
Eine Rechtskurve auf der Landstraße, du liegst schon in Schräglage. Hinter dem Scheitel kommt dir ein Mähdrescher entgegen, so breit, dass er über die Mittellinie in deine Spur ragt. Ausweichen geht nur ein Stück, bremsen musst du sofort, mitten in der Kurve. Für diesen Moment haben viele Motorräder heute Kurven-ABS an Bord.
Was das System in dieser Sekunde tut, wo es dir hilft und wo nicht, beschreiben die Hersteller in ihren Anleitungen recht offen. Aus diesen Seiten ergibt sich am Ende auch, ob du es brauchst.
Ein Reifen hat nur eine bestimmte Menge Haftung. In Schräglage geht ein Teil davon in die Seitenführung, und für die Bremse bleibt weniger übrig. KTM schreibt es für die 890 Adventure ganz direkt: Schräglage verringert die maximal mögliche Verzögerung, und der Bremsvorgang sollte nach Möglichkeit vor dem Kurvenbeginn abgeschlossen sein.
Ein herkömmliches ABS kennt die Schräglage nicht. Es vergleicht die Drehzahlen der Räder und löst den Druck, bevor eines blockiert. Für die MT-09 hält Yamaha fest, dass es für das Bremsen in aufrechter Position entwickelt wurde. In der Kurve verhindert es zwar das Blockieren, aber nicht unbedingt, was ein harter Griff zur Bremse sonst noch auslöst.
Bremst du in Schräglage plötzlich hart, will sich das Motorrad aufrichten. Es verlässt dann seine Linie und läuft nach außen, in der Rechtskurve Richtung Gegenverkehr. Genau gegen dieses Aufstellen und gegen das Wegrutschen der Räder arbeitet laut ADAC ein kurventaugliches ABS, allerdings nur im Rahmen der physikalischen Grenzen.
Ein Kurven-ABS braucht eine Information, die das alte ABS nicht hat: wie schräg die Maschine liegt. Sie kommt von einer inertialen Messeinheit, kurz IMU, die Beschleunigungen und Drehbewegungen misst. Bei Bosch, das solche Systeme an mehrere Hersteller liefert, bestimmt die IMU diese Werte 100-mal pro Sekunde. Je nach Motorrad verbaut Bosch dafür eine 3D- oder eine 6D-Messeinheit.
Was die Elektronik mit dieser Lage anfängt, erklären die Hersteller unterschiedlich ausführlich. Bei der MT-09 unterdrückt der Kurvenbremsassistent laut Yamaha bei einer unvermeidlichen abrupten Bremsung in der Kurve den Anstieg des Bremsdrucks, damit sich die Maschine allmählich aufrichten kann. Zusätzlich regeln die IMU-Daten die Bremskraft nach der Schräglage.
Noch genauer beschreibt BMW sein ABS Pro an der R 1300 GS. Je tiefer die Maschine liegt, desto stärker wird der Druckanstieg zu Beginn der Bremsung begrenzt, der Druck baut sich also langsamer auf. Das soll abrupte Änderungen der Lenkkraft verringern, die bei einer Schreckbremsung das Aufstellen auslösen. Und wenn das ABS regelt, wechselt der Druck laut BMW gleichmäßiger.
Leicht zu übersehen ist: Die Kurvenfunktion arbeitet nicht immer. An der 890 Adventure ist die kurvenabhängige Regelung laut KTM nur im ABS-Modus Road aktiv. Bei der MT-09 lässt sich der Kurvenbremsassistent ausschalten, dann bleibt nur das herkömmliche ABS. An der R 1300 GS steht ABS Pro in allen Fahrmodi zur Verfügung, außer im Modus Enduro PRO.
Wer nach einem Ausflug ins Gelände den Modus nicht zurückstellt, fährt auf der Straße also womöglich ohne die Hilfe, für die er bezahlt hat. Welcher Modus an deiner Maschine was abschaltet, steht im Kapitel zum ABS deiner Anleitung. Den Namen auf dem Prospekt kannst du dabei vergessen, die Hersteller nennen ihre Systeme verschieden.
Vorgeschrieben ist in der EU nur das ABS selbst, nach der Verordnung (EU) Nr. 168/2013. Neue Fahrzeugtypen brauchen es seit dem 1. Januar 2016, jedes neu zugelassene Motorrad seit dem 1. Januar 2017. Die Pflicht betrifft jede Maschine mit mehr als 125 Kubikzentimetern oder mehr als 11 kW, also alles oberhalb der Klasse L3e-A1.
Kleine 125er der Klasse L3e-A1 dürfen ABS haben, ein Kombibremssystem, das beide Räder gemeinsam bremst, oder beides. Ausgenommen von der ABS-Regel sind Wettbewerbs-Enduros und Trialmaschinen. Eine schräglagenabhängige Regelung verlangt die Verordnung für keine Klasse.
Beim Bremsen in Schräglage warnen die Hersteller ungewöhnlich deutlich. Yamaha hält für die MT-09 fest, dass starkes Bremsen in Kurven auch mit eingeschaltetem Kurvenbremsassistenten die Räder rutschen lassen und dich aus dem Gleichgewicht bringen kann. Der Rat dazu: vor der Kurve ausreichend abbremsen. BMW betont, dass ABS Pro die fahrphysikalischen Grenzen keineswegs neu definiert und nicht dafür entwickelt wurde, schneller in Schräglage zu bremsen.
Kürzer wird der Bremsweg durch ABS ohnehin nicht. Für die Africa Twin, deren ABS mit den Daten der IMU arbeitet, schreibt Honda ausdrücklich, dass das System den Bremsweg nicht verkürzt. In manchen Fällen kann er mit ABS sogar länger werden. Wie viel Haftung da ist, entscheiden Reifen, Temperatur und Belag, und auf kaltem oder nassem Asphalt ist weniger da.
Der ADAC nennt Notmanöver in Schräglage mit kurventauglichem ABS durchaus beherrschbar. Er knüpft das aber an eine Bedingung: Du musst dich mit dem System vertraut gemacht haben. Das gelingt nicht auf der Landstraße, sondern bei einem Training auf abgesperrtem Gelände. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.
Der ADAC stuft das Sicherheitspotenzial von kurventauglichem ABS als sehr hoch ein, genau wie beim Standard-ABS. Stehst du vor zwei Maschinen, die dir sonst gleich gut passen, und nur eine hat die Kurvenfunktion, spricht deshalb viel für diese. Sie hilft genau dann, wenn dich in der Kurve etwas überrascht und die Hand schneller ist als der Kopf.
Ein teureres Motorrad nur wegen dieses Etiketts musst du dir nicht kaufen. Bei einer 125er schaust du zuerst, ob sie überhaupt ABS hat oder nur ein Kombibremssystem. Bei einer gebrauchten Maschine klärst du anhand von Anleitung und Ausstattungsliste, ob die Kurvenfunktion an Bord ist, statt dich auf den Modellnamen zu verlassen.
Und an jeder Maschine mit Kurvenfunktion schaust du nach, in welchen Modi sie arbeitet. Fährst du eine ältere ganz ohne ABS, gilt für die Kurve erst recht: vorher bremsen, und die Vollbremsung übst du auf dem Platz. Mehr als eine Reserve für den Notfall ist Kurven-ABS nicht, und als Einladung zu mehr Tempo in der Kurve taugt es nicht.
Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel ordnet die Lage allgemein und journalistisch ein (Stand: Oktober 2026). Er ist keine Rechtsberatung, und Einzelfälle können anders liegen. Welche Bremsanlage deine Maschine hat, steht in ihren Papieren und in der Anleitung, bei Fragen hilft eine Prüforganisation.
Am besten hilft dir Kurven-ABS, wenn du es gar nicht brauchst. Fährst du in eine Kurve, die du nicht einsehen kannst, so langsam, dass hinter dem Scheitel noch Platz zum Bremsen bleibt, kommt die Elektronik gar nicht erst zum Zug. Erst wenn das nicht reicht, arbeitet sie, und auch dann nur mit dem Grip, den der Reifen noch übrig hat.
Was ist Kurven-ABS?
Kurven-ABS ist ein Antiblockiersystem, das zusätzlich weiß, wie schräg das Motorrad liegt. Eine Messeinheit liefert diese Lage, und die Elektronik passt den Bremsdruck daran an, damit sich die Maschine beim Bremsen in der Kurve weniger aufstellt und die Räder nicht wegrutschen.
Ist Kurven-ABS Pflicht?
Kurven-ABS schreibt die EU nicht vor. Verlangt wird nur ein ABS an Motorrädern über 125 Kubikzentimeter oder 11 kW, und kleine 125er dürfen auch ein Kombibremssystem haben.
Kann ich mit Kurven-ABS in Schräglage voll bremsen?
Rechnen solltest du damit nicht. Yamaha und BMW warnen in ihren Anleitungen, dass starkes Bremsen in Kurven auch mit dem System zum Sturz führen kann und die physikalische Grenze bleibt. Gebremst wird deshalb möglichst vor der Kurve.
Lässt sich Kurven-ABS abschalten?
Je nach Modell geht das per Menü oder über den Fahrmodus. KTM, Yamaha und BMW nennen in ihren Anleitungen Einstellungen ohne die Kurvenfunktion, bei KTM und BMW sind es Modi für das Gelände. Nach Ausflügen ins Gelände stellst du deshalb den Straßenmodus wieder ein.
Verkürzt Kurven-ABS den Bremsweg?
Kürzer wird der Bremsweg dadurch nicht. Honda schreibt für die Africa Twin sogar, dass er sich mit ABS unter bestimmten Umständen verlängern kann. Das System hält das Motorrad stabil, die Haftung bestimmen Reifen und Straße.
Braucht Kurven-ABS eine Sechs-Achsen-IMU?
Nicht zwingend. Bosch kombiniert sein System je nach Motorrad mit einer 3D- oder einer 6D-Messeinheit, die KTM RC 390 etwa hat die 3D-Variante. Wichtiger als die Zahl der Achsen ist, wie gut die Regelung abgestimmt ist.
0 Stimmen: 0× Daumen hoch, 0× Daumen runter (0 Punkte)






