
Du drehst den Zündschlüssel, drückst den Anlasser, und schon am Standgas weißt du, mit welchem Motorrad du es zu tun hast. Ein Zweizylinder verrät seinen Charakter, bevor du auch nur einen Meter gefahren bist. Mal blubbert es satt und ungleichmäßig aus dem Endrohr, mal surrt es fast nervös vor sich hin, mal pulsiert es so kernig, dass die Spiegel leicht zittern. All das kommt nicht von ungefähr.
Hinter jedem dieser Klangbilder steckt eine bewusste Konstruktionsentscheidung - vor allem die Frage, in welchem Winkel die beiden Pleuel an der Kurbelwelle sitzen und in welchem Abstand die Zündungen aufeinanderfolgen. Genau das macht den Reiz dieses Motorkonzepts aus, und genau das schauen wir uns hier in Ruhe an.
Ein Zweizylinder ist auf den ersten Blick simpel: zwei Kolben, zwei Brennräume, eine gemeinsame Aufgabe. Doch die Art, wie diese beiden Kolben ihre Arbeit aufteilen, entscheidet über Vibration, Klang, Laufruhe und das Gefühl am Gasgriff. Es gibt nicht den einen richtigen Zweizylinder. Es gibt verschiedene Bauformen, die jeweils ihre eigenen Stärken und ihre eigenen Kompromisse mitbringen.
Bevor wir über Zündabstände reden, lohnt der Blick auf die grobe Einteilung. Bei einem Reihen-Twin, auch Parallel-Twin genannt, stehen beide Zylinder nebeneinander aufrecht im Rahmen. Die Bauform ist kompakt, schmal und vergleichsweise günstig zu fertigen - ein Grund, warum sie sich über Jahrzehnte gehalten hat. Beim V-Motor dagegen stehen die beiden Zylinder in einem Winkel zueinander, sie bilden ein V. Je nach Winkel wird die Maschine länger oder höher, gewinnt aber oft an Laufkultur und an einem ganz eigenen Klang.
Eine dritte Variante ist der Boxer, bei dem die Zylinder waagerecht und einander gegenüberliegend nach außen zeigen. Du liest oft, er sei einfach ein 180-Grad-V. Ist er nicht, und der Unterschied ist genau der, um den es in diesem Artikel geht: Beim echten 180-Grad-V teilen sich beide Pleuel einen Hubzapfen, die Kolben laufen deshalb in dieselbe Richtung. Der Boxer gibt jedem Kolben seinen eigenen Hubzapfen, und darum laufen seine Kolben gegeneinander. Klingt nach Haarspalterei, entscheidet aber über die komplette Laufkultur. Auf ihn kommen wir später zurück.
Warum überhaupt zwei Zylinder und nicht einer oder vier? Der Zweizylinder ist eine Art Vernunftehe. Gegenüber dem Einzylinder läuft er runder, dreht meist höher und liefert mehr Leistung, ohne gleich groß und schwer zu werden. Gegenüber dem Vierzylinder bleibt er schmal, leicht, drehmomentstark im unteren Bereich und obendrein günstiger im Bau. Diese Mitte zwischen Einfachheit und Laufkultur ist der Grund, warum der Twin in fast jeder Motorradklasse zu Hause ist - vom kleinen Einsteiger-Naked bis zur großen Reiseenduro.
Entscheidend ist: Die äußere Bauform allein sagt noch nicht alles. Zwei Reihen-Twins können sich völlig unterschiedlich anfühlen, je nachdem, wie ihre Kurbelwelle aufgebaut ist. Der Zündabstand ist der eigentliche Charakterträger.
Bevor wir tiefer einsteigen, ein kurzer Begriff zur Einordnung: Mit Primärbalance meinen Techniker den Ausgleich der Massenkräfte erster Ordnung - grob gesagt die Kräfte, die einmal pro Kurbelwellenumdrehung entstehen. Die Sekundärbalance betrifft die Kräfte zweiter Ordnung, die doppelt so schnell auftreten. Beide zusammen entscheiden darüber, wie sehr ein Motor vibriert. Lass uns das Stück für Stück auseinandernehmen.
Beim 360-Grad-Reihen-Twin sitzen beide Hubzapfen der Kurbelwelle in derselben Position. Die Kolben laufen also synchron auf und ab - sie erreichen gemeinsam den oberen und gemeinsam den unteren Totpunkt. Gezündet wird abwechselnd, und hier lohnt kurzes Mitdenken: Im Viertakt kommt jeder Zylinder nur bei jeder zweiten Kurbelwellenumdrehung an die Reihe. Bei zwei Zylindern fällt damit pro Umdrehung genau eine Zündung an - gleichmäßig verteilt, Zündabstand 360 Grad.
Das Spannende daran: Was die Massenkräfte erster Ordnung angeht, verhält sich ein solcher Motor im Prinzip wie ein einzelner großer Zylinder derselben bewegten Masse. Weil beide Kolben gleichzeitig in dieselbe Richtung beschleunigen, addieren sich ihre Kräfte, statt sich auszugleichen. Die Primärbalance ist also nicht besser als beim Single - sie ist von gleicher Charakteristik. Dafür entsteht kein Wankmoment um die Querachse, weil eben nichts gegeneinander arbeitet. Der Motor schüttelt sich, aber er kippelt nicht.
Klanglich ist das der gleichmäßige, fast schon brave Sound, den viele mit klassischen britischen Maschinen verbinden. Weil die Zündungen exakt gleichmäßig fallen, wird daraus obenraus ein flaches, gleichförmiges Brummen - nah am Klangbild eines Boxers, der seine Zündungen ebenfalls im 360-Grad-Takt setzt. Die 1937 vorgestellte Triumph Speed Twin gilt als Urvater dieser Bauart und prägte über Jahrzehnte das Bild des Parallel-Twins. Auch die Yamaha XS650, ein Klassiker der späten Sechziger und Siebziger, arbeitete mit einer 360-Grad-Kurbelwelle. Wer den charakteristischen, eher kultivierten Lauf dieser Motoren einmal gehört hat, vergisst ihn nicht.
Der Preis für diese gleichmäßige Zündfolge ist allerdings spürbar. Weil beide Kolben im Gleichtakt arbeiten, vibriert ein 360-Grad-Twin bei höheren Drehzahlen deutlich - das Schütteln eines großen Singles, nur eben mit doppelter Zylinderzahl. Die Konstrukteure begegneten dem über die Jahrzehnte mit Gummilagern für den Motor, mit Ausgleichswellen und mit moderaten Drehzahlbereichen.
Wer ein solches Motorrad fährt, lernt schnell, dass es bei mittleren Drehzahlen am angenehmsten arbeitet. Ganz oben am Begrenzer macht der Gleichläufer keinen Hehl daraus, dass er aus einer Zeit stammt, in der Laufruhe nicht das oberste Konstruktionsziel war.
Versetzt du einen der beiden Hubzapfen um 180 Grad, entsteht der Gegenläufer. Während ein Kolben oben steht, steht der andere unten. Bewegt sich der eine nach oben, schiebt sich der andere nach unten. Das hat einen schönen Effekt: Die Massenkräfte erster Ordnung heben sich weitgehend gegenseitig auf, die Primärbalance ist nahezu perfekt.
Der Haken sitzt eine Etage höher. Die Kräfte zweiter Ordnung löschen sich hier nicht aus, sie addieren sich sogar - beide Kolben erreichen ihre Umkehrpunkte im selben Takt. Deshalb fühlt sich so ein Motor unten herum sauber an und wird obenraus trotzdem nie ganz ruhig.
Und damit nicht genug. Weil die beiden Kolben nicht auf derselben Achse, sondern leicht versetzt nebeneinander sitzen, greifen ihre gegenläufigen Kräfte an unterschiedlichen Punkten an. Daraus entsteht ein Wankmoment, im Englischen oft „rocking couple“ genannt - der Motor neigt dazu, sich um seine Querachse hin und her zu wiegen. Genau dieses Kippeln ist die typische Schwäche des 180-Grad-Layouts.
Hinzu kommt der ungleichmäßige Zündabstand: Die beiden Zündungen folgen im Muster 180 und 540 Grad aufeinander, also kurz, dann lang. Das erzeugt einen charakteristischen, eher hochfrequenten Lauf, den du landläufig als „Nähmaschine“ kennst. Um Vibrationen und Wankmoment in den Griff zu bekommen, spendierten viele Hersteller diesen Motoren eine Ausgleichswelle.
Die Honda CB450 setzte schon 1965 auf das 180-Grad-Konzept, und die Suzuki GS400 bekämpfte die Restkräfte ihres 180-Grad-Motors ab 1977 mit einer zahnradgetriebenen Ausgleichswelle. Es ist also ein Layout, das auf dem Papier glänzt, in der Praxis aber konstruktiven Aufwand verlangt, um wirklich kultiviert zu laufen.
Jetzt wird es interessant, denn hier liegt das Herzstück der modernen Twin-Entwicklung. Beim 270-Grad-Reihen-Twin sitzen die Hubzapfen um 90 Grad versetzt, woraus sich ein Zündmuster von 270 und 450 Grad ergibt - also wieder ungleichmäßig, aber anders gewichtet als beim 180-Grad-Motor. Ein Kolben steht im oberen Totpunkt, während der andere etwa in der Mitte seines Hubs unterwegs ist.
Das Faszinierende daran: Dieses Zündmuster ist exakt dasselbe wie bei einem klassischen 90-Grad-V2. Der 270-Grad-Reihen-Twin ahmt also gewissermaßen das Zünd- und Laufverhalten eines V-Twins nach, ohne dessen Baulänge zu brauchen. Du bekommst das pulsierende, ungleichmäßige Klangbild und den kernigen Schub eines V2 in einem schmalen, kompakten Reihenmotor verpackt.
Was die Balance angeht, dreht sich das Bild gegenüber dem 180-Grad-Motor um. Der 270-Grad-Twin erreicht eine nahezu perfekte Balance der Massenkräfte zweiter Ordnung, also der Sekundärbalance. Dafür ist seine Primärbalance unvollkommen, es bleiben freie Kräfte und ein Wankmoment übrig. Deshalb arbeitet praktisch jeder ernsthafte 270-Grad-Twin mit einer Ausgleichswelle, die diese Restkräfte schluckt und den Motor laufruhig macht, ohne ihm seinen Charakter zu nehmen.
Und dieser Charakter ist es, der die Bauform so beliebt gemacht hat. Der ungleichmäßige Zündabstand sorgt für längere Pausen zwischen den Zündungen, in denen der Reifen sich am Boden „erholen“ kann. Viele Fahrer empfinden das als besseres Gefühl für den Grip am Hinterrad, gerade beim Herausbeschleunigen aus der Kurve.
Ob das physikalisch in jedem Fall messbar ist, sei dahingestellt - als subjektives Fahrgefühl wird es jedenfalls von vielen geschätzt. Mein Eindruck nach etlichen Kilometern auf solchen Maschinen: Der Schub fühlt sich direkter und „analoger“ an, der Motor kommuniziert mehr.
Historisch gilt die 1995 vorgestellte Yamaha TRX850 als erster Serien-Parallel-Twin mit 270-Grad-Kurbelwelle; zu uns kam sie gegen Ende desselben Jahres. Ein damals mutiger Schritt, der das Konzept salonfähig machte. Auch die Royal Enfield Interceptor 650 setzt auf eine 270-Grad-Kurbelwelle mit Ausgleichswelle und zeigt, dass die Bauform längst nicht nur in der Sportecke zu Hause ist, sondern auch im entspannten Cruisen funktioniert.
Weil wir konkret werden dürfen, schauen wir auf einen Motor, den Yamaha selbst als Aushängeschild führt: den CP2. Hinter dem Kürzel steckt ein 689 Kubikzentimeter großer, flüssigkeitsgekühlter Reihen-Zweizylinder mit zwei obenliegenden Nockenwellen (DOHC) und eben jener 270-Grad-Kurbelwelle. Yamaha vermarktet das Konzept unter dem Namen „Crossplane Crankshaft Concept“. Du findest diesen Motor unter anderem in der MT-07, in der YZF-R7 und in der Ténéré 700 - drei sehr unterschiedliche Motorräder, die sich denselben charaktervollen Antrieb teilen.
Hier lohnt eine Abgrenzung, die oft schief dargestellt wird. Yamahas Vierzylinder-Superbike R1 trägt den Begriff „Crossplane“ ebenfalls - und zwar aus demselben Grund: Auch beim CP2 stehen die beiden Hubzapfen 90 Grad zueinander und liegen damit in gekreuzten Ebenen. Der Unterschied ist also nicht, dass die eine Welle gekreuzt wäre und die andere eben. Er liegt in der Dimension: Die R1 verteilt vier Hubzapfen in 90-Grad-Schritten und ersetzt damit die sonst übliche ebene Vierzylinder-Kurbelwelle, beim Twin genügen zwei Zapfen, um das Zündmuster eines 90-Grad-V2 nachzubilden. Gleiche Idee, andere Zylinderzahl - und deshalb laufen und klingen beide trotz gleichem Namen völlig verschieden.
Beim V-Motor entscheidet der Winkel zwischen den Zylindern maßgeblich über das Verhalten. Der Königsweg in Sachen Laufruhe ist der 90-Grad-V2. Stehen die beiden Zylinder in einem rechten Winkel zueinander, gleicht sich die Massenkraft erster Ordnung des einen Kolbens durch die des anderen aus - der Motor erreicht eine perfekte Primärbalance, ganz ohne Ausgleichswelle. Genau deshalb gilt diese Bauform unter Technikern als besonders elegant.
Der Zündabstand des 90-Grad-V2 liegt bei 270 und 450 Grad - dasselbe Muster also, das wir schon vom modernen Reihen-Twin kennen. Kein Zufall: Genau dieses Laufverhalten wollten die Konstrukteure mit der 270-Grad-Reihenkurbelwelle nachbilden. Der pulsierende, kernige Schub, den viele mit großvolumigen Sport-Twins verbinden, hat hier seinen Ursprung. Der Nachteil des 90-Grad-Winkels ist die Baulänge: Ein liegend eingebauter 90-Grad-V2 frisst ordentlich Platz im Rahmen, was die Konstruktion fordert.
Ganz anders der enge V-Winkel, wie ihn klassische amerikanische Cruiser pflegen. Ein 45-Grad-V2 hat einen sehr ungleichmäßigen Zündabstand von 315 und 405 Grad. Das ist kein gerundeter Wert, sondern schlichte Geometrie: 360 minus 45 und 360 plus 45, zusammen die 720 Grad eines Viertakt-Arbeitsspiels. Daraus entsteht jener typische, holprig stotternde Leerlaufklang, den du sofort einer bestimmten Cruiser-Kultur zuordnest. Diese Motoren sind alles andere als vibrationsarm, doch genau das ungehobelte, lebendige Laufverhalten ist für ihre Fans das eigentliche Verkaufsargument. Hier geht es nicht um klinische Laufruhe, sondern um Charakter mit Ecken und Kanten.
Zwischen diesen Extremen gibt es viele Winkel - 60 Grad, 75 Grad und andere -, mit denen Hersteller einen Kompromiss aus Baulänge, Balance und Klang suchen. Jeder Winkel verschiebt die Massenkräfte und den Zündabstand ein Stück, und jeder erzeugt damit seinen eigenen Fingerabdruck.
Bleibt die Frage, warum in der Mittelklasse trotzdem gerade reihenweise 270-Grad-Twins die V2 ablösen, obwohl beide dasselbe Zündmuster haben. Zwei Gründe, die wenig mit Romantik zu tun haben. Der erste ist die Kasse: Ein Reihen-Twin kommt mit einem Zylinderkopf, einem Satz Nockenwellen und einem Steuertrieb aus, ein V2 braucht das alles doppelt. Bei einem Motorrad, das ein Einsteiger bezahlen soll, ist das kein Detail, sondern die halbe Kalkulation.
Der zweite Grund steht im Abgasgesetz. Beim Reihen-Twin zeigen beide Auslässe nach vorn, die Krümmer sind kurz und gleich lang, und der Katalysator lässt sich dicht an den Kopf setzen. Genau darauf kommt es an: Ein Kat arbeitet erst, wenn er heiß ist, und die kritischen Gramm entstehen in den ersten Sekunden nach dem Start. Beim V2 muss der hintere Zylinder seine Abgase erst einmal um den Motor herumführen - längerer Weg, mehr abgekühltes Gas, mehr Aufwand. Unter Euro 5 und Euro 5+ ist das ein Nachteil, der Entwicklungsgeld kostet. Der V2 verschwindet deshalb nicht, aber er wandert dorthin, wo Charakter das Verkaufsargument ist.
Der Boxer-Twin verdient eine eigene Betrachtung, weil er sich von Reihen- und klassischem V-Motor grundlegend unterscheidet. Seine beiden Zylinder liegen waagerecht, einander gegenüber, und - das ist der Clou - jeder Kolben hat seinen eigenen Kurbelzapfen. Die Kolben bewegen sich dadurch echt gegenläufig nach außen und wieder zur Mitte, wie zwei Boxer, die gleichzeitig zuschlagen. Daher der Name.
Diese Anordnung hat einen großen Vorteil: Sowohl die Massenkräfte erster als auch zweiter Ordnung sind weitgehend ausgeglichen. Der Boxer läuft also von Natur aus sehr ruhig, ohne dass es zwingend eine Ausgleichswelle bräuchte. Was bleibt, ist ein Rest-Wankmoment, weil die beiden Zylinder eben nicht exakt auf derselben Achse liegen, sondern minimal versetzt. Bei modernen Konstruktionen ist dieser Versatz klein, und einige neuere Boxermotoren von BMW arbeiten zusätzlich mit einer Ausgleichswelle, um auch diesen letzten Rest noch zu glätten.
Im Fahrbetrieb merkst du den Boxer an einem ganz eigenen Phänomen: Beim Gasstoß im Stand kippt die Maschine leicht zur Seite. Der Grund steckt im Einbau. Anders als beim Reihenmotor, dessen Kurbelwelle quer im Rahmen sitzt, liegt sie beim Boxer längs, also in Fahrtrichtung. Wer sie beschleunigt, bekommt die Gegenreaktion um genau diese Längsachse zurück - und die drückt das Motorrad zur Seite.
Dieselbe Einbaulage hat aber auch eine angenehme Seite, die beim Gasstoß im Stand niemand sieht. Eine quer liegende Kurbelwelle dreht sich um dieselbe Achse wie die Räder und wirkt damit wie eine zusätzliche Balancierstange: Ihre Kreiselkräfte stabilisieren die Maschine, setzen einem schnellen Wechsel der Schräglage aber auch etwas entgegen. Bei längs liegender Kurbelwelle ist dieser Effekt praktisch null. Das ist einer der Gründe, warum sich große Boxer trotz ihres Gewichts erstaunlich leichtfüßig einlenken lassen. Dass einzelne Hersteller ihre Kurbelwellen inzwischen gegen die Raddrehrichtung laufen lassen, zielt übrigens auf genau diesen Effekt.
Das ist kein Fehler, sondern eine Eigenheit der Bauform, und für viele Boxer-Fahrer Teil des Charmes. Tief liegender Schwerpunkt, gute Laufruhe und der unverwechselbare seitliche „Nicker“ machen diesen Twin zu einer Klasse für sich.
Die ehrliche Antwort lautet: Das hängt davon ab, was du suchst. Willst du maximale Laufruhe und ein kultiviertes Surren, fühlst du dich beim ausgeglichenen Boxer oder einem ruhig abgestimmten Reihen-Twin wohl. Suchst du den charaktervollen, pulsierenden Schub mit ordentlich Gefühl am Hinterrad, führt kaum ein Weg am 270-Grad-Layout oder am 90-Grad-V2 vorbei. Und wer das ungehobelte, ehrlich vibrierende Erlebnis eines engen V-Twins liebt, wird mit nichts anderem glücklich.
Wichtig ist die Erkenntnis, dass es kein objektiv bestes Layout gibt. Jede Bauform ist ein Kompromiss aus Laufruhe, Baulänge, Kosten und - ganz entscheidend - dem gewünschten Charakter. Ein moderner Hersteller wählt das Konzept gezielt passend zum Einsatzzweck: kompakt und kernig fürs Naked Bike, ausgewogen und langstreckentauglich für den Tourer.
Ein praktischer Tipp noch: Lass dich von reinen Leistungsangaben nicht blenden. Zwei Twins mit identischen PS-Zahlen können sich grundverschieden anfühlen, weil ihr Drehmomentverlauf und ihr Zündabstand andere Wege gehen. Ein 270-Grad-Motor schiebt früh und kräftig an, ein hochdrehender 180-Grad-Motor will eher ausgedreht werden. Der eine eignet sich für entspanntes Cruisen und Landstraße, der andere belohnt dich, wenn du ihn forderst. Diese Charakterfrage ist im Alltag oft wichtiger als die letzten paar Pferdestärken auf dem Prüfstand.
Wenn du dir unsicher bist, hilft am Ende nur eines: Probe sitzen, Probe hören, Probe fahren. Denn so präzise sich Zündabstände und Massenkräfte beim Zweizylinder auf dem Papier beschreiben lassen - das Gefühl, das ein bestimmter Twin in dir auslöst, lässt sich nicht in eine Tabelle pressen. Genau das ist es, was du im Datenblatt nie finden wirst.
Damit du die Zündabstände im Kopf behältst, hier die Kernmuster noch einmal sortiert:
Diese Muster sind keine trockene Theorie. Sie sind der Grund, warum dir am Standgas sofort klar wird, was da unter dir arbeitet. Und sie erklären, warum zwei Maschinen mit derselben Zylinderzahl und ähnlichem Hubraum sich so verschieden anfühlen können, dass du sie blind auseinanderhältst.
Was bedeutet die Gradzahl bei einer Kurbelwelle, etwa 270 Grad?
Die Gradzahl beschreibt den Versatz der Hubzapfen und damit den Zündabstand. Bei 270 Grad sitzen die Hubzapfen um 90 Grad versetzt, sodass die Zündungen im ungleichmäßigen Muster 270 und 450 Grad aufeinanderfolgen. Genau dieser Abstand prägt Klang, Vibration und Fahrgefühl - mehr noch als die reine Bauform.
Warum gilt der 270-Grad-Twin heute als so beliebt?
Er ahmt das Zündmuster eines 90-Grad-V2 nach, bleibt dabei aber schmal und kompakt. Das ergibt einen pulsierenden, kernigen Schub und ein ungleichmäßiges Klangbild, das viele Fahrer als besonders charaktervoll empfinden. Eine Ausgleichswelle glättet die freien Kräfte, ohne dem Motor seinen Charakter zu nehmen.
Ist Yamahas CP2 dasselbe wie der Crossplane-Motor der R1?
Nein, aber der Unterschied liegt nicht dort, wo ihn viele vermuten. Auch beim CP2 stehen die beiden Hubzapfen 90 Grad zueinander, also in gekreuzten Ebenen - daher der Name. Die R1 setzt dasselbe Prinzip mit vier Zylindern und Hubzapfen in 90-Grad-Schritten um und ersetzt damit die sonst übliche ebene Vierzylinder-Kurbelwelle. Gleiche Idee, andere Zylinderzahl.
Was ist der Unterschied zwischen 360- und 180-Grad-Twin?
Beim 360-Grad-Twin laufen beide Kolben synchron, die Primärbalance verhält sich wie bei einem großen Single, dafür gibt es kein Wankmoment. Beim 180-Grad-Twin laufen die Kolben gegenläufig, die Primärbalance ist nahezu perfekt, dafür entsteht ein Wankmoment um die Querachse und ein hochfrequenter Lauf.
Warum kippt ein Boxer beim Gasstoß im Stand zur Seite?
Weil seine Kurbelwelle längs im Rahmen liegt, also in Fahrtrichtung statt quer wie beim Reihenmotor. Beschleunigst du sie mit einem Gasstoß, wirkt die Gegenreaktion um dieselbe Längsachse und kippt die Maschine kurz zur Seite. Das ist kein Defekt, sondern eine bauartbedingte Eigenheit - und für viele Boxer-Fahrer Teil des Charmes.
Brauchen Zweizylinder eine Ausgleichswelle?
Das hängt vom Layout ab. Der 90-Grad-V2 erreicht von Natur aus eine perfekte Primärbalance und kommt ohne aus. Der 270-Grad-Twin und oft auch der 180-Grad-Twin arbeiten dagegen mit Ausgleichswelle, um Restkräfte und Wankmoment zu beruhigen. Der Boxer läuft auch ohne sehr ruhig, neuere Modelle nutzen sie für den letzten Feinschliff.
Welcher Zweizylinder passt am besten zu mir?
Das hängt davon ab, was du suchst. Für maximale Laufruhe eignen sich Boxer oder ein ruhig abgestimmter Reihen-Twin. Für charaktervollen, pulsierenden Schub bieten sich 270-Grad-Layout oder 90-Grad-V2 an. Wer das ungehobelte Erlebnis liebt, greift zum engen V-Twin. Am Ende hilft nur Probe sitzen, Probe hören und Probe fahren.
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