
In der Bedienungsanleitung der Yamaha Tracer 700 steht keine Warnung vor dem Drehzahlbegrenzer. Stattdessen findet sich eine vor dem Runterschalten, im Kapitel über das Verzögern, und sie ist deutlich. Wer bei zu hoher Geschwindigkeit oder Drehzahl herunterschaltet, riskiert, dass das Hinterrad die Haftung verliert oder der Motor überdreht.
Überdreht? Dafür gibt es doch den Begrenzer, heißt es dann. Der schneidet bei Höchstdrehzahl ab, mehr geht nicht, also kann nichts passieren.
Das stimmt genau so lange, wie der Motor die Drehzahl selbst erzeugt. Kommt sie von außen, über das Hinterrad, hat der Begrenzer nichts in der Hand.
Bei modernen Einspritzern ist der Begrenzer ein Stück Software im Motorsteuergerät. Erreicht die Drehzahl die festgelegte Grenze, nimmt er dem Motor das, was ihn antreibt: meist die Einspritzung, den Zündfunken oder beides.
Dazu kommt die Frage, ob hart oder weich abgeregelt wird. Ein harter Begrenzer schneidet schlagartig ab und gibt ebenso schlagartig wieder frei, sobald die Drehzahl ein Stück gefallen ist. Daher kommt das typische abgehackte Stottern, ein schnelles An und Aus. Ein weicher Begrenzer greift schon vorher ein. Er nimmt nur einen Teil des Kraftstoffs weg oder lässt später zünden, und die Drehzahl nähert sich der Grenze behutsam. Beide hindern den Motor daran, aus eigener Kraft weiter hochzudrehen.
Nimmt der Begrenzer die Einspritzung weg, kommt in die betroffenen Zylinder für ein paar Umdrehungen nur Luft. Es verbrennt nichts, die Drehzahl fällt, und sobald sie wieder unter der Grenze liegt, spritzt das Steuergerät wieder ein. Für den Katalysator ist das die freundlichere Lösung, weil kein unverbrannter Kraftstoff in den Auspuff gelangt.
Nimmt er stattdessen den Zündfunken weg, wird weiter eingespritzt, aber nicht gezündet. Das Gemisch wandert unverbrannt in den Auspuff und kann dort nachbrennen. Darauf kommen wir beim Katalysator noch zurück.
Die rote Markierung auf dem Drehzahlmesser ist nicht der Drehzahlbegrenzer. Sie zeigt dir, wo du nichts verloren hast, aber sie hält dich nicht auf. Yamaha verlangt für die MT-07, den Motor nicht im roten Bereich zu betreiben, und der beginnt dort bei 10.000 Umdrehungen.
Viel zu holen gibt es ganz oben im Drehzahlband auch nicht. Die BMW R 1250 GS erreicht ihre Nennleistung von 100 kW laut Anleitung bei 7.750 Umdrehungen, die Höchstdrehzahl liegt bei 9.000. Auf den letzten 1.250 Umdrehungen dreht der Motor also höher, ohne mehr zu leisten.
Solange der Motor kalt ist, liegt die vernünftige Grenze noch tiefer, und an einem Morgen Ende September mit acht Grad dauert das eine Weile. Yamaha warnt in den Anleitungen der MT-07 und der MT-09 davor, den kalten Motor stark zu beschleunigen. Die R 1250 GS und die R 1300 GS zeigen es dir sogar an. Im TFT-Display beginnt der rote Bereich der Drehzahlanzeige umso früher, je kälter der Motor ist, und erst bei Betriebstemperatur bleibt er stehen.
Wo der rote Bereich bei deiner Maschine beginnt, steht in der Anleitung beim Drehzahlmesser. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.
Der Drehzahlbegrenzer kann genau eine Sache: dem Motor die eigene Kraft nehmen. Solange die Drehzahl aus der Verbrennung kommt, reicht das. Du drehst am Gas, der Motor dreht hoch, der Begrenzer nimmt Kraftstoff oder Funken weg, und die Drehzahl bleibt, wo sie ist.
Beim Runterschalten dreht sich das Verhältnis um. Lässt du im kleineren Gang die Kupplung kommen, bestimmt das Hinterrad, wie schnell die Kurbelwelle drehen muss. Es wird vom Schwung des ganzen Motorrads angetrieben und zwingt den Motor über Kette oder Kardan, Getriebe und Kupplung auf seine Drehzahl. Ob der Begrenzer dabei Einspritzung oder Zündung wegnimmt, ändert an dieser Drehzahl nichts. Der Motor dreht nicht, er wird gedreht.
Wie groß der Sprung ist, zeigt die Getriebeabstufung der MT-07 aus ihrer Anleitung. Vom dritten in den zweiten Gang steigt die Drehzahl um rund 30 Prozent, vom zweiten in den ersten um rund 34. Wer bei 8.000 Umdrehungen im Dritten einen Gang tiefer geht, landet rechnerisch bei gut 10.400, also im roten Bereich, der bei dieser Maschine bei 10.000 beginnt.
Dabei wird der Sprung umso größer, je tiefer du schaltest. Vom sechsten in den fünften Gang steigt die Drehzahl bei derselben Maschine nur um rund 13 Prozent. Ausgerechnet vor der Spitzkehre, in der du den Ersten willst, ist er also am größten.
Deshalb steht in den Anleitungen die Warnung vor dem Runterschalten und nicht die vor dem Begrenzer. Yamaha formuliert sie für die Tracer 700 und die MT-09 wortgleich: Vor dem Herunterschalten müssen Geschwindigkeit und Drehzahl ausreichend gesunken sein.
Wie ernst die Hersteller das nehmen, zeigen die Maschinen, bei denen die Elektronik mitschaltet. Bei der BMW R 1250 GS unterstützt der Schaltassistent Pro das Herunterschalten nur so weit, bis im Zielgang die Höchstdrehzahl erreicht wäre, damit der Motor nicht überdreht. Hondas Doppelkupplungsgetriebe, etwa in der NC750X, lehnt einen Befehl zum Herunterschalten sogar ganz ab, wenn der Motor dabei die Drehzahlgrenze überschreiten würde.
Schaltest du selbst mit Fuß und Kupplung, macht diese Rechnung niemand für dich. Für deine eigene Maschine kannst du sie aber nachrechnen: Teile die Übersetzung des kleineren Gangs durch die des größeren, dann weißt du, um wie viel die Drehzahl steigt. Die Gangübersetzungen führt die Anleitung meist bei den technischen Daten auf, den Beginn des roten Bereichs zeigt dir der Drehzahlmesser.
Dreht der Motor über seine Grenze, wird es für die Ventile eng. Sie werden von Nocken aufgedrückt und bei den meisten Motoren von Federn wieder geschlossen. Oberhalb der Drehzahl, für die dieses Zusammenspiel ausgelegt ist, kommen die Federn irgendwann nicht mehr hinterher. Das Ventil folgt dem Nocken nicht mehr sauber, und im schlimmsten Fall treffen sich Ventil und Kolben. Wo diese Drehzahl bei deinem Motor liegt, verrät keine der zitierten Anleitungen, sie nennen nur den roten Bereich.
Dazu kommt die Kraftübertragung. Beim zu frühen Runterschalten geht der Stoß durch Kupplung, Getriebe und Kette oder Kardan bis ins Hinterrad, das beim Bremsen ohnehin entlastet ist. Es kann stempeln, also mehrmals kurz blockieren und wieder freikommen, oder ganz blockieren. Yamaha nennt deshalb neben dem Überdrehen auch den Verlust der Kontrolle und Schäden an Motor und Kraftübertragung.
Eine Anti-Hopping-Kupplung dämpft den Schlag, indem sie im Schub rutscht, solange vom Hinterrad zu viel Kraft zurückkommt. Gebaut ist sie gegen das stempelnde Hinterrad, nicht gegen die Drehzahl. Auch während sie rutscht, überträgt sie noch Kraft und zieht den Motor nach oben, nur sanfter. Greift sie wieder voll, dreht er so hoch, wie Gang und Tempo es in diesem Moment verlangen.
Sicherheitshinweis: Bau vor Kurve oder Kreuzung das Tempo zuerst mit den Bremsen ab. Schalte danach Gang für Gang zurück, und zwar so, dass der kleinere Gang den Motor jedes Mal weit unter dem roten Bereich hält.
Beim zu frühen Runterschalten treibt das Hinterrad den Motor an, und dagegen kann kein Begrenzer etwas ausrichten. Das Rad kann dabei stempeln oder wegrutschen, auf nasser Fahrbahn und in Schräglage mit Sturzgefahr. Hält es die Haftung, dreht es den Motor über seine Grenze.
Schadet es, den Motor am Drehzahlbegrenzer zu halten? Einmal kurz hineinzulaufen, etwa beim Beschleunigen im ersten Gang, ist der Fall, für den er gebaut ist. Anders ist es, dort zu verweilen.
Schneidet der Begrenzer den Zündfunken ab, landet bei jedem Aussetzer unverbrannter Kraftstoff im Auspuff. Was das für den Katalysator heißt, steht in der Anleitung der R 1250 GS, allgemein für Verbrennungsaussetzer und ohne Bezug zum Begrenzer: Unverbrannter Kraftstoff kann ihn überhitzen und beschädigen. Welchen der beiden Wege dein Motor beim Abregeln geht, steht in aller Regel nicht in der Anleitung. Solange du es nicht weißt, häng dich besser nicht an die Grenze.
Drehst du im Stand in den Begrenzer, kommt ein zweiter Punkt dazu, denn dort fehlt der Fahrtwind. BMW warnt in derselben Anleitung schon vor längerem Motorlauf im Stand, weil die Kühlung dann nicht ausreicht. Und der alte Rat, den Motor ab und zu bis zum Begrenzer auszudrehen, damit er frei wird, trifft bei modernen Einspritzern ohnehin daneben.
Den Drehzahlbegrenzer kurz zu streifen, ist also normal. Sich an ihn anzulehnen, ist es nicht.
Im Alltag begegnet dir der Drehzahlbegrenzer an drei Stellen, und an allen dreien macht er, was er soll. Die erste ist der erste Gang. Die MT-07 ist im Ersten rechnerisch schon bei rund 80 km/h im roten Bereich, und wer beim Beschleunigen das Hochschalten verpasst, landet schneller am Begrenzer, als er denkt.
Die zweite ist der falsche Leerlauf. Rutscht beim Hochschalten der Gang nicht hinein und ist das Gas noch offen, dreht der Motor ohne Last frei hoch. Dann fängt ihn der Begrenzer ab. Die dritte ist der klemmende Gasgriff mit gezogener Kupplung, bis der Notausschalter den Motor stoppt.
Selbst Schaltassistenten halten Abstand. Yamaha lässt den Quickshifter der MT-09 nur hochschalten, wenn die Drehzahl ausreichend unter dem roten Bereich liegt, und BMW rät, den Schaltassistent Pro nicht im Bereich des Drehzahlbegrenzers zu benutzen. Früher hochzuschalten kostet dich an der Landstraße nichts, denn oben wartet ohnehin keine Mehrleistung.
Viele Cockpits sagen dir rechtzeitig Bescheid. Bei der MT-09 stellst du die Drehzahl der Schaltanzeigeleuchte zwischen 3.000 und 10.500 Umdrehungen selbst ein, bei der NC750X blinkt dafür eine farbige Leiste. Wer die Marke deutlich unter den roten Bereich legt, trifft den Begrenzer im Alltag kaum noch.
Die Grenze, an die du beim Fahren wirklich denken musst, ist deshalb eine andere. Es ist die Drehzahl, die der nächstkleinere Gang aus deinem Tempo macht. Bei der MT-07 heißt das: Wer im Dritten mehr als knapp 7.700 Umdrehungen auf der Uhr hat, landet im Zweiten im roten Bereich.
Was macht der Drehzahlbegrenzer am Motorrad?
Er nimmt dem Motor bei einer festgelegten Drehzahl meist die Einspritzung, den Zündfunken oder beides weg, bis die Drehzahl wieder gefallen ist. Bei modernen Einspritzern ist das eine Funktion im Motorsteuergerät. So verhindert er, dass der Motor aus eigener Kraft weiter hochdreht.
Schützt der Drehzahlbegrenzer beim Runterschalten?
Nein. Beim zu frühen Runterschalten treibt das Hinterrad den Motor über Kette oder Kardan, Getriebe und Kupplung an, und der Begrenzer kann nur die Verbrennung abschalten, nicht diese Kraft von außen. Deshalb warnen Hersteller wie Yamaha in der Anleitung ausdrücklich davor, herunterzuschalten, bevor Tempo und Drehzahl ausreichend gesunken sind.
Ist es schädlich, im Begrenzer zu fahren?
Kurz hineinzulaufen ist der Fall, für den er gebaut ist. Länger dort zu bleiben, bringt keine Leistung und kann dem Katalysator schaden, wenn der Begrenzer über die Zündung abregelt, denn dann gelangt unverbrannter Kraftstoff in den Auspuff. Wie dein Motor abregelt, steht meist nicht in der Anleitung.
Wo beginnt der rote Bereich am Drehzahlmesser?
Das steht in deiner Bedienungsanleitung beim Drehzahlmesser. Bei der Yamaha MT-07 beginnt er laut Anleitung bei 10.000 Umdrehungen, bei der MT-09 von 2024 bei 10.500. Bei der BMW R 1250 GS und der R 1300 GS wandert er im Display sogar mit: Je kälter der Motor, desto früher beginnt er. Der Begrenzer ist nicht dasselbe wie der Beginn des roten Bereichs.
Warum klingt der Motor am Begrenzer so abgehackt?
Weil der Begrenzer ständig ab- und wieder zuschaltet. Ein harter Begrenzer nimmt Kraftstoff oder Zündung schlagartig weg und gibt sie wieder frei, sobald die Drehzahl ein Stück gefallen ist. Daraus entsteht das schnelle An und Aus, das wie Stottern klingt.
Hilft eine Anti-Hopping-Kupplung gegen Überdrehen?
Nein, nicht gegen die Drehzahl. Sie rutscht im Schub und nimmt damit den Stoß am Hinterrad heraus, gebaut ist sie gegen das Stempeln. Schon beim Rutschen zieht sie den Motor nach oben, und sobald sie wieder voll greift, dreht er so hoch, wie Gang und Tempo es in diesem Moment verlangen.
Warum warnt die Anleitung vor dem Runterschalten und nicht vor dem Begrenzer?
Weil der Begrenzer den Motor nur vor seiner eigenen Kraft schützt. Gefährlich wird die Drehzahl, die von außen kommt, wenn das Hinterrad den Motor beim zu frühen Runterschalten mitreißt. Dann drohen Überdrehen, ein rutschendes Hinterrad und Schäden an Motor und Kraftübertragung.
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