
Der Hebel fühlt sich an wie immer. Derselbe Weg, derselbe Druckpunkt, dieselbe Kraft in den Fingern. Nur das Motorrad bremst nicht wie immer, jedenfalls nicht sofort.
Beim Bremsen im Regen kommt die Wirkung einen Moment später, als deine Hand es gewohnt ist. BMW hat dafür in der Anleitung der R 1250 GS ein treffendes Wort gewählt: Bei Fahrten im Regen und durch Pfützen müsse mit verzögerter oder schlechterer Bremswirkung gerechnet werden.
Verzögert heißt nicht, dass sie ausbleibt. Sie kommt, nur später. In diesem Moment dazwischen entscheidet deine Hand, wie der Rest der Bremsung verläuft.
Stell dir die erste Ampel nach zwanzig Kilometern Landstraße im Regen vor. Seit Minuten hast du nicht gebremst, und die Scheibe ist nass. Du ziehst wie immer, und das Motorrad wird langsamer, aber nicht so, wie deine Hand es erwartet.
Die natürliche Antwort darauf ist mehr Kraft. Die Finger greifen fester zu, weil das Gefühl meldet, dass zu wenig passiert. Irgendwann während dieses Nachdrückens ist das Wasser von der Scheibe gewischt, der Belag greift auf Stahl, und die Bremse packt mit der ganzen Kraft zu, die du inzwischen aufgebaut hast.
Die Straße ist dabei nicht trockener geworden. Auf nassem Asphalt hat der Vorderreifen weniger Haftung als sonst, und ein Bremsdruck, der plötzlich springt, bringt ihn schneller an seine Grenze als einer, der sich aufbaut. ABS soll verhindern, dass das Rad dabei blockiert, damit die Bremsung beherrschbar bleibt. Zusätzliche Haftung bringt es aber nicht mit, und Honda schreibt in seinen Anleitungen, etwa zur CB650R, ausdrücklich, dass ABS den Bremsweg nicht verkürzt.
Sicherheitshinweis: Zieh im Regen nicht ruckartig nach, wenn die Bremse beim ersten Zug zögert. Bau den Druck zügig, aber gleichmäßig auf, bremse aufrecht und fang so früh an, dass du den verlorenen Moment nicht mit der Hand aufholen musst.
Nach dem Wasserfilm kann die Bremse plötzlich zupacken, und ein ruckartig verstärkter Griff trifft dann auf nasse Fahrbahn mit wenig Haftung. Ohne ABS droht ein blockierendes Vorderrad, und das endet auf nasser Straße meist im Sturz.
Auf der Bremsscheibe liegt ein dünner Wasserfilm, und von der Straße spritzt ständig neues Wasser nach. Ziehst du den Hebel, drücken die Kolben die Beläge an wie immer. Bevor sie richtig zupacken, müssen sie das Wasser aber erst aus dem Weg schieben, und solange sie das tun, fehlt ihnen ein Teil der Reibung.
Am Hebel merkst du davon nichts. Weg und Druckpunkt hängen an der Hydraulik und daran, dass die Beläge an der Scheibe anliegen. Beides ist im Regen dasselbe wie im Trockenen. Nur die Verzögerung, die sonst zu diesem Gefühl gehört, kommt nicht im selben Augenblick. Deshalb kann sich der erste Zug leer anfühlen, obwohl sich am Druckpunkt nichts geändert hat.
Wie lang dieser Moment dauert, hängt vom Belag, von der Scheibe und vom Regen ab. Aus gelochten oder geschlitzten Scheiben entweicht das Wasser schneller. Eine Zahl in Sekunden nennen weder BMW noch Honda.
Harmlos wäre das alles, wenn deine Hand darauf eingestellt wäre. Eingestellt ist sie aber auf den trockenen Tag, gelernt an Hunderten von Bremsungen: so viel Zug, so viel Verzögerung.
Honda fasst das Bremsen im Regen in den Anleitungen in einem einzigen Satz zusammen: Nasse Straßen sind rutschig, und nasse Bremsen verringern die Bremswirkung zusätzlich. Das sind zwei verschiedene Probleme, und sie verschwinden nicht gleichzeitig.
Die nasse Bremse lässt sich trockenbremsen, wenigstens für eine Weile. Die nasse Straße bleibt nass, solange es regnet, und auf ihr liegt die Grenze niedriger. Daran ändert keine Bremse etwas. Im ABS-Kapitel der BMW-Anleitung steht, dass nasse Fahrbahnen einen wesentlich niedrigeren Reibwert bieten als trockener Asphalt. Je schlechter dieser Reibwert, desto länger der Bremsweg.
Um wie viel länger, beziffert keiner der beiden Hersteller. Anders ist das auch kaum möglich, denn es hängt am Belag der Straße, am Reifen, an der Temperatur und an der Menge Wasser. Eine feste Prozentzahl für nasse Straßen gilt deshalb immer nur für die Bedingungen, unter denen sie gemessen wurde.
Am tückischsten ist ausgerechnet der Anfang. Der ADAC nennt in seinem Ratgeber zum Motorradbremsen die Reibwerte bei einsetzendem Regen kritisch, weil Schmutz, der auf trockener Fahrbahn nicht auffällt, schon bei wenig Feuchtigkeit rutschig wird. Fängt es unterwegs an zu regnen, fällt die erste Bremsung danach oft genau in die Minuten, in denen die Straße besonders wenig hergibt und die Scheibe zum ersten Mal nass ist.
Dazu kommt der Ort. Vor Ampeln und Kreuzungen liegen Haltlinien, Pfeile und Zebrastreifen, also viel Farbe, und die ist nass besonders glatt. Die Zone, in der du am stärksten verzögerst, ist damit oft eine der rutschigsten der ganzen Strecke.
Ein leichtes Anbremsen verrät dir nur, ob die Bremse bereit ist. Wie viel Haftung die Straße hat, zeigt es dir nicht.
Für die nasse Bremse geben die Hersteller eine schlichte Anweisung. Honda rät, nasse Bremsen bei niedrigem Tempo zu betätigen, damit sie trocknen. BMW formuliert es als Warnung: Bremsen trockenbremsen und frühzeitig bremsen, bis wieder die volle Bremswirkung erreicht ist. Wann das nötig ist, steht gleich dabei, unter anderem Regen, Pfützen und die Fahrzeugwäsche. Regnen muss es dafür also nicht einmal. Pfützen liegen noch, wenn der Himmel längst aufgerissen ist.
Ein Wischer hält allerdings nicht ewig. Im Dauerregen legt sich der Film wieder auf die Scheibe, sobald die Bremse eine Weile nichts zu tun hat. Entscheidend ist deshalb nicht nur die erste Bremsung der Fahrt, sondern die erste nach jeder längeren Pause.
Solche Pausen entstehen ganz von selbst: auf der Autobahn, auf einer langen Landstraße ohne Kreuzung oder bergab, wenn du vor allem mit dem Motor verzögerst. Die erste echte Bremsung danach ist die Ampel am Ortseingang, die Kehre am Ende des Gefälles, das Stauende hinter der Kuppe.
Der Wischer selbst ist schnell gemacht. Weil der Film im Regen zurückkommt, gehört er kurz vor die Stelle, an der du bremsen wirst, nicht lange davor. Auf einem geraden Stück, aufrecht und mit einem Blick in den Spiegel, legst du die Bremse leicht an, gerade so lange, bis du merkst, dass sie zupackt. Vergiss die Hinterradbremse dabei nicht, ihre Scheibe ist genauso nass. Kein Test, wie viel geht, keine Vollbremsung - nur die Rückmeldung, dass die Bremse wieder da ist.
Was die Anleitung deiner Maschine zu nassen Bremsen sagt, steht meist bei den Hinweisen zum Bremsen oder zum Fahren bei Nässe. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.
Und dann ist es tatsächlich das Stauende hinter der Kuppe. Die Autos stehen, die Straße ist nass, und jetzt musst du wirklich bremsen, nicht nur anlegen.
Die Technik dafür ist dieselbe wie im Trockenen. Der ADAC beschreibt sie als Bremsen in zwei Schritten. Zuerst ziehst du den Hebel gefühlvoll, aber zügig, bis die Beläge anliegen, der Druckpunkt klar zu spüren ist und die Last aufs Vorderrad gewandert ist. Erst dann steigerst du den Druck. Mit ABS gilt das genauso. Der einzige Unterschied beim Bremsen geradeaus: Danach darf der Druck zügiger und stärker steigen.
Im Regen steckt im ersten Schritt zusätzlich die kurze Zeit, bis der Wasserfilm weg ist. Er dauert dadurch etwas länger, und das ist in Ordnung. Du wartest nicht auf die Bremse, du legst sie an und spürst, wann sie zupackt. Danach steigerst du gleichmäßiger als im Trockenen.
Ohne ABS gehst du dabei weniger weit, weil die Straße weniger hergibt. Für die Gefahrenbremsung nennt der ADAC dazu eine Regel: beim geringsten Anzeichen eines blockierenden Rades den Druck reduzieren, auf rutschigem Untergrund die Bremse sogar ganz lösen. Das behutsame Steigern im Regen soll genau das verhindern.
Mit ABS darfst du in der Notbremsung geradeaus bis in die Regelung hineinbremsen, nur ohne Klammergriff. Auf nasser Straße setzt sie einfach früher ein.
Den Druckpunkt aus dem ersten Schritt spürst du nur, wenn der Hebel zu deiner Hand passt. Hebellage und Griffweite stellst du deshalb vor der Fahrt ein, am besten mit den Handschuhen, die du im Regen trägst. Dicke Regenhandschuhe legen mehr Material zwischen Finger und Hebel.
Frühzeitig bremsen, heißt es in BMWs Warnung zu nassen Bremsen. Wer beim Bremsen im Regen früher anfängt, braucht am Ende weniger Kraft und hat noch Luft, wenn die Bremse später packt als gedacht.
Hört der Regen auf, trocknet die Straße, und nach ein paar Bremsungen ist auch die Scheibe wieder trocken. Ganz vorbei ist es trotzdem nicht immer. Der ADAC beschreibt einen Effekt, der leicht untergeht: Nach längeren Regenfahrten, bei denen die Scheibenbremsen nur mäßig genutzt wurden, kann die Bremswirkung trotz trockener Scheiben schlechter sein als vorher.
Die Bremse fühlt sich dann etwas stumpf an. Erst nach einzelnen stärkeren Bremsungen erholt sie sich wieder. Einen Grund dafür nennt der Ratgeber nicht. Eine mögliche Erklärung steht in BMWs Warnung zu nassen und verschmutzten Bremsen, die oben schon vorkam, auch wenn sie nicht auf diesen Fall gemünzt ist. Dort verschlechtert neben Nässe auch Schmutz auf Scheiben und Belägen die Bremswirkung, und das Spritzwasser einer langen Regenfahrt bringt reichlich davon mit.
Für die Praxis zählt nur, dass du nach einer langen Regenfahrt auf den ersten trockenen Kilometern noch nicht mit der gewohnten Bremse rechnest. Das Bremsen im Regen endet also nicht ganz mit dem Regen.
Am Morgen danach wartet noch etwas. Nach einer nassen Nacht liegt auf der Scheibe oft ein dünner Rostfilm, harmlos, aber auch er muss erst herunter. Der Ratgeber empfiehlt ohnehin, die Bremsen auf den ersten Metern jeder Fahrt mit einem kurzen, prüfenden Griff zu testen, besonders wenn die Maschine länger gestanden hat.
Im Regen arbeitet deine Bremse nicht gegen dich. Sie braucht nur einen Moment länger als deine Hand, und diesen Moment gibst du ihr am besten, bevor du sie brauchst.
Warum bremst das Motorrad im Regen beim ersten Mal schlechter?
Weil auf Bremsscheibe und Belägen ein Wasserfilm liegt, den die Beläge erst wegschieben müssen, bevor sie voll greifen. BMW schreibt, bei Fahrten im Regen und durch Pfützen müsse mit verzögerter oder schlechterer Bremswirkung gerechnet werden. Der Hebel fühlt sich dabei an wie immer, nur die Verzögerung kommt später.
Wird der Bremshebel im Regen weicher?
Nein. Weg und Druckpunkt hängen an der Hydraulik und daran, dass die Beläge an der Scheibe anliegen, und beides ändert sich durch Regen nicht. Anders ist nur die Reibung zwischen Belag und Scheibe, deshalb kann sich der erste Zug trotzdem leer anfühlen. Geht aber der Hebel selbst weiter durch als sonst oder fühlt er sich weich an, lass die Bremsanlage prüfen.
Wie bremse ich nasse Bremsen trocken?
Auf einem geraden Stück, aufrecht und mit einem Blick in den Spiegel, beide Bremsen leicht anlegen, bis du spürst, dass sie zupacken. Honda rät, nasse Bremsen bei niedrigem Tempo zu betätigen, damit sie trocknen. Nie in Schräglage und nie als Probe-Vollbremsung.
Wie oft sollte ich im Regen trockenbremsen?
Immer dann, wenn die Bremse eine Weile nichts zu tun hatte, etwa nach einer langen Strecke ohne Kreuzung, auf der Autobahn oder nach einem Gefälle, das du mit der Motorbremse gefahren bist. Weil sich der Wasserfilm im Dauerregen wieder auf die Scheibe legt, machst du das am besten kurz bevor du bremsen musst. Eine feste Zeit oder Strecke dafür nennen BMW und Honda nicht.
Hilft ABS gegen nasse Bremsen?
Nur gegen die Folgen. ABS soll verhindern, dass das Vorderrad blockiert, wenn die Bremse nach dem Wasserfilm plötzlich zupackt. Den Moment bis dahin verkürzt es nicht. Honda schreibt ausdrücklich, dass ABS den Bremsweg nicht verkürzt und unter 10 km/h nicht arbeitet.
Warum fühlt sich die Bremse nach einer langen Regenfahrt stumpf an?
Den Effekt beschreibt der ADAC: Nach längeren Regenfahrten, bei denen die Scheibenbremsen wenig genutzt wurden, kann die Wirkung trotz trockener Scheiben schlechter sein als vorher. Erst nach einzelnen stärkeren Bremsungen erholt sie sich wieder. Einen Grund nennt er nicht. Denkbar ist Schmutz auf Scheiben und Belägen, den BMW zu den Ursachen schlechterer Bremswirkung zählt und den eine lange Regenfahrt reichlich mitbringt.
Bremst eine gelochte Bremsscheibe im Regen besser?
Sie packt beim ersten Zug etwas schneller zu, weil das Wasser durch Löcher und Schlitze schneller aus der Reibfläche entweicht. Die Grenze auf nasser Straße setzt aber der Reifen, nicht die Scheibe, und daran ändert keine Bohrung etwas.
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