Mehr Luftdruck, weniger Verbrauch? Was der Rollwiderstand am Motorrad wirklich ausmacht

„Gib drei Zehntel mehr drauf, dann rollt sie leichter.“ Der Kompressor an der Tankstelle piept bei 2,8 statt bei 2,5 bar, am Hinterrad bei 3,2 statt bei 2,9. Auf der Heimfahrt wirkt die Maschine straffer. Autofahrer kennen den Rat, und in der Richtung stimmt er: Mehr Druck senkt den Rollwiderstand, und ein Reifenhersteller schreibt selbst, mehr Luft könne sich positiv auf den Verbrauch auswirken. Offen ist nur, wie viel davon am Motorrad ankommt. Gerechnet sind es ein paar Euro im Jahr. Bezahlt wird mit etwas anderem.

Wohin die Kraft bei Tempo 80 geht

Ein Motorrad, das gleichmäßig dahinrollt, arbeitet gegen zwei Widerstände. Der eine ist die Luft, die es vor sich herschiebt. Der andere steckt in den Reifen. Wo der Reifen auf dem Asphalt aufliegt, drückt das Gewicht ihn flach, und sobald sich die Stelle weitergedreht hat, richtet sich das Gummi wieder auf. Bei diesem ständigen Walken geht ein Teil der Energie als Wärme verloren. Das ist der Rollwiderstand.

Dabei trägt die Luft im Reifen die Maschine und nicht der Reifen selbst, so formuliert es Continental. Je mehr Luft drin ist, desto weniger gibt der Reifen nach, und desto kleiner wird der Rollwiderstand.

Den Anteil der Reifen bestimmt vor allem das Tempo. Der Rollwiderstand bleibt bei 50 und bei 130 km/h ungefähr gleich groß. Der Luftwiderstand dagegen steigt mit dem Tempo im Quadrat. Fährst du doppelt so schnell, drückt der Wind viermal so stark. Für eine Maschine, die mit dir zusammen 300 Kilo wiegt, ergibt die Rechnung mit üblichen Spannen für Reifen und Fahrtwind diese Anteile:

Tempo in km/hAnteil der Reifen am Fahrwiderstand
5035 bis 50 Prozent
8017 bis 28 Prozent
10012 bis 20 Prozent
1307 bis 13 Prozent

Auf der Landstraße entfallen rund drei Viertel des Fahrwiderstands auf die Luft, bei höherem Tempo noch mehr. Das ist eine Rechnung mit Spannen und keine Messung, aber an der Richtung ändert keine vernünftige Annahme etwas.

Am Auto tragen die Reifen einen deutlich größeren Teil, weil dort ein Vielfaches an Gewicht auf ihnen lastet, während der Luftwiderstand in einer ähnlichen Größenordnung liegt. Deshalb wirkt der Rat mit dem Luftdruck dort stärker als am Motorrad.

Was drei Zehntel am Rollwiderstand ändern

Für Autoreifen gibt es eine viel zitierte Zahl. Ein Ausschuss der Nationalen Akademien der Wissenschaften in den USA hat 2006 ausgewertet, wie Reifen den Verbrauch von Pkw beeinflussen. Mit jedem psi weniger Luft steigt der Rollwiderstand eines Autoreifens demnach um rund 1,4 Prozent. Ein psi sind knapp 0,07 bar. Drei Zehntel Bar mehr senken den Rollwiderstand umgekehrt um etwa sechs Prozent.

Für Motorradreifen habe ich keine vergleichbare Zahl gefunden (Stand: Oktober 2026). Selbst die ISO-Norm, die regelt, wie ihr Rollwiderstand im Labor gemessen wird, lässt offen, wie die Messwerte mit dem Verbrauch zusammenhängen.

Rechne deshalb mit den sechs Prozent vom Auto weiter, als Annahme. Diese sechs Prozent betreffen nur den Reifen. Bei Tempo 80 trägt der Reifen höchstens gut ein Viertel des gesamten Widerstands, und das Ganze schrumpft um 1,0 bis 1,7 Prozent. Bei Tempo 100 sind es 0,7 bis 1,2 Prozent, bei 130 weniger als eins.

Beim Verbrauch kommt davon nicht alles an. Der Motor verbrennt Sprit auch für seine eigene Reibung und für alles, was er neben dem Hinterrad antreibt. Fürs Auto beziffert dieselbe US-Auswertung den Effekt: Zehn Prozent weniger Rollwiderstand bringen dort ein bis zwei Prozent weniger Verbrauch. Aufs Motorrad mit seinem kleineren Reifenanteil übertragen, bleibt bei Landstraßentempo ungefähr ein halbes Prozent.

Der Reifenhersteller vom Anfang ist Continental. Eine Zahl zum Verbrauch nennt er auf seiner Seite über den Luftdruck von Motorradreifen nicht.

Anderthalb bis drei Euro im Jahr

Jetzt in Geld. Nimm eine Maschine, die fünf Liter auf 100 Kilometer braucht, und 3.000 Kilometer im Jahr. Dazu der Tagesdurchschnitt des ADAC vom Sonntag, 4. Oktober 2026: Super E10 kostete bundesweit rund 2,14 Euro je Liter.

Ein halbes Prozent weniger Verbrauch sind dann 0,75 Liter im Jahr, rund 1,60 Euro. Rechnest du großzügig mit einem ganzen Prozent, werden daraus 1,5 Liter und gut drei Euro. Bei einer Jahresstrecke von 8.000 Kilometern sind es vier bis gut acht Euro.

In der Stadt ist der Rollwiderstand ein größerer Posten, bei 50 km/h macht er ein Drittel bis die Hälfte aus. Dort geht aber viel Sprit ins Beschleunigen, und diese Energie verwandeln die Bremsen an der nächsten Ampel in Wärme. Daran ändert der höhere Luftdruck nichts.

Am Motorrad entscheidet die Luft vor dir über den Verbrauch, nicht die Luft im Reifen. Fährst du auf der Landstraße 95 statt 100, sinkt der Fahrwiderstand nach derselben Rechnung um rund acht Prozent. Das ist grob das Achtfache dessen, was die 0,3 bar bei diesem Tempo bringen. Auf 50 Kilometern kostet es dich gut anderthalb Minuten.

Die kleinere Aufstandsfläche

Die Energie, die der Reifen als Rollwiderstand verliert, ist nicht einfach weg. Es ist ein Teil der Wärme, die ihn auf Temperatur bringt. Ein Reifen mit mehr Luft walkt weniger und wird bei sonst gleicher Fahrt etwas langsamer warm. Der Effekt ist so klein wie die sechs Prozent oben. An einem Oktobermorgen mit fünf Grad und feuchtem Laub in der Kurve zeigt er trotzdem in die falsche Richtung.

Größer ist der Unterschied dort, wo der Reifen den Asphalt berührt. Weil die Luft das Gewicht trägt, ergibt sich die Aufstandsfläche grob aus Radlast geteilt durch Druck. Von 2,5 auf 2,8 bar sind es zwölf Prozent mehr Druck, und die Fläche schrumpft um rund ein Zehntel. Michelin hält auf seiner Luftdruck-Karte für Motorradreifen fest, zu viel Druck bedeute eine zu kleine Aufstandsfläche und weniger Grip.

Continental nennt noch zwei Folgen. Mit steigendem Druck sinkt der Komfort, und ein Reifen mit erhöhtem Luftdruck sei anfälliger für Schäden durch Stöße. Beides hat denselben Grund: Der Reifen federt als Erstes, noch vor Gabel und Federbein, und mit mehr Luft wird er härter.

Sicherheitshinweis: Stell den Druck vor der ersten Herbstfahrt bei kaltem Reifen so ein, wie ihn deine Anleitung nennt, und nicht höher. Auf kaltem Asphalt und nassem Laub brauchst du die volle Aufstandsfläche und einen Reifen, der schnell Temperatur aufbaut.

Zu viel Luft verkleinert die Fläche und bremst das Aufwärmen, und der Reifen rutscht früher weg. Bei falschem Reifendruck besteht nach der Anleitung der Yamaha MT-07 Verletzungs- oder Lebensgefahr, weil du die Kontrolle über die Maschine verlieren kannst.

Die drei Zehntel aus der Anleitung

Den Aufschlag gibt es tatsächlich, nur aus einem anderen Grund. In der deutschen Anleitung der Suzuki V-Strom 650 stehen für die Fahrt allein vorn 2,25 und hinten 2,5 bar, mit Sozius hinten 2,8 bar. In der englischen Fassung von 2021 stehen mit Sozius hinten 2,9 bar. Bei der Interceptor 650 nennt Royal Enfield für das Hinterrad 36 psi allein und 39 psi mit Sozius, das sind gut zwei Zehntel mehr.

Bei anderen Maschinen gilt ein Wert für beide Fälle. Für die Honda NC750X (2025) und die Yamaha MT-09 (2024) stehen allein wie zu zweit 2,5 bar vorn und 2,9 bar hinten in der Anleitung. Der Mehrdruck bei Suzuki und Royal Enfield ist für die Last gedacht, mit Sparen hat er nichts zu tun.

Continental geht einen Schritt weiter und rät, sich an den Höchstwerten der Hersteller zu orientieren und gegebenenfalls „noch eine winzige Schüppe“ draufzulegen. Der Komfort lasse sich in der Regel über Gabel und Federbein anpassen. Wie viel eine Schüppe ist, lässt die Seite offen. Nennt deine Anleitung einen eigenen Wert für Beladung, ist das meist der höchste, den der Fahrzeughersteller für deine Maschine vorsieht.

Eine Druckangabe auf der Reifenflanke ist dagegen kein Wert zum Aufpumpen. Manche Reifen tragen dort den Druck, der zur Höchstlast gehört, und laut Michelin ist dieser Höchstdruck auf der Straße unter keinen Umständen als sicher anzusehen.

Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch. Miss den Druck am kalten Reifen, also bevor du losfährst, und am besten mit einem eigenen, genauen Manometer statt mit dem am Tankstellenschlauch.

Teurer ist zu wenig Luft

Mehr kostet die andere Richtung. Ein intakter Reifen verliert nach Continental jeden Monat bis zu ein Zehntel Bar. Hast du zuletzt im August aufgepumpt, fehlen im Oktober womöglich zwei, drei Zehntel, und die kühleren Nächte drücken den Wert noch etwas weiter.

Für den Sprit ist auch das wenig. In der US-Auswertung steigt der Rollwiderstand eines Autoreifens um mehr als zehn Prozent, wenn der Druck von 32 auf 24 psi fällt, gut ein halbes Bar. Am Motorrad entspräche das nach der Rechnung oben etwa einem Prozent mehr Verbrauch.

Teuer wird zu wenig Luft beim Fahren. Michelin warnt vor instabilen Flanken, einem schlechteren Fahrverhalten und möglichen Schäden am Rad. Für die Himalayan 450 schreibt Royal Enfield, ein unterfüllter Reifen könne überhitzen, Schaden nehmen und zu Verletzungen führen.

Und noch etwas relativiert den Tankstellen-Rat. Michelin rechnet für einen warm gefahrenen Reifen mit rund 0,35 bar über dem Kaltwert. Pumpst du einen warmen Reifen drei Zehntel über den Sollwert, ist er am nächsten Morgen kalt wieder ungefähr dort, wo die Anleitung ihn haben will. Am warmen Reifen solltest du dagegen nie Luft ablassen, heißt es bei Michelin: Er ist danach zu weich, bis hin zum Reifenschaden. Am Rollwiderstand ändert dieses Hin und Her kaum etwas, am Fahrverhalten sehr wohl.

Die Luft vor dir

Der Tankstellen-Rat hält sich, weil du ihn spürst. Die Maschine federt härter und wirkt handlicher, und beides fühlt sich nach weniger Widerstand an. Was du am Lenker merkst, ist der Reifen als Feder. Im Tank kommt davon fast nichts an.

Über den Sprit entscheiden am Motorrad das Tempo und wie viel von dir und deinem Gepäck im Wind steht. Eine aufrechte Haltung, eine hoch gepackte Rolle, zehn km/h mehr auf der Autobahn: Jede dieser Kleinigkeiten wiegt schwerer als die Zahl am Kompressor.

Am Ventil stellst du vor allem etwas anderes ein als den Rollwiderstand: wie hart der Reifen federt, wie groß seine Fläche in der nassen Kurve ist und wie schnell er bei Kälte warm wird. Dafür sind drei Zehntel eine ganze Menge.

❓ Häufige Fragen zu Luftdruck und Verbrauch am Motorrad

Spart ein höherer Reifendruck am Motorrad Sprit?

Ein höherer Reifendruck spart am Motorrad nur wenig Sprit. Mehr Druck senkt zwar den Rollwiderstand, doch bei Landstraßentempo kämpft ein Motorrad vor allem gegen den Fahrtwind. Mit 0,3 bar über dem Sollwert sparst du nach einer Überschlagsrechnung ein halbes bis ein Prozent. Bei fünf Litern Verbrauch und 3.000 Kilometern im Jahr sind das anderthalb bis drei Euro.


Wie groß ist der Rollwiderstand beim Motorrad im Vergleich zum Luftwiderstand?

Wie viel der Rollwiderstand ausmacht, entscheidet vor allem das Tempo. Im Stadtverkehr entfällt auf die Reifen ein gutes Drittel bis die Hälfte des Fahrwiderstands. Bei Tempo 100 sind es nur noch ein Achtel bis ein Fünftel, bei 130 etwa ein Zehntel. Den Rest erzeugt der Fahrtwind, dessen Kraft sich bei doppeltem Tempo vervierfacht.


Ist zu hoher Reifendruck am Motorrad gefährlich?

Ein zu praller Reifen steht auf einer kleineren Fläche und hat weniger Haftung, davor warnt etwa Michelin. Bei 2,8 statt 2,5 bar schrumpft die Fläche grob um ein Zehntel, und der Reifen wird etwas langsamer warm. Es zählt der Kaltdruck aus der Anleitung deiner Maschine.


Gehört mit Sozius mehr Luft in die Reifen?

Mehr Luft mit Sozius gehört nur dann in die Reifen, wenn die Anleitung es vorsieht. Bei Suzukis V-Strom 650 kommen mit Sozius hinten 0,3 bar dazu, in der englischen Ausgabe von 2021 sind es 0,4 bar. Honda nennt für die NC750X (2025) allein wie zu zweit denselben Druck. Alle diese Werte gelten für den kalten Reifen.


Verbraucht ein Motorrad mit zu wenig Luftdruck mehr Sprit?

Ein Motorrad mit zu wenig Luftdruck verbraucht etwas mehr. Der Aufschlag fällt aber geringer aus als beim Auto, weil der Reifenanteil am Fahrwiderstand kleiner ist. Gut ein halbes Bar zu wenig dürfte den Verbrauch um etwa ein Prozent erhöhen. Schwerer wiegen die Folgen fürs Fahren: weiche Flanken, unsicheres Lenkverhalten, und der Reifen kann überhitzen.


Gibt es Motorradreifen mit besonders geringem Rollwiderstand?

Ein Label für den Rollwiderstand gibt es bei Motorradreifen nicht: Das EU-Reifenlabel mit Rollwiderstandsklasse tragen nur Reifen für Autos und Nutzfahrzeuge. Gemessen wird der Rollwiderstand im Labor nach einer ISO-Norm, die seit August 2026 nur noch Motorradreifen behandelt. Wie diese Werte mit dem Verbrauch zusammenhängen, lässt die Norm ausdrücklich offen.

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