Sicherungen am Motorrad: Was die Farben bedeuten - und der eine Fehler, der Kabelbrand auslöst

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Es ist zwanzig nach neun, du stehst am Ortsausgang, und hinter dir ist es dunkel. Nicht dunkel wie Nacht - dunkel wie „kein Rücklicht“. Der Autofahrer, der gerade vorbeigezogen ist, hat dich erst gesehen, als er neben dir war. Und die Erklärung dafür ist zwei Zentimeter groß: Irgendwo unter deiner Sitzbank sitzen die Sicherungen deines Motorrads, und eine davon hat gerade ihren Dienst getan.

Zehn Minuten später, Handytaschenlampe zwischen den Zähnen, Sitzbank ab: ein kleiner schwarzer Kasten, ein Deckel zum Aufklappen, darin acht bunte Plastikklötzchen in einer Reihe und zwei weitere, die einzeln danebenstecken. Die zwei nebendran hat kein Vorbesitzer vergessen. Die hat der Hersteller da hineingeklemmt, für genau diesen Abend. Sicherungen am Motorrad sind eines der wenigen Bauteile, bei denen ab Werk der Ersatz gleich mitgeliefert wird - und trotzdem wissen die wenigsten, welche davon wofür zuständig ist.

Die Sicherung schützt das Kabel, nicht das Gerät

Das ist der Satz, an dem sich alles andere aufhängt, und er widerspricht dem, was die meisten intuitiv annehmen.

Wenn dein Blinkerrelais stirbt, rettet die Sicherung es nicht. Wenn dein Scheinwerfer durchbrennt, kann sie es nicht verhindern. Ihre Aufgabe ist eine andere und viel unspektakulärer: Sie sorgt dafür, dass in dem Moment, in dem irgendwo im System zu viel Strom fließt, die Verbindung getrennt wird, bevor das Kabel heiß wird.

Denn Kabel sind Verbrauchsmaterial mit einem Grenzwert. Ein dünner Draht kann eine bestimmte Strommenge tragen, darüber wird er warm, dann heiß, dann schmilzt die Isolierung. Die Sicherung ist auf diesen Querschnitt abgestimmt, nicht auf das Gerät am Ende der Leitung. Deshalb sitzt sie auch am Anfang des Stromkreises und nicht am Verbraucher.

Und deshalb ist die Sicherung am Motorrad wichtiger als am Auto. Ein Kabelbaum am Motorrad läuft eng gebündelt, oft unter dem Tank, in unmittelbarer Nähe von Kraftstoff führenden Leitungen, ohne Luft drumherum und ohne Blech dazwischen. Du sitzt nicht neben diesem Bündel wie im Auto, du sitzt darauf.

Sicherheitshinweis: Ein schmorender Kabelbaum kündigt sich beim Fahren kaum an. Was du bemerkst, ist meist erst der Geruch - scharf, süßlich, nach heißem Kunststoff. Wer das während der Fahrt riecht, hält an, stellt den Motor ab und klemmt im Zweifel die Batterie ab - immer zuerst den Minuspol, sonst wird der Schraubenschlüssel am Pluspol selbst zur Zündquelle. „Bis zur nächsten Tankstelle“ ist hier keine Option. Ein Brand unter dem Tank ist keine theoretische Größe.

Was die Farben bedeuten - und warum du trotzdem die Zahl liest

Die bunten Klötzchen sind Flachstecksicherungen, und die Farben sind kein Design. Sie folgen einem genormten Code, damit auch bei schlechtem Licht klar ist, was da steckt. Standard und Mini teilen sich diesen Code - die Standardgröße gibt es von 1 bis 40 Ampere, die Mini nur von 2 bis 30. Er sieht so aus:

Die kleinen Werte, die du selten brauchst: 1 A schwarz, 2 A grau, 3 A violett, 4 A rosa.

Die mittleren, und das sind die, die an deinem Motorrad tatsächlich stecken: 5 A hellbraun, 7,5 A braun, 10 A rot, 15 A blau, 20 A gelb.

Die großen: 25 A klar oder farblos, 30 A grün, 35 A türkis, 40 A orange.

An einem Motorrad wirst du überwiegend die mittleren Werte finden. Zehn Ampere für Licht und Blinker, fünfzehn oder zwanzig für Zündung und Einspritzung, dreißig für die Hauptsicherung, die dem gesamten Bordnetz vorgeschaltet ist.

Und jetzt der Teil, an dem sich Klassikerfahrer regelmäßig verheddern, denn vor der Flachsicherung gab es zwei völlig verschiedene Bauarten - und sie verhalten sich genau gegensätzlich.

Die Torpedosicherung. Zigarrenförmig, Isolierkörper aus Keramik oder Bakelit, Metallkappen an den Enden. Das ist die europäische Variante, verbaut bis in die Achtziger, an Motorrädern vor allem an deutschen Maschinen. Sie hat einen Farbcode - nur eben einen anderen: gelb für 5 A, weiß für 8 A, rot für 16 A, blau für 25 A.

Lies das noch einmal quer: Rot bedeutet bei der Flachsicherung 10 Ampere und bei der Torpedosicherung 16. Blau bedeutet einmal 15 und einmal 25. Wer mit dem Farbgedächtnis aus dem modernen Bike an eine alte Maschine geht, greift zwangsläufig daneben.

Die Glasrohrsicherung. Ein Glasröhrchen mit Metallkappen, der Schmelzfaden ist von außen sichtbar. Das ist die Bauart, die du an den meisten älteren japanischen Motorrädern findest - also an der Mehrzahl der Klassiker, die hierzulande in den Garagen stehen. Und die hat gar keinen Farbcode. Der Nennstrom steht auf einer der Metallkappen aufgedruckt oder eingeprägt, sonst nirgends.

Beim Nachkauf zählt hier neben dem Wert noch etwas, das bei Flachsicherungen keine Rolle spielt: die Baugröße. An japanischen Maschinen der Siebziger und Achtziger ist 6,3 mal 30 Millimeter die übliche Länge, der Teilehandel führt sie als eigene Gruppe. Daneben laufen 25 Millimeter und die europäische Geräteschutzgröße 6,3 mal 32 Millimeter, die für einen japanischen Halter schon zwei Millimeter zu lang ist. Die Halter sind auf ihre Länge ausgelegt. Ein zu kurzes Röhrchen sitzt lose und macht schlechten Kontakt, ein zu langes lässt sich nur mit Gewalt einclipsen - und Glas verzeiht Gewalt nicht. Miss die alte also aus, bevor du zehn neue bestellst.

Und dann gibt es den Fall, der genau in dieses Kapitel gehört, weil er der Kernfehler dieses Artikels in seiner elegantesten Verkleidung ist. An alten britischen Maschinen steht auf der Glasrohrsicherung ebenfalls eine Zahl - sie meint nur etwas anderes. Die britische Zählweise nennt den Strom, bei dem die Sicherung durchbrennt, nicht den, den sie dauerhaft trägt. Der Dauerwert liegt bei etwa der Hälfte. Was mit 35 beschriftet ist, ist dort also ein Bauteil für rund 17 Ampere Dauerlast. Wer an so einer Maschine eine moderne 35er einsetzt, weil ja 35 draufstand, verdoppelt still und leise den Strom, bei dem überhaupt noch etwas abschaltet, und macht damit den Fehler, um den es hier die ganze Zeit geht - ohne ihn zu bemerken. An einem britischen Klassiker gilt deshalb: Wert aus der Fahrzeugdokumentation nehmen, nicht aus dem Aufdruck ableiten.

Genau deshalb ist Farbwissen an einem alten Motorrad wertlos. Es gibt nichts zu erkennen - es gibt nur etwas zu lesen. Und weil die Aufdrucke auf abgegriffenen Kappen gern verschwinden, gehört bei diesen Maschinen ein Blick in den Schaltplan dazu, bevor Ersatz gekauft wird.

Deshalb die Regel, die dich an jeder modernen Maschine trägt: Die Farbe orientiert, die Zahl entscheidet. Auf einer Flachsicherung steht der Nennstrom oben aufgedruckt oder eingeprägt. Ein Blick darauf kostet zwei Sekunden und ist immun gegen billige No-Name-Sortimente, deren Farbtöne von der Norm abweichen. Am Klassiker gilt genau diese Regel nicht: Dort steht der Wert entweder nur auf einer abgegriffenen Kappe, oder er meint etwas anderes als bei uns, oder es gibt ihn gar nicht. Dann entscheidet die Fahrzeugdokumentation.

Ein Wort noch zur Bauform. Standard, Mini und Micro unterscheiden sich in der Größe, und am Motorrad sind Mini und Standard der Normalfall. Die dicken verschraubten Blöcke, die im Netz unter Namen wie Midi oder Mega auftauchen, stammen aus der Auto-, Lkw- und Wohnmobilwelt und gehören nicht in einen Motorrad-Kabelbaum.

Verlass dich beim Nachkauf trotzdem nicht auf den Namen allein. Rund um die Mini-Größe sind über die Jahre mehrere eng verwandte Formate entstanden, die sich vor allem in der Bauhöhe unterscheiden, und die Namen dafür werden im Handel nicht immer sauber auseinandergehalten. Der sichere Weg ist unspektakulär: die alte Sicherung mitnehmen und daneben legen.

Eine eigene Geschichte ist die Hauptsicherung, die dem ganzen Bordnetz vorgeschaltet ist und meistens direkt am Anlasserrelais sitzt. An modernen Maschinen ist auch das oft eine Flachsicherung zum Ziehen. An japanischen Klassikern und Youngtimern dagegen ist es häufig ein verschraubter Streifen: ein flaches Blechteil mit zwei Bohrungen, das mit zwei kleinen Schrauben festgeklemmt wird. Honda hat allein ein solches 30-Ampere-Teil über Jahrzehnte und über hundert Modelle hinweg verbaut.

Der Unterschied ist am Straßenrand kein Detail. Wer dort mit der Zange zieht, weil er eine Stecksicherung erwartet, reißt im schlechtesten Fall den Kontakt mitsamt Kabelschuh heraus - und aus einer Zwei-Euro-Sicherung wird eine Reparatur am Kabelbaum. Also erst hinsehen, dann anfassen: Wo Schraubenköpfe sind, wird geschraubt, nicht gezogen. Und wer so eine Maschine fährt, weiß jetzt auch, warum der passende kleine Schraubendreher ins Bordwerkzeug gehört.

Wo der Kasten steckt und was im Deckel liegt

Eine Vorbemerkung für alle, die eine frische Maschine fahren und gleich das Gefühl bekommen, hier werde über eine andere Welt geschrieben: An einem Teil der modernen Motorräder findest du für Licht, Blinker oder Hupe gar keine bunte Sicherung mehr. Die Absicherung ist dort in ein zentrales Steuergerät gewandert, das den Strom je Verbraucher elektronisch überwacht und den Kreis abschaltet, wenn er aus dem Rahmen läuft - bei BMW heißt dieses Bauteil zentrale Fahrzeugelektronik. Was früher ein durchgebranntes Blechband war, ist dann eine Abschaltung, die sich in vielen Fällen schlicht durch Zündung aus und wieder an zurücksetzen lässt.

Verschwunden sind die Sicherungen deshalb nicht: Hauptsicherung, ABS und einzelne Kreise stecken meist weiter klassisch im Kasten. Und die Regel dieses Artikels gilt unverändert, nur mit anderem Bauteil. Setzt sich der Kreis einmal zurück und bleibt danach ruhig, war es ein Ausrutscher. Schaltet er wieder ab, ist das dieselbe Nachricht wie eine Sicherung, die zum zweiten Mal fliegt: Da liegt ein Fehler, und der gehört gesucht, nicht weggeklickt. Welche Kreise an deinem Modell wie abgesichert sind, steht im Handbuch.

Für alle anderen, und das ist die Mehrheit der Motorräder auf der Straße, gilt: Es gibt keine Norm dafür, wo der Sicherungskasten sitzt. Es gibt aber vier Orte, an denen du zuerst suchst.

Unter der Sitzbank. Der häufigste Platz, besonders bei Naked Bikes und Enduros. Sitzbank ab, Kasten liegt neben oder auf der Batterie.

Unter einer Seitenverkleidung. Vor allem an Tourern und Verkleidungsmaschinen. Erkennbar an einem einzelnen Schnellverschluss oder zwei Schrauben, hinter denen erstaunlich schnell erstaunlich viel Elektrik liegt.

Direkt an der Batterie. Die Hauptsicherung sitzt oft nicht im Kasten, sondern einzeln am Pluspol oder im Anlasserrelais. Wenn gar nichts mehr geht - kein Display, keine Kontrollleuchte, nichts - ist sie der erste Verdächtige, nicht die im Kasten.

Unter dem Tank. Der unangenehmste Fall, und leider bei einigen Modellen Realität. Hier hört das Bordsteinschrauben auf.

Im Deckel des Kastens findest du bei den meisten Motorrädern zwei Dinge, die zusammen fast schon eine Bedienungsanleitung sind: die Ersatzsicherungen und eine Legende. Die Legende ist ein kleiner Aufkleber oder ein Aufdruck, der jeder Position ihren Stromkreis zuordnet - Licht, Zündung, Hupe, Einspritzung, Nebenverbraucher. Wenn dieser Aufkleber unleserlich ist, steht dieselbe Zuordnung im Handbuch, meistens im Kapitel Pannenhilfe, zusammen mit dem Schaltplan im Anhang.

Wer die Ersatzsicherung benutzt hat, sollte sie ersetzen. Nicht irgendwann. Beim nächsten Einkauf. Ein Satz Mini-Sicherungen in den Werten, die dein Motorrad tatsächlich verwendet, kostet weniger als eine Tankfüllung und wiegt nichts.

Welcher Wert an welche Position gehört, ist von Modell zu Modell verschieden und lässt sich nicht erraten. Es gilt der Nennstrom, den das Handbuch deines Modells für diese Position nennt - und sonst keiner.

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Das eine ersetzt die verbrauchte Sicherung, das andere zeigt dir, ob sie wirklich durch ist.

Glasrohr- und Torpedosicherungen älterer Maschinen sind nicht dabei - die haben eigene Längen und einen eigenen Code.

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Woran du erkennst, dass sie wirklich durch ist

Das klingt nach der einfachsten Frage des Artikels und ist es nicht.

Der Standardweg: Sicherung herausziehen - in vielen Kästen liegt dafür eine kleine Kunststoffzange bereit - und gegen das Licht halten. Im Inneren läuft ein flaches, S-förmig gebogenes Metallband von einem Kontakt zum anderen. Ist es sauber durchtrennt, hast du deine Antwort.

Der Haken: Nicht jeder Bruch ist sichtbar. Ein feiner Riss direkt am Fuß des Metallbands, dort wo es in den Kontakt übergeht, sieht bei Tageslicht nach heiler Sicherung aus. Wenn der Stromkreis tot ist und die Sicherung optisch in Ordnung wirkt, tausch sie testweise gegen eine bekannt gute mit demselben Wert, oder miss den Durchgang mit einem einfachen Multimeter.

Es geht aber auch, ohne überhaupt etwas herauszuziehen, und das ist der deutlich schnellere Weg, wenn du gar nicht weißt, welche der Sicherungen im Kasten es erwischt hat. Auf der Oberseite moderner Flachsicherungen, dort wo die Zahl steht, liegen zwei kleine Metallflächen frei. Die sind genau dafür gedacht. Zündung an, schwarze Messspitze an blankes Metall am Rahmen oder an den Minuspol, mit der roten nacheinander beide Punkte antippen: Zeigen beide Bordspannung, ist die Sicherung heil. Zeigt einer Spannung und der andere nichts, hast du die durchgebrannte gefunden. Ein ganzer Kasten ist so in einer Minute durchgesehen, ohne Zange und ohne dass du eine einzige Sicherung anfassen musst.

Zwei Einschränkungen gehören dazu, sonst führt die Methode in die Irre. Erstens muss der Kreis überhaupt Spannung haben: Zeigen beide Punkte null, ist das kein Ergebnis, sondern nur der Hinweis, dass hier gerade nichts anliegt, denn manche Kreise hängen erst hinter einem Schalter. Zweitens tippst du die Punkte einzeln an und rutschst dabei nicht ab. Eine Messspitze, die zwei Kontakte gleichzeitig erwischt, baut dir genau den Kurzschluss, den du eigentlich suchst.

Interessanter ist, wie sie gestorben ist, denn das ist eine Diagnose:

Sauber durchtrennt, Gehäuse klar. Typisch für eine Überlast, die sich über Sekunden aufgebaut hat. Ein Verbraucher zieht mehr, als er soll.

Schwarz, verrußt, das Gehäuse innen beschlagen. Typisch für einen harten Kurzschluss. Da ist in einem Sekundenbruchteil sehr viel Strom geflossen. Das ist kein Fall für „nochmal probieren“.

Diese Zuordnung ist ein Indiz, kein Beweis - sie hilft dir aber einzuschätzen, ob du es mit einer Kleinigkeit oder mit einem echten Fehler zu tun hast.

Und dann gibt es noch den Fall, den fast niemand auf dem Schirm hat: Der Halter ist das Problem, nicht die Sicherung. Ist der Kunststoff rund um eine Position bräunlich verfärbt, verformt oder klebrig, sitzt die Sicherung dort mit schlechtem Kontakt. Schlechter Kontakt bedeutet Übergangswiderstand, Übergangswiderstand bedeutet Wärme - und diese Wärme entsteht ohne jeden Kurzschluss, einfach im Betrieb. Dasselbe gilt für eine Sicherung, die sich mit zwei Fingern leicht hin und her wackeln lässt. In beiden Fällen bringt eine neue Sicherung gar nichts, weil das Bauteil, das brennt, der Halter ist.

Der eine Fehler: eine Nummer größer

Jetzt zum Kern, und der ist unbequem, weil dieser Fehler so verführerisch funktioniert.

Die Sicherung fliegt. Du hast keine passende dabei, aber eine stärkere. Du steckst sie rein. Und es funktioniert. Das Licht geht an, du fährst nach Hause, und der Ärger scheint gelöst.

Was du in diesem Moment getan hast: Du hast das schwächste Glied aus der Kette genommen und durch ein stärkeres ersetzt. Die Kette selbst - das Kabel - hat sich dabei nicht verändert. Sie ist immer noch für zehn Ampere ausgelegt. Nur greift jetzt nichts mehr ein, bevor zwanzig fließen.

Das ist deshalb so gefährlich, weil die meisten Fehler im Bordnetz keine sauberen Kurzschlüsse sind. Ein durchgescheuertes Kabel, das mit blankem Draht am Rahmen anliegt, macht selten einen satten Schluss gegen Masse. Es macht einen teilweisen, einen wandernden, einen, bei dem eben nicht die hundert Ampere eines satten Kurzschlusses fließen, sondern zwanzig.

Und jetzt rechne mit. Zwanzig Ampere sind für eine Zehner-Sicherung der doppelte Nennstrom, und beim doppelten Nennstrom ist eine Flachsicherung nach spätestens einer Minute durch, meistens nach wenigen Sekunden. Für eine Zwanziger-Sicherung sind dieselben zwanzig Ampere dagegen genau ihr Nennwert - den trägt sie hundert Stunden lang, ohne mit der Wimper zu zucken. Das ist der ganze Unterschied: dieselbe Störung, einmal nach Sekunden beendet, einmal überhaupt nicht. Die zwanzig Ampere fließen dann weiter durch ein Kabel, das für zehn ausgelegt ist, eingepackt in ein Bündel aus zwanzig weiteren Kabeln, unter dem Tank, wo es keine Luft gibt.

Es raucht dann nicht sofort. Es wird warm. Die Isolierung wird weich, die Kontaktfläche zum Rahmen wird größer, der Strom steigt, die Wärme steigt. Und irgendwann ist es kein Kabelfehler mehr, sondern ein Kabelbrand.

Die gleiche Logik gilt übrigens in die andere Richtung, auch wenn dabei kein Kabel in Gefahr gerät: Eine zu kleine Sicherung ist keine besonders vorsichtige Lösung, sondern eine, die dich beim ersten Kaltstart mit eingeschalteten Heizgriffen stehen lässt - im Zweifel im Dunkeln, mit erloschenem Rücklicht. Und wer zweimal am Straßenrand steht, greift beim dritten Mal zur nächstgrößeren. Setz den Wert ein, der laut Handbuch dort hingehört. Genau den.

Im Netz kursieren dazu Behelfslösungen - Draht, Folie, überbrücken, „nur bis nach Hause“. Sie funktionieren technisch, und genau das ist das Problem: Überbrückt wird der Schutz des Kabels. Danach hängt der Stromkreis ungesichert an einer Batterie, die im Kurzschluss mehrere hundert Ampere liefert, ohne dass irgendetwas dazwischen abschaltet. Deshalb steht hier keine Anleitung dafür.

Warum die Sicherung nach der Wäsche fliegt - und das kein Zufall ist

Ein Muster, das jede Werkstatt kennt: Das Motorrad wird gewaschen, am nächsten Morgen ist ein Stromkreis tot. Und an der Theke heißt es dann, das sei „einfach so“ passiert.

Ist es nicht. Wasser leitet, sobald etwas darin gelöst ist - und Straßendreck, Salzreste und Reinigungsmittel sind genau das. Findet Wasser den Weg in einen Stecker, in ein Schaltergehäuse am Lenker, in eine Rückleuchte mit müder Dichtung oder in das Zündschloss, entsteht eine Verbindung, die dort nicht hingehört. Die Sicherung tut daraufhin exakt das, wofür sie gebaut wurde.

Das ist die gute Nachricht: Sie hat funktioniert. Die schlechte: Sie hat dir gleichzeitig eine Botschaft geschickt, und die lautet, dass irgendwo eine Abdichtung ihren Dienst quittiert hat. Wer nur die Sicherung tauscht und weiterfährt, hört die Botschaft nicht. Beim nächsten Regen kommt sie wieder.

Was hilft, ist unspektakulär. Den Hochdruckreiniger nicht auf Schalter, Stecker, Lampengehäuse und Zündschloss halten - überhaupt lieber ohne Hochdruck arbeiten. Nach der Wäsche das Motorrad abtrocknen und ein paar Stunden stehen lassen, bevor der Zündschlüssel gedreht wird. Und wenn ein bestimmter Stromkreis nach jeder Wäsche auffällig wird, ist das der Hinweis, wo du suchen musst: nicht überall, sondern genau dort.

Der zweite große Verursacher fliegender Sicherungen hat mit Wasser nichts zu tun, sondern mit Nachrüstung. USB-Buchse, Heizgriffe, Navi-Halterung, Zusatzlicht - alles, was in einen bestehenden Stromkreis eingeschleift wurde, statt eine eigene Absicherung zu bekommen, addiert seinen Verbrauch dort drauf. Der Stromkreis für das Rücklicht war nie dafür gedacht, nebenbei ein Telefon zu laden.

Einmal tauschen, dann ist Schluss

Hier die Grenze, und sie ist unmissverständlich.

Fall eins: Die neue Sicherung hält. Du fährst. Beobachte den Stromkreis in den nächsten Tagen, ersetze die verbrauchte Ersatzsicherung, fertig. Sicherungen altern tatsächlich - Vibration und Temperaturwechsel setzen dem Metallband über Jahre zu, und gelegentlich stirbt eine schlicht an Materialermüdung.

Fall zwei: Die neue Sicherung fliegt sofort wieder. Dann liegt ein echter Fehler im Kreis - meistens ein Kurzschluss, manchmal ein Verbraucher, der klemmt und dauerhaft zu viel zieht. Wann genau sie stirbt, sagt dir dabei schon etwas: Geht sie im Moment des Einsteckens hoch, liegt der Fehler dauerhaft an. Geht sie erst, wenn du Licht, Hupe oder Blinker einschaltest, hast du den Verursacher gerade selbst benannt. Für dich läuft beides aufs Gleiche hinaus: Jetzt keine dritte Sicherung mehr einsetzen, sondern die Suche beginnen - und wenn du dafür nicht ausgerüstet bist, ist das der Punkt, an dem das Motorrad auf den Anhänger oder in die Werkstatt gehört.

Fall drei: Sie fliegt unregelmäßig, mal nach zehn Kilometern, mal nach zwei Wochen. Das ist der unangenehmste Fall, weil er sich so leicht wegdrücken lässt. Typischerweise steckt ein Kabel dahinter, das nur in bestimmten Lenkerstellungen oder bei bestimmten Einfederwegen Kontakt bekommt. Genau diese Fehler sind es, die später als Kabelbrand enden. Auch hier: suchen lassen, nicht aussitzen.

Und ein praktischer Hinweis für den Straßenrand: Wenn dir hinten das Licht fehlt und es dämmert, ist die Frage nicht, ob du es nach Hause schaffst, sondern ob dich jemand sieht. Ein Motorrad ohne Rücklicht ist im Dunkeln so gut wie unsichtbar, und die dreißig Kilometer Landstraße sind es nicht wert. Warnweste an, notfalls abholen lassen.

Du arbeitest an deinem Motorrad in eigener Verantwortung und auf eigene Gefahr. Bei der Elektrik heißt das ganz konkret: Wer den Fehler nicht findet, hat ihn nicht behoben - er hat ihn nur nicht gesehen.

Was am Ende hängen bleibt

Sicherungen am Motorrad sind das billigste Bauteil an der ganzen Maschine und das einzige, dessen Versagen ausdrücklich vorgesehen ist. Sie sind Verschleißteile mit Absicht. Wenn eine fliegt, ist zunächst einmal etwas richtig gelaufen.

Was daraus wird, entscheidest du in den fünf Minuten danach. Nimmst du die passende Sicherung, hast du das System repariert. Nimmst du die nächstgrößere, hast du es abgeschaltet - und das Kabel unter dem Tank übernimmt die Rolle, für die es nie gebaut wurde.

Zwei Dinge nimmst du am besten heute noch mit in die Garage. Erstens: Klapp den Deckel deines Sicherungskastens auf und lies die Legende einmal in Ruhe, bei Licht, ohne Zeitdruck, ohne Dunkelheit im Rücken. Zweitens: Schau nach, ob die Ersatzsicherungen noch da sind. Bei erstaunlich vielen gebrauchten Motorrädern sind sie es nicht - und das ist eine Information über den Vorbesitzer, die du sonst nirgends bekommst.

Der Rest ist eine Zahl auf einem Stück Plastik. Aber es ist die Zahl, die entscheidet, ob dein Motorrad an einem schlechten Abend stehenbleibt oder brennt.

❓ Häufige Fragen zu Sicherungen am Motorrad

Was bedeuten die Farben der Sicherungen?

Bei den heute üblichen Flachsicherungen steht die Farbe für den Nennstrom: schwarz 1 A, grau 2 A, violett 3 A, rosa 4 A, hellbraun 5 A, braun 7,5 A, rot 10 A, blau 15 A, gelb 20 A, klar 25 A, grün 30 A, türkis 35 A, orange 40 A. Verlass dich trotzdem nicht allein darauf - der Wert steht zusätzlich auf jeder Sicherung.


Warum passen die Sicherungsfarben an meinem Klassiker nicht?

Weil es zwei ältere Bauarten gibt. Die europäische Torpedosicherung hat einen eigenen Farbcode: gelb 5 A, weiß 8 A, rot 16 A, blau 25 A - dieselbe Farbe bedeutet dort also einen anderen Nennstrom als bei einer Flachsicherung. Die Glasrohrsicherung, wie sie an den meisten älteren japanischen Motorrädern sitzt, hat überhaupt keinen Farbcode: Der Wert steht auf der Metallkappe. An alten britischen Maschinen ist selbst diese Zahl eine Falle. Sie nennt dort den Strom, bei dem die Sicherung durchbrennt, und der Dauerwert liegt bei etwa der Hälfte.


Wo sitzt der Sicherungskasten am Motorrad?

Am häufigsten unter der Sitzbank neben oder auf der Batterie, oft auch hinter einer Seitenverkleidung. Die Hauptsicherung sitzt vielfach separat am Pluspol der Batterie oder am Anlasserrelais, an japanischen Klassikern häufig als verschraubter Streifen statt als Stecksicherung. Den ziehst du nicht heraus, den schraubst du ab. An einem Teil der modernen Motorräder gibt es für Licht, Blinker oder Hupe gar keine klassische Sicherung mehr, weil die Absicherung in ein zentrales Steuergerät gewandert ist; dort lässt sich eine Abschaltung oft durch Zündung aus und wieder an zurücksetzen. Die genaue Position und die Zuordnung der Stromkreise stehen im Fahrzeughandbuch.


Darf ich eine stärkere Sicherung einsetzen, wenn ich keine passende habe?

Nein. Die Sicherung ist auf den Querschnitt des Kabels abgestimmt, nicht auf das Gerät. Eine stärkere Sicherung lässt Ströme zu, für die die Leitung nicht ausgelegt ist - sie verhindert damit genau den Schutz, wegen dem sie eingebaut wurde. Das ist eine der häufigsten Ursachen für Kabelbrände am Fahrzeug.


Woran erkenne ich, dass eine Sicherung durchgebrannt ist?

Gegen das Licht halten: Das S-förmige Metallband im Inneren ist dann durchtrennt. Feine Risse direkt am Fuß des Bands sind allerdings schwer zu sehen. Schneller geht es ohne Ausbau: bei eingeschalteter Zündung die beiden freiliegenden Metallpunkte auf der Oberseite gegen Masse messen. Spannung auf beiden heißt heil, Spannung auf nur einem heißt durchgebrannt, null auf beiden heißt lediglich, dass dieser Kreis gerade nicht versorgt wird.


Die Sicherung fliegt nach jeder Motorradwäsche - woran liegt das?

Fast immer an Wasser, das in einen Stecker, ein Schaltergehäuse, eine Leuchte oder das Zündschloss gelangt und dort eine Verbindung herstellt, die nicht vorgesehen ist. Die Sicherung arbeitet dabei korrekt. Der eigentliche Befund ist eine undichte Stelle, die gesucht werden sollte - und beim Waschen gehören Hochdruckstrahlen von Schaltern und Steckern ferngehalten.


Die neue Sicherung fliegt sofort wieder. Was jetzt?

Dann liegt ein echter Fehler im Stromkreis vor - meistens ein Kurzschluss, manchmal ein klemmender Verbraucher, der dauerhaft zu viel zieht. Weiteres Nachlegen bringt in beiden Fällen nichts außer verbrauchten Sicherungen. Ab hier gehört der Fehler gesucht: durchgescheuerte Leitungen, ein defekter Verbraucher, ein falsch angeschlossenes Nachrüstteil. Wer dafür nicht ausgerüstet ist, fährt nicht weiter, sondern lässt das Motorrad in eine Werkstatt bringen.


Warum brennt eine Sicherung durch, obwohl alles funktioniert?

Dafür gibt es zwei harmlose Erklärungen und eine unangenehme. Harmlos: Materialermüdung durch Vibration und Temperaturwechsel, oder eine kurzzeitige Spitze beim Einschalten. Unangenehm: ein schlechter Kontakt im Halter, erkennbar an bräunlich verfärbtem oder verformtem Kunststoff. In diesem Fall entsteht die Wärme im Halter selbst, und eine neue Sicherung behebt gar nichts.

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