Beim Einfahren zählt die Drehzahl und nicht das Tempo

Die neue Maschine steht beim Händler bereit, der Tank ist voll, und zum Abschied gibt es noch einen Rat: die ersten tausend Kilometer schön gleichmäßig, am besten auf der Autobahn mit 100. Das klingt schonend: Kilometer für Kilometer im sechsten Gang bis zur ersten Inspektion.

Ausgerechnet das gleichmäßige Rollen wollen BMW und Suzuki beim Einfahren vermeiden. Für die R 1250 GS und die R 1300 GS sieht BMW wechselnde Drehzahlen vor und empfiehlt dafür kurvenreiche, leicht hügelige Strecken. Suzuki warnt vor konstant niedrigen Drehzahlen. Und wie lange das Einfahren überhaupt dauert, sehen die Hersteller sehr verschieden: Honda nennt 500 Kilometer, Suzuki 1.600.

Fünfhundert Kilometer oder zweitausend

Die kürzeste und die längste Einfahrzeit trennt ein Faktor vier: 500 Kilometer bei Honda, bis zu 2.000 bei Royal Enfield. Die übrigen Marken liegen dazwischen.

Modell (Anleitung)Einfahrzeit und Drehzahl
Honda CB650R, NC750X, Africa Twin u. a. (2021 bis 2025)500 km: keine Drehzahl genannt; kein Vollgas beim Anfahren, Motor „noch zurückhalten“
Yamaha MT-07, Tracer 7001.600 km: nicht länger über 5.000 U/min, ab 1.000 km nicht länger über 6.000
Yamaha MT-09 (2023)1.600 km: nicht länger über 5.300 U/min, ab 1.000 km nicht länger über 6.300
Suzuki V-Strom 6501.600 km: unter 5.000 U/min, ab 800 km unter 7.500
Kawasaki Z900 (2017)1.000 km: 4.000 U/min, ab 350 km 6.000, ab 600 km „gemäßigt“
BMW R 1250 GS (2018, 2020), R 1300 GS (2023)1.000 km: unter 5.000 U/min, keine Volllast
KTM 890 Adventure (2023)1.000 km: 6.500 U/min
Royal Enfield Interceptor 6502.000 km: 4.000 U/min, ab 500 km 6.000

Warum die Spanne so groß ist, erklärt keiner der Hersteller. Auffällig ist eher, wie sie ihre Regeln schreiben. Honda kommt ohne Drehzahl aus und bittet, den Motor noch zurückzuhalten. Dafür nennt die Anleitung auch Bremsen und Schalten: In den ersten 500 Kilometern soll beides ohne Ruck gehen. Kawasaki stuft die Drehzahl in drei Schritten ab, Royal Enfield in zwei.

Für die Reifen gibt es eine eigene, kürzere Einfahrzeit. Suzuki und Kawasaki nennen etwa 160 Kilometer, KTM 200 und Yamaha rund 100. Bis dahin haftet die anfangs glatte Lauffläche nicht voll. Suzuki rät, in dieser Zeit die Schräglage nach und nach zu steigern und scharfes Beschleunigen und starkes Bremsen zu meiden. In BMWs Einfahrkapitel für die beiden GS geht es außerdem um die Bremsbeläge: Neue Beläge greifen erst nach dem Einfahren voll. BMW warnt deshalb vor einem längeren Bremsweg und rät, frühzeitig zu bremsen.

Für deine Maschine gilt die Tabelle in deiner Anleitung, auch wenn die vom Nachbarn großzügiger klingt. Übernimmst du ein fast neues Motorrad mit ein paar hundert Kilometern, etwa einen Vorführer, gilt sie für die restlichen Einfahrkilometer weiter. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.

Reibung und Wärme im neuen Motor

Ein fabrikneuer Motor ist präzise gefertigt, aber noch nicht eingespielt. Kolbenringe und Zylinderwand, Lager, die Zahnräder im Getriebe: Überall laufen Flächen aufeinander, die sich in den ersten Stunden noch einschleifen. Suzuki spricht von bearbeiteten Flächen, die sich beim richtigen Einfahren aneinander anpassen, Yamaha vom richtigen Betriebsspiel, in das sich die Teile selbst einspielen.

Solange die Flächen noch nicht zueinander passen, reiben sie stärker, und dabei entsteht mehr Wärme. Deshalb warnen die Hersteller für diese Zeit immer wieder vor drei Dingen: hoher Drehzahl, Vollgas und allem, was den Motor stark erhitzt. Suzuki schreibt dazu, in der Einfahrzeit dürfe der Motor auf keinen Fall so betrieben werden, dass Teile heiß laufen.

Ganz schonen sollst du den Motor trotzdem nicht. Im selben Kapitel steht, dass die Bauteile einer gewissen Belastung ausgesetzt werden müssen, damit sie sich anpassen. Zu stark darf die Belastung aber unter keinen Umständen werden.

Die Grenze steht auf dem Drehzahlmesser

Fast alle Grenzen in der Tabelle sind Drehzahlen, keine Geschwindigkeiten. Der Grund liegt im Motor. Wie schnell die Kolben auf und ab laufen und wie heiß Ringe und Lager werden, bestimmen Umdrehungen und Last, und die Umdrehungen zeigt dir der Drehzahlmesser.

Royal Enfield zeigt an der Hunter 350, warum das Tempo allein wenig sagt. Dort stehen die Vorgaben ausnahmsweise als Tempo, aber für jeden Gang einzeln. In den ersten 500 Kilometern sind es im zweiten Gang 30 km/h, im dritten 45 und im fünften 70. Fährst du im Zweiten mit 50 durch den Ort, liegst du also deutlich über der Grenze, die im Fünften erst bei 70 erreicht ist.

Umgekehrt kann die Autobahn mit 100 deutlich darunter liegen. Eine MT-07 dreht im sechsten Gang bei diesem Tempo rechnerisch gut 4.000 Umdrehungen, weniger als die 5.000, die Yamaha bis Kilometer 1.000 nennt. Genau das macht die Autobahn beim Einfahren so verführerisch. Die Drehzahl bleibt dort niedrig, aber sie bleibt auch konstant.

Gleichmäßig ist beim Einfahren falsch

Bei Suzuki steht der Grund im Einfahrkapitel der V-Strom 650. Du sollst die Maschine mit wechselnden Drehzahlen fahren, nicht lange mit derselben. So werden die Teile erst belastet und dann wieder entlastet, damit sie abkühlen können. Läuft der Motor dagegen lange mit konstant niedriger Drehzahl, können die Teile verglasen, statt sich einzuspielen. Verglasen heißt, dass sich die Oberflächen glätten, ohne sich aneinander anzupassen.

Beschleunigen sollst du dabei laut Suzuki in allen Gängen zügig, nur eben nicht über die empfohlene Höchstdrehzahl und in den ersten 1.600 Kilometern nie mit Vollgas. Bei BMW klingt das für die beiden GS so: Bis zur ersten Einfahrkontrolle soll die Maschine in häufig wechselnden Last- und Drehzahlbereichen laufen, ohne längere Fahrten mit konstanter Drehzahl, möglichst auf kurvenreichen und leicht hügeligen Strecken.

Zahlen dazu nennt Royal Enfield für die Interceptor 650 und die Himalayan 450. Das Tempo soll während der Fahrt um etwa zehn Prozent schwanken, und spätestens nach einer Stunde am Stück ist eine kurze Pause fällig.

Die ideale Strecke zum Einfahren ist damit keine Autobahn, sondern die Landstraße mit Kurven, Ortsdurchfahrten und ein paar Steigungen. Dort wechseln Last und Drehzahl von selbst. Lässt sich eine Autobahnetappe nicht vermeiden, änderst du auf ihr das Tempo immer wieder und legst Pausen ein. Stundenlang im selben Gang mit demselben Tempo zu fahren, davon raten Suzuki und BMW ab.

Eine Runde zum Einfahren kann so aussehen: eine bis anderthalb Stunden über Land, mit einer Pause zwischendurch, in der du absteigst und den Motor abstellst. Unterwegs beschleunigst du aus jeder Ortschaft heraus zügig, aber ohne Vollgas, bis knapp unter die Einfahrdrehzahl und schaltest dann hoch. Eine Steigung gibt dem Motor mehr Last bei gleicher Drehzahl, und vor der nächsten Kurve nimmst du das Gas wieder weg. Der Motor bekommt Last und Entlastung im Wechsel, und du lernst dabei die neue Maschine kennen.

Kurz über der Grenze und andere Feinheiten

Nimmst du die Tabellen sehr genau, fährst du mit einem Auge auf dem Drehzahlmesser. Kawasaki nimmt da etwas Druck heraus. Bei Z900 und Ninja 125 heißt es, dass du falls nötig kurzzeitig über der Einfahrdrehzahl fahren kannst und dass kurze Phasen darüber das Einfahren nicht beeinträchtigen. Auch bei Yamaha ist nur eine „längere Betriebszeit“ darüber zu vermeiden. Ab Kilometer 500 darfst du die Himalayan 450 laut Royal Enfield nach und nach kurz bis zur Höchstdrehzahl drehen.

Sicherheitshinweis: Plane Überholmanöver beim Einfahren so, dass du sie innerhalb der Drehzahlgrenze schaffst, oder lass sie bleiben. Wird es unterwegs trotzdem eng, hat deine Sicherheit Vorrang vor der Tabelle: Ein Überholmanöver, das du abbrichst, weil der Zeiger an der Einfahrgrenze steht, ist gefährlicher als ein paar Sekunden mehr Drehzahl.

KTM hilft mit einem Signal nach. Bei der 890 Adventure blinkt die Schaltwarnleuchte, wenn du vor dem ersten Service über 6.500 Umdrehungen kommst. Bei der 390 Duke ist sie in der Einfahrzeit auf einen festen Wert eingestellt, den du nicht ändern kannst.

Drehzahl ohne Last gehört nicht zum Einfahren. Bei Kawasaki steht in den Einfahrregeln, dass der Motor im Leerlauf nicht hochgedreht werden soll. Eine Vorgabe für den Stand gibt es auch bei Royal Enfield. Im Einfahrkapitel der Himalayan 450, der Hunter 350 und der Interceptor 650 soll der Motor vor der Fahrt einige Minuten im Leerlauf laufen, damit das Öl alle beweglichen Teile erreicht. Das gilt für die Einfahrzeit dieser Modelle und ist keine allgemeine Regel fürs Warmlaufen.

An erster Stelle seiner Einfahrregeln nennt Royal Enfield außerdem einen Punkt, den dort kaum jemand erwartet: die angegebene Höchstzuladung nicht zu überschreiten. Sozius und volle Koffer bedeuten mehr Last bei jeder Drehzahl. Zu zweit und mit Gepäck brauchst du für denselben Zug mehr Gas und kommst schneller in die Nähe der Volllast.

Warum die erste Inspektion so früh kommt

Mit dem Einschleifen entsteht feiner Abrieb, und der landet im Öl. Dazu passt, dass Yamaha für die MT-07, die MT-09 und die Tracer 700 nach 1.000 Kilometern Motoröl und Ölfilter wechseln lässt, lange bevor der übliche Wechsel fällig wäre. Honda, Suzuki und Kawasaki setzen die erste Inspektion ebenfalls bei 1.000 Kilometern an, bei den beiden GS gibt BMW für die Einfahrkontrolle ein Fenster von 500 bis 1.200 Kilometern vor.

Suzuki nennt diesen ersten Kundendienst den wichtigsten überhaupt und sagt auch, was dabei passiert: alle Einstellungen berichtigen, alle Befestigungen nachziehen, Öl wechseln. Neue Schrauben und Züge setzen sich in den ersten Kilometern, auch die Kette längt sich anfangs, und manches, was beim Händler genau eingestellt war, kann nach tausend Kilometern eine Korrektur brauchen. Ölstand und Kettenspannung behältst du bis dahin selbst im Blick.

Mit der Inspektion ist das Einfahren aber nicht überall vorbei. Bei Yamaha und Suzuki gilt bis 1.600 Kilometer noch eine Grenze, nur eine höhere: 6.000 Umdrehungen bei der MT-07, 7.500 bei der V-Strom 650. Erst danach darf die Yamaha laut Anleitung voll ausgefahren werden.

❓ Häufige Fragen zum Einfahren

Muss ich ein neues Motorrad heute noch einfahren?

Auch ein neues Motorrad von heute musst du einfahren. Jede Anleitung in diesem Vergleich schreibt eine Einfahrzeit vor, nur die Regeln unterscheiden sich. Maßgeblich ist die Anleitung deiner Maschine.


Wie lange muss ich ein Motorrad einfahren?

Ein Motorrad fährst du je nach Hersteller 500 bis 2.000 Kilometer lang ein. Honda nennt 500, Kawasaki, BMW und KTM 1.000, Yamaha und Suzuki 1.600. Am längsten ist die Einfahrzeit bei Royal Enfield, für die Interceptor 650 gelten Drehzahlgrenzen bis 2.000 Kilometer.


Kann ich ein Motorrad auf der Autobahn einfahren?

Stundenlang mit demselben Tempo solltest du ein neues Motorrad auf der Autobahn nicht einfahren. Suzuki und BMW sehen wechselnde Drehzahlen vor, BMW empfiehlt dafür kurvenreiche, leicht hügelige Strecken. Auf einer Autobahnetappe änderst du das Tempo deshalb immer wieder und legst spätestens nach einer Stunde eine Pause ein, wie Royal Enfield es vorsieht.


Bis zu welcher Drehzahl fahre ich ein neues Motorrad ein?

Die Einfahrdrehzahl steht in der Anleitung und hängt vom Motor ab. Die R 1250 GS und die R 1300 GS sollen in den ersten 1.000 Kilometern unter 5.000 Umdrehungen bleiben, die KTM 890 Adventure höchstens 6.500 erreichen, die Kawasaki Z900 anfangs höchstens 4.000. Honda nennt keine Drehzahl und beschreibt, was zu vermeiden ist.


Schadet es, wenn ich beim Einfahren kurz über die Grenze komme?

Kurze Phasen über der Einfahrdrehzahl beeinträchtigen das Einfahren nicht, schreibt Kawasaki für die Z900. Auch Yamaha rät nur von längerem Betrieb über der Grenze ab. Vollgas lässt du trotzdem weg.


Warum kommt die erste Inspektion beim Motorrad so früh?

So früh steht die erste Inspektion an, weil sich in den ersten Kilometern viel setzt und einschleift. Bei Suzuki gehören zum ersten Kundendienst das Nachstellen aller Einstellungen, das Nachziehen der Befestigungen und der Ölwechsel. Yamaha lässt bei MT-07, MT-09 und Tracer 700 schon nach 1.000 Kilometern Öl und Ölfilter wechseln.

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