Dein Reifendrucksensor zeigt mehr als dein Manometer, und beide können recht haben

Fünf Grad, die Maschine stand die Nacht über im Carport. Das Manometer zeigt am Vorderrad 2,3 bar, laut Anleitung sollen es 2,5 sein. Du nimmst dir vor, an der Tankstelle nachzufüllen, und fährst los. Auf der Landstraße meldet der Reifendrucksensor im Display die erste Zahl fürs Vorderrad: 2,5.

Auf den paar Kilometern ist keine Luft dazugekommen. Trotzdem liegen zwischen den beiden Anzeigen zwei Zehntel, und das ist die Menge, die du nachfüllen wolltest. Einer von beiden muss sich irren, denkst du.

Muss er nicht. Sensor und Manometer können beide richtig messen und trotzdem verschiedene Zahlen zeigen, weil sie nicht dieselbe Frage beantworten. Welche Frage dein Display beantwortet, hängt an deinem Motorrad. Es steht in der Betriebsanleitung, im Kapitel zur Reifendruckkontrolle.

R 1250 GS und R 1300 GS rechnen jeden Wert auf 20 Grad um

Bei BMW trägt die Reifendruckkontrolle den Namen RDC, und die Anleitungen sind hier erstaunlich deutlich. Für die R 1250 GS schreibt BMW in der Anleitung von 2020, die Reifendrücke würden im Display „temperaturkompensiert“ angezeigt und bezögen sich immer auf eine Reifenlufttemperatur von 20 °C. An diesem Modell ist RDC Sonderausstattung. Für die R 1300 GS steht dasselbe fast wortgleich in der Anleitung von 2023.

Temperaturkompensiert heißt: Der Reifendrucksensor misst Druck und Temperatur der Luft im Reifen, und das Motorrad rechnet aus, welcher Druck bei 20 Grad im Reifen stünde. Diese Zahl siehst du im Display. Dein Manometer rechnet nichts um, es zeigt, was in diesem Moment im Reifen ist. Die Prüfgeräte an der Tankstelle auch nicht, und BMW schreibt gleich dazu, dass deren Werte deshalb „in den meisten Fällen nicht“ mit dem Display übereinstimmen.

Daraus folgt eine einfache Regel. Ist die Luft im Reifen kälter als 20 Grad, zeigt das Display mehr als das Manometer. Ist sie wärmer, nach einer flotten Etappe oder in der Mittagssonne, zeigt es weniger. Nur um die 20 Grad herum sind sich beide einig.

Wie weit sie auseinanderliegen, lässt sich ausrechnen. Bei Drücken um 2,5 bar macht jedes Grad gut ein Hundertstel bar aus. Für ein Display, das 2,5 bar zeigt, sieht das so aus:

Luft im ReifenDas Manometer zeigtAbstand zum Display
0 Grad2,26 bar0,24 bar weniger
5 Grad2,32 bar0,18 bar weniger
10 Grad2,38 bar0,12 bar weniger
20 Grad2,50 barkein Abstand
30 Grad2,62 bar0,12 bar mehr
40 Grad2,74 bar0,24 bar mehr

Die Tabelle ist eine Rechnung, keine Angabe von BMW. Auf die Hundertstel kommt es nicht an, auf die Richtung schon. Hat die Maschine über Nacht draußen gestanden, hat die Luft im Reifen ungefähr die Temperatur der Umgebung. An einem Fünf-Grad-Morgen beschreiben deine 2,3 bar am Manometer und die 2,5 im Display also denselben Reifen. Hinten, wo BMW an beiden GS 2,9 bar vorgibt, liegen die Zahlen eine Spur weiter auseinander.

Bei Trident und Tiger 900 rechnet nur die Warnleuchte

Triumph geht an diesen beiden Modellen bei der Zahl den anderen Weg. An der Trident gibt es die Reifendruckkontrolle als Zubehör vom Händler, und ihr Handbuch von 2020 sagt, dass du die Anzeige im Cockpit zum Einstellen des Drucks nicht verwenden darfst. Eingestellt wird am kalten Reifen mit einem genauen Reifendruckprüfer, und die tägliche Kontrolle soll laut Handbuch auch mit der Anlage nicht wegfallen.

Die Zahl im Display ist hier schlicht der Druck, der gerade im Reifen steht. Nach einer halben Stunde Landstraße ist das der Druck eines warmen Reifens, und der liegt über dem Wert aus der kalten Garage.

Umgerechnet wird trotzdem, und zwar bei der Warnleuchte. Die Schwelle, bei der sie angeht, ist auf 20 Grad bezogen, die Zahl daneben nicht. So steht es in den Anleitungen der Trident und der Tiger 900. Triumph zieht daraus einen Schluss, den du dir merken solltest: Leuchtet die Warnung, während die Zahl noch normal oder fast normal aussieht, ist trotzdem zu wenig Luft drin. Die wahrscheinlichste Ursache sei dann eine Panne.

Das klingt paradox und ist doch nur Wärme. Ein Reifen, der langsam Luft verliert, wird beim Fahren zugleich warm, und die Wärme hält seine Zahl im Display eine Weile oben. Die Warnleuchte rechnet die Wärme heraus und sieht, was fehlt. Für diesen Fall schreibt Triumph: anhalten, und erst weiterfahren, wenn die Reifen geprüft sind und kalt wieder den empfohlenen Druck haben. Lässt sich das unterwegs nicht lösen, ist es ein Fall für den Pannendienst.

Striche in der Garage, Zahlen erst auf der Straße

Display und Manometer messen fast nie im selben Moment. Die Reifendrucksensoren senden nicht ständig. BMW beschreibt in beiden GS-Anleitungen einen Fliehkraftregler im Sensor, der auf die Drehung des Rades reagiert.

Er gibt die Übertragung erst frei, wenn das Motorrad einmal schneller als 30 km/h war. Bis dahin zeigt das Display nach dem Einschalten der Zündung nur Striche. Bei der Trident und der Tiger 900 senden die Sensoren erst bei mehr als 20 km/h, vorher zeigt das Cockpit zwei Striche.

In der Garage, am kalten Reifen, hast du also nur das Manometer. Die erste Zahl im Display bekommst du auf der Straße, wenn der Reifen schon rollt und sich erwärmt. Zeigt dein Display den tatsächlichen Druck, steigt diese Zahl mit den ersten Kilometern. Das Plus gegenüber der Garage ist dann Wärme, keine Luft. Rechnet es um wie an den beiden GS, bleibt die Zahl ungefähr, wo sie war.

Nach dem Anhalten senden die Sensoren der beiden GS laut Anleitung noch mindestens 15 Minuten weiter. An der Tankstelle kannst du damit beide Zahlen vom selben warmen Reifen ablesen, direkt nacheinander. Auf diesen zwei Zahlen baut das Verfahren auf, das BMW fürs Nachfüllen beschreibt.

Nachfüllen: nach der Zahl oder nach der Differenz

Welcher der beiden Werte gegen die Vorgabe zählt, entscheidet der Hersteller. Für die beiden GS ist BMW da eindeutig. Du vergleichst die Zahl im Display mit dem Sollwert, der hinten auf dem Umschlag der Anleitung und im Display selbst steht. Die Differenz gleichst du dann am Prüfgerät aus. Auch bei einer gelben Druckwarnung verweist die Anleitung vor dem Nachfüllen auf diese Regel.

Das Beispiel dazu steht in beiden Anleitungen, und beim ersten Lesen stutzt du. Soll sind 2,5 bar, das Display zeigt 2,3, es fehlen also 0,2 bar. Das Prüfgerät an der Säule zeigt 2,4. Aufgefüllt wird auf 2,6.

Für einen Reifen, der 2,5 haben soll? Das Prüfgerät misst hier einen warmen Reifen, und in seiner Zahl steckt die Wärme mit drin. Ist er auf 20 Grad abgekühlt, stehen rund 2,5 bar drin.

Dieselbe Regel gilt am kalten Morgen, nur andersherum. Zeigt das Display einer R 1250 GS oder R 1300 GS vorn 2,5, passt der Druck nach der Logik von BMW, auch wenn dein Manometer daheim 2,3 misst. Pumpst du dort auf 2,5, meldet das Display später 2,7. Das sind nach derselben Logik zwei Zehntel zu viel.

Bei der Trident zählt dagegen allein das Manometer am kalten Reifen, das Display bleibt beim Einstellen außen vor. Bei anderen Marken und bei nachgerüsteten Reifendrucksensoren gilt, was in deren Anleitung steht. Steht dort nichts zu einer Bezugstemperatur, stell den Druck am kalten Reifen mit dem Manometer ein und nimm das Display als Wächter für unterwegs. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.

Sicherheitshinweis: Lass am warmen Reifen keine Luft ab, nur weil das Display mehr zeigt als die Vorgabe, solange du nicht weißt, ob es umrechnet. Zeigt es den tatsächlichen Druck, ist das Plus nur Wärme, und abgekühlt fehlt dem Reifen diese Menge. Mit zu wenig Luft lenkt das Motorrad träger ein, der Reifen wird heißer, schlimmstenfalls bis zum Schaden an der Karkasse, seinem tragenden Unterbau.

Stimmt dein Reifendrucksensor überhaupt?

Zwei Zehntel an einem kalten Morgen sind bei einer umrechnenden Anzeige also normal. Liegen Display und Manometer weiter auseinander, als die Temperatur erklärt, hat das eine andere Ursache, und die sitzt nicht immer im Reifendrucksensor.

Der erste Verdächtige ist das Manometer. Auch ein gutes Gerät hat eine Toleranz, und wenn es beim Ansetzen am Ventil zischt, fehlt schon ein Schluck Luft, bevor du abliest. Das Gerät einer Reifenwerkstatt, direkt nacheinander am selben Reifen angesetzt, zeigt dir, in welche Richtung deines abweicht.

Fallen dagegen beide Zahlen gemeinsam, spricht das nicht gegen den Sensor, sondern für einen Luftverlust. Hier hat die umrechnende Anzeige einen Vorteil: Weil die Temperatur herausgerechnet ist, kannst du ihre Zahlen über Tage und Wochen vergleichen. Ein wenig Luft verliert jeder Reifen mit der Zeit. Sinkt der Wert aber schneller als sonst, obwohl du nichts verändert hast, such das Leck und schau dabei auch aufs Ventil.

Bleibt die Anlage selbst. An den beiden GS erscheinen bei einer Übertragungsstörung Striche statt Zahlen. Bleiben sie auch bei höherem Tempo stehen und leuchtet zusätzlich die allgemeine Warnleuchte, spricht die Anleitung von einer dauerhaften Störung, die in die Werkstatt gehört. Stören können laut BMW auch Funkanlagen in der Umgebung, dann hilft es, die Anzeige an einem anderen Ort zu beobachten.

Und jeder Sensor hat seine eigene Batterie. Wird sie schwach, meldet das Display auch das. An den beiden GS ist die Reifendruckkontrolle dann laut BMW nur noch für begrenzte Zeit gewährleistet, und die Anleitung schickt dich in eine Fachwerkstatt. Bei Trident und Tiger 900 zeigt ein Sensor mit leerer Batterie nur noch Striche, und der Händler tauscht ihn.

Solange dein Reifendrucksensor Zahlen liefert, deren Abstand zum Manometer die Temperatur erklärt, gibt es keinen Grund, ihm zu misstrauen.

Ein Wort im Handbuch

Schlag die Anleitung deines Motorrads auf und such im Kapitel zur Reifendruckkontrolle nach einer Temperatur. In den beiden GS-Anleitungen stehen dort „temperaturkompensiert“ und „20 °C“. Wichtig ist, worauf sie sich bezieht.

Gilt sie für die angezeigten Werte, rechnet dein Display um, und dann zählt, wie der Hersteller das Nachfüllen beschreibt. Gilt sie nur für die Warnleuchte wie bei Trident und Tiger 900, zeigt die Zahl den tatsächlichen Druck, und eingestellt wird mit dem Manometer am kalten Reifen. Findest du dazu gar nichts, gilt das auch.

Am nächsten kalten Morgen hast du dann wieder zwei Zahlen vor dir, 2,3 am Manometer und 2,5 im Display. Diesmal weißt du, welche davon deine Frage beantwortet.

❓ Häufige Fragen zu Reifendrucksensor und Manometer

Warum zeigt mein Reifendrucksensor mehr an als das Manometer?

Oft steckt einer von zwei harmlosen Gründen dahinter. Manche Anlagen rechnen den Druck auf eine Bezugstemperatur um, BMW etwa an der R 1250 GS und der R 1300 GS auf 20 Grad. Ist der Reifen kälter, zeigt das Display dann mehr als das Manometer. Außerdem senden die Sensoren erst während der Fahrt, wenn der Reifen schon wärmer ist als in der Garage, in der du mit dem Manometer misst.


Rechnet jede Reifendruckkontrolle auf 20 Grad um?

Nein. BMW zeigt an der R 1250 GS (Anleitung von 2020) und an der R 1300 GS (Anleitung von 2023) temperaturkompensierte Werte mit Bezug auf 20 Grad. Triumph zeigt an Trident und Tiger 900 den tatsächlichen Druck und bezieht nur die Schwelle der Warnleuchte auf 20 Grad. Was deine Anlage macht, steht im Kapitel zur Reifendruckkontrolle deiner Anleitung.


Warum zeigt das Display nach dem Losfahren nur Striche?

Die Sensoren im Reifen senden erst, wenn sich das Rad schnell genug dreht. Laut den Anleitungen der BMW R 1250 GS und R 1300 GS sind das 30 km/h, bei Triumph Trident und Tiger 900 mehr als 20 km/h. Vorher gibt es keine Zahl. Verschwinden die Striche an einer der beiden GS auch bei flotter Fahrt nicht und kommt die allgemeine Warnleuchte dazu, gehört die Anlage in die Werkstatt. Bei den beiden Triumph kann auch ein Sensor mit leerer Batterie dahinterstecken.


Darf ich den Reifendruck nach dem Display einstellen?

Das hängt vom Hersteller ab. BMW sieht an R 1250 GS und R 1300 GS vor, die Differenz zwischen Display und Sollwert am Prüfgerät auszugleichen: Fehlen im Display 0,2 bar und zeigt das Prüfgerät 2,4, wird auf 2,6 aufgefüllt. Triumph schreibt für die Trident dagegen vor, nur am kalten Reifen mit einem genauen Reifendruckprüfer einzustellen und das Display dafür nicht zu verwenden.


Was bedeutet die Reifendruckwarnung, wenn die Zahl im Display normal aussieht?

Nimm sie ernst. Bei Triumph Trident und Tiger 900 ist die Schwelle der Warnleuchte auf 20 Grad umgerechnet, die angezeigte Zahl nicht. Ein warmer Reifen mit zu wenig Luft kann deshalb noch eine normale Zahl zeigen. Triumph nennt eine Panne als wahrscheinlichste Ursache. Halte an und fahr erst weiter, wenn der Reifen geprüft ist und kalt wieder den empfohlenen Druck hat. Lässt sich das unterwegs nicht lösen, ruf den Pannendienst.


Wie stark ändert sich der Reifendruck mit der Temperatur?

Bei Drücken um 2,5 bar um gut ein Hundertstel bar je Grad, also rund 0,12 bar je zehn Grad. Ein Reifen, der bei 20 Grad 2,5 bar hat, zeigt bei 5 Grad rechnerisch rund 2,3 bar und bei 40 Grad rund 2,7 bar, ohne dass Luft dazugekommen oder verloren gegangen ist.

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