Warum Honda die Africa Twin mit 21 und mit 19 Zoll vorn baut

Knapp vier Zentimeter. So viel größer ist das Vorderrad der Africa Twin rechnerisch als das der Africa Twin Adventure Sports, die Honda seit dem Modelljahr 2024 mit 19 statt 21 Zoll baut. Am Stammtisch ist der Unterschied trotzdem eine Glaubensfrage: 21 für alle, die ins Gelände wollen, 19 für die Straße. Honda hat beide Räder auf demselben Rahmen im Programm und schreibt ziemlich genau auf, wofür welches gedacht ist. Wo es im Gelände ernst wird, steckt die Antwort allerdings nicht nur im Rad, sondern auch drumherum.

Eine Africa Twin, zwei Vorderräder

Auch im Modelljahr 2026 unterscheiden sich die beiden Ausführungen der Africa Twin vorn, denn technisch hat Honda an beiden nichts geändert. Die Africa Twin selbst fährt weiter mit einem 21-Zoll-Rad und einem Reifen der Größe 90/90-21. Die Adventure Sports bekam ein 19-Zoll-Rad mit einem breiteren 110/80er. Rahmen und Motor teilen sich beide, und hinten steht jeweils ein 150/70 auf einer 18-Zoll-Felge.

In den Pressetexten zum Modelljahr 2024 verteilt Honda die Rollen deutlich. Das 21-Zoll-Rad der Africa Twin ist dort auf Geländeleistung ausgerichtet. Für die Adventure Sports bringt der 19er laut Honda mehr Grip und mehr Rückmeldung am Vorderreifen. Dazu kommen Stabilität und Komfort auf der Straße, sportlich solo genauso wie zu zweit auf Reisen und auch mit voller Beladung.

Was in der Zollzahl untergeht: Honda hat gleichzeitig das Fahrwerk umgebaut. Die Adventure Sports hat seit 2024 serienmäßig eine elektronisch geregelte Federung, die es für die Africa Twin nur auf Wunsch gibt. Der Federweg sank vorn von 230 auf 210 und hinten von 220 auf 200 Millimeter. Die Sitzhöhe liegt bei 835 oder 855 Millimetern statt 850 oder 870, die Bodenfreiheit bei 220 statt 250. Den kürzeren Federweg begründet Honda mit einem tieferen Schwerpunkt, leichterem Rangieren im Schritttempo und damit, dass die Füße besser auf den Boden kommen.

Wer die beiden Versionen vergleicht, vergleicht deshalb nie nur zwei Räder.

Knapp vier Zentimeter Durchmesser

Die Zollzahl auf der Flanke beschreibt die Felge, nicht das Rad. Den Rest liefert der Reifen, und der baut je nach Format unterschiedlich hoch. Die zweite Zahl der Größe nennt die Flankenhöhe in Prozent der Breite. Beim 90/90 sind das 81 Millimeter, beim 110/80 sind es 88.

Rechnerisch kommt der 90/90-21 der Africa Twin damit auf rund 695 Millimeter Durchmesser, der 110/80R19 der Adventure Sports auf rund 659. Zwei Zoll an der Felge wären gut fünf Zentimeter. Die höhere Flanke des 19ers holt davon knapp anderthalb Zentimeter wieder herein, übrig bleiben 37 Millimeter am Durchmesser und gut 18 am Radius.

Das sind Nennmaße. Zwei Reifen derselben Größe fallen je nach Hersteller unterschiedlich hoch aus, und mit dem Abrieb des Profils verliert jeder Reifen etwas Durchmesser. Für den Vergleich der Größenordnung taugen sie trotzdem.

Die Größenordnung ist die eigentliche Nachricht. Um gut 18 Millimeter ist das Vorderrad der Adventure Sports im Radius kleiner, und um 20 Millimeter hat Honda ihr vorn den Federweg gekürzt. Der Unterschied, über den so viel gestritten wird, ist also nicht größer als eine einzelne Änderung am Fahrwerk.

An der Kante: gut ein Grad

Wofür ein großes Vorderrad gut ist, zeigt sich an einer Stufe. Trifft das Rad eine Kante, drückt die Kante gegen das Rad, und zwar in Richtung Achse. Je steiler dieser Stoß von unten kommt, desto mehr hebt er das Rad an, statt es abzubremsen. Bei einem größeren Rad kommt er steiler.

Rein geometrisch gerechnet, als wäre das Rad starr, sieht das an einer zehn Zentimeter hohen Stufe so aus. Beim 21-Zoll-Rad der Africa Twin ist die Stoßrichtung um rund 44,6 Grad gegen die Senkrechte geneigt, beim 19-Zoll-Rad um rund 45,9 Grad. Ein 17-Zoll-Straßenrad mit einem 120/70er läge bei gut 48 Grad.

Zwischen 21 und 19 liegt also gut ein Grad, zwischen 19 und 17 mehr als zwei. Bei einer Stufe von 20 Zentimetern, schon ein ordentlicher Stein, wächst dieser Abstand auf zwei Grad, 64,9 gegen 66,9. In Kraft übersetzt: Damit das Vorderrad im Schritttempo hinaufrollt, braucht das 19er an der niedrigen Stufe knapp fünf Prozent mehr Schub als das 21er, an der hohen knapp zehn Prozent.

Diese Rechnung kennt keinen Reifen, der einfedert, und keine Gabel, die nachgibt. Im Gelände arbeiten Flanke, Luftdruck und Federweg mit, und beim Federweg hat die Africa Twin die 20 Millimeter mehr. Eine Zeile Geometrie kann diese Anteile an einer echten Stufe nicht auseinanderrechnen, und Messwerte dazu nennt Honda in den Unterlagen zu den beiden Versionen nicht.

Das 21er hilft an der Kante, aber es arbeitet dort nicht allein.

Auf Asphalt zählt der Reifen

Auf der Straße liegt der größere Unterschied im Reifen selbst. Mit der Breite hat das weniger zu tun, als es aussieht. Wie groß die Fläche ist, mit der ein Reifen aufliegt, bestimmen vor allem die Last auf dem Rad und der Luftdruck. Den nennt Honda vorn für beide Versionen gleich, 2,25 bar. Der breitere 110er legt seine Aufstandsfläche deshalb vor allem anders auf die Straße, breiter und dafür kürzer.

In der Größenangabe steckt die Bauart: Der Strich in 90/90-21 steht für einen Diagonalreifen, das R in 110/80R19 für einen Radialreifen. So erklärt es der Reifenhersteller Metzeler, und er schreibt dazu, dass die Bauarten Seiten- und Umfangskräfte unterschiedlich aufnehmen. In der Anleitung der Africa Twin steht es genauso: Der Serienreifen ist vorn beim 21er diagonal, beim 19er radial, hinten bei beiden radial.

Auf der Flanke stehen noch zwei Angaben: wie viel der Reifen tragen darf und für welches Tempo er gebaut ist. Der 90/90-21 der Africa Twin trägt die Tragfähigkeitskennzahl 54, das sind 212 Kilo, der 110/80R19 der Adventure Sports die 59 und damit 243 Kilo. Beim Geschwindigkeitssymbol steht H für 210 km/h am 21er, V für 240 am 19er. Die höhere Tragfähigkeit passt zu dem, wofür Honda die Adventure Sports gebaut hat: viel Last auf langen Strecken.

Die Lenkgeometrie ändert sich ebenfalls. Der Nachlauf sinkt laut Anleitung von 113 auf 106 Millimeter. Gemeint ist, wie weit der Aufstandspunkt des Reifens hinter der Stelle liegt, an der die gedachte Verlängerung der Lenkachse die Straße trifft. Weniger Nachlauf macht das Einlenken in der Regel leichter.

Ins Gelände kommt auch die Adventure Sports. Für beide Versionen nennt Honda neben dem Serienreifen einen M+S-Reifen mit grobem Blockprofil, in der jeweils passenden Größe. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.

Sicherheitshinweis: Bleib mit M+S-Reifen an der Africa Twin unter 160 km/h, gleich welche Version du fährst. Honda schreibt, dass die Maschine mit diesen Reifen ab 160 km/h nicht stabil ist.

Montier außerdem nur Reifen, die Honda für deine Version nennt, oder gleichwertige mit identischer Größe, Bauart, Tragfähigkeit und Geschwindigkeitskategorie. Falsche Reifen können laut Honda Fahrverhalten und Stabilität so beeinträchtigen, dass es zu einem Unfall mit schweren oder tödlichen Verletzungen kommt.

Die Transalp fährt mit Schlauch

Beide Versionen der Africa Twin rollen heute auf Speichenrädern ohne Schlauch. Honda begründet das mit der Panne: Schlauchlose Reifen ließen sich unterwegs reparieren, ohne das Rad auszubauen. Die kleinere Schwester macht es anders. Die Honda XL750 Transalp trägt vorn ebenfalls einen 90/90-21, hinten einen 150/70R18, und laut Anleitung sitzt in beiden Reifen ein Schlauch.

Ob ein Schlauch hinein muss, entscheidet die Felge. Continental schreibt, Felgen für Schlauchreifen seien bei Speichenrädern üblich. Die Felgen der Africa Twin sind laut Anleitung für schlauchlose Reifen konzipiert. Warum Honda an der Transalp beim Schlauch bleibt, steht in den Unterlagen nicht.

Beim Platten wird die Anleitung der Transalp ausführlich. Reparatur und Radausbau verlangen Spezialwerkzeug und besondere Kenntnisse. Ist der Schlauch nur notdürftig geflickt, nennt Honda 50 km/h als Obergrenze. Bevor du das nächste Mal fährst, soll ein neuer hinein.

Was andere Reiseenduros vorn tragen

Die Africa Twin steht mit ihren zwei Rädern nicht allein. Ein Blick in die Anleitungen anderer Reiseenduros und eines Tourers zeigt, wie sich die Klasse sortiert:

Modell (Anleitung)VornHinten
Honda Africa Twin (2025)90/90-21, schlauchlos150/70R18
Honda Africa Twin Adventure Sports (2025)110/80R19, schlauchlos150/70R18
Honda XL750 Transalp (2025)90/90-21, mit Schlauch150/70R18, mit Schlauch
KTM 890 Adventure (2023)90/90-21, schlauchlos150/70R18
Suzuki V-Strom 650110/80R19150/70R17
BMW R 1250 GS (2018, 2020), R 1300 GS (2023)120/70R19170/60R17
Honda NT1100 (2025)120/70ZR17180/55ZR17

Die Adventure Sports fährt vorn dieselbe Größe wie die V-Strom 650, nicht die 120/70 der großen GS. Außerdem tragen in dieser Auswahl alle 21-Zoll-Räder vorn einen Diagonalreifen, erkennbar am Strich, alle 19er einen Radialreifen.

Die Grenze zwischen den Klassen verläuft nicht an der Zollzahl allein, sondern dort, wo ein Hersteller Federweg, Bodenfreiheit und Reifenbauart für seinen Zweck zusammenstellt. Bei der Africa Twin hat Honda das zweimal getan, für zwei verschiedene Zwecke.

Für wen das 19-Zoll-Rad gedacht ist

Honda beschreibt die Adventure Sports als Maschine für Reisen über Kontinente, auf der Straße und abseits davon. Der Tank fasst 24,8 statt 18,8 Liter, die Sitzbank ist niedriger, und das 19-Zoll-Rad soll vor allem dann ruhig laufen, wenn Sozius und Koffer mitfahren. Die Africa Twin mit 21 Zoll nennt Honda dagegen einen Abenteurer mit klarem Geländeschwerpunkt.

Wer viel Schotter mit Gepäck fährt, bewegt sich damit in dem Bereich, für den Honda auch die Adventure Sports vorsieht. Für sie nennt die Anleitung ebenfalls einen Reifen mit Blockprofil. Wer Stufen, tiefe Spurrillen und Steinfelder sucht, bekommt mit der Africa Twin das ganze Paket: das größere Rad, 20 Millimeter mehr Federweg und 30 mehr Bodenfreiheit.

Ein Umbau ist übrigens keine Abkürzung. Honda hat bei der Adventure Sports das Kurven-ABS auf das neue Vorderrad und das geänderte Fahrwerk abgestimmt. Ein anderes Rad allein macht aus der einen Version nicht die andere.

Die Entscheidung steckt in deiner letzten Saison: Wie viele deiner Kilometer waren Asphalt, wie viele Schotter, und an wie vielen Tagen stand eine Stufe im Weg, die du nicht umfahren konntest?

❓ Häufige Fragen zur Africa Twin mit 21 oder 19 Zoll

Warum hat die Africa Twin Adventure Sports vorn nur 19 Zoll?

Seit dem Modelljahr 2024 rollt die Adventure Sports vorn auf einem 110/80R19. Laut Honda bringt er mehr Haftung und Gefühl am Vorderrad und eine ruhigere, bequemere Fahrt auf der Straße, gerade mit Gepäck und Sozius. Zum Paket gehören eine elektronisch geregelte Federung, 20 Millimeter weniger Federweg und eine tiefere Sitzbank.


Ist ein 21-Zoll-Vorderrad im Gelände besser?

Ein größeres Rad rollt leichter über Stufen, weil der Stoß der Kante steiler von unten kommt. Zwischen dem 90/90-21 der Africa Twin und dem 110/80R19 der Adventure Sports sind das an einer zehn Zentimeter hohen Stufe gut ein Grad, und das 19er braucht rechnerisch knapp fünf Prozent mehr Schub, um hinaufzurollen. Die Africa Twin bringt dazu mehr Federweg und mehr Bodenfreiheit mit, und auch die zählen im Gelände.


Wie viel größer ist ein 90/90-21 als ein 110/80R19?

Nach Nennmaß hat der 90/90-21 rund 695 Millimeter Durchmesser, der 110/80R19 rund 659. Der Unterschied von 37 Millimetern ist kleiner als die zwei Zoll an der Felge, weil der 19er die höhere Flanke hat. Reale Reifen weichen je nach Hersteller und Abnutzung davon ab.


Was bedeutet das R in 110/80R19?

Das R kennzeichnet einen Radialreifen. Ein Strich an derselben Stelle, wie in 90/90-21, steht für einen Diagonalreifen, ein B für einen Diagonal-Gürtelreifen. Laut Metzeler nehmen die Bauarten Seiten- und Umfangskräfte unterschiedlich auf, und deshalb gehören nur Kombinationen ans Motorrad, die sein Hersteller vorsieht.


Kann ich mit der Adventure Sports Stollenreifen fahren?

Ja, Honda nennt in der Anleitung für beide Versionen der Africa Twin auch einen Stollenreifen mit M+S-Kennung. Mit ihm sollst du laut Honda unter 160 km/h bleiben, denn ab diesem Tempo ist die Maschine damit nicht stabil.


Warum hat die Transalp Schläuche und die Africa Twin nicht?

Für die Transalp sieht Honda Reifen mit Schlauch vor, die Felgen der Africa Twin sind für schlauchlose Reifen gebaut. Honda nennt als Vorteil der schlauchlosen Reifen, dass sich eine Panne reparieren lässt, ohne das Rad auszubauen. Einen Grund für den Schlauch an der Transalp nennt Honda nicht.


Wird aus einer Africa Twin mit 19-Zoll-Rad eine Adventure Sports?

Nein, ein anderes Vorderrad allein ergibt keine Adventure Sports. Bei ihr hat Honda auch Federweg und Sitzhöhe geändert und das Kurven-ABS neu abgestimmt. Laut Anleitung gehören an jede Version Reifen genau in der Größe und Bauart, die Honda für sie nennt.

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