
Samstag, später Nachmittag, 80 Kilometer von zu Hause. Der Motor geht aus, du rollst an den Rand der Landstraße und schaltest den Warnblinker ein. Der Anlasser dreht und dreht, und nach ein paar Versuchen ist klar: Aus eigener Kraft kommst du hier nicht mehr weg. Du gehst ein paar Schritte weg von der Fahrbahn, nimmst den Helm ab und suchst im Telefon die Nummer der Pannenhilfe. Motorrad abschleppen lassen, denkst du. Das sagt jeder so, wörtlich nehmen solltest du es aber nicht.
Bevor du die Pannenhilfe anrufst, versuchst du es bei deinem Kumpel, und der will dich mit dem Auto am Seil heimziehen. Gut gemeint, nur verbietet die StVO in Deutschland, ein Motorrad abzuschleppen. Und selbst wenn eine Vorrichtung das Vorderrad hochhält und nur das Hinterrad mitrollt, riskierst du das Getriebe. Honda schließt in den Anleitungen sogar diese halbe Lösung aus.
Wer dein Motorrad abschleppen soll, sieht es am Telefon nicht. Mit diesen vier Angaben weiß der Dienst, was er schicken muss:
Nach deinem Standort fragt der Dienst als Erstes. Steht die Maschine hinter einer Kuppe oder in einer engen Kurve, sag das dazu, denn der Transporter muss dort sicher halten und braucht Platz für Rampe und Gurte.
Frag im selben Gespräch, wohin die Fahrt geht und wer sie bezahlt. Bis zur nächsten Werkstatt oder bis vor deine Haustür, das macht bei 80 Kilometern einen großen Unterschied, zumal am Samstagabend kaum noch eine offen hat. Automobilclub, Schutzbrief und Mobilitätsgarantie des Herstellers regeln das unterschiedlich. Die Bedingungen stehen in deinem Vertrag, den Preis klärst du, bevor jemand losfährt.
Hat dein Kumpel einen Hänger, kann er dich doch noch abholen, nur ohne Seil. Dann gilt dasselbe: beide Räder oben, Gurte dran, und zum Hochschieben mindestens zwei Leute.
Sicherheitshinweis: An der Pannenstelle gehst du weg von der Fahrbahn, möglichst hinter die Leitplanke, denn am Straßenrand kann dich der Verkehr übersehen, und das kann tödlich enden. Beim Verladen hält eine zweite Person die Maschine: Kippt sie von der Rampe, kann sie dich einklemmen und schwer verletzen.
Bis der Wagen da ist, bleibt Zeit für die Frage, warum Punkt zwei so wichtig ist.
Honda wird deutlich: „Versuchen Sie nie, das Fahrzeug mit einem Rad oder beiden Rädern auf dem Boden abzuschleppen.“ Direkt dahinter steht der Grund: Das könne schwere Getriebeschäden verursachen. Du findest beides in den Anleitungen der CB650R von 2024, der Africa Twin von 2025 und weiterer Modelle, auch bei der Gold Wing von 2025. Ob Kette oder Kardan, Schaltgetriebe oder Doppelkupplung, an der Warnung ändert das nichts.
KTM schreibt für die 890 Adventure (2023), ein Pannenfahrzeug gehöre immer auf einen Anhänger oder die Ladefläche eines Transportfahrzeugs. Abschleppen mit einem Zugfahrzeug nennt die Anleitung „keine geeignete Bergemaßnahme“, es könne Antriebsstrang oder Getriebe schaden. Abschleppvorrichtungen, bei denen Räder auf der Fahrbahn bleiben und mitlaufen, schließt KTM ausdrücklich aus. Für die 390 Duke von 2026 steht fast dasselbe in der Anleitung.
Yamaha formuliert es für die MT-09 weicher und setzt die Grenze bei der Entfernung: Über lange Strecken soll das Motorrad nicht abgeschleppt werden.
Suzuki und Kawasaki schreiben in den Anleitungen der SV650, V-Strom 650, Ninja 650 und Ninja 125 nichts zum Abschleppen. Dass ihre Getriebe es besser vertragen, folgt daraus nicht.
Was dabei im Getriebe passiert, schreibt Honda nicht, Yamaha aber schon. In der Anleitung der MT-09 steht: „Das Getriebe wird nur ausreichend geschmiert, wenn der Motor läuft.“ Für die F 900 GS (Ausgabe 07.2023) warnt BMW fast wortgleich: „Ausreichende Getriebeschmierung nur bei laufendem Motor.“
Dahinter steckt eine Bauweise, die viele Motorräder teilen: Motor, Kupplung und Getriebe hängen an derselben Ölfüllung. Suzuki schreibt das in der SV650-Anleitung als allgemeine Regel für Motorradmotoren: Das Motoröl schmiert auch Kupplung und Getriebe. Die Ölpumpe wird vom Motor angetrieben. Steht der Motor, steht auch die Pumpe. Das Hinterrad kümmert das nicht. Es dreht über Kette oder Kardan die Ausgangswelle im Getriebe weiter, auch im Leerlauf. Den Leerlauf nennt Yamaha ausdrücklich: „Auch wenn das Getriebe im Leerlauf ist …“
Im Getriebe laufen also Wellen und Zahnräder, ohne dass die Pumpe Öl nachliefert. Ab welcher Strecke das Abschleppen kritisch wird, nennt keine dieser Anleitungen.
Auch das alte Argument trägt nicht: „Mein Auto hab ich früher auch am Seil heimgeholt.“ Ein klassisches Pkw-Schaltgetriebe läuft in einem eigenen Ölbad. Ein Auto mit Automatik lässt sich dagegen laut ADAC auch in Stufe N nur wenige Kilometer gefahrlos abschleppen, sonst könnte starke Wärmeentwicklung Schäden verursachen. Dein Motorrad hat zwar eine Schaltung, beim Abschleppen steht es aber eher auf der Seite der Automatik.
Einen Haken hat die Erklärung. Sie passt nur, wenn das Hinterrad rollt. Hängt die Maschine hinten in der Luft und nur das Vorderrad läuft, dreht sich im Getriebe nichts. Honda schließt auch diesen Fall aus, nennt dafür aber ebenfalls das Getriebe. Warum, bleibt offen. Für den Alltag spielt das kaum eine Rolle, denn ein Motorrad, das auf einem Rad hinter dem Zugfahrzeug herläuft, ist auch ohne Getriebefrage eine wackelige Sache.
Für Seil und Stange ist die Sache schnell erzählt: In Deutschland dürfen Krafträder nicht abgeschleppt werden (§ 15a Abs. 4 StVO). Das ist eine Ordnungswidrigkeit, der Bußgeldkatalog nennt dafür 10 Euro (Stand November 2026). In Österreich und der Schweiz gelten eigene Regeln, das Getriebe bleibt dasselbe.
Auch ohne Paragraf wäre das Seil keine gute Idee. Ein Motorrad hält sich nur durch Balance. Das Seil ruckt beim Anfahren, zieht schief, sobald das Zugfahrzeug lenkt, und hängt durch, sobald es bremst.
Honda nennt den Weg, den die Hersteller wollen: Motorradanhänger oder Tieflader mit Rampe oder Hubplattform, dazu Motorradverspanngurte. Im Detail unterscheiden sich die Anleitungen, und wer den Wagen fährt, kennt dein Modell nicht so genau wie du. Zeig deshalb selbst, wo die Gurte hingehören. Alles Lose kommt vorher runter: Tankrucksack, Navi und was sonst am Lenker baumelt. Bei Yamaha steht das als erster Punkt.
Bei der Yamaha MT-09 verlangt die Anleitung für den Transport einen eingelegten Gang. Die Gurte kommen an den Rahmen oder an die obere Gabelbrücke, nicht an gummigelagerte Lenker oder Blinker. Die Maschine wird dabei möglichst etwas in die Federung gezogen, damit sie unterwegs nicht auf und ab tanzt. Bei einer Honda NC750X mit DCT hält ein eingelegter Gang dagegen nichts fest: Stellst du den Motor ab, rückt die Kupplung automatisch aus. Geparkt wird sie mit der Feststellbremse.
An der BMW R 1300 GS (Ausgabe 02.2025) laufen die Gurte vorn durch die Gabelbrücke und hinten an die Halter der Soziusfußrasten. Bremsleitungen und Kabelstränge dürfen nicht eingeklemmt werden, und Motorschutzbügel sind tabu. Die Maschine soll dabei weder auf dem Seitenständer noch auf dem Hauptständer stehen. Hat sie eine Diebstahlwarnanlage, deaktiviere vorher den Neigungssensor, sonst kann sie unterwegs auf der Ladefläche Alarm schlagen.
Bei der Gold Wing nennt Honda dagegen gerade die Motorschutzbügel als Befestigungspunkt. Lenker und Griffe bleiben dort frei, weil Gurte daran Lenkung, Griffheizung oder Schalter beschädigen können. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch. Fotografier die Seite zum Transport mit dem Handy, dann hast du sie am Straßenrand dabei.
Vor dem Losfahren schaut ihr gemeinsam nach den Gurten, und nach den ersten Kilometern gern noch einmal.
WERBUNG
🛒 Spanngurte fürs Motorrad
Die mit * gekennzeichneten Links sind Provisionslinks. Kommt über einen solchen Link ein Einkauf zustande, erhalten wir eine Provision. Für dich ändert sich am Preis nichts. Wo, wann und ob du ein Produkt kaufst, bleibt selbstverständlich dir überlassen. Für die Aufnahme in diese Liste zahlt niemand: Die Auswahl trifft die Redaktion unabhängig. Als Amazon-Partner verdienen wir an qualifizierten Verkäufen.
Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel ordnet die Lage allgemein und journalistisch ein (Stand: November 2026). Er ist keine Rechtsberatung, und Einzelfälle können anders liegen. Wenn es bei dir konkret wird, frag deinen Pannendienst, deinen Versicherer oder einen Fachanwalt für Verkehrsrecht.
Im Getriebe passiert dabei dasselbe wie beim Abschleppen: Das Hinterrad dreht, der Motor steht. Yamaha schreibt deshalb für die erste MT-07, das Motorrad solle nicht über lange Strecken geschoben werden. Auch im Leerlauf soll es mit ausgeschaltetem Motor nicht längere Zeit rollen. BMW warnt für die F 900 GS in einem Atemzug vor langem Rollen und langem Schieben.
Der Tank ist leer, die Reserve hat nicht gereicht, die nächste Tankstelle liegt einen Kilometer weiter, und du schiebst. Das ist anstrengend, vor allem für dich. Wo „lange Strecken“ beginnen, schreiben weder Yamaha zur MT-07 noch BMW zur F 900 GS. Im Schritttempo dreht das Getriebe langsam, und viel weiter als bis zur nächsten Zapfsäule schiebt ohnehin kaum jemand.
Bequemer und deshalb verführerischer ist die lange Passabfahrt mit ausgeschaltetem Motor. Kein Geräusch, nur der Wind, und der Sprit bleibt im Tank. Das Getriebe dreht sich dabei die ganze Zeit mit, in einem Tempo, das du beim Schieben nie erreichst, und die Pumpe steht. Dazu fehlt dir die Motorbremse dort, wo du sie am meisten brauchst, und wer den Motor mit der Zündung abstellt, rollt auch ohne ABS und Bremslicht. Am Berg bleibt der Motor an.
Ein Freund schiebt dich von seinem Motorrad aus mit dem Fuß an der Raste? Der alte Trick löst das Getriebeproblem nicht und bringt gleich zwei Menschen in Gefahr.
Mit „langen Strecken“ ist Rangieren nicht gemeint: ein paar Meter aus der Garage, um die Ecke an einen sicheren Platz, die Rampe hinauf auf den Abschleppwagen.
Zurück an die Landstraße. Der Wagen ist da, die Rampe unten, und ihr schiebt die Maschine zu zweit hoch. Gurte rechts, Gurte links, ein Blick auf die Gabelbrücke. Dann sitzt du vorn in der Kabine, und 80 Kilometer lang dreht sich hinter dir kein einziges Zahnrad.
Darf ich mein Motorrad abschleppen lassen?
Krafträder dürfen in Deutschland nach § 15a Abs. 4 StVO nicht abgeschleppt werden, im Bußgeldkatalog stehen dafür 10 Euro (Stand November 2026). Vom Pannenort weg geht es auf einem Anhänger oder einer Ladefläche, so verlangen es auch Honda und KTM. Dein Pannendienst weiß, was er dafür schicken muss, wenn du am Telefon Modell und Zustand nennst.
Warum schadet Abschleppen dem Motorradgetriebe?
Ein Motorradgetriebe hängt bei vielen Maschinen an derselben Ölversorgung wie der Motor, und die Pumpe läuft nur mit ihm. Rollt das Hinterrad bei stehendem Motor, drehen sich im Getriebe Wellen und Zahnräder, während kein Öl nachkommt. In den Anleitungen von 2023 für MT-09 und F 900 GS schreiben Yamaha und BMW, das Getriebe werde nur bei laufendem Motor ausreichend geschmiert. Honda warnt vor schweren Getriebeschäden.
Kann ein Motorrad mit einem Rad am Boden transportiert werden?
Honda schließt das Abschleppen auf einem Rad in seinen Anleitungen ausdrücklich aus, KTM ebenso für Vorrichtungen, bei denen Räder mitlaufen. Sicher ist nur der Transport mit beiden Rädern auf Anhänger oder Ladefläche. Beide Hersteller begründen das mit möglichen Schäden an Getriebe oder Antriebsstrang.
Was kostet es, ein Motorrad abschleppen zu lassen?
Die Kosten hängen an Strecke, Tageszeit und Anbieter, eine verlässliche Pauschale gibt es nicht. Laut ADAC ist der Transport eines Motorrads meist wesentlich günstiger als das Abschleppen eines Autos. Automobilclub, Schutzbrief oder eine Mobilitätsgarantie des Herstellers übernehmen den Transport je nach Vertrag ganz oder bis zu einer Grenze. Kläre Preis und Übernahme, bevor du den Auftrag gibst.
Wie weit darf ich ein Motorrad schieben?
Die Anleitungen der ersten MT-07 und der F 900 GS vom Juli 2023 warnen vor langen Strecken mit stehendem Motor, weil das Getriebe dann nicht ausreichend geschmiert wird. Eine Kilometergrenze nennen sie nicht. Rangieren ist damit nicht gemeint, zu einer langen Passabfahrt mit abgestelltem Motor passt die Warnung dagegen genau.
0 Stimmen: 0× Daumen hoch, 0× Daumen runter (0 Punkte)






