
Kaum steht der Motor, riecht es nach heißer Bremse. Franzenshöhe am Stilfser Joch, die erste Pause nach knapp 600 Höhenmetern bergab. Am Nachbarmotorrad hält jemand die flache Hand über die vordere Bremsscheibe, nicht zu nah, und schätzt: „Die hat jetzt 300 Grad.“
Vielleicht stimmt das sogar. Nachprüfen kann es hier niemand, und ein Infrarotthermometer aus dem Tankrucksack würde auf dem blanken Stahl zu wenig anzeigen. Ausrechnen lässt sich dagegen, wie viel Wärme jede Bremsung in die Scheibe schiebt und wovon es abhängt, wie viel davon bleibt.
Bergab liefern schon 40 Höhenmeter so viel Energie, wie in deinem Motorrad bei Tempo 100 steckt. Alle 40 Höhenmeter kommt damit eine Vollbremsung aus 100 km/h zusammen.
Das Gewicht ändert daran nichts. Eine schwere Reiseenduro hat bei Tempo 100 mehr Energie als eine 125er, sammelt bergab aber im selben Verhältnis mehr. Die 40 Meter gelten für beide.
Vom Stilfser Joch hinunter nach Prad sind es gut 1.800 Höhenmeter und 48 Kehren. Umgerechnet sind das über 45 Vollbremsungen aus Tempo 100, fast eine pro Kehre.
Zum Glück muss die Bremse das nicht allein schaffen. Luftwiderstand und Rollwiderstand der Reifen verzögern ohnehin, ganz ohne dein Zutun. Dazu kommt der Motor: Solange ein Gang drin und die Kupplung geschlossen ist, bremst er beim Gaswegnehmen mit, und je kleiner der Gang, desto kräftiger. Dass der Motor dabei höher dreht und lauter wird, gehört dazu. Schalte aber erst herunter, wenn das Tempo so weit gesunken ist, dass die Drehzahl nicht in den roten Bereich schießt, sonst kann der Motor überdrehen oder das Hinterrad die Haftung verlieren.
Bei einigen Maschinen lässt sich die Motorbremse zusätzlich im Fahrmodus einstellen. An der Honda NC750X von 2025 gibt es dafür drei Stufen, die dritte bremst am stärksten. Vor einer langen Abfahrt lohnt sie sich.
Was dann noch übrig ist, landet in den Bremsscheiben. Die Höhenmeter stehen fest, sobald du oben bist. Wie viel davon in deiner Bremse ankommt, nicht.
In der Scheibe fängt der Reibring die Wärme auf. Das ist der Stahlring, auf dem die Beläge greifen, und bei einer Bremsscheibe mit gut 300 Millimetern Durchmesser wiegt er ungefähr ein Kilo. Bremst du hart, landet der größte Teil der Energie in der Vorderradbremse und dort fast ganz in diesem Ring. Den Rest teilen sich Hinterradbremse, Beläge, Reifen und Luftwiderstand.
Eine Vollbremsung aus Tempo 100 mit 280 Kilo samt Fahrer erwärmt jede der beiden vorderen Scheiben um grob 70 bis 100 Grad. Das ist gerechnet, nicht gemessen. Die Größenordnung stimmt trotzdem, weil sich die Energie der Bremsung und die Menge Stahl gut abschätzen lassen.
Vor einer Kehre bremst du selten voll. Eine Bremsung von 60 auf 20 km/h bringt knapp ein Drittel davon, also rund 30 Grad pro Scheibe, wenn die Vorderradbremse die Arbeit allein macht. Mit Hinterradbremse und Motor wird es weniger.
Hat deine Maschine vorn nur eine Scheibe, wie viele 125er und kleinere Einzylinder, landet die ganze Wärme in diesem einen Ring. Trotz des geringeren Gewichts erwärmt er sich pro Bremsung deutlich stärker als jede der beiden Scheiben an einer größeren Maschine.
48 Kehren mal 30 Grad ergäben über 1.400 Grad. So heiß wird die Bremsscheibe nicht, weil sie zwischen den Kehren abkühlt. Der Fahrtwind streicht über den Reibring und nimmt Wärme mit, und zwar umso mehr, je heißer der Ring schon ist.
Denk an einen Eimer mit einem Loch im Boden. Jede Bremsung ist ein Schwall Wasser, zwischen den Kehren läuft unten wieder etwas heraus, und je voller der Eimer, desto schneller. Irgendwann stellt sich ein Pegel ein. Wie hoch er liegt, entscheiden die Größe der Schwälle und die Zeit zwischen ihnen.
Größer werden die Schwälle mit jedem Kilo, denn die Energie einer Bremsung wächst mit dem Gewicht. Mit Sozius und Gepäck steckt schnell ein Drittel mehr in jeder Bremsung.
Größer werden sie auch mit dem Tempo zwischen den Kehren. Wer bis 70 laufen lässt und dann auf 20 herunterbremst, schickt mehr als doppelt so viel Wärme in die Scheibe wie jemand, der nur 50 fährt. Kleiner werden sie mit jedem Gang, den du tiefer fährst, weil der Motor dann mehr vom Tempo abfängt. Und wo Kehre auf Kehre folgt, bleibt dem Eimer wenig Zeit zum Ablaufen.
Bei welcher Temperatur sich der Pegel am Ende einpendelt, lässt sich ohne Messung nicht seriös beziffern, denn Gefälle, Wind und Fahrweise verschieben ihn ständig. Auch BMW und Honda, die in ihren Anleitungen vor überhitzten Bremsen am Berg warnen, nennen keine Zahl.
Die Bremsscheibe selbst verträgt eine Menge. Heikel wird die Wärme für das, was an ihr anliegt. Die Beläge greifen irgendwann schlechter, und über Beläge und Kolben wandert Wärme in die Bremsflüssigkeit, die bei zu viel Hitze Dampfblasen bildet. Beides spürst du, aber nicht auf dieselbe Weise. Lässt der Belag nach, musst du fester ziehen, und die Maschine verzögert trotzdem schwächer. Dampfblasen machen den Hebel dagegen weich, sein Weg wird länger.
Bergab ist die Hinterradbremse verlockend. Sie bremst sanft und hält das Motorrad in engen Kehren ruhig. Nur arbeitet hinten eine einzige Bremsscheibe, und die ist meist kleiner als die vorderen. An der BMW R 1300 GS etwa sitzen vorn zwei mit 310 Millimetern Durchmesser, hinten eine mit 285.
Bekommt diese eine Scheibe die Arbeit, die sonst vorn anfällt, wird sie entsprechend schneller heiß. Dazu kann das Hinterrad bergab wenig Bremskraft übertragen, weil beim Bremsen Last nach vorn wandert. Wer vor allem mit dem Fuß bremst, braucht deshalb für jede Bremsung länger, und die kleine Scheibe hat kaum Pausen. Auch ein Stiefel, der unbemerkt auf dem Fußbremshebel ruht, hält hinten die Beläge an der Scheibe.
Mit Sozius liegt mehr Gewicht auf dem Hinterrad, und es verträgt etwas mehr Bremskraft. Dafür ist die ganze Fuhre dann auch schwerer, und jede Bremsung bringt mehr Wärme in die Scheiben.
In den Anleitungen der R 1250 GS und der R 1300 GS steht dazu eine eigene Warnung unter der Überschrift „Passabfahrten“. Wer dort überwiegend mit der Hinterradbremse bremst, riskiert demnach, dass die Bremse durch Überhitzung nachlässt oder sogar zerstört wird. Als Abhilfe nennt BMW beide Bremsen und die Motorbremse.
Auch Hondas Anleitung der NC750X rät, Dauerbremsen zu vermeiden. Häufiges Bremsen auf langen, steilen Gefällen könne die Bremsen stark überhitzen und ihre Wirkung mindern. Verzögern soll dort der Motor, die Bremsen kommen nur zwischendurch dazu.
Die Hinterradbremse gehört also dazu, nur nicht allein.
Sicherheitshinweis: Brems auf langen Abfahrten vorn und hinten zusammen, lass den Motor im passenden Gang mitbremsen und die Bremse nicht dauerhaft schleifen. Geht der Hand- oder Fußbremshebel weiter durch als gewohnt oder lässt die Wirkung spürbar nach, halte an einer gefahrlosen, möglichst ebenen Stelle an. Warte dort, bis die Bremse abgekühlt ist, ohne den Hebel festzuhalten. Fahr erst dann wieder los, wenn der Druckpunkt zurück ist und die Bremse sauber greift.
Eine überhitzte Bremse kann ganz ausfallen, und bergab kommt die nächste Kehre schneller, als die Bremse sich erholt. Mit nachlassender Bremse „noch bis unten“ zu fahren, ist die gefährlichste Wahl.
Bist du unten und geht es auf ebener Strecke weiter, ist Weiterfahren die beste Kühlung. Im Fahrtwind gibt die Scheibe ihre Wärme viel schneller ab als auf einem Parkplatz, wo nur stehende Luft um sie herum ist. Mitten in der Abfahrt ist es umgekehrt, denn dort heißt Weiterfahren weiterbremsen. Lässt die Bremse nach, verschafft ihr nur ein Halt eine Pause.
Hältst du an, dann ohne Dauergriff am Hebel. Such dir dafür ein ebenes Stück mit festem Untergrund, denn mit der Nase bergab kann die Maschine vom Seitenständer rollen. Stell sie mit eingelegtem Gang auf den Ständer und nimm dann die Hand weg, auch wenn du nur kurz auf die Gruppe wartest. Mit gezogener Bremse bleiben die Beläge fest an der heißen Scheibe, ohne Fahrtwind, und die Wärme zieht über sie in Kolben und Bremsflüssigkeit.
Anfassen solltest du die Bremsscheibe danach nicht, auch nicht mit einem prüfenden Finger. Im Stand kühlt sie langsam ab, und für eine Brandblase reicht es noch lange. Die flache Hand darüber verrät dir ohnehin nur, dass sie heiß ist, nicht wie heiß.
Genau messen ist schwieriger, als es aussieht. Blanker Stahl sendet weniger Wärmestrahlung aus als eine matte Fläche gleicher Temperatur, und wie viel weniger, hängt vom Zustand der Reibfläche ab. Die meisten Infrarotthermometer sind ab Werk auf matte Flächen eingestellt. Auf dem Reibring zeigen sie deshalb zu wenig an, und um wie viel, sagt dir das Gerät nicht.
Wurde der Hebel auf der Abfahrt weich, hat die Bremsflüssigkeit wahrscheinlich Dampfblasen gebildet. Dann gehört vor der nächsten Passabfahrt frische Flüssigkeit hinein. Welche Sorte deine Bremse verlangt, steht meist schon auf dem Deckel des Ausgleichsbehälters, das Wechselintervall im Wartungsplan. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch. Und schau dir die Bremsscheibe an, sobald sie kalt ist: Bläulich angelaufene Stellen zeigen, dass sie sehr heiß war, und sind ein Grund, die ganze Bremse gründlich zu prüfen.
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Die geschätzten 300 Grad sagen weniger über den Pass, als es scheint. Im Fahrtwind wird eine Bremsscheibe ihre Wärme innerhalb weniger Minuten zum größten Teil wieder los. Was du ihr vor zehn Minuten gegeben hast, ist so gut wie verschwunden.
Für die Temperatur beim Anhalten zählt deshalb vor allem das Stück direkt davor. Wer oben ruhig anfängt und kurz vor der Pause noch einmal zulegt, stellt die heißere Scheibe ab als jemand, der es umgekehrt hält.
Die Scheibe merkt sich keinen Pass. Sie merkt sich die letzten Kehren.
Wie heiß wird eine Bremsscheibe bei der Passabfahrt?
Eine feste Temperatur für die Passabfahrt gibt es nicht, sie hängt von Gewicht, Gefälle, Tempo und Gang ab. Rechnen lässt sich die Erwärmung je Bremsung. Bei 280 Kilo samt Fahrer steigt die Temperatur jeder vorderen Scheibe bei einem harten Stopp aus 100 km/h grob gerechnet um 70 bis 100 Grad. Eine Bremsung vor der Kehre bringt etwa ein Drittel davon. Zwischen den Kehren kühlt der Fahrtwind die Scheibe wieder ab.
Warum wird die Bremse bergab so viel heißer als auf der Landstraße?
Bergab liefert das Gefälle ständig Energie nach. 40 Meter Höhenunterschied entsprechen der Energie, die ein Motorrad bei 100 km/h hat, und zwar unabhängig vom Gewicht. Was Luftwiderstand, Rollwiderstand und Motorbremse davon nicht übernehmen, wandeln die Bremsen in Wärme um.
Kann ich bergab nur mit der Hinterradbremse bremsen?
Nur mit der Hinterradbremse solltest du bergab nicht bremsen. Hinten arbeitet meist eine einzelne, kleinere Scheibe, und weil das Hinterrad bergab wenig Bremskraft überträgt, dauert jede Bremsung länger. Für die R 1250 GS und die R 1300 GS warnt BMW davor, am Pass vor allem hinten zu bremsen, weil die Bremse dabei überhitzen und Schaden nehmen kann. Der bessere Weg sind beide Bremsen und die Motorbremse.
Was mache ich mit der heißen Bremse, wenn ich nach der Abfahrt anhalte?
Nach einer heißen Abfahrt stellst du das Motorrad an einer ebenen Stelle mit eingelegtem Gang auf den Seitenständer und lässt den Bremshebel los, statt ihn im Stand festzuhalten. So pressen sich die heißen Beläge nicht weiter an die Scheibe, und weniger Wärme gelangt in den Bremssattel. Die Scheibe selbst fasst du besser nicht an, im Stand bleibt sie lange heiß.
Wie lange braucht eine Bremsscheibe, bis sie abgekühlt ist?
Wie schnell eine Bremsscheibe abkühlt, hängt davon ab, ob du fährst oder stehst. Im Fahrtwind gibt die Scheibe den größten Teil ihrer Wärme in wenigen Minuten ab. Im Stand dauert es deutlich länger, weil nur ruhende Luft die Wärme aufnimmt, und auch nach einer kurzen Pause kann sie noch so heiß sein, dass sie die Haut verbrennt.
Kann ich die Temperatur der Bremsscheibe mit einem Infrarotthermometer messen?
An der Bremsscheibe misst ein Infrarotthermometer nur mit Vorbehalt. Eine blanke Stahlfläche strahlt bei gleicher Temperatur weniger Wärme ab als eine matte, und die meisten Messgeräte gehen ab Werk von einer matten Oberfläche aus. Auf der glänzenden Reibfläche zeigen sie deshalb zu wenig an, der Wert taugt eher als Untergrenze.
Woran merke ich, dass meine Bremse am Pass zu heiß geworden ist?
Eine zu heiße Bremse zeigt sich an einem Hand- oder Fußbremshebel, der weicher wird und weiter durchgeht, oder an einer Bremse, die schwächer verzögert, obwohl du kräftig bremst. Oft riecht es dazu beißend nach heißen Belägen. Dann hältst du an der nächsten sicheren Stelle an und lässt die Bremse abkühlen, statt weiterzufahren.
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