Gruppenfahren Motorrad: Formation, Versetztfahren, Regeln

Acht Maschinen am Parkplatz, alle warmgelaufen, alle wollen los. Einer ruft „Ich fahr vorne“, zwei diskutieren über die Route, und der Neue auf der gebraucht gekauften MT-07 sagt lieber gar nichts. Dann rollt der Tross los - und nach drei Kilometern sieht es aus wie ein zerrissenes Gummiband. Vorne wird gebrettert, hinten hängt einer an der Ampel fest und keiner hat es gemerkt.

Gruppenfahren am Motorrad ist eine eigene Disziplin. Eine, die kaum jemand lernt und fast jeder unterschätzt. Du kannst ein brillanter Solofahrer sein und in der Gruppe trotzdem zur Gefahr werden - für dich und für die anderen. Weil die Regeln andere sind. Weil dein Blick plötzlich an einem Rücklicht klebt statt am Kurvenausgang. Weil du Vertrauen brauchst in Leute, deren Bremspunkt du nicht kennst.

Dieser Ratgeber zeigt dir, wie eine Gruppe fährt, die nicht auseinanderfällt: wie das Versetztfahren funktioniert und warum, welche Rollen besetzt sein müssen, wie ihr ohne Funk zusammenbleibt - und was rechtlich wirklich gilt, wenn fünfzehn Motorräder gemeinsam unterwegs sind.

Warum die Gruppe andere Regeln hat als die Soloausfahrt

Allein bist du der einzige Faktor. Du entscheidest, wann du bremst, wo du überholst, wie weit du dich aus der Kurve traust. Dein Fehler ist dein Problem.

In der Gruppe potenziert sich alles. Der Vordermann bremst, weil ein Reh am Waldrand steht - du siehst das Reh nicht, nur sein aufleuchtendes Bremslicht, und reagierst eine Zehntelsekunde später. Hinter dir derselbe Effekt. Diese Verzögerungskette ist der Grund, warum aus einer harmlosen Bremsung am Ende der Reihe eine Vollbremsung wird. Physik kennt keine Kameradschaft.

Dazu kommt der soziale Druck. Niemand will der sein, der die Gruppe aufhält. Also fährst du schneller, als du eigentlich willst, ziehst Überholmanöver durch, die du allein nie angehen würdest, und schiebst deinen eigenen Grenzbereich nach oben - nicht aus Können, sondern aus Scham. Genau hier passieren die Unfälle. Nicht beim Langsamsten. Beim Zweit- oder Drittschwächsten, der mithalten will.

⚠️ Sicherheitshinweis: Wer in der Gruppe schneller fährt, als sein eigenes Können erlaubt, riskiert den klassischen Gruppenunfall - zu spätes Bremsen, Auffahren auf den Vordermann oder Abflug in der Kurve, weil der Blick am Rücklicht klebt statt am Scheitelpunkt. In der Gruppe gilt: Niemand muss mithalten. Wer nicht mehr mitkommt, fällt zurück - und die Gruppe wartet.

Die wichtigste Regel beim Gruppenfahren am Motorrad steht deshalb vor allen technischen Details: Du fährst dein eigenes Tempo, deine eigene Linie, deine eigene Verantwortung. Die Formation ist ein Werkzeug, kein Zwang.

Versetztfahren - das Rückgrat jeder Gruppe

Wenn du nur eine einzige Sache aus diesem Artikel mitnimmst, dann diese: Auf gerader Strecke fährt eine Motorradgruppe versetzt. Nicht hintereinander auf einer Linie. Nicht nebeneinander. Versetzt.

Das heißt konkret: Der Führende fährt auf der linken Hälfte der Fahrspur. Der Zweite fährt auf der rechten Hälfte, ein gutes Stück dahinter. Der Dritte wieder links, hinter dem Ersten. Der Vierte rechts. Und so weiter - ein Zickzack, das sich durch die ganze Kolonne zieht.

Eines vorweg, damit die Erwartung stimmt: Im Gesetz steht davon nichts. Versetztfahren ist eine Fahrtechnik, keine Vorschrift, und den Begriff „Spurhälfte“ kennt die Straßenverkehrs-Ordnung für einspurige Fahrzeuge gar nicht. Was zählt, ist immer die Regel, nie die Formation.

Warum dieser Aufwand? Drei Gründe, und alle drei retten im Zweifel Knochen.

Erstens: Sicherheitsabstand bei voller Spurbreite. Versetzt hast du nach vorne deutlich mehr Reaktionsraum als nebeneinander, ohne die Gruppe unnötig lang zu ziehen. Die Maschine schräg vor dir ist nicht direkt in deiner Spur - gerät sie ins Straucheln, hast du seitlich Platz.

Zweitens: Sichtbarkeit. Eine versetzte Reihe erscheint im Rückspiegel eines Autofahrers breiter und auffälliger als eine einzelne Linie. Du wirst eher gesehen. Und Gesehenwerden ist auf dem Motorrad die halbe Lebensversicherung.

Drittens: keine Berührungsgefahr bei Lenkkorrekturen. Zwei Maschinen nebeneinander in derselben Spur - ein Windstoß, ein Schlagloch, eine kurze Unaufmerksamkeit, und die Lenkerenden kommen sich gefährlich nah. Versetzt passiert das nicht.

Der Abstand wird dabei nicht in Metern gedacht, sondern in Zeit. Zum Motorrad direkt vor dir in deiner Spurhälfte - also dem Übernächsten in der Reihe - hältst du rund zwei Sekunden. Zum versetzt schräg vor dir fahrenden Nachbarn etwa eine Sekunde. Die Zwei-Sekunden-Regel kennst du: Wenn der Vordermann an einem Schild vorbeifährt, zählst du „einundzwanzig, zweiundzwanzig“. Bist du beim Schild, bevor du fertig gezählt hast, bist du zu dicht. Erst wenn du das Schild frühestens am Ende der Zählung erreichst, stimmt der Abstand. Bei Nässe, schlechter Sicht oder müden Beinen verdoppelst du ihn.

Diese Sekundenwerte sind Fahrpraxis, keine Rechtsnorm, und der Unterschied ist keine Formalie. Rechtlich musst du hinter dem Vordermann anhalten können, wenn der plötzlich voll in die Eisen geht - versetzt oder nicht. Die gängige Faustregel dafür lautet halber Tacho in Metern, bei 100 km/h also 50 Meter, und das sind fast zwei Sekunden. Auf die eine Sekunde zum schräg vor dir Fahrenden kannst du dich im Ernstfall also nicht berufen: Sie hält die Gruppe kompakt, sie ersetzt den vorgeschriebenen Abstand aber nicht.

Wann ihr die Formation verlasst - und einreiht

Versetztfahren ist die Grundeinstellung. Aber nicht die einzige.

In Kurven, auf schmalen oder kurvigen Strecken und bei unübersichtlicher Streckenführung löst sich das starre Versetzt-Muster auf. Jeder fährt seine eigene, ideale Kurvenlinie - und die braucht die volle Fahrspur. Wer in der Kurve stur auf seiner Spurhälfte bleibt, weil „wir fahren doch versetzt“, verschenkt Sicherheitsreserven und Schräglagenfreiheit. Hier zählt die saubere Linie mehr als die Formation.

Kurz: Gerade Strecke versetzt, Kurve in Einerreihe mit individueller Linie und großzügigem Abstand. Sobald es wieder gerade und übersichtlich wird, findet die Gruppe von selbst ins Versetzt-Muster zurück.

Auch beim Überholen gilt: einzeln, nie als Pulk. Jeder beurteilt seine Überholstrecke selbst. Niemand zieht raus, „weil der vor mir auch raus ist“. Diese Kette hat schon Leben gekostet, wenn der Letzte rauszieht und der Gegenverkehr näher ist, als er für die ersten drei war.

Die Rollen - eine Gruppe ist kein Zufall

Eine funktionierende Motorradgruppe hat eine Struktur. Nicht militärisch, aber klar. Drei Positionen müssen besetzt und besprochen sein, bevor der erste Gang reingeht.

Der Führende (Lead) ist erfahren, kennt die Route und fährt vorausschauend. Sein Job ist nicht, der Schnellste zu sein - sondern der Berechenbarste. Er gibt das Tempo vor, das sich am Schwächeren orientiert, kündigt Gefahren und Abzweige früh an und vermeidet alles Ruckartige.

Das Schlusslicht (Sweep) ist die zweite erfahrene Person. Es fährt ganz hinten und ist die Versicherung der Gruppe: Solange das Schlusslicht in deinem Spiegel ist, ist niemand verloren gegangen. Fällt jemand zurück, bleibt das Schlusslicht bei ihm. Idealerweise sind Lead und Sweep per Funk verbunden.

Der schwächste oder unerfahrenste Fahrer gehört direkt hinter den Führenden - auf Platz zwei. Das klingt unlogisch, ist aber goldrichtig: Vorne kann er sich an einem ruhigen, vorausschauenden Tempo orientieren, wird nicht abgehängt, und die ganze Gruppe sieht sofort, wenn er Probleme bekommt. Hinten dagegen müsste er ständig aufschließen, würde gehetzt und gerät genau dadurch in den Grenzbereich.

Der Rest sortiert sich nach Erfahrung dazwischen ein. Und zur Größe: Der ADAC nennt bis zu zehn Motorräder als Gruppe, die zügig und stressfrei vorankommt. In der Praxis wird es schon ab etwa sieben schwer, alle im Blick zu behalten. Dann teilt ihr in zwei kleinere Gruppen mit jeweils eigenem Lead und Schlusslicht, mit etwas Abstand dazwischen; der ADAC schlägt für große Gruppen außerdem vor, die Formation auf einem übersichtlichen Abschnitt ganz aufzulösen und vorher einen Treffpunkt zu verabreden. Eine Kolonne aus fünfzehn Bikes mag beeindruckend aussehen - fahrbar im Sinne von sicher ist sie kaum noch.

Kommunikation - mit und ohne Funk

Moderne Kommunikationssysteme von Cardo, Sena oder Interphone haben das Gruppenfahren verändert. Ein kurzes „Achtung, Schotter nach der Kurve“ über die Gegensprechanlage ist Gold wert. Wenn ihr regelmäßig zusammen fahrt, ist eine Intercom-Verbindung - mindestens zwischen Lead und Schlusslicht - die beste Investition in eure Sicherheit.

Aber Funk fällt aus, der Akku ist leer, oder der Neue hat schlicht keine Anlage. Deshalb beherrscht eine gute Gruppe Handzeichen. Die müssen vorher besprochen sein, sonst sind sie wertlos. Festgelegt ist keine davon: Es gibt in Deutschland kein Gesetz und keine Norm für Handzeichen in Motorradgruppen, nur gewachsene Konventionen, die sich von Club zu Club unterscheiden. Ein paar haben sich trotzdem weitgehend eingebürgert: der linke Arm seitlich ausgestreckt, Handfläche nach unten, mehrmals auf und ab für „Tempo raus“; der ausgestreckte Arm oder Fuß zur Seite für eine Gefahr an genau dieser Stelle der Fahrbahn. Beim Tippen auf den Helm wird es schon uneindeutig - das kann „Kontrolle voraus“ heißen, aber genauso „Achtung, irgendwas kommt“ oder „mach dein Visier zu“. Genau deshalb gehören die Zeichen ins Briefing und nicht in eine Liste.

Wichtiger als die genaue Geste ist, dass alle dieselbe Sprache sprechen. Klärt das beim Briefing. Was dort auch hingehört: Route in groben Zügen, Tankstopps, Treffpunkt bei Trennung und - das Wichtigste - das System für Abzweige.

Das Eckenposten-System - warum niemand an der Kreuzung warten muss

Der häufigste Grund, warum Gruppen auseinanderreißen: eine Ampel, eine Kreuzung, ein Abzweig. Die ersten drei kommen über die grüne Welle, der Rest steht. Und dann beginnt das Hetzen, um wieder aufzuschließen - genau das gefährliche Aufschließen, das in den Grenzbereich führt.

Die Lösung heißt Eckenposten-System (im Englischen „corner marking“). Es funktioniert so: Wenn der Führende an einem Abzweig die Richtung wechselt, hält der erste erfahrene Fahrer hinter ihm an der entscheidenden Stelle, stellt sich sichtbar hin und zeigt der nachfolgenden Gruppe die Richtung. Er bleibt dort, bis das Schlusslicht ihn passiert hat - dann reiht er sich wieder direkt vor dem Schlusslicht ein. Weil der Posten dabei ans Ende rutscht, wandert die Aufgabe von Abzweig zu Abzweig weiter. Eine Ausnahme gilt für Platz zwei: Sitzt dort der Neuling, überspringt ihr ihn. Er behält seinen geschützten Platz hinter dem Führenden, denn genau das Alleinstehen und Wiederaufschließen, das der Posten auf sich nimmt, wollt ihr ihm ja ersparen.

Der Effekt: Niemand muss raten, niemand muss hetzen, niemand geht verloren. Jeder Abzweig ist markiert, jeder findet den Weg, und das Tempo bleibt entspannt. Das System braucht ein bisschen Disziplin und einen Moment Erklärung beim Briefing - aber es ist die eleganteste Lösung, die das Gruppenfahren kennt. Wer einmal so gefahren ist, will nie wieder anders.

Ein Punkt gehört dazu, den kaum eine Anleitung nennt: Wer länger als drei Minuten steht, parkt im Sinne von § 12 StVO - und bei einer größeren Gruppe steht der Posten fast immer länger. Parken ist bis zu fünf Meter vor und hinter einer Kreuzung oder Einmündung unzulässig, an engen und unübersichtlichen Straßenstellen ist sogar schon das Halten verboten. Der Eckenposten stellt sich deshalb nicht in die Kreuzung, sondern ein Stück davor oder dahinter, dort, wo er von der nachfolgenden Gruppe früh gesehen wird und niemanden behindert. Das ist ohnehin die bessere Position.

Eine simplere Variante für kleine Gruppen: Jeder ist nur für den Hintermann verantwortlich. Du verlierst den im Spiegel? Du wartest oder fährst langsamer, bis er wieder auftaucht. Funktioniert wie eine Kette, in der jedes Glied auf das nächste achtet.

Was rechtlich wirklich gilt - und der größte Irrtum

Hier wird es ernst, und hier kursieren die meisten Halbwahrheiten. Der wichtigste Punkt zuerst, weil ihn fast alle falsch verstehen:

Eine normale Motorradgruppe ist kein geschlossener Verband im Sinne des § 27 StVO. Geschlossen ist ein Verband nach dem Verordnungstext dann, wenn er für andere Verkehrsteilnehmer deutlich als solcher erkennbar ist - und bei Kraftfahrzeugen muss dafür jedes einzelne Fahrzeug als zum Verband gehörig gekennzeichnet sein. Gemeint sind etwa Militär- oder Behördenkolonnen, nicht die Feierabendrunde. Wer einen solchen Verband führt, muss außerdem dafür sorgen, dass die Verbandsregeln eingehalten werden. Eine Mindestzahl an Fahrzeugen steht nirgends: Die bekannte Marke von mehr als fünfzehn gilt nur für Rad Fahrende. Nur bei einem echten Verband gilt die berühmte Regel, dass er wie ein einziges Fahrzeug behandelt wird: Ist die Spitze bei Grün über die Kreuzung, darf der Rest folgen, auch wenn die Ampel inzwischen Rot zeigt.

Für deine Feierabendrunde mit sechs Kumpels heißt das im Klartext: Diese Regel gilt für euch nicht. Ihr seid keine Einheit, sondern sechs einzelne Verkehrsteilnehmer. Jeder hält bei Rot. Jeder beachtet jedes Zeichen einzeln. Wer der Gruppe hinterherfährt und dafür über Rot zieht, begeht einen Rotlichtverstoß: 90 Euro und ein Punkt im einfachen Fall. War die Ampel schon länger als eine Sekunde rot oder hast du jemanden gefährdet, sind es 200 Euro, zwei Punkte und ein Monat Fahrverbot. Die Gruppe ist keine Entschuldigung.

⚠️ Sicherheitshinweis: Der Mythos „die Gruppe fährt als Einheit, ich darf hinterher“ ist gefährlich und falsch. Wer eine rote Ampel überfährt, um die Gruppe nicht zu verlieren, riskiert nicht nur ein Bußgeld nach Bußgeldkatalog, sondern den schweren Kreuzungsunfall mit Querverkehr. Lieber an der Ampel stehen bleiben und über das Eckenposten-System wieder aufschließen.

Davon abgesehen gelten die ganz normalen Regeln, nur eben für jeden einzeln. Der Sicherheitsabstand nach § 4 StVO ist Pflicht, auch innerhalb der Gruppe - und derselbe Paragraf verbietet dem Vorausfahrenden, ohne zwingenden Grund stark zu bremsen. Für den Führenden ist das keine Nebensache, sondern seine eigene Pflicht gegenüber allen hinter ihm. Dazu kommt die Grundregel, dass niemand einen anderen gefährden oder mehr als unvermeidbar behindern darf: Wer durch riskantes Drängeln die Hinterleute in Gefahr bringt, handelt nicht nur unkameradschaftlich, sondern ordnungswidrig.

Der Satz „die Gruppe trägt nichts mit“ stimmt so allerdings nicht. Wer rast oder verbotene Überholmanöver fährt, haftet zwar in erster Linie selbst. Aber bei einem Unfall wird die Haftung zwischen den Beteiligten nach ihren Verursachungsanteilen aufgeteilt, und wenn mehrere gemeinsam ein Rennen fahren, können sie dem Geschädigten gegenüber sogar zusammen einstehen müssen. Wer vorneweg unnötig hart bremst, hat ebenfalls seinen eigenen Fehler dabei. Die Gruppe schützt dich also nicht - aber sie hält dich auch nicht heraus, wenn sie mitverursacht hat.

Und wer über die Grenze fährt, sollte eine Schweizer Besonderheit kennen: Dort verbietet die Verkehrsregelnverordnung Motorradfahrern ausdrücklich, nebeneinander zu fahren. Eine versetzte Reihe mit ordentlichem Längsabstand ist damit nicht gemeint, eng aufgerückt neben dem Nachbarn hat in der Schweiz aber niemand etwas zu suchen.

Das Briefing - fünf Minuten, die den Tag retten

Bevor der erste Motor läuft, steht die Gruppe zusammen. Fünf Minuten, mehr nicht. Aber diese fünf Minuten entscheiden, ob der Tag entspannt wird oder zerfasert.

Wer fährt vorne, wer hinten? Wie ist die grobe Route, wo wird getankt, wo gibt es Pause? Welche Handzeichen gelten? Fahren wir nach dem Eckenposten-System? Und der Satz, den der Lead aussprechen muss, laut und für alle: „Wir fahren auf Sicht des Langsamsten. Keiner muss hetzen. Wenn dir das Tempo zu hoch ist, sag es - oder fall zurück, wir warten.”

Dieser eine Satz nimmt den Druck raus. Und Druck ist beim Gruppenfahren am Motorrad der eigentliche Killer - nicht die Kurve, nicht der Gegenverkehr, sondern das Gefühl, mithalten zu müssen. Wer das beim Briefing abräumt, hat die wichtigste Arbeit schon getan, bevor das erste Rad rollt.

Und wenn du mit Gepäck und Sozius fährst, sag es dazu: Zuladung und empfohlener Reifendruck stehen im Fahrzeughandbuch, und beide Angaben sind keine Formsache. Dein Bremsweg wird länger - dann weiß die Gruppe, dass du nach vorn mehr Platz brauchst.

Eine letzte Sache: Tankreichweiten abgleichen. Die Maschine mit dem kleinsten Tank gibt den Rhythmus der Stopps vor. Nichts reißt eine Gruppe so zuverlässig auseinander wie der eine, dem unterwegs überraschend der Sprit ausgeht, während die anderen mit vollem Tank weiterziehen.

Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel ordnet die Lage allgemein und journalistisch ein (Stand: September 2026). Er ist keine Rechtsberatung, und Einzelfälle können anders liegen. Wie eine Situation im Einzelfall bewertet wird, entscheiden Behörden und Gerichte. Frag im Zweifel deinen Versicherer oder einen Fachanwalt für Verkehrsrecht.

Der letzte Gedanke

Eine Gruppe, die gut fährt, sieht von außen unspektakulär aus. Kein Gebrüll, kein Gerangel, keine Drängelei. Nur ein gleichmäßiger, versetzter Strom, der sich durch die Landschaft schiebt und an jedem Abzweig wie von selbst zusammenfindet.

Das ist kein Zufall und kein Talent. Das ist Absprache, Rücksicht und die Bereitschaft, das eigene Ego am Parkplatz zu lassen. Die Formation kannst du in zehn Minuten lernen. Das andere - warten können, ohne zu seufzen, das eigene Tempo zugeben, ohne sich zu schämen - das ist die eigentliche Kunst.

Am Ende des Tages erinnerst du dich nicht an den schnellsten Streckenabschnitt. Sondern daran, dass ihr alle wieder am Parkplatz standet. Vollzählig.

❓ Häufige Fragen zum Gruppenfahren am Motorrad

Was bedeutet Versetztfahren beim Motorrad?

Versetztfahren heißt: Auf gerader Strecke fährt die Gruppe im Zickzack innerhalb einer Fahrspur. Der Führende fährt links, der Zweite rechts und versetzt dahinter, der Dritte wieder links und so weiter. Das schafft Reaktionsraum nach vorn, macht die Gruppe besser sichtbar und verhindert, dass sich zwei Maschinen zu nahe kommen. Vorgeschrieben ist es nicht, es ist eine Fahrtechnik.


Wie viel Abstand hält man beim Gruppenfahren?

Als Fahrpraxis gelten rund zwei Sekunden zum Motorrad, das in deiner Spurhälfte vor dir fährt, und etwa eine Sekunde zu dem, der versetzt schräg vor dir fährt. Rechtlich zählt aber nur eines: Du musst hinter dem Vordermann anhalten können, wenn er plötzlich voll bremst. Die Faustregel dafür ist halber Tacho in Metern. Bei Nässe, schlechter Sicht oder Müdigkeit wird der Abstand verdoppelt.


Darf eine Motorradgruppe als geschlossener Verband über Rot fahren?

Nein. Eine normale Freizeitgruppe ist kein geschlossener Verband. Dafür müsste die Kolonne für andere deutlich als Verband erkennbar sein und jedes einzelne Fahrzeug als zugehörig gekennzeichnet. Eine Mindestzahl schreibt die Straßenverkehrs-Ordnung nicht vor; die bekannte 15er-Marke gilt nur für Rad Fahrende. In einer gewöhnlichen Gruppe hält jeder bei Rot. Wer hinterherzieht, zahlt 90 Euro und bekommt einen Punkt, bei länger als einer Sekunde Rot 200 Euro, zwei Punkte und einen Monat Fahrverbot.


Wie groß sollte eine Motorradgruppe maximal sein?

Der ADAC nennt bis zu zehn Motorräder als Größe, mit der eine Gruppe zügig und stressfrei vorankommt. Praktisch verliert man ab etwa sieben Maschinen den Überblick über die eigenen Leute. Dann teilt man in zwei Gruppen mit jeweils eigenem Führenden und Schlusslicht, oder man löst die Formation auf einem übersichtlichen Abschnitt ganz auf und verabredet vorher einen Treffpunkt.


Wo fährt der Anfänger in der Gruppe?

Direkt hinter dem Führenden, auf Platz zwei. Dort orientiert er sich an einem ruhigen, vorausschauenden Tempo, wird nicht abgehängt und die ganze Gruppe sieht sofort, wenn er Probleme bekommt. Ganz hinten müsste er ständig hetzen, um aufzuschließen - und gerät genau dadurch in den gefährlichen Grenzbereich.


Was ist das Eckenposten-System?

Beim Eckenposten-System hält an einem Abzweig der erste erfahrene Fahrer hinter dem Führenden, stellt sich sichtbar hin und zeigt der nachfolgenden Gruppe die Richtung. Er bleibt dort, bis das Schlusslicht ihn passiert hat, und reiht sich dann wieder davor ein. Einen Anfänger auf Platz zwei überspringt ihr dabei, damit er nicht allein aufschließen muss. Wichtig außerdem: Wer länger als drei Minuten steht, parkt - also nicht in der Kreuzung selbst stehen bleiben, sondern ein Stück davor oder dahinter, gut sichtbar und ohne jemanden zu behindern.


Was ist die wichtigste Regel beim Gruppenfahren?

Jeder fährt sein eigenes Tempo und seine eigene Verantwortung. Niemand muss mithalten. Der Führende orientiert sich am schwächsten Fahrer, und wer nicht mehr mitkommt, fällt zurück, statt sich zu überfordern - die Gruppe wartet. Der soziale Druck, mithalten zu müssen, ist die häufigste Unfallursache beim Gruppenfahren.


Haftet die Gruppe mit, wenn einer einen Unfall baut?

Nicht pauschal, aber auch nicht gar nicht. In erster Linie haftet, wer den Fehler gemacht hat. Bei einem Unfall wird die Haftung jedoch nach den Verursachungsanteilen aufgeteilt, wer vorneweg fährt hat eigene Pflichten, und wer sich an einem Rennen beteiligt, kann dem Geschädigten gegenüber mit einstehen müssen.


Gelten in der Schweiz dieselben Regeln fürs Gruppenfahren?

In der Schweiz nicht ganz: Dort verbietet die Verkehrsregelnverordnung Motorradfahrern ausdrücklich das Nebeneinanderfahren. Eine versetzte Reihe mit deutlichem Längsabstand ist damit nicht gemeint, eng aufgerücktes Fahren neben dem Nachbarn aber sehr wohl.

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