Wie sich moderne Bremssysteme verändert haben – und für wen sich der Aufpreis wirklich lohnt

Wer 1988 eine BMW K 100 bestellte, konnte erstmals ein Antiblockiersystem dazukaufen, für 1.980 D-Mark Aufpreis. Laut BMW waren die Modelle der K-Reihe weltweit die ersten Serienmotorräder, für die es ABS gab. Seitdem haben sich moderne Bremssysteme am Motorrad stark verändert, und der Aufpreis ist gewandert: vom ABS selbst zum Kurven-ABS.

Die wichtigsten Schritte passen auf eine kurze Zeitleiste. Am Ende steht die Frage, für wen sich das Extra heute lohnt.

2013: ABS wird bei BMW Serie, Kurven-ABS kommt

2009 lieferte BMW nach eigenen Angaben bereits 90 Prozent seiner Motorräder mit ABS aus. Ab dem Modelljahr 2013 machte der Hersteller es bei allen Modellen serienmäßig, auch das laut BMW als erster weltweit. 2013 kam dann bei KTM die 1190 Adventure für das Modelljahr 2014 mit einem ABS von Bosch, das auch in Schräglage regelt. Bosch nennt es Motorrad-Stabilitätskontrolle, kurz MSC.

2016 und 2017: ABS wird Pflicht

Die EU-Verordnung 168/2013 machte ABS zur Pflicht für alle Motorräder oberhalb der Leichtkrafträder, also über 125 Kubikzentimeter oder über elf Kilowatt. Neue Typen brauchten es ab 2016, jede Neuzulassung ab 2017. Bei den 125ern lässt die Verordnung dem Hersteller die Wahl zwischen ABS, kombinierter Bremse oder beidem. Ausgenommen sind Enduro- und Trial-Krafträder im Sinne der Verordnung, also leichte Geländemaschinen ohne Soziusplatz, nicht die großen Reiseenduros.

Eine kombinierte Bremse ist kein ABS. Die Verordnung beschreibt sie als Anlage, bei der eine einzige Betätigung Bremsen an verschiedenen Rädern auslöst. Ein ABS erkennt dagegen Radschlupf, also ein Rad, das beim Bremsen langsamer dreht, als das Motorrad fährt. Dann regelt es den Bremsdruck so, dass der Schlupf begrenzt bleibt.

Was ABS nicht kann

Ein ABS soll verhindern, dass die Räder bei einer starken Bremsung blockieren, und laut Kawasaki bleibt das Motorrad dabei lenkbar. Den Bremsweg verkürzt es nicht. So steht es in Hondas Anleitung zur NC750X von 2025, dazu der Hinweis, dass er unter bestimmten Umständen sogar länger werden kann und das System erst ab Tempo zehn greift. Kawasaki zählt für die Ninja 125 lose, unebene oder abschüssige Fahrbahnen auf, auf denen der Bremsweg mit ABS länger sein kann als ohne.

Für die Kurve ist das klassische ABS nicht gebaut. Kawasaki schreibt, es helfe beim Bremsen in gerader Linie, könne aber den Radschlupf nicht beherrschen, der beim Bremsen in der Kurve entsteht. Dass sich bei einer harten Bremsung das Hinterrad abhebt, verhindert es ebenfalls nicht.

Und das ABS rechnet mit den vorgesehenen Reifen. Es vergleicht laut Kawasaki die Fahrgeschwindigkeit mit der Drehzahl der Räder, nicht empfohlene Reifen können es deshalb verwirren und den Bremsweg verlängern. Bei Honda gehört auch das Kettenrad zu den Größen, die stimmen müssen.

Heute: Kurven-ABS in kleineren Klassen

Was 2013 in einer großen Reiseenduro begann, steckt inzwischen auch in kleineren Maschinen. Bosch bietet seine Stabilitätskontrolle seit 2023 auch für Motorräder unter 400 Kubikzentimeter an. Die KTM RC 390 regelt laut Bosch mit dessen Messeinheit unter anderem das Bremsen in der Kurve.

Wie so ein System arbeitet, beschreibt Yamaha für die MT-09 von 2024, wo es Bremssteuerung heißt. Ausgeschaltet arbeitet nur das herkömmliche ABS, das für die aufrechte Fahrt entwickelt ist. Eingeschaltet regelt es den Bremsdruck zusätzlich nach der Schräglage und begrenzt bei einer abrupten Bremsung in der Kurve dessen Anstieg, damit du das Motorrad allmählich aufrichten kannst.

Damit das klappt, braucht das System einen sauberen Start. Yamaha schreibt, beim Einschalten der Zündung jede Bewegung des Motorrads zu vermeiden, weil sonst die Messeinheit für die Schräglage nicht richtig anläuft. Dann arbeitet die Bremssteuerung nicht, und eine Kontrollleuchte zeigt das an, bis die Messeinheit ihren Start nachholen kann.

Lohnt sich der Aufpreis?

Beim Neukauf ist ABS kein Extra mehr. Der Aufpreis betrifft heute vor allem das Kurven-ABS, wo es nicht ohnehin serienmäßig ist. Ob es sich lohnt, hängt weniger vom Fahrertyp ab als von einer Frage: Musst du auf deinen Strecken in Schräglage bremsen? Auf jeder kurvigen Landstraße kann das passieren, wenn im Kurvenausgang etwas liegt, das du vorher nicht sehen konntest. Für diesen Fall ist das klassische ABS laut Kawasaki und Yamaha nicht gemacht.

Beim Gebrauchtkauf stellt sich die Frage eine Stufe früher. Vor 2017 erstmals zugelassene Maschinen können ohne ABS sein, bei 125ern auch spätere, wenn der Hersteller die kombinierte Bremse gewählt hat. Ob ABS verbaut ist, verraten das Datenblatt und das ABS-Symbol, das beim Einschalten der Zündung im Cockpit aufleuchtet. Ein Motorrad ohne ABS darf weiter fahren, für ein ABS solltest du beim Kauf aber eher beim Lack Abstriche machen als bei der Bremse.

Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel ordnet die Lage allgemein und journalistisch ein (Stand: Oktober 2026). Er ist keine Rechtsberatung, und Einzelfälle können anders liegen. Welche Bremsausrüstung für dein Modell galt, als es neu war, weiß im Zweifel der Hersteller oder eine Prüforganisation.

Was gleich geblieben ist

Bei aller Elektronik arbeitet die Bremse am Ende mit Flüssigkeit, Schläuchen, Belägen und Scheiben. Honda lässt die Bremsflüssigkeit der NC750X alle zwei Jahre wechseln, für die MT-09 gibt Yamaha denselben Abstand an und dazu neue Bremsschläuche spätestens alle vier Jahre. Moderne Bremssysteme am Motorrad regeln den Druck, den diese Teile liefern, und brauchen deshalb dieselbe Pflege wie jede Bremse, nur dass heute eine Kontrollleuchte mehr mitredet.

❓ Häufige Fragen zu ABS, Kurven-ABS und Motorradbremsen

Seit wann ist ABS am Motorrad Pflicht?

ABS ist in der EU seit 2016 für neue Typen oberhalb der 125er-Klasse vorgeschrieben, seit 2017 auch bei jeder Neuzulassung. Leichtkrafträder bis 125 Kubikzentimeter und elf Kilowatt dürfen stattdessen eine kombinierte Bremse haben.


Verkürzt ABS den Bremsweg?

Der Bremsweg wird mit ABS nicht kürzer, schreibt Honda. Auf losem oder unebenem Untergrund kann er laut Kawasaki sogar länger ausfallen. Der Gewinn liegt darin, dass die Räder beim starken Bremsen nicht blockieren.


Was unterscheidet Kurven-ABS von normalem ABS?

Kurven-ABS kennt die Schräglage, weil ein Sensor sie laufend misst, und passt den Druck in der Bremse daran an. Ein herkömmliches ABS rechnet mit einem Motorrad, das aufrecht fährt.


Ist eine kombinierte Bremse dasselbe wie ABS?

Eine kombinierte Bremse verteilt die Kraft auf beide Räder, wenn du nur eine Bremse betätigst. Ein Blockieren der Räder verhindert sie nicht, dafür braucht es ein ABS.


Lohnt sich Kurven-ABS?

Kurven-ABS lohnt sich für alle, die auf kurvigen Strecken fahren, weil das klassische ABS nach Kawasaki und Yamaha auf das Bremsen in aufrechter Lage ausgelegt ist. Wo es Aufpreis kostet, gehört es zu den sinnvolleren Positionen der Ausstattungsliste.


Ab welcher Geschwindigkeit arbeitet ABS?

ABS arbeitet erst ab einer Mindestgeschwindigkeit, bei der Honda NC750X ab Tempo zehn. Darunter können die Räder blockieren wie bei einem Motorrad ohne ABS.

Lade nächsten Beitrag...
Suche
Jetzt beliebt
Wird geladen

Anmeldung in 3 Sekunden …

Registrierung in 3 Sekunden …