
Du steigst nach vier Stunden ab, ziehst den Helm runter, und die Welt klingt wie durch Watte. Ein feines Pfeifen liegt über allem. Am nächsten Morgen ist es weg, du denkst nicht mehr daran, und genau das ist das Problem.
Denn dieses Pfeifen war keine Erschöpfung. Es war eine Quittung. Und dass sie über Nacht verblasst, heißt nicht, dass sie bezahlt ist - die Haarzellen in deinem Innenohr wachsen nicht nach, und niemand merkt beim Aussteigen, wie viele davon diese Tour gekostet hat. Wer sich beim Thema Gehörschutz auf dem Motorrad Sorgen um seinen Auspuff macht, kämpft an der falschen Front.
Schlag deine Zulassungsbescheinigung Teil I auf, rechte Spalte. Unter U.1 steht dein Standgeräusch in Dezibel, unter U.2 die Drehzahl, bei der es gemessen wurde, und unter U.3 das Fahrgeräusch. Zwei Zahlen, zwei völlig verschiedene Dinge - und sie werden ständig durcheinandergeworfen.
Das Fahrgeräusch unter U.3 stammt aus der Typprüfung. Für neue Motorräder liegt der Grenzwert je nach Leistungs-Masse-Verhältnis bei 73, 74 oder 77 dB(A) (Stand: September 2026); der größte Teil der aktuellen Maschinen fällt in die 77er-Klasse. Gemessen wird das aus 7,5 Metern Entfernung, in einer definierten Beschleunigungsfahrt auf einer Prüfstrecke. Also dort, wo der Anwohner steht.
Das Standgeräusch unter U.1 ist die Zahl, die dich unterwegs einholt. Sie wird am stehenden Motorrad in kurzem Abstand schräg hinter der Mündung ermittelt und liegt deshalb deutlich höher - und sie ist der Wert, den eine Kontrolle mit deinen Papieren abgleicht. Auch die bekannten Lärmfahrverbote auf einzelnen Alpenstrecken hängen am eingetragenen Standgeräusch, nicht am Fahrgeräusch (Stand: September 2026).
Zwei Werte, zwei Messverfahren, ein gemeinsamer Nenner: Beide sind für andere gemessen worden. Nicht dort, wo du sitzt.
Und jetzt kommt der Punkt, der die ganze Diskussion auf den Kopf stellt: Ab ungefähr 65 km/h übertönt der Fahrtwind alles, was Motor und Auspuff beitragen. Auf der Landstraße hörst du deine Maschine praktisch nicht mehr - du hörst Luft. Der Lärm, für den du ein Bußgeld bekommst, ist nicht der Lärm, der dich taub macht. Es sind zwei völlig verschiedene Geräusche, an zwei völlig verschiedenen Orten gemessen, und nur eines davon liegt vier Stunden lang direkt an deinem Trommelfell.
Der laute Auspuff hat also ein Nachbarschaftsproblem. Dein Gehör hat ein Windproblem.
Belastbare Zahlen gibt es, und sie sind unangenehm konkret. In den Helmtests des ADAC lag der mittlere Schalldruckpegel bei Tempo 100 zwischen rund 84 dB(A) beim leisesten und knapp 95 dB(A) beim lautesten Helm des Feldes - gleicher Fahrer, gleiches Tempo, nur ein anderer Helm. Ältere Messreihen aus der Lärmforschung nennen für den Bereich 120 bis 160 km/h rund 97 bis 109 dB(A). Die Spannen sind groß, weil Messposition, Maschine und Sitzhaltung stark hineinspielen - die Richtung ist in allen Quellen dieselbe.
Der Arbeitsschutz gilt für deine Feierabendrunde nicht. Aber er liefert den einzigen Maßstab, den es überhaupt gibt, und der funktioniert so (Stand: September 2026): Bei 85 dB(A) sind acht Stunden das Limit. Jede Verdopplung der Schallenergie entspricht drei Dezibel - also halbiert sich mit jedem Plus von 3 dB die Zeit, die du dir leisten kannst. 88 dB: vier Stunden. 91 dB: zwei. 94 dB: eine.
Rechne das für dich weiter. Ein lauter Helm bei Tempo 100 liegt bei 95 dB(A). Das sind knapp 48 Minuten. Nicht pro Tour - pro Tag.
Deine Sonntagsrunde geht über vier Stunden.
Sicherheitshinweis: Lärmschwerhörigkeit tut nicht weh, kündigt sich nicht an und ist nicht heilbar. Zerstörte Haarzellen im Innenohr regenerieren nicht - was weg ist, bleibt weg. Der ADAC nennt in seinem Ratgeber zum Gehörschutz eine Zahl, die du einmal gehört haben solltest: Schon 90 Sekunden bei Tempo 160 können für bleibende Schäden reichen. Anderthalb Minuten Autobahn.
Die meisten stellen sich Schwerhörigkeit als Lautstärkeregler vor: alles wird leiser, du drehst auf, fertig. So ist es nicht.
Lärmbedingter Hörverlust fängt oben an, bei den hohen Frequenzen. Die Fachwelt kennt dafür sogar ein eigenes Bild: die Senke in der Hörkurve rund um 4.000 Hertz, die als erstes Anzeichen gilt.
Das klingt erst einmal wie ein Widerspruch zu allem, was oben stand. Wenn der Fahrtwind tief ist, warum bricht dann ausgerechnet der Hochtonbereich weg? Weil die Senke nicht vom Geräusch kommt, sondern vom Ohr. Dein äußerer Gehörgang wirkt wie ein kleiner Resonanzkörper und hebt genau den Bereich zwischen etwa zwei und vier Kilohertz an; und der Abschnitt der Hörschnecke, der diese Frequenzen verarbeitet, liegt in ihrer basalen Windung - also dort, wo jede eingehende Welle zuerst vorbeikommt, egal welche Tonhöhe sie transportiert. Die Hörforschung führt die c5-Senke deshalb auf das Zusammenspiel von Gehörgangsresonanz und der Strömungsmechanik im Innenohr zurück, nicht auf das Frequenzbild der Lärmquelle. Anders gesagt: Es ist ziemlich egal, in welcher Tonlage dich der Lärm erwischt. Kaputt geht zuerst dieselbe Stelle.
Und oben sitzen die Konsonanten - das S, das F, das T, die Zischlaute, die Wörter überhaupt erst unterscheidbar machen. Die Vokale tragen die Lautstärke, die Konsonanten tragen die Information, und die Vokale bleiben lange erhalten. Das Ergebnis ist dieser eine Satz, den Betroffene irgendwann ständig sagen: „Ich höre dich schon, ich verstehe dich nur nicht.“
Der Rest ist noch gemeiner. Im Straßenverkehr fällt es dir nicht auf. Auf dem Motorrad fällt es dir erst recht nicht auf. Es fällt dir im Restaurant auf, wenn am Nebentisch geredet wird und du aus dem Gespräch an deinem eigenen Tisch aussteigst. Es fällt deiner Familie auf, bevor es dir auffällt. Und wenn dann noch ein Tinnitus dazukommt, dieses Pfeifen, das eines Tages einfach nicht mehr weggeht, dann ist die Sonntagsrunde von vor zwanzig Jahren längst vergessen.
Es gibt keinen Punkt, an dem du merkst, dass es jetzt kippt. Das ist der gesamte Trick dieser Verletzung.
Hier wird es interessant, weil die verbreitete Erklärung zwar gut klingt, aber die Messwerte nicht hergeben.
Erzählt wird meistens: Motorrad-Stöpsel filtern den tieffrequenten Windbrei heraus und lassen die hohen Frequenzen durch, damit du Sirenen hörst. Schön wäre es.
Dafür gehören zwei Messreihen nebeneinander. Die erste kommt aus einer Untersuchung der Technischen Hochschule Ingolstadt, die Helmlärm auf der Straße und im Windkanal vermessen hat. Ihr Befund zum Spektrum ist eindeutig: Das pegelbestimmende Frequenzband liegt zwischen 150 und 1.500 Hertz - tief bis mittel, wie bei Windgeräuschen üblich. Nebenbei zeigt dieselbe Arbeit, warum der Helm allein das Problem nicht löst: Seine Dämmung wird überhaupt erst ab etwa 400 Hertz wirksam. Unterhalb davon ist er akustisch fast nicht vorhanden.
Die zweite Reihe ist ein Vergleich von zwölf Stöpseln über den Bereich von 125 bis 8.000 Hertz. Dort zeigt sich bei allen Modellen dasselbe Muster: Die Dämmung ist unten am geringsten und erreicht ihr Maximum zwischen einem und acht Kilohertz. Leg beides übereinander, und die Legende zerfällt: Der Lärm sitzt größtenteils unter 1.500 Hertz, die Stöpsel wirken am stärksten darüber. Kein Stöpsel schneidet dir das tiefe Rauschen weg und lässt die Sirene stehen - er macht eher das Gegenteil.
Heißt das, Stöpsel bringen nichts? Im Gegenteil. Sie dämmen auch unten, nur weniger stark - der Gesamtpegel an deinem Trommelfell sinkt also sehr wohl, und genau darum geht es. Die Frage ist nicht, ob sie den Wind leiser machen, sondern was sie dir dabei sonst noch wegnehmen.
Was gute Motorrad-Stöpsel wirklich tun, ist etwas anderes und viel Nützlicheres: Sie dämmen gleichmäßiger. Ein klassischer Schaumstoffstöpsel hat eine steile Kurve - er nimmt oben viel mehr weg als unten, und damit verzerrt er das Klangbild. Du hörst weiter Wind, aber das Auto neben dir und die Stimme aus dem Intercom sind weg. Ein Filterstöpsel dämmt insgesamt weniger, dafür über den Frequenzbereich hinweg ähnlicher. Es wird leiser, aber es bleibt sortiert. In dem genannten Vergleich lagen die Filtermodelle grob im Bereich von 10 bis 30 dB, während klassische Schaumstöpsel je nach Modell von 5 bis 40 dB reichten - mit dem großen Ausschlag eben oben.
Deshalb ist die Frage „Welcher hat den höchsten SNR-Wert?“ die falsche Frage - aber „möglichst wenig“ ist die genauso falsche Antwort. Der Arbeitsschutz rechnet das anders herum, und das ist der brauchbarste Ansatz, den es gibt: Gut ist eine Dämmung dann, wenn unter dem Gehörschutz noch 70 bis 80 dB(A) am Ohr ankommen. Nicht mehr, weil es sonst schädlich bleibt - und nicht weniger, weil du sonst abgeschottet bist.
Rechne das durch, und zwar mit dem Praxisabschlag aus dem nächsten Abschnitt, nicht mit dem Wert von der Packung. Landstraße mit 90 bis 95 dB(A) im Helm heißt: effektiv 15 bis 20 dB, da liegen gute Filterstöpsel richtig. Wer regelmäßig Autobahn und Tempo 160 fährt, wo die Messreihen jenseits von 100 dB(A) liegen, braucht effektiv eher 25 bis 30 - und dann ist ein Filterstöpsel mit kleinem Dämmwert schlicht zu schwach für das, was er abbekommt. Merk dir also keine Zahl, sondern ein Verhältnis: so viel Dämmung, dass du am Ohr unter 80 landest, und so wenig, dass du über 70 bleibst.
Und für die Steilheit gibt es sogar eine amtliche Abkürzung, die kaum ein Biker kennt. Der Arbeitsschutz kennzeichnet flach dämmende Gehörschützer mit einem W - höchstens 3,6 Dezibel Anstieg je Oktave zwischen 125 und 4.000 Hertz, ausdrücklich fürs Hören von Warnsignalen und für Sprachverständlichkeit. Noch flacher ist X. Und es gibt ein V: für Personen, die Fahrzeuge im öffentlichen Straßenverkehr führen. Nachschlagen kannst du das in der Positivliste des Instituts für Arbeitsschutz (Stand: September 2026). Für deine Sonntagsrunde ist das keine Vorschrift - aber die beste Auswahlhilfe zum Thema, und sie kostet nichts.
Sicherheitshinweis: Ein Stöpsel, der dich vollständig abschottet, ist kein besserer Schutz, sondern ein zusätzliches Risiko: Martinshorn, Hupe und das Rangieren hinter dir sind Informationen, die du zum Fahren brauchst. Wähle die Dämmung so, dass Sprache und Signale erkennbar bleiben - und teste das nicht zum ersten Mal auf der Autobahn.
Der Wert auf der Packung ist ein Laborwert. Im Alltag kommt davon regelmäßig weniger an, und zwar so verlässlich, dass das Arbeitsschutz-Regelwerk einen festen Abschlag dafür einrechnet - und die Staffelung ist aufschlussreich. Für Stöpsel, die vor dem Gebrauch erst gerollt werden müssen, also klassischen Schaumstoff, zieht das Regelwerk 9 dB ab. Für fertig geformte Stöpsel 5 dB. Für angepasste Otoplastiken mit regelmäßiger Funktionskontrolle nur noch 3 dB (Stand: September 2026).
Neun gegen drei Dezibel - das ist mehr als der Unterschied zwischen dem leisesten und dem lautesten Helm im Testfeld, und es entscheidet sich nicht am Produktpreis, sondern daran, ob das Ding richtig sitzt.
Der Grund ist banal. Die Dinger sitzen zu flach. Rollen, reinstecken, Helm auf, fertig - und der Schaumstoff hat sich schon im Gehörgang wieder ausgedehnt, bevor er tief genug war.
Ein Wort zur Einordnung, weil es sonst widersprüchlich wirkt: Schaumstoff ist nicht verboten. Er ist billig, er dämmt kräftig, und für die Autobahnetappe ist genau das manchmal richtig. Er hat nur die steilste Kurve und den größten Praxisabschlag - er ist die Notlösung, nicht die Dauerlösung. Wenn du ihn nimmst, dann wenigstens richtig.
Und das geht so, in dreißig Sekunden: Stöpsel zwischen den Fingern zu einem dünnen Stäbchen rollen, ohne Knick. Mit der freien Hand über den Kopf greifen und die Ohrmuschel nach oben und hinten ziehen - das streckt den Gehörgang. Zügig einsetzen, mit dem Finger halten, bis er sich ausgedehnt hat, etwa zwanzig bis dreißig Sekunden. Erst dann den Helm aufziehen.
Bei wiederverwendbaren Lamellenstöpseln entfällt das Rollen: Ohrmuschel genauso nach oben und hinten ziehen und den Stöpsel mit leichtem Druck hineindrehen, bis der letzte Lamellenkranz sitzt. Genau deshalb stehen sie im Regelwerk mit dem kleineren Abschlag - es gibt weniger, was du falsch machen kannst.
Die Kontrolle ist in beiden Fällen dieselbe: Klingt deine eigene Stimme dumpf und hohl, sitzt der Stöpsel. Klingt sie normal, sitzt er nicht.
Zwei Praxisdetails, die den Unterschied machen: Beim Aufsetzen des Helms schiebt die Polsterung die Stöpsel gern wieder heraus - kontrolliere sie danach mit dem Finger. Und wer regelmäßig lange Strecken fährt, sollte sich einmal beim Hörakustiker über angepasste Otoplastiken informieren. Sie kosten deutlich mehr, aber sie drücken nach 300 Kilometern nicht, und der beste Gehörschutz ist immer noch der, den du auch wirklich drin lässt.
Sicherheitshinweis: Wenn du ein Intercom fährst, wartet hier eine Falle, die den ganzen Aufwand umdreht. Mit Stöpseln im Ohr hörst du Navi und Gesprächspartner schlechter, und der Reflex ist, lauter zu drehen. Nur sitzt der Lautsprecher wenige Zentimeter vom Trommelfell - was dort entsteht, dämmt kein Stöpsel weg, weil es hinter dem Gehörschutz entsteht. Wer den Regler auf Anschlag dreht, hat sich nicht nur den Schutz zunichtegemacht, sondern eine zweite Lärmquelle gebaut. Lautstärke deshalb im Stand einstellen und nicht bei Tempo 130 nachregeln.
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Alpine gibt für diese Modelle 17 und 20 dB an. Zieh die drei Dezibel Praxisabschlag für wiederverwendbare Stöpsel ab, und du siehst, welcher zu deinem Tempo gehört.
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Jetzt der Teil, bei dem im Internet am meisten Unsinn kursiert - in beide Richtungen.
Die Straßenverkehrs-Ordnung enthält keine Regelung, die Ohrstöpsel nennt. Was sie enthält, ist eine allgemeine Pflicht in § 23 Abs. 1 StVO, und die lautet im ersten Satz wörtlich: „Wer ein Fahrzeug führt, ist dafür verantwortlich, dass seine Sicht und das Gehör nicht durch die Besetzung, Tiere, die Ladung, Geräte oder den Zustand des Fahrzeugs beeinträchtigt werden“ (Stand: September 2026). Das ist der Wortlaut, und mehr sagen wir dazu nicht - wir sind ein Motorrad-Journal und kein Rechtsportal.
Was daraus für deinen konkreten Fall folgt, ordnet dir keine Zeitschrift ein. Wenn du es genau wissen willst, ist die Adresse eine Prüforganisation, ein Fachanwalt für Verkehrsrecht oder dein Versicherer - und in Österreich und der Schweiz gelten eigene Regeln, die du dort selbst prüfen solltest. Was in Deutschland gilt, gilt am Brenner nicht ohne Weiteres weiter.
Praktisch läuft es ohnehin auf dasselbe hinaus wie der Abschnitt davor: Dämmung so wählen, dass du Warnsignale weiter wahrnimmst.
Stöpsel sind der größte Hebel, aber nicht der einzige. Und einer davon ist erstaunlich billig.
Windkanaluntersuchungen zeigen, dass der Schall am Ohr überwiegend aus dem Hohlraum unter dem Helm kommt - dem Spalt zwischen Kinnbügel, Hals und Jackenkragen. Hinter einer hohen Scheibe wandert die Hauptquelle nach oben zur Turbulenz am Scheibenrand. Eine saubere Abdichtung der jeweils relevanten Zone bringt in diesen Messungen 5 bis 8 dB, und sechs Dezibel weniger heißen halber Schalldruck am Trommelfell.
Ob dein Helm einen Kinnvorhang hat und ob ein Windabweiser dafür angeboten wird, steht in der Anleitung deines Helmherstellers - dort steht auch, was du am Helm nicht verändern darfst. Für die Scheibe an der Maschine gilt: Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch. Und stell dich auf eine unbequeme Erkenntnis ein - eine höhere Scheibe ist nicht zwangsläufig leiser, sie verlagert die Quelle nur nach oben.
Einen Vergleichswert auf der Helmschachtel wirst du dagegen nicht finden: ECE 22.06 prüft Stoßdämpfung, Abstreifsicherheit und Kinnriemen - Akustik kommt darin nicht vor.
Rechtlicher Hinweis: Dieser Artikel ordnet die Lage allgemein und journalistisch ein (Stand: September 2026). Er ist keine Rechtsberatung, und Einzelfälle können anders liegen. Wenn es bei dir konkret wird, frag eine Prüforganisation, deinen Versicherer oder einen Fachanwalt für Verkehrsrecht.
Über den Auspuff wird gestritten, gemessen, gesperrt und geklagt. Über den Wind redet niemand, obwohl er lauter ist, länger dauert und näher am Ohr sitzt. Vielleicht, weil ein lauter Auspuff eine Entscheidung ist und Wind einfach passiert. Vielleicht auch, weil Gehörschutz auf dem Motorrad nach Vorsicht aussieht, und Vorsicht ist unter Bikern schlechter beleumundet als sie es verdient hat.
Dabei ist es genau umgekehrt. Wer Stöpsel drin hat, kommt nach 400 Kilometern nicht dröhnend und gereizt an, sondern noch da. Weniger Lärm heißt weniger Ermüdung, und weniger Ermüdung heißt bessere Entscheidungen in der Kurve, in der es darauf ankommt.
Zwei Euro Material und dreißig Sekunden vor dem Helmaufsetzen. Es gibt am ganzen Motorrad nichts, was für so wenig so viel zurückgibt.
Wie laut ist es wirklich unter dem Helm?
In den Helmtests des ADAC lagen die mittleren Pegel bei Tempo 100 zwischen rund 84 dB(A) beim leisesten und knapp 95 dB(A) beim lautesten Helm. Ältere Messreihen nennen für 120 bis 160 km/h rund 97 bis 109 dB(A). Die Spanne kommt durch Messposition, Maschine und Sitzhaltung zustande - die Richtung ist überall dieselbe.
Ab wann wird Lärm für das Gehör gefährlich?
Der Arbeitsschutz arbeitet mit 85 dB(A) über acht Stunden als oberem Auslösewert. Entscheidend ist die Dosis: Jede Steigerung um drei Dezibel halbiert die Zeit, die du dir leisten kannst. 88 dB(A) bedeuten vier Stunden, 91 dB(A) zwei, 94 dB(A) eine. Für die Freizeit gilt das nicht als Vorschrift, es ist aber der einzige belastbare Maßstab.
Ist der Auspuff oder der Fahrtwind das größere Problem fürs Gehör?
Der Fahrtwind. Ab etwa 65 km/h übertönt er ohnehin alles, was Motor und Auspuff beitragen. Der Grenzwert fürs Fahrgeräusch neuer Motorräder liegt je nach Leistungs-Masse-Verhältnis bei 73, 74 oder 77 dB(A) - gemessen in 7,5 Metern Abstand, also beim Anwohner und nicht an deinem Ohr.
Schneiden Motorrad-Ohrstöpsel wirklich nur den Windlärm weg?
Nein, das ist ein verbreiteter Irrtum. Messungen an Motorradhelmen zeigen, dass das pegelbestimmende Frequenzband des Windlärms zwischen 150 und 1.500 Hertz liegt. Ohrstöpsel dämmen dagegen unten am wenigsten und erreichen ihr Maximum zwischen einem und acht Kilohertz - also dort, wo Sprache und Signale sitzen. Sie senken den Gesamtpegel trotzdem deutlich, weil sie auch unten dämmen. Der Unterschied zwischen gut und schlecht liegt nicht darin, ob sie den Wind leiser machen, sondern wie viel sie dir oben zusätzlich wegnehmen - und genau das entscheidet die Steilheit der Dämmkurve.
Welchen Dämmwert sollte ich wählen?
Weder den höchsten noch den kleinsten. Der Arbeitsschutz beurteilt eine Dämmung als gut, wenn unter dem Gehörschutz noch 70 bis 80 dB(A) am Ohr ankommen. Für Landstraße mit rund 90 bis 95 dB(A) im Helm heißt das effektiv etwa 15 bis 20 dB, für regelmäßige Autobahnetappen jenseits von 100 dB(A) eher 25 bis 30 dB - und zwar nach Abzug des Praxisabschlags, nicht laut Packung. Handfester wird die Auswahl über die Kennzeichnung aus dem Arbeitsschutz: Das Zusatzkennzeichen W steht für flach dämmende Gehörschützer, ausgelegt auf das Hören von Warnsignalen und die Verständlichkeit von Sprache, X für eine noch flachere Kurve und V für Personen, die Fahrzeuge im öffentlichen Straßenverkehr führen. Geführt wird das in der Positivliste des Instituts für Arbeitsschutz.
Warum wirken meine Ohrstöpsel schlechter als angegeben?
Weil der aufgedruckte Wert ein Laborwert ist. Das Arbeitsschutz-Regelwerk rechnet deshalb einen Praxisabschlag ein: 9 dB bei Stöpseln, die vor dem Gebrauch gerollt werden müssen, 5 dB bei fertig geformten, 3 dB bei angepassten Otoplastiken mit Funktionskontrolle. Richtig eingesetzt wird so: dünn rollen, Ohrmuschel nach oben und hinten ziehen, einsetzen und 20 bis 30 Sekunden mit dem Finger halten. Wenn die eigene Stimme dumpf klingt, sitzt der Stöpsel.
Sind Ohrstöpsel auf dem Motorrad in Deutschland erlaubt?
Die StVO nennt Ohrstöpsel nicht. Sie enthält in § 23 Abs. 1 StVO eine allgemeine Pflicht, deren erster Satz wörtlich lautet: „Wer ein Fahrzeug führt, ist dafür verantwortlich, dass seine Sicht und das Gehör nicht durch die Besetzung, Tiere, die Ladung, Geräte oder den Zustand des Fahrzeugs beeinträchtigt werden.“ Eine Bewertung des Einzelfalls gehört zu einem Fachanwalt für Verkehrsrecht und nicht in einen Ratgeber. In Österreich und der Schweiz gelten eigene Regeln, die du dort prüfen solltest.
Warum steht kein Lärmwert auf der Helmschachtel?
Weil es keinen gibt. Die Zulassungsnorm ECE 22.06 prüft Stoßdämpfung, Abstreifsicherheit und Kinnriemen - Akustik ist nicht Teil der Prüfung. Messungen an Helmen zeigen außerdem, dass die Dämmung der Schale erst ab etwa 400 Hertz wirksam wird. Vergleiche zwischen Helmen sind deshalb nur dann etwas wert, wenn Geschwindigkeit, Messposition und Aufbau identisch waren.
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