
Ein Druck auf den Starter bei laufendem Motor kostet an den meisten Motorrädern nicht mehr als ein kurzes Surren. An diesen Maschinen hängt der Anlasser über Zahnräder dauernd am Motor und treibt die Kurbelwelle über einen Freilauf an, der Kraft nur in eine Richtung überträgt. Läuft der Motor schon, dreht der Anlasser beim Drücken nur leer hoch.
Teuer kann derselbe Fehlgriff dort werden, wo erst beim Drücken ein Ritzel in einen Zahnkranz greift. Dann trifft ein langsames Zahnrad auf ein schnelles. Ein dritter Fall hat mit deinem Daumen gar nichts zu tun: ein Anlasser, der weitersurrt, obwohl du den Knopf losgelassen hast. Hier musst du sofort handeln.
Im Auto springt beim Starten ein kleines Ritzel nach vorn, greift in den Zahnkranz am Schwungrad und zieht sich wieder zurück, wenn du den Schlüssel loslässt. Die meisten Motorräder sparen sich diese Bewegung. Anlasser, Zwischenräder und das große Rad an der Kurbelwelle bleiben ständig im Eingriff, auch während der Fahrt. Getrennt wird erst ganz am Ende, am Anlasserfreilauf, den Werkstatthandbücher oft Anlasserkupplung nennen.
Der Freilauf arbeitet wie der an einer Fahrradnabe. Treibt der Anlasser an, nimmt er die Kurbelwelle mit. Dreht die Kurbelwelle schneller als der Anlasser, läuft sie frei, so wie das Hinterrad weiterrollt, wenn du aufhörst zu treten.
Drückst du bei laufendem Motor, läuft der Anlasser hoch und nimmt seine Zwischenräder mit. An der Kurbelwelle passiert dabei nichts, was der Freilauf nicht von jeder Fahrt kennt. Während du fährst, läuft der Freilauf ohnehin ständig leer: Seine Kurbelwellenseite dreht mit mehreren tausend Umdrehungen in der Minute, die Anlasserseite steht still. Weil nichts einrückt, schlagen auch keine Zähne aufeinander.
Das Surren klingt nur so fremd, weil du es sonst nie allein hörst. Beim normalen Start geht es im Anspringen des Motors unter. Bei laufendem Motor hörst du dagegen einen Elektromotor, der ohne Last hochdreht, und ein paar Zahnräder, die ohne Arbeit mitlaufen.
Verwechseln solltest du dieses Surren nicht mit einem Anlasser, der beim ganz normalen Start hochdreht, ohne den Motor mitzunehmen. Dann greift der Freilauf nicht, obwohl er greifen müsste, und das ist ein Defekt, kein Fehlgriff.
Ganz umsonst ist der Druck bei laufendem Motor aber nicht. Der Anlasser hat Kohlebürsten, die sich bei jedem Lauf ein wenig abnutzen, und das Relais davor schaltet beim Anlaufen jedes Mal einen hohen Strom. Ein einzelner Fehlgriff fällt dabei nicht ins Gewicht, eine Angewohnheit eher.
In den Bedienungsanleitungen steht zu diesem Fall in der Regel weder eine Warnung noch eine Entwarnung. Die Entwarnung kommt hier aus der Bauart, nicht aus dem Handbuch.
Nicht jedes Motorrad ist so gebaut. Harley-Davidson setzt bei seinen Big-Twin-Motoren seit Jahrzehnten einen Anlasser ein, der beim Drücken ein Ritzel nach vorn schiebt, bis es in einen Zahnkranz außen am Kupplungskorb greift. Das Ritzel kommt nur zum Starten dazu und zieht sich danach wieder zurück.
Schiebt der Anlasser dieses Ritzel bei laufendem Motor vor, fährt es, gerade erst angelaufen, gegen einen Zahnkranz, der sich längst dreht. Die Zähne finden keinen sauberen Eingriff, sie schlagen aufeinander, und das klingt nicht mehr nach Surren, sondern nach Krachen. Dabei können Zähne ausbrechen, am Ritzel wie am Zahnkranz.
Ähnlich ist es bei manchen Rollern. Kymco etwa schreibt in der Anleitung seiner Agility-Roller ausdrücklich, den Starterknopf nicht zu drücken, sobald der Motor läuft, sonst könnten Anlasser und Motor Schaden nehmen.
Welche Bauart in deiner Maschine steckt, zeigt die Explosionszeichnung im Teilekatalog. Findest du am Ende der Kurbelwelle eine Anlasserkupplung oder einen Freilauf, gehört sie zur ersten Sorte. Spurt dagegen ein Ritzel erst beim Starten ein, gehört sie zur zweiten, und dort ist der Druck bei laufendem Motor ein echter Fehler. Ist dir das an so einer Maschine passiert, hör bei den nächsten Starts genau hin. Rasselt der Anlasser oder dreht er kurz durch, bevor er den Motor mitnimmt, gehört die Maschine in die Werkstatt.
Kaum jemand drückt den Anlasser bei laufendem Motor mit Absicht. Es passiert, weil das Ohr als Kontrolle ausfällt. Ein warmer Motor im Leerlauf ist leise, der Helm dämpft, Ohrstöpsel dämpfen noch mehr, und an einer Kreuzung mit Lkw und Straßenbahn geht ein ruhiger Zweizylinder im Grundrauschen unter.
Dazu kommt der schnelle Warmstart. Nach dem Tanken oder einer kurzen Pause springt der Motor oft sofort an, und der Daumen hat den Knopf da noch gar nicht losgelassen. Genau genommen erlebt dein Anlasser den Druck bei laufendem Motor also bei vielen Starts, nur für einen Augenblick: Der Motor läuft, der Knopf ist noch gedrückt, und der Freilauf fängt das ab.
Yamaha schreibt in der Anleitung der MT-09 dennoch vor, den Starterschalter loszulassen, sobald der Motor anspringt, spätestens aber nach fünf Sekunden. Vor dem nächsten Versuch sollst du zehn Sekunden warten, damit sich die Batteriespannung erholt. Andere Hersteller nennen andere Zeiten. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.
Und dann gibt es den Moment, in dem du glaubst, der Motor sei ausgegangen. Ein kalter Einzylinder, der an der Ampel kurz stolpert, oder ein Leerlauf, der nach dem Anhalten tief absinkt, fühlt sich im Sattel an wie ein Abwürgen. Der Daumen wandert zum Knopf, bevor der Blick beim Drehzahlmesser war.
Dass jeder Druck auf den Startknopf beim Anlasser ankommt, gilt nicht für jede Maschine. An der Honda Gold Wing mit Doppelkupplungsgetriebe hat derselbe Knopf bei laufendem Motor eine zweite Aufgabe. In der Anleitung von 2021 heißt er Start-/Idling-Stop-Taste, und solange der Motor läuft, schaltest du damit das Idling-Stop-System ein oder aus. Einen eigenen Anlasser hat die Gold Wing seit dem Modelljahr 2018 ohnehin nicht mehr. Laut Honda erledigt ein Starter-Generator beide Aufgaben, die des Anlassers und die der Lichtmaschine.
Das Idling-Stop-System stellt den warmen Motor ab, wenn du anhältst und das Gas ganz geschlossen ist, etwa an einer Ampel. Eine Anzeige blinkt, der Motor schweigt, und sobald du das Gas öffnest, läuft er wieder an. Hier ist die Stille also echt, und trotzdem ist der Motor nicht einfach aus. Drückst du in dieser Stille den Knopf, springt er ebenfalls an, und Idling Stop ist danach abgeschaltet.
Solange Idling Stop den Motor abgestellt hat, kann er laut Honda auch unerwartet anspringen, etwa wenn jemand am Gasgriff dreht. Du sollst dich deshalb nicht vom Motorrad entfernen, solange die Anzeige blinkt, und beim Weggehen immer die Zündung ausschalten.
Zwei Aufgaben unter einem Daumen gibt es auch ohne Idling Stop. An der NC750X sitzen Not-Aus und Startknopf in einem gemeinsamen Schalter, und Honda schreibt dazu, dass der Anlasser in der Stellung Stopp nicht arbeitet. Gesperrt ist er in dieser Stellung an vielen Maschinen, und deshalb ist der Not-Aus auch der erste Griff, wenn am Anlasser etwas nicht stimmt.
Manchmal läuft der Anlasser bei laufendem Motor mit, ohne dass dein Daumen daran schuld ist. Der Knopf am Lenker schaltet den Anlasser nämlich nicht selbst. Er schaltet ein Relais, je nach Handbuch Starterrelais oder Magnetschalter genannt, und erst dieses Relais gibt den dicken Strom von der Batterie frei.
Bleiben seine Kontakte hängen, etwa weil sie beim Schalten verschweißt sind, läuft der Anlasser weiter, nachdem der Motor angesprungen ist. Du lässt den Knopf los, und das Surren hört nicht auf. Das ist selten, aber ein bekanntes Fehlerbild, und anders als ein versehentlicher Druck verlangt es sofortiges Handeln.
Sicherheitshinweis: Läuft der Anlasser weiter, obwohl du den Knopf losgelassen hast, stell den Motor sofort ab, mit dem Not-Aus-Schalter oder der Zündung. Dreht der Anlasser danach immer noch, klemm die Batterie ab, das Minuskabel zuerst, und halt dabei das Gesicht von der Batterie weg. Achte darauf, dass dein Werkzeug nie Pluspol und Rahmen zugleich berührt.
Not-Aus und Zündung nehmen dem Relais in der Regel den Steuerstrom. Hängen seine Kontakte, hilft das nicht mehr. Der Anlasser kurbelt den abgestellten Motor dann weiter wie bei einem Startversuch, der nicht endet, bis die Batterie leer ist oder etwas überhitzt. Gebaut sind Anlasser und Kabel aber nur für wenige Sekunden am Stück. Beim Abklemmen fließt noch der volle Anlasserstrom, deshalb funkt es am Pol, und laut Yamaha und Honda gibt eine Batterie explosives Wasserstoffgas ab.
Mit abgeklemmter Batterie bleibt die Maschine stehen, bis das Relais getauscht ist. Schließt du sie vorher an, läuft der Anlasser sofort wieder los. Den Anlasser bei laufendem Motor gedrückt hast du in diesem Fall übrigens gar nicht, der Fehler sitzt hinter dem Knopf.
Hörst du den Motor nicht, schau auf den Drehzahlmesser. Steht die Nadel oder der Balken über null, läuft er, egal was die Ohren sagen. Täuschen kann er dich nur in den ersten Sekunden nach dem Einschalten der Zündung, denn an vielen Cockpits läuft die Nadel dann zur Prüfung einmal bis zum Anschlag und zurück.
Ist der Motor tatsächlich aus, gilt die gewohnte Reihenfolge: Leerlauf oder Kupplung, Daumen auf den Knopf, und loslassen, sobald er anspringt.
Was passiert, wenn ich den Anlasser drücke, obwohl der Motor läuft?
An den meisten Motorrädern dreht der Anlasser kurz ohne Last hoch, und seine Zahnräder laufen mit. Die Kurbelwelle erreicht er nicht, weil ein Freilauf dazwischensitzt, der nur Kraft vom Anlasser zum Motor weitergibt. Anders ist es bei Anlassern, deren Ritzel erst zum Starten in einen Zahnkranz einspurt: Dort können die Zähne aufeinanderschlagen.
Kann der Anlasserfreilauf dabei kaputtgehen?
Der Freilauf läuft bei jeder Fahrt frei, solange der Motor schneller dreht als der Anlasser. Ein Druck bei laufendem Motor verlangt ihm nichts Neues ab. Zur Gewohnheit machen solltest du es trotzdem nicht, denn Anlasser und Relais nutzen sich bei jedem Lauf ein wenig ab.
Warum kracht es bei manchen Motorrädern, wenn der Motor läuft und ich den Starter drücke?
Bei diesen Maschinen spurt ein kleines Ritzel erst zum Starten in einen Zahnkranz ein, und bei laufendem Motor dreht sich dieser Kranz längst. Wird das Ritzel dann vorgeschoben, findet es keinen sauberen Eingriff, und Zähne können ausbrechen. So gebaut sind etwa die Big-Twin-Motoren von Harley-Davidson, dazu manche Roller.
Woran erkenne ich, welche Anlasser-Bauart mein Motorrad hat?
Die Anlasser-Bauart verrät der Teilekatalog. Taucht dort an der Kurbelwelle ein Bauteil namens Anlasserkupplung oder Freilauf auf, bleiben die Zahnräder immer verbunden, und ein versehentlicher Druck kostet kaum mehr als ein Surren. Gibt es dagegen ein Ritzel, das zum Starten vorgeschoben wird, meidest du den Knopf bei laufendem Motor besser ganz.
Der Anlasser surrt weiter, obwohl ich den Knopf losgelassen habe. Was tun?
Stell den Motor sofort mit dem Not-Aus oder der Zündung ab. Dreht der Anlasser danach weiter, hängen vermutlich die Kontakte im Starterrelais, und nur das Abklemmen der Batterie stoppt ihn, Minuskabel zuerst. Beug dich dabei nicht über die Batterie, denn am Pol wird es funken. Bis das Relais getauscht ist, bleibt die Maschine stehen.
Schadet es, den Starter nach dem Anspringen noch kurz zu halten?
Den kurzen Moment, in dem der Motor schon läuft und der Knopf noch gedrückt ist, fängt an den meisten Motorrädern der Anlasserfreilauf ab. Yamaha verlangt in der Anleitung der MT-09 trotzdem, den Schalter loszulassen, sobald der Motor anspringt. Bei Anlassern mit einspurendem Ritzel kann das Ritzel im Zahnkranz bleiben, solange du drückst, und dann reißt es der laufende Motor mit. Dort lässt du den Knopf erst recht sofort los.
Wie merke ich, ob der Motor läuft, wenn ich ihn mit Ohrstöpseln nicht höre?
Ein Blick auf den Drehzahlmesser genügt: Zeigt er Leerlaufdrehzahl, läuft der Motor. Das ist verlässlicher als das Gehör, besonders mit Helm, Ohrstöpseln und Verkehrslärm an einer Kreuzung.
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