
„Keinen bleihaltigen Kraftstoff oder Kraftstoff mit metallischen Zusätzen (z. B. Mangan oder Eisen) tanken.“ Dieser Satz steht in einer Betriebsanleitung im Kapitel übers Tanken. Fast jeder liest über ihn hinweg, an deutschen Zapfsäulen spielt er ja keine Rolle.
Dann kommt ein Novemberabend, auf dem Sofa liegt die Karte von Südamerika, und irgendwo zwischen Salta in Argentinien und Uyuni in Bolivien wird der Tank leer sein. Auf einmal ist Mangan im Benzin keine Fußnote mehr. Wer warnt davor, was macht das Zeug im Motor, und wo kommt es überhaupt noch aus der Zapfpistole?
Schaust du in deine eigene Anleitung, findest du das Wort wahrscheinlich nicht, außer du fährst BMW. Die 36 Betriebsanleitungen hier stammen von sechs Herstellern. Bei Honda, Yamaha, Kawasaki, Suzuki und KTM, zusammen 25 Anleitungen, kommt Mangan nicht vor. Honda und Suzuki warnen vor Blei, weil es dem Katalysator schadet. Yamaha nennt als Schäden durch Blei Ventile, Kolbenringe und die Auspuffanlage. KTM und Yamaha verweisen auf die europäische Benzinnorm EN 228.
BMW schreibt es aus, und zwar in allen elf Anleitungen, die wir gelesen haben, von der F 900 R bis zur R 1300 GS. Als Folge nennt BMW eine „Beschädigung des Katalysators“.
Heißt das, die anderen haben nichts dagegen? Das wäre der falsche Schluss. Honda, Kawasaki, Suzuki, Yamaha und BMW stehen alle auf den Mitgliederlisten der Verbände hinter der Worldwide Fuel Charter, dem Wunschzettel der Fahrzeughersteller an die Ölindustrie. In der Ausgabe von 2019 steht es deutlich: Zusätze, die Asche bilden, sind zu meiden, und Benzin mit solchen Zusätzen gilt nicht als gute Qualität. Geschrieben ist das vor allem für Autos.
Der Stoff, um den es geht, heißt MMT, mit vollem Namen Methylcyclopentadienyl-Mangan-Tricarbonyl. Angeboten wird er als Zusatz, der die Oktanzahl von Benzin hebt.
An der Säule zu Hause ist die Sache längst erledigt. Die EU begrenzt Mangan im Kraftstoff seit 2014 auf zwei Milligramm je Liter, und in Deutschland muss Benzin an der Tankstelle die Norm DIN EN 228 erfüllen. Bei so wenig lohnt sich der Zusatz zum Anheben der Oktanzahl kaum noch, so sieht es jedenfalls die Fuel Charter. Für Europa, Japan und Nordamerika beschreibt sie Mangan an der Säule als praktisch verschwunden.
Die EU hat dabei auch die Fahrzeughersteller im Blick. In der Begründung der Richtlinie von 2009 steht, viele von ihnen rieten von Kraftstoff mit metallischen Zusätzen ab, und solcher Kraftstoff könne die Garantie kosten. Ob ein Schaden nach der großen Reise unter die Garantie fällt, regeln also die Garantiebedingungen des Herstellers.
Mangan verbrennt nicht rückstandslos. Das Oxid, das dabei entsteht, setzt sich fest, wo es hinkommt: auf den Zündkerzen, auf der Lambdasonde, in den feinen Kanälen des Katalysators. „Irreversibel und kumulativ“ nennt die Fuel Charter das, also nicht rückgängig zu machen und mit jeder Füllung ein bisschen mehr. Die Folgen in ihrer Liste: Zündaussetzer, höherer Verbrauch, und in manchen Fällen setzt sich die Vorderseite des Katalysators zu.
In Kanada war MMT lange verbreitet, und Autohersteller meldeten dort Fälle verstopfter Katalysatoren. Zwischen 2003 und 2005 ließen die Raffinerien den Zusatz freiwillig weg, danach gingen die Fälle laut Fuel Charter schnell zurück. Ganz unumstritten ist das nicht: Die US-Umweltbehörde EPA lässt MMT in geringer Dosis zu und nennt die Daten zu Schäden an der Abgas-Eigendiagnose nicht eindeutig (Stand 2021). Über deine Garantie entscheidet im Zweifel aber der Hersteller.
Und das Motorrad? Hier endet das Wissen. Eine Messreihe dazu taucht weder in der Fuel Charter noch in den Anleitungen auf, Zweiräder kommen in der Charter nicht einmal vor. Die große Studie der Autohersteller lief über 100.000 Meilen, eine Reiseenduro sammelt in vier Wochen Südamerika nur einen Bruchteil davon. Ob dich das beruhigen darf, bleibt offen: Wie viel Mangan eine Motorradkerze verträgt, lässt sich heute nicht seriös beziffern.
Greifbarer wird es beim Eisen, das im Satz aus der Anleitung gleich daneben steht. Es steckt im Zusatz Ferrocen. Bosch beschreibt auf seiner Fehlertafel orangerote, fest haftende Beläge, die im normalen Betrieb nach wenigen tausend Kilometern entstehen. Der Belag leitet Strom, die Kerze setzt aus, Reinigen ist zwecklos. Laut Fuel Charter kann die Lebensdauer der Kerze um bis zu 90 Prozent sinken, und die Aussetzer kommen bevorzugt dann, wenn die Kerze heiß ist, also unter Last.
Sicherheitshinweis: Setzt der Motor nach dem Tanken aus, fahr nicht weiter wie bisher. Bricht die Leistung mitten im Überholen ein, hängst du auf der Gegenspur fest. Unverbrannter Kraftstoff kann außerdem den Katalysator überhitzen und dauerhaft beschädigen, dazu andere Bauteile des Motorrads. BMW schreibt für die R 1300 GS, der Motor sei bei Aussetzern sofort abzustellen, Honda für die Africa Twin, er sollte in diesem Zustand nicht weiterlaufen. Rolle an eine sichere Stelle und mach den Motor aus. Weiter geht es erst, wenn die Ursache behoben ist.
Wie viel MMT weltweit im Tank landet, ist laut Fuel Charter nicht öffentlich bekannt. Die beste greifbare Übersicht stammt vom Beratungsunternehmen Stratas Advisors, Stand April 2024, und sie trägt die Überschrift: vor allem in Afrika und Lateinamerika.
Bestätigt ist die Verwendung dort für Argentinien und Bolivien, für Südafrika, Senegal und Sambia, für Jordanien, Syrien und Pakistan, für Jamaika, Puerto Rico und, als einziges Land in Europa, für die Ukraine. Vermutet oder über importiertes Benzin möglich ist sie unter anderem in Namibia, Nigeria, Algerien, Ghana, Vietnam und auf den Philippinen. Australien steht ebenfalls in dieser zweiten Gruppe. In Südafrika durfte Benzin mit MMT zumindest 2019 noch für ältere Fahrzeuge verkauft werden, als Ersatz für verbleites.
Vorsicht beim Lesen, in beide Richtungen. „Bestätigt“ heißt nicht: an jeder Säule. Und ein Land, das fehlt, hat kein Gütesiegel. Marokko, die Türkei oder Georgien tauchen dort nicht auf, mehr sagt die Liste über sie nicht. In den USA ist MMT in kleiner Menge erlaubt, nach Angaben der Fuel Charter aber kaum noch im Benzin zu finden.
Mietest du in Windhoek ein Motorrad, frag vorher, wer für Schäden durch schlechten Sprit aufkommt. Verschiffst du deine eigene Reiseenduro nach Buenos Aires, bleiben Kerzen, Sonde und Kat deine Sache. Fährst du dort eine alte Maschine ohne Katalysator, fällt die teuerste Sorge weg, die Zündkerzen bleiben.
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Die andere Hälfte des Satzes aus der Anleitung hat sich dagegen erledigt. Verbleites Benzin gibt es an Tankstellen laut Vereinten Nationen seit Juli 2021 weltweit nicht mehr, Algerien war das letzte Land.
Die größte Überraschung wartet nicht in Bolivien, sondern zu Hause im Laden. Vor der Tour liegt der Gedanke nahe, für schlechten Sprit einen Oktanbooster mitzunehmen. In den Sicherheitsdatenblättern von drei solchen Mitteln aus dem deutschen Handel steht unter den Inhaltsstoffen genau der Stoff, um den es hier geht: Tricarbonyl(methylcyclopentadienyl)mangan, CAS-Nummer 12108-13-3. Mal unter einem Prozent, in einem Fall zwischen 2,5 und fünf.
Du kippst dir also womöglich selbst in den Tank, was du in Bolivien vermeiden wolltest. Das muss nicht für jede Flasche gelten. Schau in Abschnitt 3 des Sicherheitsdatenblatts: Findest du dort die Nummer 12108-13-3 oder das Wort Ferrocen, bleibt die Flasche im Regal. Fehlt beides, ist das ein gutes Zeichen, aber noch kein Beweis für eine metallfreie Flasche, denn sehr kleine Mengen muss dieser Abschnitt nicht nennen.
Mit dem Rat aus der Anleitung der R 1300 GS, bei Kraftstoff niedriger Qualität Additive zu nutzen, beißt sich das nicht. BMW meint dort Mittel, die Einspritzung und Verbrennungsbereich reinigen, und verweist für Näheres an seine Händler. Von Oktan ist an dieser Stelle keine Rede.
Vielleicht brauchst du den Booster auch gar nicht. Honda nennt für die Africa Twin mindestens 91 Oktan. BMW empfiehlt für die R 1300 GS zwar 95 ROZ, lässt laut Anleitung von 2025 aber auch 91 zu, mit Einschränkungen bei Leistung und Verbrauch. Yamaha verlangt für die Tracer 700 ROZ 95 und rät bei Klopfen zu einer anderen Marke oder einer höheren Oktanzahl. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch. Schlag das vor der Tour nach, denn gegen Mangan im Benzin hilft an der Säule kein Zusatz.
Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel ordnet die Lage allgemein und journalistisch ein (Stand: November 2026). Er ist keine Rechtsberatung, und Einzelfälle können anders liegen. Geht es bei dir um einen Schaden, frag deinen Händler und schau in die Garantiebedingungen deines Herstellers.
Und dann stehst du an der Tankstelle am Rand der Piste, Staub auf der Jacke und den Tank fast leer. Ob im Benzin Mangan steckt, zeigt dir dort meist nichts. Anders als in der EU, wo Kraftstoff mit metallischen Zusätzen gekennzeichnet sein muss, bleibt dir hier nur die Frage, und gut möglich, dass der Tankwart die Antwort selbst nicht kennt.
Also tankst du, was es gibt, denn die Alternative heißt meist: gar nichts. Was einzelne Füllungen mit deiner Maschine machen, lässt sich aus den Autostudien nicht sicher ableiten. Klar ist nur, dass die Ablagerungen bleiben und sich summieren. Eine Reise über Monate wiegt schwerer als ein paar Tage, beim Eisen nennt Bosch ja nur wenige tausend Kilometer.
Für eine lange Tour gehören deshalb Ersatzkerzen ins Gepäck, wenn du sie an deiner Maschine selbst wechseln kannst. Und lass nach der Reise die Kerzen ansehen, auch wenn sie laut Wartungsplan noch nicht dran wären. Grauweiß bis rehbraun nennt Bosch normal. Sind sie dagegen kräftig rotbraun oder orangerot belegt, liegt der Verdacht auf Zusätze im Sprit nahe, und neue Kerzen sind fällig.
Das Benzin läuft in den Tank, es sieht aus wie Benzin und riecht wie Benzin. Die Pistole klackt, der Tankwart nimmt deine Scheine, und vor dir liegen noch 300 Kilometer Schotter und Salz. Den Rest erzählt dir irgendwann die Zündkerze.
Was ist Mangan im Benzin?
Mangan gelangt meist über den Zusatz MMT ins Benzin, der die Oktanzahl anhebt. Beim Verbrennen entsteht Manganoxid, das sich auf Kerzen, Lambdasonde und im Kat absetzt. Die Autoindustrie lehnt den Stoff aus diesem Grund ab.
Gibt es in Deutschland Benzin mit Mangan?
An deutschen Tankstellen spielt Mangan praktisch keine Rolle, weil die EU es seit 2014 auf zwei Milligramm je Liter begrenzt. Anders sieht es bei manchen Oktanboostern aus der Flasche aus, die den Stoff laut Sicherheitsdatenblatt enthalten.
In welchen Ländern ist Benzin mit Mangan im Umlauf?
Bestätigt ist Mangan im Benzin laut einer Branchenübersicht von 2024 unter anderem in Argentinien, Bolivien, Südafrika, Senegal, Sambia, Jordanien, Syrien, Pakistan und der Ukraine. Vermutet wird es zum Beispiel in Namibia und Nigeria. Über einzelne Tankstellen sagt das nichts aus.
Schadet eine einzelne Tankfüllung mit Mangan dem Motorrad?
Was eine einzelne Tankfüllung mit Mangan am Motorrad anrichtet, ist nicht belegt, eine Messreihe an Motorrädern ist nicht bekannt. Die dokumentierten Schäden an Autos stammen aus Langzeitbeobachtungen, die einzelne Füllung lässt sich daraus nicht abschätzen. Was sich einmal abgesetzt hat, geht allerdings nicht von selbst wieder weg.
Woran erkenne ich, dass ich Benzin mit Mangan getankt habe?
Getanktes Mangan bemerkst du meist erst an der Zündkerze, die rotbraune Ablagerungen tragen kann. Unterwegs können Zündaussetzer ein Zeichen sein. Treten sie auf, halt an, mach den Motor aus und lass die Ursache klären.
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