
In klassischer Bauart zündet ein Reihenvierzylinder alle 180 Grad Kurbelwellendrehung, ein Dreizylinder alle 240 Grad. Ein Reihenzweizylinder mit 270-Grad-Kurbelwelle zündet im Wechsel nach 270 und nach 450 Grad, so wie ein V2 mit 90 Grad zwischen den Zylindern. Diese Zahlen erklären einen guten Teil dessen, was du beim Fahren spürst. Ob ein Boxer, ein Reihenmotor oder ein V-Motor in deinem Rahmen sitzt, entscheidet über den Takt, über die Vibrationen und darüber, wie breit das Motorrad an deinen Knien wird.
Im Viertakter zündet jeder Zylinder einmal in zwei Umdrehungen der Kurbelwelle, also in 720 Grad. Wie sich die Zündungen aller Zylinder darauf verteilen, hörst du am Auspuff und spürst du am Gasgriff: gleichmäßig wie beim Vierzylinder oder im Wechsel aus kurzem und langem Abstand wie beim V2.
Die zweite Größe ist der Massenausgleich. Kolben und Pleuel werden bei jeder Umdrehung beschleunigt und wieder gebremst. Je nach Bauform heben sich diese Kräfte gegenseitig auf oder bleiben übrig, und was bleibt, kommt als Vibration in Lenker und Rasten an. Dagegen setzen Hersteller Ausgleichswellen ein.
Die dritte Größe ist der Platz. Ein Reihenvierzylinder baut breit, ein V2 schmal, dafür je nach Winkel lang oder hoch. Beim Boxer ragen die Zylinder links und rechts heraus.
Den Reihentwin mit 270-Grad-Kurbelwelle findest du oft in der Mittelklasse. Yamaha baut ihn in die MT-07, Honda in die CB750 Hornet, Suzuki in die GSX-8S. Bei allen dreien sind die Hubzapfen um 270 Grad versetzt, und so zündet der Reihenmotor im selben Takt wie ein V2 mit 90 Grad.
Das sagen Honda und Suzuki auch selbst. Honda spricht von einem Pulsieren wie beim V2, Suzuki davon, dass der Motor das Gefühl der eigenen V2-Modelle wie der SV650 bewahren soll. Gegen die übrige Unruhe kann eine Ausgleichswelle arbeiten; in der GSX-8S sitzen zwei.
Für dich bedeutet das einen schmalen Motor mit dem Takt eines V2, ohne dessen Baulänge. Wie viel Zug er wo im Drehzahlband hat, hängt dann vom einzelnen Modell ab, nicht von der Bauform.
Im V2 stehen die Zylinder in einem Winkel zueinander, und beide Pleuel greifen meist am selben Hubzapfen an. Bei 90 Grad zwischen den Zylindern ergeben sich dieselben Zündabstände wie beim 270-Grad-Twin, bei kleineren Winkeln gleichen sich die beiden Abstände einander an.
Typische V2-Bauer sind Ducati, Moto Guzzi, Harley-Davidson und Indian, und Suzuki führt die SV650 mit V2. Die ungleichen Zündabstände prägen den Klang des V2.
Beim Massenausgleich hat der 90-Grad-V2 einen Vorteil gegenüber dem Reihentwin: Die Kraft erster Ordnung, die einmal pro Umdrehung wirkt, gleicht schon ein Gegengewicht an der Kurbelwelle aus. Übrig bleibt eine kleinere Restkraft, die doppelt so oft pro Umdrehung wirkt.
Triumph baut seit dem Neubeginn 1990 Dreizylinder, Yamaha steckt einen mit 890 Kubikzentimetern in die MT-09. Mit der klassischen 120-Grad-Kurbelwelle zündet ein Reihendreizylinder gleichmäßig alle 240 Grad und damit dichter als ein Twin, aber weniger dicht als ein Vierzylinder. Daneben gibt es Dreizylinder mit anders versetzten Hubzapfen und ungleichen Zündabständen.
Ein Reihendreizylinder baut mit drei statt vier Zylindern schmaler als ein Vierzylinder und läuft mit einem Zylinder mehr gleichmäßiger als ein Twin.
Vier Zylinder in Reihe zünden in der Regel alle 180 Grad, die Arbeitstakte folgen dicht aufeinander. Die Kräfte erster Ordnung heben sich durch die Anordnung auf, die zweiter Ordnung nicht: Sie addieren sich und wirken doppelt so oft pro Umdrehung. Bei hohen Drehzahlen spürst du sie als feines Kribbeln.
Vibrationsfrei ist ein Vierzylinder also nicht, er vibriert nur schneller und feiner als ein Twin. Dafür dreht er gleichmäßig hoch. Seine Breite merkst du an den Knien.
Beim Boxer liegen sich die Zylinder flach gegenüber. Jeder Kolben hat seinen eigenen Hubzapfen, und beide bewegen sich gegenläufig, also gleichzeitig nach außen und gleichzeitig nach innen. BMW baut ihn als Zweizylinder, etwa in die R 1300 GS.
Im Boxer heben sich die Massenkräfte erster und zweiter Ordnung auf. Weil die beiden Zylinder um eine Pleuelbreite versetzt sitzen, bleibt allerdings ein Kippmoment. Zwei Ausgleichszahnräder stehen bei BMW in den Daten dieses Motors.
Die Kurbelwelle liegt längs, also in Fahrtrichtung. Gibst du im Stand kurz Gas, kann das Motorrad deshalb ein wenig zur Seite wanken; das ist die typische Folge eines längs eingebauten Motors bei Lastwechseln. Die flache Bauweise senkt den Schwerpunkt, aber nur so weit, wie die seitlich herausragenden Zylinder in Schräglage Platz lassen.
Fahr deine Kandidaten, wenn es geht, auf derselben Runde und mit demselben Plan. Rolle auf einer freien Landstraße mit rund 60 km/h in einem Gang, bei dem der Motor knapp über 3000 Touren dreht, und gib dann gleichmäßig Gas, bis du das Tempolimit erreichst. Dabei merkst du, ob der Motor von unten sauber zieht oder hackt.
Achte auf der Landstraße bei deinem üblichen Tempo im größten Gang darauf, wo Lenker und Rasten kribbeln und ob das genau in dem Drehzahlbereich passiert, in dem du sonst stundenlang unterwegs bist. Das Menü und die Fahrmodi stellst du dabei nur im Stand um.
Am Ende weißt du, ob dir ein Motor liegt, der im Takt pocht, oder einer, der gleichmäßig hochdreht. Das steht in keinem Datenblatt.
Was bedeutet Zündabstand beim Motorrad?
Zündabstand heißt der Winkel, um den sich die Kurbelwelle von einer Zündung bis zur nächsten dreht. Im Viertakter kommt jeder Zylinder nur alle zwei Umdrehungen an die Reihe, deshalb teilen sich alle Zylinder 720 Grad. Ein klassischer Vierer kommt so auf gleichmäßige 180 Grad, ein V2 mit 90 Grad Zylinderwinkel abwechselnd auf 270 und 450.
Warum fühlt sich ein Reihentwin mit 270 Grad wie ein V2 an?
Ähnlich fühlt sich der 270-Grad-Twin an, weil er im selben Wechsel zündet wie ein V2 mit 90 Grad Zylinderwinkel. Honda und Suzuki nennen dieses Gefühl in ihren Unterlagen ausdrücklich. Der Motor bleibt dabei schmal wie jeder Reihentwin.
Läuft ein Boxer ruhiger als ein V2?
Bei den freien Massenkräften liegt der Boxer vorn: Seine gegenüberliegenden Kolben gleichen sich gegenseitig aus, bis in die zweite Ordnung. Ein 90-Grad-V2 behält dort einen kleinen Rest. Dafür entsteht beim Boxer ein Kippmoment, weil seine Zylinder nicht genau auf einer Linie liegen.
Vibriert ein Reihenvierzylinder überhaupt?
Vibrationsfrei läuft ein Reihenvierzylinder nicht. In der klassischen Bauart addieren sich seine Kräfte zweiter Ordnung, und das kommt bei hohen Drehzahlen als feines Kribbeln an Lenker und Rasten an. Gegen diese Kräfte können zwei Ausgleichswellen arbeiten, die mit doppelter Kurbelwellendrehzahl laufen.
Warum wankt ein Boxer beim Gasgeben im Stand?
Wanken lässt den Boxer die Kurbelwelle, die längs in Fahrtrichtung liegt. Ändert sich ihre Drehzahl schlagartig, wirkt ein Moment um die Längsachse des Motorrads, und es neigt sich kurz zur Seite.
Wozu dient eine Ausgleichswelle im Motorrad?
Ausgleichswellen tragen Gewichte, die gegen die Restkräfte aus Kolben und Pleueln laufen und so Vibrationen mindern. Suzuki baut in die GSX-8S zwei ein, und für den Boxer der R 1300 GS führt BMW zwei Ausgleichszahnräder auf.
Worin unterscheidet sich ein Dreizylinder vom Vierzylinder?
Drei Zylinder zünden in der klassischen Bauart alle 240 Grad, vier alle 180, beim Vierer folgen die Zündungen also dichter aufeinander. Der Dreier baut schmaler und klingt anders. Was dir besser liegt, zeigt die Probefahrt.
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