
Der erste Morgen, an dem du wieder zu den dickeren Handschuhen greifst, kommt schneller, als dir lieb ist - Ende August fängt das an. Und dann passiert an der zweiten Ampel etwas Unauffälliges: Du greifst zur Vorderradbremse, und der Punkt, an dem sie zu greifen beginnt, kommt später als erwartet. Nicht viel später. Ein paar Millimeter.
Genau da fängt dieser Artikel an. Denn Motorradhandschuhe werden gekauft wie Kleidung - nach Wärme, Wasserdichtigkeit und Optik. In Wirklichkeit sitzen sie zwischen dir und jedem einzelnen Befehl, den du an diese Maschine gibst. Bremsen, Kuppeln, Gas, Blinker, Schalter. Alles läuft durch zehn Finger und durch das, was du darübergezogen hast.
Denk kurz darüber nach, wie ein Motorrad eigentlich gesteuert wird. Der Fuß macht zwei Dinge, das Gesäß meldet, was das Heck vorhat, und der ganze Rest geht über die Hände. Zwei Hebel, ein Gasgriff, dazu drei bis fünf Schalter. Bei den ersten dreien geht es nicht nur um Kraft, sondern vor allem um Dosierung.
Bremsen heißt nicht einfach ziehen, sondern einen Druck aufbauen und ihn während des Bremsens verändern - bei einer Vollbremsung durchaus mit ordentlich Kraft. Kuppeln heißt, den Schleifpunkt zu finden und ihn zu halten, und an einer schwergängigen Seilzugkupplung kostet das im Stadtverkehr echte Handkraft. Gas geben heißt, ein paar Grad Drehwinkel sauber zu treffen, während der Unterarm über eine Bodenwelle hüpft. Das sind feinmotorische Aufgaben, und dein Handschuh ist der Filter, durch den sie laufen.
Wenn du dir ein anderes Bedienelement am Motorrad ansiehst - einen Bremshebel etwa -, dann diskutieren Leute über einstellbare Griffweite, über Hebelform und über das Verhältnis von Pumpe und Sattel. Über Millimeter also. Und dann ziehen dieselben Leute einen Handschuh an, der zwei bis drei Millimeter Material zwischen Finger und Hebel legt, und wählen ihn nach der Farbe aus.
Das ist die These dieses Artikels, und sie lässt sich ziemlich hart formulieren: Der Handschuh ist der einzige Teil deiner Ausrüstung, der beim Fahren aktiv im Weg steht. Alles andere schützt und schweigt. Der Handschuh schützt und redet mit.
Interessanterweise sieht das die zuständige Prüfnorm genauso. Motorradhandschuhe werden nach EN 13594 geprüft, und in deren Zielbeschreibung steht sinngemäß, dass der Handschuh schützen soll, ohne die Fähigkeit zur Bedienung von Bedienelementen und Schaltern unangemessen einzuschränken.
Das ist bemerkenswert, denn bei den meisten anderen Ausrüstungsteilen steht der Schutz allein im Vordergrund. Und tatsächlich gehört zur Zertifizierung eine Ergonomie-Beurteilung: Eine Prüfperson muss mit dem Handschuh eine festgelegte Reihe von Bewegungen ausführen können, darunter die zum Betätigen von Hebeln und Schaltern.
Zwei Stufen gibt es. Level 1 zielt auf Schutz mit möglichst geringen ergonomischen Einbußen, Level 2 auf das höhere Schutzniveau. Der Zielkonflikt steckt also schon in der Struktur der Norm selbst.
Ein paar Unterschiede, die beim Kauf zählen. Der Knöchelprotektor ist bei Level 1 optional und bei Level 2 vorgeschrieben - ein zertifizierter Handschuh muss also nicht zwingend eine harte Schale über den Knöcheln haben. Die Stulpe muss bei Level 2 mindestens 50 Millimeter über die Handgelenkslinie reichen. Und es gibt einen Rückhaltetest: Der Handschuh muss einer Zugkraft standhalten, ohne von der Hand zu rutschen, bei Level 1 mindestens 25 Newton, bei Level 2 mindestens 50.
Sicherheitshinweis: Ein Handschuh, der im Sturz von der Hand gezogen wird, schützt exakt bis zu dem Moment, in dem er abgeht. Deshalb ist der Verschluss am Handgelenk kein Zierband: Er muss so fest sitzen, dass sich der Handschuh beim kräftigen Ziehen an den Fingerspitzen nicht abstreifen lässt. Prüf das im Laden, bevor es die Straße prüft.
Der häufigste Fehler bei Motorradhandschuhen ist keiner der teuren. Es ist die Größe, und sie geht fast immer in dieselbe Richtung: eine Nummer zu groß.
Was dann passiert, ist rein mechanisch. Zu langes Material legt sich in Falten, und die Falten sitzen genau dort, wo der Finger auf dem Hebel liegt. Statt eines direkten Kontakts hast du eine weiche Zwischenschicht, die sich erst zusammendrücken muss, bevor am Hebel überhaupt etwas passiert. Der Druckpunkt wandert nach hinten, und er wird unschärfer. Bei einer Vollbremsung ist genau diese Schärfe das, was du brauchst.
Zu klein ist übrigens nicht die Lösung. Ein Handschuh, der die Durchblutung abschnürt, macht kalte Finger, und kalte Finger sind ungenau. Außerdem ermüdet die Hand schneller, wenn sie gegen das eigene Material arbeiten muss.
Richtig gemessen wird der Handumfang über den Knöcheln, ohne Daumen, mit einem Maßband. Danach gilt: Die Fingerkuppe soll das Ende des Handschuhs berühren, aber nicht dagegen drücken. Und die Hand muss sich zur Faust schließen lassen, ohne dass der Handschuh am Handrücken spannt.
Ein Nebeneffekt der falschen Größe betrifft ausgerechnet das Gasgeben. Wer wenig Grip im Handschuh hat, greift fester zu, damit ihm nichts wegrutscht. Eine fest zugreifende Hand hängt aber steif am Lenker, und über Bodenwellen überträgt sich jede Bewegung des Unterarms direkt auf den Gasgriff. Das Ergebnis sind Lastwechsel, die niemand befohlen hat. Ein Handschuh, der sicher sitzt, lässt dich lockerer greifen - und lockerer greifen ist die halbe Miete auf schlechtem Belag.
Der Rest ist Einfahren. Leder gibt nach, Textil kaum - es sei denn, es sitzen reichlich Stretch-Einsätze zwischen den Fingern und über den Knöcheln. Ein Lederhandschuh, der am ersten Tag ein bisschen stramm ist, sitzt nach 500 Kilometern richtig. Ein Textilhandschuh, der am ersten Tag zu groß ist, bleibt zu groß.
Wenn du zwei Handschuhe derselben Größe vergleichst und einer fühlt sich deutlich indirekter an, liegt das meist an drei Dingen.
Die Nähte. Eine Naht quer unter der Fingerkuppe oder mitten in der Handfläche ist eine Stufe, die du bei jedem Hebelkontakt spürst. Gute Handschuhe legen die Nähte nach außen oder an die Seiten der Finger. Dreh den Handschuh im Laden einmal um und schau, wo die Nähte laufen.
Die Membran. Wasserdicht heißt: eine zusätzliche Lage plus meistens ein Innenfutter. Entscheidend ist, wie diese Lagen verbunden sind. Hängt die Membran lose im Handschuh, wandert sie beim Zugreifen gegen das Außenmaterial, und genau das schluckt die Rückmeldung vom Hebel. Ist sie flächig damit verklebt - im Handel läuft das als laminierter Aufbau -, bleibt alles ein Paket: etwas steifer in der Hand, dafür direkter am Hebel. Im Sommer ist ein wasserdichter Handschuh trotzdem die schlechtere Wahl, auch wenn viele ihn ganzjährig tragen.
Die Verstärkungen. Doppelte Lagen an Zeigefinger und Handballen sind sinnvoll, sitzen aber teilweise dort, wo du Hebel und Gasgriff bedienst. Bei Handballen-Slidern kommt dazu, dass sie verhindern sollen, dass die Hand am Asphalt hakt und das Handgelenk verdreht wird. Wie viel sie im Einzelfall bringen, wird unter Fahrern durchaus unterschiedlich gesehen - unstrittig ist nur, dass ein Sturz auf die ausgestreckte Hand die klassische Art ist, sich das Kahnbein zu brechen.
Und ein Punkt, der in Tests praktisch nie auftaucht: das Bremsen mit zwei Fingern. Zeige- und Mittelfinger liegen am Hebel, Ring- und kleiner Finger bleiben am Griff - und beim Bremsen kommt der Hebel zu ihnen, nicht umgekehrt. Wie viel Platz dort bleibt, hängt an Hebelform, Griffweite und Handgröße, und ein dick gefütterter Handschuh füllt genau diesen Spalt. Wird es eng, ist der Hebelweg zu Ende, obwohl die Bremse es nicht ist. Das merkst du im Kurvenanbremsen - und dagegen hilft die Griffweite, nicht der dünnere Handschuh.
Und dann ist da noch der Regen, der die Rangfolge komplett umdreht. Nasses Leder wird auf einem nassen Gummigriff glatt, und ein durchweichter Textilhandschuh liegt schwer und steif um die Finger. Deshalb ist ein wirklich dichter Handschuh im Dauerregen nicht Komfort, sondern Bedienbarkeit - er hält die Hand trocken, warm und beweglich. Die Alternative aus dem Zubehörregal, ein dünner Überziehhandschuh, hält zwar das Wasser draußen, kostet dafür aber genau das Gefühl, um das es hier geht.
Sicherheitshinweis: Ein Handschuh, der den Druckpunkt der Vorderradbremse verwischt, kostet dich Bremsleistung genau dann, wenn es eng wird - weil du zögerlicher zugreifst oder zu spät nachlegst. Wenn dir dein Winterhandschuh am Hebel unsicher vorkommt, ist das kein Gewöhnungsthema, sondern ein Auswahlfehler.
Damit sind wir beim eigentlichen Streitpunkt. Die übliche Reaktion auf kalte Hände ist ein dickerer Handschuh. Aus Sicht der Bedienbarkeit ist das der schlechteste verfügbare Weg, denn jeder Millimeter Isolierung geht direkt vom Gefühl ab.
Der bessere Weg heißt: Die Wärme kommt von außen, der Handschuh bleibt dünn. Heizgriffe wärmen die Handinnenfläche direkt dort, wo das Blut in die Finger geht. Handschützer nehmen den Fahrtwind weg, der die eigentliche Ursache ist - ohne Wind kühlt eine Hand deutlich langsamer aus. Beides zusammen erlaubt dir im Herbst einen Handschuh, mit dem du im Sommer auch fahren würdest.
Eine Einschränkung gehört dazu, und sie passt genau zum Thema dieses Artikels: Heizgriffe wärmen die Handfläche, nicht die Fingerkuppen. Wenn du ein oder zwei Finger am Bremshebel liegen lässt - bei modernen Bremsen gängige Praxis, auch wenn die Fahrschule vier Finger lehrt -, liegen diese Finger nicht auf dem warmen Griff, sondern auf blankem Aluminium im Fahrtwind. Aluminium leitet Wärme hervorragend und zieht sie dort ab, statt sie zu liefern. Deshalb frieren ausgerechnet die Finger zuerst, auf die es beim Bremsen ankommt, und deshalb ersetzen Heizgriffe den passenden Handschuh nicht.
Und ja, es gibt Tage, an denen auch das nicht reicht. Bei drei Grad, Nieselregen und zwei Stunden Autobahn ist der dicke Handschuh die richtige Entscheidung, weil eine taube Hand jede Bedienung schlägt. Aber das ist dann eine bewusste Wahl für eine bestimmte Fahrt, nicht der Standardhandschuh für ein halbes Jahr.
Ein zweites Winterthema hat mit Wärme gar nichts zu tun: Schalter. Mit dicken Fingern fühlen sich Blinker, Hupe und Warnblinker gleich an, und wer im Dunkeln nach der Hupe sucht, findet erstaunlich oft den Blinker. Dagegen hilft kein Handschuh, sondern Übung - einmal im Stand die linke Schaltereinheit blind durchgehen, bis die Positionen sitzen.
Wer über Heizgriffe nachdenkt, sollte vorher wissen, was das Bordnetz hergibt und wo die Stromversorgung angeschlossen wird. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch - bei kleineren Maschinen ist die Reserve der Lichtmaschine schneller aufgebraucht, als der Prospekt vermuten lässt.
Handschuhe anzuprobieren, indem du die Hand flach hineinschiebst und einmal zur Faust ballst, sagt fast nichts. Auf dem Motorrad ist die Hand nie flach und nie ganz zur Faust geschlossen. Sie liegt in einer Zwischenposition um einen Griff.
Also mach es anders. Zieh beide Handschuhe an, greif einen runden Gegenstand von gut drei Zentimetern Durchmesser - eine Kleiderstange, eine Getränkeflasche - und halte ihn so, wie du den Gasgriff hältst. Dann streck zwei Finger aus, als lägen sie am Bremshebel, und krümme sie langsam. Genau in dieser Bewegung zeigt sich, ob der Handschuh mitgeht oder gegenhält.
Vier weitere Handgriffe:
Den Daumen zum kleinen Finger führen. Wenn das Material am Handrücken bremst, wird jede Schalterbedienung mit dem Daumen anstrengend.
Am Fingerende ziehen. Der Handschuh darf sich mit geschlossenem Verschluss nicht abstreifen lassen.
Auf den Handrücken schauen. Ist ein Knöchelprotektor verbaut oder nur eine Naht-Attrappe? Bei Level 1 ist er nicht vorgeschrieben.
Und das Etikett lesen. Norm, Level, Größe. Ein Handschuh ohne diese Angaben ist Modeschmuck mit Fingern.
Idealerweise probierst du Motorradhandschuhe am eigenen Motorrad. Viele Händler haben nichts dagegen, wenn du mit den Handschuhen kurz an den Lenker gehst - und das ist der einzige Test, der wirklich zählt, weil deine Hebelweite und deine Griffstärke in keinem Laden vorkommen.
Die meisten Ausrüstungsteile am Motorrad haben genau eine Aufgabe: dich zu schützen, wenn etwas schiefgeht. Motorradhandschuhe haben zwei, und die zweite arbeitet gegen die erste. Mehr Material heißt mehr Schutz und weniger Gefühl. Diesen Zielkonflikt kann dir niemand abnehmen, nicht einmal die Norm - sie hat ihn nur so ehrlich in ihre zwei Level geschrieben, dass du ihn nachlesen kannst.
Was du daraus machst, ist eine Entscheidung pro Fahrt und nicht pro Saison. Zwei Paar sind fast immer besser als ein Kompromisspaar: ein dünnes, in dem du den Hebel spürst, und ein dickes für die Tage, an denen das Wetter die Diskussion beendet.
Und wenn du sonst nichts aus diesem Text mitnimmst, dann bitte das: Kauf den nächsten Handschuh nicht wie einen Pullover. Kauf ihn wie einen Bremshebel.
Wie finde ich die richtige Handschuhgröße?
Miss den Handumfang über den Knöcheln ohne Daumen mit einem Maßband und nutze die Größentabelle des Herstellers. Beim Anprobieren soll die Fingerkuppe das Ende erreichen, ohne dagegen zu drücken, und die Hand muss sich schließen lassen, ohne dass der Handrücken spannt. Eine Nummer zu groß ist der häufigste Fehler.
Was bedeuten Level 1 und Level 2 bei Motorradhandschuhen?
Das sind die beiden Stufen der Prüfnorm EN 13594. Level 1 zielt auf Schutz mit möglichst geringen ergonomischen Einbußen, Level 2 auf das höhere Schutzniveau. Bei Level 2 ist ein Knöchelprotektor vorgeschrieben, die Stulpe muss mindestens 50 Millimeter über die Handgelenkslinie reichen und der Handschuh muss einer höheren Abzugskraft standhalten.
Warum fühlt sich der Bremshebel mit dicken Handschuhen anders an?
Weil zwischen Finger und Hebel eine weiche Schicht liegt, die sich erst zusammendrücken muss. Der Druckpunkt wandert dadurch nach hinten und wird unschärfer. Zusätzlich füllt viel Polstermaterial den Raum zwischen Hebel und Lenkergriff, was beim Bremsen mit zwei Fingern stört.
Sind Heizgriffe besser als dicke Winterhandschuhe?
Für die Bedienbarkeit ja. Heizgriffe wärmen die Handinnenfläche direkt und erlauben einen dünneren Handschuh, Handschützer nehmen zusätzlich den Fahrtwind weg. An sehr kalten Tagen bleibt der dicke Handschuh trotzdem die richtige Wahl, weil taube Finger jede Feinmotorik schlagen. Vor dem Nachrüsten lohnt ein Blick auf die verfügbare Bordnetzleistung.
Muss ein zertifizierter Handschuh einen Knöchelprotektor haben?
Nicht zwingend. Nach EN 13594 ist der Knöchelprotektor bei Level 1 optional und erst bei Level 2 verpflichtend. Wer eine harte Schale über den Knöcheln möchte, sollte sie deshalb aktiv suchen und nicht voraussetzen, weil ein Prüfzeichen auf dem Etikett steht.
Wie prüfe ich, ob der Handschuh im Sturz auf der Hand bleibt?
Handschuh anziehen, Verschluss am Handgelenk schließen und mit der anderen Hand kräftig an den Fingerspitzen ziehen. Lässt er sich abstreifen, taugt der Verschluss nichts. Die Norm prüft genau das mit einer definierten Zugkraft, weil ein Handschuh nur so lange schützt, wie er an der Hand ist.
Brauche ich wirklich zwei Paar Handschuhe?
In der Praxis ja. Ein dünnes Paar für warme Tage mit direktem Hebelgefühl und ein wärmeres für Kälte und Dauerregen decken zusammen deutlich mehr ab als ein einzelner Ganzjahreshandschuh, der beides halb kann. Wasserdichte Modelle bauen dicker und schlucken mehr Rückmeldung.
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