
Gut 40 Kilo. So viel Kraft brauchst du ungefähr an den Griffen, um eine 230 Kilo schwere Maschine zu halten, die 20 Grad schief steht. Bei 10 Grad sind es rund 20, bei 5 Grad noch 10, und steht sie senkrecht, brauchst du fast nichts.
Beim Rangieren spürst du das jedes Mal, nur rechnet es dir selten jemand vor. Das Gewicht deiner Maschine bleibt gleich, ob sie aufrecht steht oder schief. Was sich ändert, ist der Teil davon, der an deinen Armen hängt, und der wächst mit jedem Grad.
Ein Motorrad kippt um die Linie zwischen seinen beiden Reifen, das ist seine Kippkante. Steht es senkrecht, liegt der Schwerpunkt genau über dieser Linie, und nichts zieht zur Seite. Neigt es sich, wandert der Schwerpunkt neben die Kippkante, und das Gewicht bekommt einen Hebel. Je schiefer die Maschine steht, desto länger wird er.
Dagegen hältst du mit den Händen an den Griffen. Die sitzen deutlich höher als der Schwerpunkt, und dein Hebel ist länger als der des Gewichts. Die genaue Höhe des Schwerpunkts geben die Hersteller fast nie an. Die Tabelle rechnet deshalb mit einem Wert auf halber Griffhöhe. Das ist eine Annahme und keine Herstellerangabe, und die Kraft steht in Kilo, damit sie greifbar bleibt.
| Neigung | Maschine mit 180 kg | Maschine mit 230 kg |
|---|---|---|
| 5 Grad | rund 8 kg | rund 10 kg |
| 10 Grad | rund 16 kg | rund 20 kg |
| 15 Grad | rund 24 kg | rund 31 kg |
| 20 Grad | rund 33 kg | rund 42 kg |
| 30 Grad | rund 52 kg | rund 66 kg |
Als Faustregel hängt pro Grad Neigung knapp ein Prozent des Gewichts an deinen Händen, bei 20 Grad also knapp ein Fünftel. Zum Vergleich: Ein Sack Zement wiegt 25 Kilo, und so viel hältst du bei einer 230-Kilo-Maschine schon bei gut 12 Grad.
Aus der Tabelle folgt etwas, das beim Rangieren mehr hilft als Muskeln. Eine leichte Maschine, die du weit kippen lässt, kann stärker gegen dich drücken als eine schwere, die du aufrechter hältst. Die erste Yamaha MT-07 von 2014 wiegt mit ABS laut Anleitung 182 Kilo fahrfertig. Bei 20 Grad Neigung sind das rund 33 Kilo an den Griffen, bei einer 230-Kilo-Maschine mit 15 Grad sind es rund 31.
230 Kilo, das ist die Klasse der großen Reiseenduros. Für die BMW R 1300 GS nennt die Anleitung von 2023 ein Leergewicht von 237 Kilo, fahrfertig mit 90 Prozent Tankfüllung und ohne Sonderausstattung. Ihr Gewicht kannst du beim Rangieren nicht ändern. Den Winkel, in dem du sie hältst, schon.
Neben dem Gewicht zählt, wie hoch es sitzt. Ein höherer Schwerpunkt hat bei derselben Neigung den längeren Hebel. Ein voller Tank bringt seine Kilo ganz oben in die Maschine, ein Topcase noch höher und weiter hinten. Mit 25 Kilo Gepäck und einem etwas höheren Schwerpunkt werden aus den 42 Kilo bei 20 Grad schnell rund 50. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch. Dort steht auch, wie viel Zuladung deine Maschine verträgt.
Deshalb fühlt sich dieselbe Maschine beim Rangieren nicht jeden Tag gleich an. Leer auf dem Hof ist sie eine andere als vollgetankt und bepackt vor der Pension, obwohl sich an der Technik nichts geändert hat.
Die erste Neigung beim Rangieren liefert meist der Seitenständer. Er neigt die Maschine nach links, je nach Ständer um gut zehn Grad oder mehr. Steht eine 230-Kilo-Maschine mit 15 Grad auf dem Ständer, fängst du beim Aufrichten mit rund 30 Kilo an den Griffen an. Schwerer wird es danach nicht mehr, nur leichter. Steht sie am Straßenrand, kann die Neigung der Fahrbahn noch etwas dazugeben oder wegnehmen.
Aufrichten ist also keine Sache der Arme allein. Stell dich links neben die Maschine, beide Hände an die Griffe, die Hüfte an Sitzbank oder Tank, und drück sie mit dem ganzen Körper hoch. Den Lenker holst du erst aus dem linken Anschlag, wenn Hüfte und Hände fest an der Maschine sind, am besten im Aufrichten selbst. Mit geradem Vorderrad geht es leichter. Warum, zeigt der nächste Abschnitt.
Der heikle Moment kommt am Ende. Je aufrechter sie steht, desto weniger drückt sie, und die letzten Grade gehen fast von allein. Wer sie mit Schwung hochzieht, schiebt sie über die Senkrechte hinaus, und auf der anderen Seite ist keiner, der sie hält. Lass sie gar nicht erst senkrecht werden: Ein paar Grad zu dir hin ist die Lage, in der du sie schiebst.
Schiebst du von links und schlägst das Vorderrad zu dir hin ein, lehnt sich die Maschine stärker gegen dich. Schlägst du es von dir weg ein, wird sie auf deiner Seite leichter, und steht sie nur wenig geneigt, kann sie zur anderen Seite kippen. Mit dem Lenker wandert nämlich die Kippkante.
Der Grund sitzt unten am Vorderrad. Der Reifen berührt den Boden ein Stück hinter dem Punkt, auf den die Lenkachse zeigt. Dieser Abstand heißt Nachlauf. Drehst du den Lenker, schwenkt die Berührstelle zur Seite, und zwar entgegen der Richtung, in die du lenkst. Je aufrechter die Maschine steht, desto mehr macht das aus, weil der Schwerpunkt dann ohnehin dicht neben der Kippkante liegt.
Die Hersteller bestätigen das am Seitenständer. Für die CB650R verlangt Honda, den Lenker ganz nach links zu drehen, denn ein Einschlag nach rechts mindert die Standsicherheit, und die Maschine kann umfallen. Die Anleitung der R 1300 GS von 2023 gibt dieselbe Anweisung. Links eingeschlagen lehnt sich die Maschine fester auf den Ständer, und genau diese Anlehnung musst du beim Aufrichten hochdrücken. Mit geradem Lenker ist sie kleiner.
Der Lenker einer schief stehenden Maschine fällt auch von selbst zur tiefen Seite, sobald du ihn locker lässt. Lehnt sie an dir, dreht er zu dir, und sie wird schwerer, ohne dass du etwas getan hast. Halt ihn beim Rangieren gerade und nimm Kurven lieber in einem weiten Bogen. Musst du wenden, dann zu dir hin: Die Maschine drückt zwar stärker, kippt aber nicht von dir weg.
Vorsicht auch mit der Vorderradbremse. Bremst du mit eingeschlagenem Lenker ruckartig, zieht es die Maschine zur eingeschlagenen Seite, beim Fahren im Schritttempo wie beim Schieben. Zeigt das Rad dabei von dir weg, fällt sie auf die Seite, auf der niemand sie auffängt. Dosier den Bremshebel deshalb weich und bremse, wo es geht, mit geradem Vorderrad.
Die Winkel in der Tabelle sind gegen die Senkrechte gemessen, nicht gegen den Boden. Auf ebener Fläche ist das egal, in einer schrägen Einfahrt nicht. Fahrbahnen, Hofeinfahrten und Stellplätze sind oft zur Seite geneigt, damit das Regenwasser abläuft. Beim Rangieren schätzt du die Neigung aber unwillkürlich am Boden ab, nicht an der Senkrechten.
Fällt der Boden von dir weg, nimmt er dir Neigung weg: Die Maschine lehnt weniger an dir. Ist das Gefälle stärker als der Winkel, in dem du sie hältst, lehnt sie sich sogar von dir weg. Fällt er zu dir hin, kommt Neigung dazu, und sie drückt stärker. Beides merkst du an den Händen, bevor du es siehst, und die Antwort ist in beiden Fällen dieselbe: langsamer werden und die Lage zu dir hin nachkorrigieren.
Am Hang kommt beim Rangieren die Rollrichtung dazu. Bergab zieht die Maschine nach vorn, bergauf will sie zurück. Beim Schieben liegt deine rechte Hand die ganze Zeit am Vorderradbremshebel.
Rückwärts bergab schiebst du ein schweres Motorrad besser gar nicht, denn es gewinnt schneller Tempo, als du umgreifen kannst. Setz dich drauf, stütz dich mit dem linken Fuß ab und nimm mit dem rechten die Hinterradbremse. So empfiehlt es das Institut für Zweiradsicherheit für das Zurückrollen am Berg.
Rollt die Maschine rückwärts, verlagert jedes Bremsen ihr Gewicht nach hinten, und das Vorderrad steht am Hang höher und trägt schon im Stand weniger. Greifst du dann in die Vorderradbremse, rutscht es auf losem oder nassem Boden eher weg.
Die Tabelle hört bei 30 Grad auf. Dort drückt eine 230-Kilo-Maschine schon mit rund 66 Kilo, und diese Zahl gilt nur für eine, die still steht. Fällt sie, hat sie Schwung, und den musst du zusätzlich abbremsen, mit den Armen seitlich vom Körper.
Wie weit du eine Maschine sicher hältst, entscheiden deine Kraft, dein Stand und der Boden unter deinen Stiefeln. Eine Grenze in Grad kann dir niemand seriös nennen. Klar ist nur die Richtung: Je weiter sie schon geneigt ist, desto weniger bleibt dir außer dem Schritt zur Seite.
Große Winkel entstehen selten beim ruhigen Schieben. Meist kommen sie in einem unerwarteten Augenblick: Der Seitenständer ist nicht ganz ausgeklappt, der Stiefel rutscht auf Kies weg, oder das Hinterrad rollt über eine Bordsteinkante. Die Maschine neigt sich dann in einem Zug von 10 auf 20 Grad, und die Kraft aus der Tabelle verdoppelt sich, während du noch umgreifst.
Sicherheitshinweis: Kippt die Maschine weiter, als du sie halten kannst, lass los und geh aus der Fallrichtung. Stell nie ein Bein unter ein fallendes Motorrad, und greif ihm nicht mit gestreckten Armen hinterher.
Zur Kraft aus der Tabelle kommt beim Fallen der Schwung dazu. Wer sich dagegenstemmt, fängt ihn mit Rücken und Knien ab, und gerät ein Fuß unter die Maschine, klemmt sie ihn ein.
Entschieden wird das Rangieren in den ersten Graden. Eine Maschine, die an deiner Hüfte lehnt und zu kippeln anfängt, fängst du mit einem kleinen Schritt und etwas Druck ab, solange sie sich erst wenig weiter neigt. Wer das Kippeln übergeht, hat bald keine Wahl mehr.
Die Haltung zum Rangieren ist schnell beschrieben: die Maschine leicht zu dir geneigt, die Hüfte an der Sitzbank, beide Hände an den Griffen, zwei Finger der rechten Hand am Bremshebel. Die Tabelle erklärt, warum sie funktioniert.
Bei drei Grad Neigung drückt eine 230-Kilo-Maschine mit rund sechs Kilo gegen dich. An der Hüfte, die tiefer sitzt als die Griffe, ist es etwas mehr, dafür trägt dort das Bein mit. Auch die Richtung steht fest: Gerät sie ins Kippen, dann zu dir hin, und auf dieser Seite kannst du sie abfangen.
Sechs Kilo sind ungefähr eine volle Einkaufstasche. Die trägst du auch quer über einen Parkplatz, ohne an deine Arme zu denken.
Wie viel Kraft brauche ich, um ein schräg stehendes Motorrad zu halten?
Entscheidend ist vor allem die Neigung. Sitzt der Schwerpunkt einer 230-Kilo-Maschine etwa auf halber Höhe der Griffe, kommen dort bei 5 Grad ungefähr 10 Kilo an. Bei 10 Grad sind es um die 20, bei 20 Grad über 40. Als grobe Regel kommt pro Grad knapp ein Prozent ihres Gewichts dazu.
Warum wird mein Motorrad beim Rangieren plötzlich so schwer?
Meist hat sich die Maschine weiter geneigt, als du bemerkt hast. Ihr Gewicht bleibt gleich, doch der Schwerpunkt rückt mit jedem Grad weiter neben die Linie zwischen den Reifen, und der Hebel wird länger. Fällt dazu der Lenker zu dir ein, lehnt sich die Maschine noch stärker an dich.
Soll ich den Lenker beim Schieben gerade halten?
Ja, soweit es der Weg zulässt. Beim Einschlagen schwenkt die Stelle, an der das Vorderrad den Boden berührt, zur Seite und verlegt die Kante, über die das Motorrad kippt. Zu dir hin eingeschlagen wird es schwerer, von dir weg kann es auf die andere Seite fallen. Kurven nimmst du beim Schieben am besten in weiten Bögen.
Was mache ich, wenn mir das Motorrad beim Rangieren wegkippt?
Lass die Maschine los und tritt zur Seite, weg von der Richtung, in die sie fällt. Eine fallende Maschine hat Schwung, und wer ihn mit dem Körper bremsen will, riskiert Rücken, Knie und einen eingeklemmten Fuß. Kaputte Hebel oder Spiegel sind dagegen das kleinere Übel.
Ist ein leichtes Motorrad leichter zu rangieren?
Bei gleicher Neigung ja. Kippt die leichte Maschine deutlich weiter, kann sie mehr Kraft verlangen als die schwere, die aufrechter steht. Ein Beispiel: 180 Kilo bei 20 Grad drücken stärker gegen die Griffe als 230 Kilo bei 15 Grad. Beim Rangieren zählt zuerst der Winkel, dann das Gewicht.
Macht ein voller Tank das Rangieren schwerer?
Ja, ein wenig. Der Sprit bringt zusätzliches Gewicht ganz oben in die Maschine und hebt damit den Schwerpunkt an, beides erhöht die Kraft bei gleicher Neigung. Viel mehr als der Tankinhalt entscheidet aber, wie weit du die Maschine kippen lässt.
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