Maschine nicht doppelt so viele mit wie eine Z650.
Die über 100 PS gelten nur für den ersten Augenblick. Danach sinkt die Leistung mit dem Tempo: Bei 50 km/h ist es noch die Hälfte, kurz vor dem Stillstand fast nichts mehr. Gewicht und Verzögerung bleiben während der Bremsung ungefähr gleich, nur das Tempo fällt.
Halb so viel ist trotzdem eine Menge. Bremst du die NC750X in der Stadt aus 50 mit 1 g, nimmt ihre Bremse im ersten Moment rund 56 PS auf, fast die volle Leistung des Motors.
Aus einer Einfahrt rollt ein Transporter auf die Landstraße, du gehst aus Tempo 100 voll in die Bremse. Mit 1 g gerechnet fährst du nach einer Sekunde noch 65 km/h, und mehr als die Hälfte deiner Bewegungsenergie ist schon Wärme. Nach zwei Sekunden sind es keine 30 km/h mehr, nach knapp drei stehst du, rund 39 Meter nach dem Beginn der Bremsung.
Bei Tempo 100 legst du in einer Sekunde knapp 28 Meter zurück. Jede Zehntelsekunde, die du noch ungebremst rollst, kostet fast drei Meter.
Für die Gefahrenbremsung geradeaus rät das Institut für Zweiradsicherheit (ifz), vorn schnell, aber nicht abrupt Druck aufzubauen und ihn zügig zu steigern, hinten von Anfang an mitzubremsen und die Kupplung zu ziehen. Mit ABS kannst und musst du den Bremshebel dabei voll ziehen und den Fußbremshebel voll treten, die Dosierung übernimmt dann das System. Ohne ABS bremst du an der Blockiergrenze entlang und löst blitzartig etwas, wenn das Vorderrad doch stehen bleibt.
Auf griffigem Asphalt wird das Hinterrad laut ADAC meist gegen Ende der Bremsung sehr leicht, bis es abhebt, besonders bei hohem Schwerpunkt und langen Federwegen. ABS verhindert das nicht sicher, die Anleitung der BMW R 1300 GS von 2025 nennt dabei auch einen Überschlag. Der ADAC rät dann, den Bremsdruck geringfügig zu reduzieren.
Anders in der Kurve: Bremst du dort schlagartig vorn, richtet sich das Motorrad laut ADAC heftig auf. Muss es sein, steigerst du den Druck sanft.
Beim Bremsen wird aus Tempo Wärme, und das meiste davon sammelt sich in Bremsscheiben und Belägen. Bei einer Vollbremsung aus Tempo 100 muss die NC750X mit dir an Bord rund 116 Kilojoule Bewegungsenergie loswerden. Ein Wasserkocher mit 2.000 Watt bräuchte knapp eine Minute, um so viel Wärme zu erzeugen. Deine Bremse schafft es je nach Härte der Bremsung in drei bis sechs Sekunden.
Die meiste Wärme bekommt dabei das Vorderrad ab. Sobald du bremst, wandert Last nach vorn: Die Gabel sinkt ein, hinten wird das Rad leichter. Vorn kann der Reifen deshalb viel mehr Bremskraft auf die Straße bringen als hinten, und die Scheiben dort nehmen den größten Teil der Leistung auf.
Wärme und Tempo wachsen dabei nicht im Gleichschritt. Bremst du aus 130 statt aus 100, steigt die Leistung im ersten Moment um 30 Prozent. In der Maschine steckt dann aber fast 70 Prozent mehr Energie, und fast alles davon muss durch die Bremse. Einen kleinen Teil nimmt bei diesem Tempo der Fahrtwind ab.
Bis hierhin war von 1 g die Rede, dem Idealfall. Was Motorradfahrer abrufen, wenn sie voll bremsen sollen, hat das ifz mit 50 Fahrerinnen und Fahrern auf deren eigenen Maschinen gemessen. Jede Maschine hatte ABS, fast neun von zehn Teilnehmenden hatten mindestens ein Sicherheitstraining absolviert, und alle wussten, wo die Bremsung beginnen sollte.
Weil kaum jemand exakt mit dem Zieltempo und exakt an der Linie in die Bremse geht, hat das ifz die Bremswege auf gleiche Bedingungen umgerechnet. Für Tempo 50 stehen in der Auswertung im Mittel 16 Meter, als kürzester Wert 11,2 und als längster 20,2. Der längste Bremsweg war also neun Meter länger als der kürzeste, rund vier Motorradlängen, die Verzögerung dahinter rechnerisch nur gut halb so stark. Mensch und Maschine lassen sich in dieser Zahl nicht trennen.
Aus Tempo 100 hat in diesem Versuch niemand gebremst, laut ifz war die Auslaufzone auf dem Platz dafür womöglich zu kurz. Rechnerisch wird der Unterschied dort größer: Mit 1 g steht die Maschine nach knapp 40 Metern, mit halb so viel Verzögerung erst nach fast 80.
Einen möglichen Grund nennt das ifz in einem Rat zur Gefahrenbremsung: Auch mit ABS koste es zunächst Überwindung, voll in die Bremse zu greifen, bis das System regelt. Wer sich nach eigener Einschätzung mehr mit seiner Bremsanlage beschäftigt hatte, kam im Versuch im Schnitt mit kürzerem Bremsweg aus. Auch wer nach eigener Angabe häufiger Gefahrenbremsungen übte, stand tendenziell früher, nur reichte das knapp nicht für einen statistischen Beleg.
Sicherheitshinweis: Vollbremsungen bis an die Grenze übst du nicht im Verkehr, sondern auf abgesperrtem Gelände, etwa im Fahrsicherheitstraining unter Anleitung. Ohne ABS kann das Vorderrad dabei blockieren, und ein blockiertes Vorderrad bringt dich schnell zu Fall.
Verzögerst du bei einer Vollbremsung aus Tempo 100 nur halb so stark, wie deine Maschine könnte, nimmt auch die Bremse nur die halbe Leistung auf. Bei der NC750X wären das statt rund 111 nur gut 55 PS, weniger, als ihr Motor leistet.
Im Urlaub, zu zweit und mit vollen Koffern, muss die Bremse bei gleicher Verzögerung mehr Leistung aufnehmen. BMW lässt die R 1300 GS von 2025 mit bis zu 465 Kilo Gesamtgewicht zu. Voll beladen nimmt ihre Bremse bei einer Vollbremsung aus Tempo 100 mit 1 g im ersten Moment rund 170 PS auf, mehr als die 145 PS ihres Motors.
Ob eine Maschine voll beladen ebenso hart verzögert, ist eine andere Frage. KTM warnt in seinen Anleitungen, ein höheres Gesamtgewicht verlängere den Bremsweg, und rät, das mit Sozius oder Gepäck zu berücksichtigen. Ein Grund liegt im Reifen: Mit mehr Last überträgt er mehr Kraft, aber nicht im selben Verhältnis. Für die Bremse heißt die volle Fuhre mehr Arbeit, für dich mehr Abstand nach vorn.
Für deine eigene Maschine reichen zwei Gewichte und die 0,37: ihr Gewicht laut Datenblatt plus deins in Montur. Bei 250 Kilo zusammen kommt die Bremse aus Tempo 100 im ersten Moment auf gut 90 PS, bei 350 Kilo auf knapp 130.
Wie viel Leistung hat eine Motorradbremse?
Eine Motorradbremse nimmt bei einer Vollbremsung so viel Leistung auf, wie Gewicht, Tempo und Verzögerung zusammen ergeben. Aus 100 km/h sind es bei einer Verzögerung von 1 g im ersten Moment etwa 0,37 PS je Kilo Gesamtgewicht, bei 300 Kilo samt Fahrer also rund 111 PS. Bis zum Stillstand sinkt der Wert auf null.
Wie stark bremsen Motorradfahrer bei einer Gefahrenbremsung?
Motorradfahrer bremsen bei einer Gefahrenbremsung sehr unterschiedlich hart. In einem Versuch des Instituts für Zweiradsicherheit mit 50 aktiven Motorradfahrern auf Maschinen mit ABS lag der Bremsweg, umgerechnet auf Tempo 50, im Mittel bei 16 Metern. Zwischen dem kürzesten und dem längsten Wert lagen neun Meter, beim längsten verzögerte das Motorrad rechnerisch nur gut halb so stark wie beim kürzesten.
Wie viel Wärme entsteht bei einer Vollbremsung aus 100 km/h?
Eine Vollbremsung aus 100 km/h erzeugt mit 300 Kilo Gesamtgewicht rund 116 Kilojoule Wärme. Sie gehen zum größten Teil in Scheiben und Beläge der Vorderradbremse. Ein Haushaltsgerät mit zwei Kilowatt bräuchte für dieselbe Menge fast 60 Sekunden, die Bremse erledigt das in wenigen Sekunden.
Wie lange dauert eine Vollbremsung aus 100 km/h?
Eine Vollbremsung aus 100 km/h dauert ohne Reaktionszeit knapp drei Sekunden, wenn das Motorrad mit 1 g verzögert, und braucht dann rund 39 Meter. Bremst das Motorrad nur halb so stark, verdoppeln sich Zeit und Weg auf knapp sechs Sekunden und fast 80 Meter.
Bremst ein voll beladenes Motorrad schlechter?
Ein voll beladenes Motorrad braucht für dieselbe Verzögerung mehr Bremsleistung, weil mehr Masse in Bewegung ist. KTM weist in seinen Bedienungsanleitungen darauf hin, dass ein höheres Gesamtgewicht den Bremsweg verlängert. Eine BMW R 1300 GS von 2025 mit 465 Kilo zulässigem Gesamtgewicht käme aus 100 km/h bei 1 g im ersten Moment auf rund 170 PS.
Ist die Bremse am Motorrad stärker als der Motor?
Die Bremse eines Mittelklasse-Motorrads kann im ersten Moment einer Vollbremsung aus 100 km/h mehr Leistung aufnehmen, als der Motor abgibt. Eine Honda NC750X mit 58,6 PS kommt samt Fahrer bei 1 g auf rund 111 PS, eine Kawasaki Z650 mit 68 PS auf rund 101 PS. Bei sehr starken Maschinen liegt der Motor vorn: Mit nur einer Person an Bord bleibt die Bremse einer BMW R 1300 GS von 2025 unter deren 145 PS.
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