Motorrad-Tagestouren ab München: 5 Runden unter 300 km

Sonntagmorgen, kurz nach sieben. München schläft noch. Du nicht. Der Tank ist voll, die Luft riecht nach nassem Gras und kaltem Asphalt, und auf dem Mittleren Ring bist du der Einzige mit zwei Rädern. Zwanzig Minuten später ist die Stadt weg. Einfach weg. Stattdessen: Wiesen, Wald, der erste Blick auf die Alpenkette - und dieses Gefühl, das kein Navigationsgerät berechnen kann.

Motorrad-Tagestouren ab München gehören zum Besten, was der süddeutsche Asphalt zu bieten hat. Kein Anlauf nötig, kein halber Tag Autobahn, bevor es anfängt. Du rollst aus der Garage, und gut eine Stunde später stehst du am Kesselberg, am Sudelfeld oder auf einer Straße, die sich so eng an einen Berghang schmiegt, dass du den Fels mit der Fußraste grüßen könntest.

Fünf Runden habe ich zusammengestellt. Alle unter 300 Kilometer, alle als Tagestour machbar, alle mit genug Platz für einen Kaffee, einen Schweinsbraten oder einfach zehn Minuten Stille am Seeufer. Keine davon ist ein Geheimtipp - aber jede hat einen Charakter, den du kennen solltest, bevor du losfährst.

Runde 1: Die Kesselberg-Klassik - 170 km

Jeder Münchner Biker kennt den Kesselberg. Das ist kein Geheimnis, das ist ein Ritual. Und wie bei jedem Ritual steckt der Reiz nicht in der Überraschung, sondern in der Wiederholung.

Die Route führt über die B11 nach Süden, über Wolfratshausen und Benediktbeuern nach Kochel. Bis hierhin ist die Strecke entspannt: breite Straße, sanfte Kurven, am Ende der Kochelsee. Dann kommt der Kesselberg. Gut 250 Höhenmeter auf rund acht Kilometern, enge Kehren, wechselnde Radien. Im unteren Teil noch Wald, oben plötzlich der Walchensee - türkisblau, unwirklich schön, als hätte jemand ein Stück Karibik in die Alpen gelegt.

Aber Vorsicht: Bergauf, also von Kochel zum Walchensee, ist der Kesselberg vom 1. April bis 31. Oktober täglich von 15 bis 22 Uhr für Motorräder gesperrt; seit 2025 gilt das dauerhaft. Fahr die Runde deshalb am Vormittag, oder komm am Nachmittag andersherum über Garmisch, Mittenwald und Wallgau an den Walchensee: Bergab nach Kochel ist der Kesselberg auch in dieser Zeit offen.

Die Kehren sind anspruchsvoller, als sie auf der Karte aussehen: wenig Sicht in die Kurve, Gegenverkehr, manchmal Kies in den Scheitelpunkten. Auf dem ganzen Kesselberg gelten Tempo 60 und Überholverbot, und die Polizei kontrolliert regelmäßig. Nicht weil sie Biker hasst, sondern weil hier tatsächlich zu viel passiert ist.

Am Walchensee dann der Pflicht-Stopp. Helm ab, Jacke auf, ein Espresso an der Uferstraße. Zurück geht es auf demselben Weg, den Kesselberg hinunter und über die B11 durch das Loisachtal. Rund 170 Kilometer ab der Stadtmitte, gut drei Stunden mit Pause: die perfekte Vormittagsrunde. Wer mehr Zeit hat, fährt vom Walchensee über Wallgau, Mittenwald und Garmisch zurück, dann werden es gut 220 Kilometer.

Runde 2: Sudelfeld und Tatzelwurm - 190 km

Wenn der Kesselberg der Klassiker ist, dann ist das Sudelfeld der zweite. Breitere Kurven, und oben am Pass eine Weite, die dich vergessen lässt, dass München nur eine gute Stunde entfernt liegt.

Du fährst über die A8 Richtung Rosenheim, ja, erst einmal gut 40 Kilometer Autobahn, und nimmst die Ausfahrt Irschenberg. Über Fischbachau geht es sanft hinauf nach Bayrischzell, vorbei an Almwiesen und Bauernhöfen, die aussehen, als wären sie für eine Postkarte gebaut worden. Hinter Bayrischzell beginnt die eigentliche Passstraße. Das Sudelfeld ist ein Hochplateau auf gut 1.100 Metern, und die Straße zieht sich in langen Bögen darüber. Im Sommer meist trocken, im Frühjahr in den Schattenstellen oft noch feucht, also Vorsicht.

Wichtig ist hier die Richtung. Seit 2025 läuft am Sudelfeld ein Verkehrsversuch: In Fahrtrichtung Bayrischzell, also vom Tatzelwurm her, ist die Strecke für Motorräder vom 1. April bis 31. Oktober täglich von 11 bis 21 Uhr gesperrt. Ausgenommen sind nur Mofas und Kleinkrafträder, eine 125er also nicht. Diese Runde führt von Bayrischzell hinauf und Richtung Tatzelwurm hinunter und bleibt damit offen. Umgekehrt fährst du sie in dieser Zeit nicht.

Angeordnet ist die Sperre bisher für die Saisons 2025 und 2026. Was danach gilt, prüfst du vor der Fahrt beim Landratsamt Miesbach.

Den Rückweg machst du über den Tatzelwurm. Vom Sudelfeld geht es hinunter zum Tatzelwurm mit seinem Wasserfall, ein guter Platz für eine Pause: Der Bach rauscht so laut, dass du dein Handy nicht hörst. Gut so. Danach kommt die Tatzelwurmstraße, und sie verdient ihren Namen: Sie windet sich wie ein Fabelwesen durch eine Schlucht, eng, schattig, mit Kehren, die auch Erfahrene fordern. Der Abschnitt hinunter nach Brannenburg ist eine Mautstraße, also Kleingeld einpacken.

Zurück nach München über Brannenburg und die Inntalautobahn. Rund 190 Kilometer, vier bis fünf Stunden. Eine Tour, die du im Mai zum ersten Mal fährst und im Oktober zum letzten Mal - und dazwischen so oft wie möglich.

Runde 3: Tegernsee und Achenpass - 220 km

Vergiss den Tegernsee. Jedenfalls das Ufer. Das gehört den SUVs und den Tretbooten und den Leuten, die ihren Aperol mit Seeblick trinken. Für Motorradfahrer wird es erst dahinter interessant - dort, wo der Achenpass anfängt und die Postkarten-Idylle aufhört.

Die Anfahrt über Holzkirchen an den Tegernsee und am Westufer über Bad Wiessee ist Aufwärmprogramm - fließender Verkehr, moderate Geschwindigkeit, ein paar Kurven zum Warmfahren. Hinter Kreuth beginnt der schönere Teil: Die B307 zieht in Kurven hinauf zum Achenpass, und das ist eines dieser Stücke, bei denen du am liebsten umdrehen und nochmal fahren würdest. Hinter der Grenze wird es ruhiger, denn der Achensee liegt nur rund zwölf Meter tiefer als der Pass.

Am Achensee führt die Bundesstraße am Ostufer entlang nach Maurach am Südende. Dort biegst du ab nach Pertisau: ein kurzes Stück, ruhig, mit Blick auf das Karwendelgebirge.

In Pertisau: Steg am See, Fisch auf dem Teller, Berge im Blick. Dann denselben Weg zurück über den Achenpass nach Bad Wiessee und durch das Mangfalltal nach München. Rund 220 Kilometer, und du warst in einem anderen Land, ganz ohne Flughafen.

Ein Hinweis für die Frühstarter: Am Achenpass kann es morgens empfindlich kühl sein, selbst wenn München 25 Grad meldet. Eine Lage mehr schadet nie.

Runde 4: Mittenwald und das Karwendel - 230 km

Kalkstein, senkrecht, grau-weiß, so nah, dass du meinst, du könntest ihn anfassen. Das Karwendelgebirge ist keine Kulisse - es ist eine Wand. Und mittendrin: eine Straße, die sich bescheiden am Fuß dieser Wand entlangzieht. Das ist die landschaftlich dramatischste Tour der fünf.

Du fährst über die A95 und die B2 nach Garmisch-Partenkirchen und weiter nach Mittenwald. Bis Garmisch ist das Pflichtprogramm, mit allem, was dazugehört - Lkw-Verkehr, Baustellen, Tempo 80 hinter einem Wohnmobil. Nicht der schönste Teil. Aber ab Garmisch Richtung Mittenwald öffnet sich das Tal, und links und rechts stehen plötzlich Berge, die nicht mehr lieblich sind, sondern ernst.

Mittenwald selbst ist ein Geigenbauort mit Lüftlmalerei an den Fassaden. Hier lohnt sich ein Stopp für einen Kaffee im Ortskern, und selten bist du dort der einzige Motorradfahrer.

Weiter geht es über Krün nach Wallgau und von dort durch das Isartal zurück. Die Strecke am jungen Isarfluss entlang bis Vorderriß (ebenfalls mautpflichtig, eine Privatstraße der Bayerischen Staatsforsten: auch hier Kleingeld bereithalten) ist einer der schönsten Abschnitte in ganz Oberbayern: kaum Verkehr, Mischwald links und rechts, die Isar türkisgrün neben der Straße. Kein Pass, kein Kick, nur Frieden.

Über Lenggries und Bad Tölz geht es zurück Richtung München. Rund 230 Kilometer, ein ganzer Tag, wenn du dir Zeit nimmst. Und das solltest du.

Runde 5: Die Allgäu-Schleife über Pfronten - 280 km

Die längste Tour dieser Liste, und die, die am wenigsten nach München schmeckt. Hier bist du nicht mehr im oberbayerischen Postkarten-Modus, sondern im Allgäu - weicher, grüner, mit Straßen, die sich nicht durch Schluchten quälen, sondern über Hügelkämme schwingen.

Die Anfahrt führt über die A96 bis Landsberg am Lech, dann auf Landstraßen Richtung Schongau und Steingaden. Steingaden ist der Ort, an dem die Wieskirche steht - UNESCO-Welterbe, Rokoko, Goldstuck bis unter die Decke. Musst du nicht besichtigen. Aber wenn du mal zwei Minuten hast und die Tür offen steht: reinschauen. Es ist irritierend schön.

Weiter über Lechbruck nach Füssen. Hier wird die Straße enger, das Allgäu zeigt seine Zähne: kurze, steile Anstiege, verdeckte Kuppen, Kurven, die sich zuziehen. Hinter Füssen geht es kurz über die Grenze nach Tirol und durch das Vilstal nach Pfronten - ein Abschnitt, der zu den wenig befahrenen Perlen der Region gehört. Die Straße folgt dem Fluss, der Asphalt ist gut, der Verkehr überschaubar. An Wochentagen hast du sie quasi für dich.

Der Geruch hier ist anders als in Oberbayern - weniger Nadelwald, mehr gemähtes Gras, mehr Kuhstall, mehr Erde. Das Allgäu riecht nach Arbeit und Ruhe gleichzeitig.

Pfronten selbst lebt im Winter vom Skifahren und im Sommer von Wanderern. Du bist nicht wegen des Ortes hier, sondern wegen der St 2520, bis 2016 die B309, von Pfronten Richtung Nesselwang. Diese Strecke ist Allgäu in Reinform: geschwungene Hügel, Kuhherden, Kirchturmspitzen am Horizont, und eine Straße, die sich an die Landschaft anschmiegt, als wäre sie dort gewachsen.

Zurück nach München über Kaufbeuren und Landsberg. 280 Kilometer, und du kommst mit einer Ruhe nach Hause, die keine der kürzeren Runden liefert. Die Allgäu-Schleife ist keine Strecke für Adrenalin - sie ist eine Strecke für Leute, die verstanden haben, dass Motorradfahren auch ohne enge Kehren etwas mit dem Kopf macht.

Die besten Motorrad-Tagestouren rund um München - was sie verbindet

Tankstellen liegen auf allen Runden am Weg; mit kleinem Tank planst du vor allem bei der Allgäu-Schleife einen Stopp ein. Und keine der Runden wird langweilig, auch nicht beim zehnten Mal - weil eine Strecke im April anders ist als im August, bei Wolken anders als bei Sonne, allein anders als zu zweit.

Was du brauchst: einen freien Tag, einen vollen Tank und die Bereitschaft, nicht den schnellsten Weg zu nehmen, sondern den schönsten. München ist eine Stadt, die Motorradfahrer nicht besonders liebt: Tempo-30-Zonen, Parkraumbewirtschaftung, Stau auf dem Mittleren Ring. Aber München ist auch eine Stadt, von der aus du in gut einer Stunde am Fuß der Alpen stehst. Das ist der Deal. Und er ist gut.

Noch ein Wort zur Saison: Im März und April kann es auf den höheren Abschnitten - Kesselberg, Sudelfeld, Achenpass - noch Restfeuchtigkeit, Rollsplitt oder sogar Schneereste geben. Schattenseiten trocknen zuletzt. Die Reifen sind noch nicht auf Temperatur. Der Asphalt auch nicht. Das ist kein Grund, nicht zu fahren - aber ein Grund, die ersten Kurven mit Respekt zu nehmen.

Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel ordnet die Lage allgemein und journalistisch ein (Stand: September 2026). Er ist keine Rechtsberatung, und Einzelfälle können anders liegen. Sperrzeiten, Tempolimits und Mautregeln können sich ändern; prüf sie vor der Fahrt bei den Landratsämtern Bad Tölz-Wolfratshausen, Miesbach und Rosenheim oder bei den Betreibern der Mautstraßen.

Fünf Runden, ein Prinzip

Viele suchen die besten Motorradstrecken weit weg: Korsika, Sardinien, die Dolomiten. Und ja, die sind großartig. Aber manche der besten Stunden auf dem Motorrad verbringst du auf einer Straße, die du schon zwanzig Mal gefahren bist, nur diesmal mit weniger Druck und einer Kurve, die du zum ersten Mal wirklich spürst.

München gibt dir fünf davon. Mindestens. Ohne Vignette, ohne Fähre, ohne Nachtlager. Nur du, die Maschine und eine Landschaft, die sich nicht anstrengen muss, um spektakulär zu sein.

Fahr los. Am besten am nächsten freien Vormittag.

❓ Häufige Fragen zu Motorrad-Tagestouren ab München

Welche Motorradtour ab München eignet sich für Anfänger?

Fahrerisch am entspanntesten ist die Allgäu-Schleife, weil sie ohne enge Kehren auskommt, auch wenn sie ein paar unübersichtliche Kuppen hat; mit 280 Kilometern ist sie allerdings die längste. Die Kesselberg-Runde ist mit rund 170 Kilometern die kürzeste, hat mit dem Kesselberg aber genau die engen Kehren, die Anfängern am meisten abverlangen. Dort gelten Tempo 60 und Überholverbot, und bergauf ist die Strecke vom 1. April bis 31. Oktober täglich von 15 bis 22 Uhr für Motorräder gesperrt.


Wann ist die beste Jahreszeit für Tagestouren in Oberbayern?

Mai bis September bietet die zuverlässigsten Bedingungen. Im März und April ist es auf höheren Abschnitten wie dem Sudelfeld oder dem Achenpass oft noch feucht, und in den Kurven liegt Rollsplitt vom Winterdienst. Der September ist oft ideal, mit weniger Verkehr als im Hochsommer. Im Oktober kommen kalte Morgen, nasses Laub und früh tief stehende Sonne dazu.


Brauche ich für die Tour über Tegernsee und Achensee eine Vignette?

Nein. In Österreich gilt die Vignettenpflicht nur auf Autobahnen (A) und Schnellstraßen (S). Über den Achenpass und zum Achensee fährst du auf der B307 und in Österreich auf der Achensee Straße B181, beide sind maut- und vignettenfrei.


Reicht eine Tankfüllung für jede der fünf Touren?

Bei vielen Motorrädern ja. Die längste Runde hat 280 Kilometer; wer mit einer Füllung deutlich weniger schafft, plant bei der Allgäu-Schleife einen Tankstopp ein. Tankstellen gibt es entlang aller Routen, etwa in Bad Tölz, Garmisch und Füssen.


Gibt es am Kesselberg Geschwindigkeitskontrollen?

Ja, die Polizei kontrolliert dort regelmäßig. Zwischen Kochelsee und Walchensee gelten Tempo 60 und Überholverbot, und nach vielen schweren Unfällen ist die Strecke bergauf für Motorräder von April bis Oktober nachmittags und abends gesperrt.


Sind die Routen auch mit dem Sozius fahrbar?

Alle fünf Runden lassen sich zu zweit fahren. Die Allgäu-Schleife ist für den Sozius am angenehmsten, mit langen, geschwungenen Strecken ohne enge Kehren. Der Tatzelwurm und der Kesselberg sind mit Beifahrer anspruchsvoller, aber machbar, wenn du Erfahrung mit Sozius mitbringst.


Kann ich die Touren mit einer 125er fahren?

Ja. Eine 125er darf auch auf die Autobahn, weil sie bauartbedingt schneller als 60 km/h fährt; auf der A96 schwimmst du allerdings eher im Lkw-Tempo mit, entspannter ist die Anfahrt über Landstraßen. Die Passabschnitte am Sudelfeld und am Achenpass sind machbar, verlangen bergauf mit Sozius aber Geduld. Die Motorradsperren am Kesselberg und am Sudelfeld gelten auch für 125er.

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