Was dir ein gebrauchtes Motorrad erst auf den ersten 300 Kilometern verrät

Im Rückspiegel wird der Hof des Verkäufers kleiner, die Papiere stecken in der Jackentasche, vor dir liegen 300 Kilometer bis nach Hause. Die Maschine zieht sauber, die Bremsen packen, alles fühlt sich richtig an. An der ersten Ampel suchst du den Schalter, mit dem du den Blinker ausmachst, und merkst, wie wenig du über dieses Motorrad weißt.

Auf dem Hof lief alles. Nur zeigt ein Hof nicht, was eine Maschine nach einer Stunde Landstraße, im Stau oder bei Tempo 130 macht. Manches meldet sich erst nach 50 oder 100 Kilometern, und dann bist du allein mit einem Motorrad, das du seit dem Vormittag kennst.

Was der Hof des Verkäufers nicht zeigt

Viele Überraschungen auf dem Heimweg brauchen Zeit, Wärme oder Last, um sich zu zeigen. Auf einer Runde um den Block bekommen sie nichts davon.

Die Batterie

Ist der Motor schon warm, wenn du ankommst, weißt du nicht, ob die Batterie ihn auch kalt schafft. Sag dem Verkäufer deshalb schon bei der Terminabsprache, dass du den Kaltstart sehen willst.

Werden die Kontrollleuchten beim Starten dunkel, deutet das auf eine schwache Batterie hin. So eine Batterie schafft den ersten Start vielleicht noch und gibt dann beim Neustart am Tankstopp auf, vor allem wenn die Lichtmaschine unterwegs nicht richtig nachlädt. Merkst du so etwas noch beim Verkäufer, sprich es an, bevor du losfährst.

Braucht die Maschine schon beim Verkäufer Starthilfe, fahr so nicht los, sondern lass die Batterie erst laden oder ersetzen. KTM warnt in seinen Anleitungen, dass Elektronik und Sicherheitseinrichtungen bei entladener Batterie Schaden nehmen und es gerade beim Starten zu Fehlfunktionen kommen kann.

Die Reifen

Schau dir die Reifen im Hof gründlich an. Wie alt sie sind, verrät die vierstellige Zahl hinter DOT auf der Flanke, erst die Woche, dann das Jahr. Alte, harte Reifen haften schlechter, vor allem auf nasser Straße, und ein in der Mitte flach gefahrenes Profil lässt die Maschine anders einlenken, als du es gewohnt bist.

Den Reifendruck prüfst du kalt, also am besten noch beim Verkäufer. Ein eigener Prüfer passt in jede Jackentasche, und welcher Wert gilt, verrät die Anleitung, bei manchen Modellen zusätzlich ein Schild an der Maschine. Trotzdem kann ein Reifen, der im Hof prall aussah, unterwegs langsam Luft verlieren, etwa durch einen kleinen Nagel. Nach einigen Dutzend Kilometern kann sich die Maschine dann in Kurven schwammig anfühlen.

Spürst du das, halt an einer sicheren Stelle und such beide Reifen nach Nägeln, Schrauben und Schäden ab. Steckt etwas in der Lauffläche, zieh es erst heraus, wenn du das Loch gleich abdichten kannst. Bis dahin verliert der Reifen meist langsamer Luft.

Ob Luft fehlt, siehst du einem Motorradreifen oft nicht an, miss deshalb nach. Ohne eigenen Prüfer fährst du dafür langsam bis zur nächsten Tankstelle. Warm zeigt ein Reifen mehr Druck als kalt, lass unterwegs also keine Luft ab. Liegt er trotz der Wärme unter dem Wert für kalte Reifen, fehlt Luft.

Die Bremsen

Nach einer langen Standzeit kann ein Bremssattel klemmen. Dann schleifen die Beläge, das Rad läuft schwer, und die Bremse wird heiß, obwohl du gar nicht bremst. Dasselbe passiert, wenn der Fuß auf dem Fußbremshebel liegen bleibt, und auf einer fremden Maschine, deren Hebel anders sitzt als gewohnt, geht das leicht. Wird die Bremse dabei zu heiß, lässt ihre Wirkung nach, bis sie im schlimmsten Fall ausfällt. Riechst du unterwegs heiße Bremse, halt an und kläre die Ursache, bevor du weiterfährst.

Die Kette

Eine Kette, die lange gestanden hat, kann trocken sein, und einzelne Glieder können steif werden. Bei langsamer Fahrt hörst du das manchmal als Rasseln oder Quietschen, und beim Gasgeben kann es ruckeln. Solche Geräusche deuten auf fehlende Pflege oder fortgeschrittenen Verschleiß hin.

Beim ersten Halt nimmst du dir deshalb die Kette vor. Schiebst du die Maschine dabei langsam ein Stück, siehst du steife Glieder: Sie bleiben unten zwischen den Kettenrädern geknickt, statt sich zu strecken. Ist die Kette trocken, braucht sie Schmierung, und dafür gehört eine kleine Dose Kettenspray ins Gepäck.

Hängt sie mehr durch, als die Anleitung erlaubt, oder bleiben einzelne Glieder steif, fährst du so nicht weiter. Zu viel Durchhang kann die Kette von den Kettenrädern springen lassen und einen Unfall verursachen.

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Die Kühlung

Im Stau zeigt sich, ob bei einem flüssigkeitsgekühlten Motor der Lüfter arbeitet. Wird es im Stand warm, hörst du ihn anlaufen und spürst die warme Luft an den Beinen. Bleibt beides aus, steigt die Temperatur weiter, und das zeigt dir nur die Anzeige. Behalte sie im Stadtverkehr im Blick. Steht dir ein längerer Stillstand bevor, stell den Motor ab.

Kupplung und Ladung

Eine Kupplung, die im Ort unauffällig war, kann auf der Autobahn unter Last rutschen. Du gibst Gas, die Drehzahl springt nach oben, aber das Tempo kommt nicht mit. Merkst du das, beschleunige sanft, verzichte aufs Überholen und lass die Kupplung prüfen, sobald du zu Hause bist.

Leiser meldet sich eine schwache Lichtmaschine oder ein Laderegler, der nicht mehr richtig arbeitet. Dann wird die Batterie nicht mehr richtig geladen und leert sich während der Fahrt. Ob die Maschine davor warnt, ist verschieden. Die Ninja 650 hat eine Batteriewarnleuchte, die laut Kawasaki unter elf Volt angeht, die 390 Duke zeigt die Spannung nur in einem Menü. Die R 1300 GS meldet eine kritische Ladespannung im Display, und BMW schreibt dazu „Nicht weiterfahren“, weil Fahrzeugsysteme ausfallen können.

Geht eine solche Warnung an, halt an einer sicheren Stelle und lies in der Anleitung nach, was sie verlangt. Darfst du laut Anleitung weiterfahren, schalte ab, was Strom zieht, etwa Heizgriffe oder das Ladekabel fürs Telefon. Ohne Warnung merkst du es womöglich erst, wenn die Maschine nach einem Stopp nicht mehr anspringt.

Der Tank

Wie weit eine Tankfüllung reicht, weißt du bei einer fremden Maschine nicht. Tank deshalb gleich voll, stell den Tageskilometerzähler auf null und tank auf halber Strecke nach, auch wenn die Anzeige mehr verspricht. Leer fahren solltest du den Tank nicht.

Geht der Sprit während der Fahrt aus, kann der Katalysator Schaden nehmen. Davor warnen etwa die Anleitungen von Yamaha zur XSR900 GP und von BMW zur R 1300 GS. Schlimmer ist der Moment selbst, wenn der Motor mitten im Verkehr ausgeht.

Bevor du vom Hof fährst

Ein paar Dinge erledigst du am besten noch beim Verkäufer, in dieser Reihenfolge:

  1. Übergabe: Lass dir den zweiten Schlüssel, die Anleitung, das Bordwerkzeug und die Belege vom letzten Service mitgeben. Wann Batterie, Reifen und Bremsbeläge neu kamen, fragst du spätestens jetzt. Und frag nach Eigenheiten, die dem Verkäufer längst nicht mehr auffallen.
  2. Kalt starten, warm neu starten: Lass die Maschine in deinem Beisein kalt anspringen, draußen und nicht in der Garage. Lass sie einige Minuten laufen, stell sie ab und starte sie noch einmal. So erlebst du beide Fälle, bevor es dich am Tankstopp überrascht.
  3. Anleitung aufs Telefon: Lade die Anleitung als PDF herunter, solange du Empfang hast. Viele Hersteller stellen sie auf ihre Websites, und unterwegs erklärt sie dir jede Leuchte im Cockpit.
  4. Zehn Minuten Rundgang: Licht, Bremsen, Kupplung, Ölstand, Reifendruck und alle Kontrollleuchten, so steht es in der ADAC-Liste für die Zeit vor einer Probefahrt. Für den Heimweg kommt die Kette dazu. Ist sie trocken, schmierst du sie gleich dort, zu zweit geht das am leichtesten: einer schiebt, einer sprüht. Den Ölstand liest du am warmen Motor ab, nachdem er ein paar Minuten aus war, und bei gerade gehaltener Maschine, also nicht auf dem Seitenständer. So will es etwa Yamaha. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.
  5. Spiegel, Schalter und Fahrmodi im Stand: Richte die Spiegel auf dich aus und such dir Blinker, Hupe, Fernlicht, Notausschalter und, falls vorhanden, den Schalter für die Fahrmodi. Das alles erledigst du im Stand, bevor du losfährst. Unterwegs gehört dein Blick auf die Straße und nicht auf die Schalter.
  6. Kurze erste Etappe: Plan nach 30 bis 50 Kilometern den ersten Halt, an dem du unter den Motor und auf die Kette schaust.

Die erste Stunde auf dem neuen Motorrad

Die erste Stunde ist die Probefahrt, die beim Verkäufer zu kurz war. Fahr sie ruhig, mit viel Abstand und ohne auszuprobieren, was die Maschine kann. Bremsen, Gasannahme und Sitzposition sind dir fremd, und dein Kopf ist ohnehin mit dem neuen Spielzeug beschäftigt.

Halt öfter an als sonst. Bei jedem Stopp schaust du unter den Motor, auf die Kette und auf die Reifen.

Plan den Heimweg so, dass du im Hellen ankommst. Wie gut das Licht einer fremden Maschine ist, findest du besser nicht auf einer dunklen Landstraße heraus. Und bist du mit dem Zug angereist, steckt dir die Fahrt dorthin schon in den Knochen.

Wenn unterwegs eine Leuchte angeht

Was jede Leuchte bedeutet, erklärt die Anleitung. Für die wichtigsten findest du dort meist klare Anweisungen.

Zeigt die XSR900 GP die Warnung für zu hohe Temperatur der Kühlflüssigkeit, sollst du laut Yamaha anhalten, den Motor ausschalten und ihn abkühlen lassen. BMW unterscheidet bei der R 1300 GS zwei Stufen. Leuchtet die Warnung gelb, fährst du gemäßigt weiter, damit der Motor abkühlt. Leuchtet sie rot, hältst du vorsichtig an und stellst den Motor ab. Zu beiden Stufen warnt BMW, dass Fahren mit überhitztem Motor zu einem Motorschaden führen kann.

Sicherheitshinweis: Öffne bei heißem Motor nie den Kühlerdeckel oder einen Kühlerschlauch, auch wenn dich die Anzeige nervös macht. Die Kühlflüssigkeit ist heiß und steht unter Druck. Öffnest du den Deckel, kann sie herausschießen und dir Hände oder Gesicht verbrühen.

Lass Motor und Kühlsystem erst abkühlen. Den Kühlmittelstand siehst du bei vielen Maschinen am Ausgleichsbehälter, ohne den Kühler zu öffnen.

Noch eindeutiger ist die Öldruckleuchte, falls deine Maschine eine hat. KTM verlangt für die 390 Duke, sofort verkehrsgerecht anzuhalten und den Motor abzustellen, wenn sie während der Fahrt angeht. Kawasaki lässt an der Ninja 650 den Motor sofort abstellen, sobald die Leuchte über Leerlaufdrehzahl brennt.

Im Notbetrieb, wenn die Elektronik einen Fehler gefunden hat, ist Weiterfahren nach der Anleitung der R 1300 GS möglich, die gewohnte Leistung steht aber womöglich nicht zur Verfügung. Fahr dann vorsichtig zur nächsten Fachwerkstatt und vermeide starkes Beschleunigen und Überholmanöver, so rät es BMW.

Sicherheitshinweis: Geht die Öldruckleuchte an, zieh die Kupplung, roll zur nächsten sicheren Stelle und stell den Motor ab. Ohne Öldruck kann der Motor festgehen und mit eingelegtem Gang das Hinterrad blockieren. Bei der roten Temperaturwarnung hältst du ebenso an.

Bei Bremsgeruch oder wenn die Maschine beim Rollen ungewöhnlich schnell langsamer wird, gilt das auch, denn eine zu heiße Bremse kann ganz versagen. Losfahren kannst du erst wieder, wenn die Ursache klar und behoben ist. Sonst holst du Hilfe.

Notfalls kommt die Maschine später nach

Auch gut vorbereitet kann der Heimweg früher enden als geplant. Speicher dir vorher die Nummer einer Pannenhilfe ins Telefon und nimm eine Powerbank mit, damit der Akku nicht ausgerechnet dann leer ist. Eine kleine Lampe hilft, wenn du im Dunkeln an der Maschine stehst.

Für schlauchlose Reifen gibt es Reparatursets samt Kompressor, die einen kleinen Durchstich provisorisch abdichten. Honda setzt in den Anleitungen von CBR650R und Hornet danach eine Grenze von 50 km/h, und der Reifen soll so bald wie möglich ersetzt werden. Das reicht bis zur nächsten Werkstatt, für den restlichen Heimweg eher nicht.

Frag einen Freund mit Anhänger oder Transporter, ob er an diesem Tag erreichbar ist. Und mach dir klar, dass auch das eine Lösung ist: die Maschine sicher abstellen, mit dem Zug heimfahren und sie später mit Hilfe holen.

Fahr den Heimweg nicht wie eine Prüfung, die du bestehen musst. Halt an, wenn dir etwas seltsam vorkommt, und gib einer fremden Maschine die Zeit, die sie braucht.

❓ Häufige Fragen zur Heimfahrt mit dem gebrauchten Motorrad

Worauf sollte ich achten, bevor ich ein gebrauchtes Motorrad nach Hause fahre?

Vor der Heimfahrt mit einem gebrauchten Motorrad zählen ein Kaltstart in deinem Beisein, ein kurzer Rundgang und ein voller Tank. Was der ADAC vor einer Probefahrt prüfen lässt, passt auch hier: Licht, Bremsen, Kupplung, Ölstand, Reifendruck und Kontrollleuchten. Frag außerdem nach dem Alter von Batterie, Reifen und Belägen und lade dir die Anleitung aufs Telefon.


Warum springt ein gerade gekauftes Motorrad nach dem Tanken nicht an?

Ein gerade gekauftes Motorrad, das nach dem Tankstopp nicht anspringt, hat womöglich eine schwache Batterie, die unterwegs nicht genug nachgeladen wurde. Werden die Kontrollleuchten beim Anlassen dunkel, ist das ein Zeichen für eine schwache Batterie. Deshalb lohnen beim Verkäufer ein Kaltstart und unterwegs ein Blick auf die Warnung für die Batteriespannung, falls die Maschine eine hat. Bleiben die Leuchten hell und tut sich trotzdem nichts, prüf das Naheliegende: Notausschalter, Seitenständer, Leerlauf und Kupplung.


Was tun, wenn am Motorrad die Temperaturwarnung angeht?

Eine Temperaturwarnung am Motorrad verlangt je nach Modell und Farbe der Anzeige etwas anderes. Bei Yamahas XSR900 GP heißt es: anhalten und den Motor abkühlen lassen. Für die R 1300 GS rät BMW bei gelber Anzeige, gemäßigt weiterzufahren, bei roter, vorsichtig anzuhalten und den Motor abzustellen. Den Kühler öffnest du bei heißem Motor nie.


Wie ernst ist die Öldruckleuchte während der Fahrt?

Die Öldruckleuchte während der Fahrt verlangt einen sofortigen Halt. Zieh die Kupplung, damit ein festgehender Motor das Hinterrad nicht blockiert. Nach den Anleitungen von KTM und Kawasaki stellst du den Motor ab, sobald es sicher geht, statt weiterzufahren. Danach braucht die Maschine eine Werkstatt.


Wie weit komme ich mit dem Tank einer fremden Maschine?

Die Reichweite einer fremden Maschine kennst du erst, wenn du sie selbst gefahren bist. Tank gleich voll, stell den Tageskilometerzähler auf null und tank früh nach. Ein leer gefahrener Tank kann nach den Anleitungen der XSR900 GP und der R 1300 GS den Katalysator beschädigen, BMW nennt außerdem Unfallgefahr.


Woran merke ich unterwegs eine schleifende Bremse?

Eine schleifende Bremse erkennst du an einem Rad, das beim Schieben schwer rollt, und an einem Geruch nach heißer Bremse. Außerdem wird die Maschine beim Rollen auffällig schnell langsamer. Halt dann an einer sicheren Stelle an. Eine dauernd schleifende Bremse wird heiß und kann bei Überhitzung ganz ausfallen.


Was sollte ich auf den Heimweg mit einem gerade gekauften Motorrad mitnehmen?

Auf den Heimweg mit einem gerade gekauften Motorrad gehören ein geladenes Telefon mit Powerbank, die Nummer einer Pannenhilfe und die Anleitung als PDF. Dazu kommen das Bordwerkzeug der Maschine, ein Reifendruckprüfer, eine kleine Dose Kettenspray, bei schlauchlosen Reifen ein Reparaturset mit kleinem Kompressor und eine Taschenlampe.

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