Tempo 30 im Kreisverkehr: Dein Motorrad liegt schon 25 Grad schräg

Ortseingang, der Tacho fällt auf 30, vor dir liegt der Kreisverkehr. Du willst links ab, also drei Viertel der Runde. Schnell fühlt sich daran nichts an.

Trotzdem liegt dein Motorrad in diesem Bogen rund 25 Grad schräg, in einem kleineren Kreisel sogar gut 30.

Für 25 Grad müsstest du auf der Landstraße mit knapp 80 km/h durch eine Kurve mit 100 Metern Radius fahren. Im Kreisverkehr reicht das Tempo, mit dem du sonst an einer Schule vorbeirollst.

Schräglage im Kreisverkehr: Es zählen Tempo und Radius

Wie weit sich ein Motorrad in einer Kurve neigen muss, bestimmen im Kern zwei Größen: das Tempo und der Radius des Bogens. Das Gewicht kommt in der Rechnung nicht vor. Eine 125er und eine voll bepackte Reiseenduro brauchen rechnerisch für denselben Bogen bei demselben Tempo dieselbe Schräglage.

Den Radius gibt im Kreisverkehr der Straßenbau vor. Innerorts sieht das deutsche Regelwerk für einen kleinen Kreisverkehr 26 bis 40 Meter Außendurchmesser vor, als Regelwert gelten 30 bis 35 Meter. Der befestigte Ring um die Mittelinsel ist je nach Größe zwischen 6,5 und 9 Metern breit. Etwa ein Viertel davon soll als Innenring den Lastzügen und Bussen bleiben, die Fahrbahn für alle anderen liegt außen davon.

Fährst du ungefähr in der Mitte dieser Fahrbahn, also zweieinhalb bis drei Meter vom Außenrand, hat deine Linie bei 30 Metern Außendurchmesser rund 12 Meter Radius. Bei 35 Metern sind es rund 15, bei 40 Metern rund 17. Daraus ergibt sich die folgende Tabelle. Sie ist gerechnet und nicht gemessen, und die Linie in der Mitte ist eine Annahme.

TempoKreisel mit 30 mKreisel mit 35 mKreisel mit 40 m
20 km/hrund 15 Gradrund 12 Gradrund 10 Grad
25 km/hrund 22 Gradrund 18 Gradrund 16 Grad
30 km/hrund 31 Gradrund 25 Gradrund 23 Grad
35 km/hrund 39 Gradrund 33 Gradrund 30 Grad

Die Werte gelten für den Bogen im Kreis selbst. Fährst du an der zweiten Ausfahrt geradeaus wieder hinaus, ziehst du einen flacheren Bogen und liegst weniger schräg. Biegst du links ab oder wendest, fährst du den Kreis aus, und dann passt die Tabelle.

Noch enger wird es im Mini-Kreisverkehr, dessen flache Mittelinsel nur für Lastzüge und Busse zum Überfahren gedacht ist. Er misst 13 bis etwa 22 Meter, und die Linie hat dort oft nur sieben oder acht Meter Radius. Dann reichen schon 20 km/h für mehr als 20 Grad.

Den Durchmesser des Kreisverkehrs an deiner Hausstrecke zeigt dir das Luftbild in einer Karten-App. Der Maßstab am Rand reicht für eine Schätzung, manche Apps messen Strecken auch per Fingertipp.

Auf der Landstraße bräuchtest du dafür 80

Nimm zum Vergleich die Landstraße. Eine Kurve mit 100 Metern Radius gehört dort schon zu den engeren. Für 25 Grad Schräglage musst du sie mit knapp 80 km/h fahren, bei 150 Metern Radius mit rund 95.

Im Kreisverkehr kommst du auf denselben Winkel mit Stadttempo. Das liegt am Radius: 15 Meter statt 100. Je enger der Bogen, desto weniger Tempo reicht für dieselbe Schräglage.

Dass dir der Kreisel trotzdem nicht wie eine Landstraßenkurve vorkommt, liegt am Tempo. Bei 30 km/h fliegt nichts an dir vorbei, der Fahrtwind fehlt, der Motor brummt im zweiten Gang vor sich hin. Alles an der Maschine meldet: langsam.

Der Reifen bekommt davon nichts mit. Er hält denselben Winkel wie draußen bei 80.

Fünf km/h mehr kosten sieben Grad

Das Tempo geht doppelt in die Rechnung ein, es wird mit sich selbst multipliziert. Deshalb ändert im Kreisverkehr schon ein kleiner Dreh am Gasgriff viel am Winkel. Bei 35 Metern Außendurchmesser sind es mit 20 km/h rund 12 Grad und mit 30 km/h rund 25. Anderthalbmal so schnell heißt hier mehr als doppelt so schräg.

Von 30 auf 35 km/h kommen noch einmal gut sieben Grad dazu. Fünf km/h, die du im Sattel kaum spürst, trennen eine ruhige Runde von einer, in der an tief gebauten Maschinen schon die Raste den Asphalt sucht.

Daraus folgt, was am meisten bringt. Wer mit 25 statt mit 30 km/h hineinfährt, nimmt im Kreisel mit 35 Metern sieben Grad heraus. Wer bei 30 bleibt und einen Meter weiter außen fährt, gewinnt nicht einmal zwei. Die Linie hilft ein wenig, das Tempo viel.

Herausnehmen kannst du es am besten vor dem Einfahren, solange die Maschine aufrecht fährt. In Schräglage braucht der Reifen einen Teil seiner Haftung schon für die Seitenführung, zum Bremsen bleibt weniger übrig. In der Fahrphysik heißt das Kammscher Kreis. Im Bogen hältst du das Tempo deshalb mit ruhigem Gas.

Wer von der Landstraße kommt, schätzt sein Tempo am Ortseingang leicht zu niedrig ein. Nach einer halben Stunde mit 90 fühlen sich 40 langsamer an, als sie sind. Ein Blick auf den Tacho vor dem Kreisverkehr ist ehrlicher als das Gefühl.

Mit Sozius bleibt der Winkel, aber es setzt früher auf

Mit Sozius und Gepäck ändert sich an der Tabelle nichts. Derselbe Kreisverkehr, dasselbe Tempo, derselbe Winkel. Geändert hat sich das Motorrad: Es federt tiefer ein, und alles, was seitlich übersteht, sitzt näher am Asphalt. Fußrasten, Hauptständer oder Krümmer berühren den Boden dann bei weniger Schräglage als solo.

Die Schräglage, die ein Motorrad zulässt, bevor etwas aufsetzt, heißt Schräglagenfreiheit. Nur wenige Hersteller geben sie an. Harley-Davidson nennt den Wert im Datenblatt: Bei der Street Glide Limited des Jahrgangs 2026, einem Tourer mit 405 Kilo, stehen dort 31 Grad, links wie rechts. Das ist ungefähr der Winkel, den die Tabelle für den kleinsten der drei Kreisel bei Tempo 30 nennt. Rechnerisch ist die Schräglagenfreiheit damit so gut wie aufgebraucht, und Reifenbreite und Fahrbahnneigung stehen noch gar nicht in der Tabelle.

Sportliche Maschinen und Naked Bikes haben deutlich mehr Reserve, bei ihnen meldet sich im Kreisel so schnell nichts. Vor der Fahrt zu zweit ist bei allen das Federbein dran, es sei denn, das Fahrwerk gleicht die Beladung selbst aus. Mehr Vorspannung holt einen Teil der verlorenen Höhe zurück, und ob der Reifendruck angepasst werden muss, sagt die Anleitung. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.

Dein Sozius ändert noch etwas, und das steht in keiner Tabelle: die Haltung. Lehnt er sich im Kreisel nach außen, weil ihm die Schräglage unheimlich ist, muss die Maschine für denselben Bogen weiter hinunter. Sag es vor der Abfahrt: sitzen bleiben, mitgehen, in der Kurve an deiner inneren Schulter vorbeischauen.

Was die Rechnung weglässt

Die Tabelle rechnet mit einem Reifen, der so schmal ist wie eine Messerschneide. Echte Reifen sind breit und rund. In Schräglage wandert die Stelle, an der sie den Asphalt berühren, zur Kurveninnenseite, und die Maschine muss ein paar Grad weiter liegen als gerechnet. Mit einem breiten Hinterreifen etwas mehr als mit einem schmalen.

Auch die Fahrbahn steht nicht in der Tabelle. Im Kreisverkehr fällt sie meist leicht nach außen ab, das Regelwerk für den Straßenbau sieht 2,5 Prozent vor, damit das Regenwasser abläuft. Das sind knapp anderthalb Grad, und sie arbeiten gegen dich: Um so viel schräger steht die Maschine zur Fahrbahn, und um so viel früher setzt etwas auf.

In die andere Richtung wirkt dein Tacho. Er zeigt in aller Regel etwas mehr an, als du fährst. Stehen dort 30 und es sind in Wahrheit 28, nimmt das im Kreisel mit 35 Metern rund drei Grad heraus.

Bleibt deine Haltung. Nimmst du Kopf und Schultern leicht nach innen, steht die Maschine etwas aufrechter. Hältst du den Oberkörper senkrecht und drückst sie unter dir in den Bogen, liegt sie weiter.

Unterm Strich heben sich diese Posten zu einem guten Teil auf. Als Größenordnung stimmt die Tabelle, aufs Grad genau ist sie nicht.

Ein Cockpit mit Schräglagenanzeige verrät, wie schräg du wirklich warst. Die BMW R 1300 GS zeigt laut Anleitung von 2023 in der Ansicht Sport neben dem aktuellen auch den größten Schräglagenwinkel nach links und nach rechts. Lies den Wert nach dem Anhalten ab und nicht im Bogen.

Der Belag im Kreisverkehr ist selten sauber

25 Grad sind auf trockenem, griffigem Asphalt Alltag, auf der Landstraße fährst du solche Winkel ständig. Nur ist ein Kreisverkehr selten so sauber wie die Landstraße davor.

Tausende Fahrzeuge ziehen dort jeden Tag dieselbe Spur, bremsen hinein und beschleunigen hinaus. Der Belag wird blank gefahren. Öl und Diesel, die Autos und Lastwagen verlieren, liegen auch hier auf der Fahrbahn. Auf der Geraden rollst du aufrecht darüber, im Kreisel schräg. Der Innenring für die Lastzüge ist oft rau gepflastert oder durch eine wenige Zentimeter hohe Kante abgesetzt. Im Mini-Kreisverkehr ist häufig die Mittelinsel selbst gepflastert oder nur markiert.

An Ein- und Ausfahrt kommen Markierungen dazu, und dort wechselt die Maschine die Seite. Erst kommt ein kurzer Rechtsbogen, dann legt sie sich nach links, und beim Ausfahren geht es wieder nach rechts.

Bei Nässe wird all das glatt. Eine Gradzahl, ab der es rutscht, gibt es dafür nicht, sie hinge an Reifen, Temperatur, Belag und Wasser. Fest steht nur die Richtung: Je mehr Schräglage, desto weniger Reserve bleibt dem Reifen für alles, was unerwartet kommt. Dazu gehört auch das Auto, das an der nächsten Einfahrt anfährt, obwohl du schon im Kreis bist.

Sicherheitshinweis: Nimm das Tempo vor dem Kreisverkehr heraus, solange die Maschine aufrecht fährt, und roll mit gleichmäßigem Gas durch den Bogen. Bei Nässe, auf Pflaster und über Markierungen fährst du so aufrecht, wie es der Bogen zulässt, also langsamer.

Wer erst in Schräglage hart bremst oder das Gas zudreht, verlangt vom Reifen Bremskraft und Seitenführung zugleich. Auf glattem Belag kann dann ein Rad wegrutschen, und für eine Korrektur bleibt kaum Zeit. Hinter dir fährt im Kreisel oft jemand.

Jetzt im Herbst liegt im Kreisverkehr dazu oft nasses Laub am Fahrbahnrand, und der Asphalt bleibt morgens länger feucht.

Mit 25 statt 30 hinein

Welches Tempo passt, entscheiden Belag, Reifen und Verkehr. Die Rechnung zeigt nur, wie viel ein kleiner Schritt bringt. Im Kreisel mit 35 Metern sind es bei 25 km/h rund 18 Grad statt 25, im kleineren mit 30 Metern rund 22 statt 31.

Bezahlt wird das in Zeit. Drei Viertel der Runde sind im Kreisverkehr mit 35 Metern rund 70 Meter. Mit 30 km/h bist du in achteinhalb Sekunden durch, mit 25 km/h in gut zehn.

Keine zwei Sekunden für sieben Grad.

❓ Häufige Fragen zur Schräglage im Kreisverkehr

Wie viel Schräglage hat ein Motorrad im Kreisverkehr?

Die Schräglage im Kreisverkehr ergibt sich aus Tempo und Radius. Bei 35 Metern Außendurchmesser hat eine Linie in der Fahrbahnmitte rund 15 Meter Radius, das ergibt rechnerisch etwa 12 Grad bei 20 km/h und 18 Grad bei 25 km/h. Mit 30 km/h werden daraus 25 Grad. Ein kleinerer Kreisel verlangt bei gleichem Tempo mehr, ein größerer weniger.


Braucht ein schweres Motorrad im Kreisverkehr mehr Schräglage als ein leichtes?

Für die nötige Schräglage in einer Kurve ist das Gewicht des Motorrads ohne Bedeutung. In der Rechnung stehen nur die Geschwindigkeit und der Kurvenradius. Eine schwere, tief gebaute Maschine setzt aber oft früher auf, weil Rasten, Ständer oder Koffer näher am Boden sitzen.


Ändert ein Sozius die Schräglage im Kreisverkehr?

Die nötige Schräglage bleibt mit Sozius dieselbe. Das Motorrad federt unter der zusätzlichen Last aber tiefer ein, deshalb können Rasten oder Ständer früher den Asphalt berühren. Lehnt sich der Sozius im Bogen nach außen, braucht die Maschine dazu noch mehr Schräglage.


Warum fühlt sich Tempo 30 im Kreisverkehr so harmlos an?

Tempo 30 wirkt im Kreisverkehr harmlos, weil kaum Fahrtwind da ist, der Motor niedrig dreht und die Umgebung gemächlich vorbeizieht. Für die Schräglage zählt aber auch der Radius, und der ist dort sehr klein. Der Winkel wird dadurch ähnlich groß wie bei knapp 80 km/h in einer Landstraßenkurve mit 100 Metern Radius.


Wie lässt sich die Schräglage für eine Kurve berechnen?

Teile die Geschwindigkeit in km/h durch 3,6, das ergibt Meter pro Sekunde. Nimm diesen Wert mit sich selbst mal und teile das Ergebnis durch den Kurvenradius in Metern und durch 9,81. Heraus kommt der Tangens des Schräglagenwinkels. Den Winkel liefert ein auf Grad eingestellter Taschenrechner über die Arkustangens-Taste, meist die Zweitbelegung der Tangens-Taste. Zur Kontrolle mit 30 km/h und 15 Metern Radius: 8,33 Meter pro Sekunde, im Quadrat 69,4, dann 0,47 und rund 25 Grad. Die Reifenbreite fehlt darin, die echte Maschine liegt ein paar Grad weiter.


Warum setzt im Kreisverkehr die Fußraste auf?

Enge Bögen verlangen schon bei wenig Tempo viel Schräglage: Bei 30 km/h sind es in einem Kreisverkehr mit 35 Metern Außendurchmesser rechnerisch rund 25 Grad, in einem kleineren gut 30. Tief gebaute Maschinen sind dann nahe an dem Winkel, bei dem Rasten oder Ständer den Boden berühren, und mit Sozius und Gepäck ist er noch früher erreicht. Dagegen hilft vor allem weniger Tempo vor dem Einfahren. Nimmst du den Oberkörper nach innen, steht die Maschine nur etwas aufrechter.

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