
Ein Hotelparkplatz im Zillertal, kurz nach sieben, der Regen hat gerade aufgehört. Zwei voll bepackte Motorräder rollen nebeneinander auf die freien Plätze. Der eine Fahrer holt Lappen und Spraydose aus dem Topcase, kniet sich neben sein Hinterrad und reibt die nasse Kette erst einmal trocken. Der andere nimmt die Taschen von seiner R 1300 GS und geht hinein.
Was der andere an diesem Abend nicht tun muss, nennen viele die Kardan-Philosophie. Dahinter steckt weniger Weltanschauung als ein Wartungsplan: Die Kette will auf der Reise fast täglich Aufmerksamkeit, der Kardanantrieb meldet sich zu festen Terminen in der Werkstatt. Wie viel Arbeit wo anfällt, zeigen die Wartungspläne von Honda, Yamaha und BMW.
Bei Honda gehört die Kette zur Kontrolle vor jeder Fahrt. Für die NC750X steht dort, Zustand und Durchhang zu prüfen, bei Bedarf nachzustellen und zu schmieren, und im Wartungsplan kommt die Kette zusätzlich alle 1.000 Kilometer dran. Für die erste Generation der MT-07 nennt Yamaha für Kontrolle, Nachstellen und Spray alle 800 Kilometer, dazu nach jeder Wäsche, nach Regenfahrten und wenn du in feuchter Umgebung unterwegs warst. Vor dem Sprühen wird die Kette laut Yamaha gereinigt und trocken gerieben.
Rechne eine Tour mit 3.000 Kilometern und zwei Regentagen. Nach den Vorgaben von Yamaha sind das drei Termine nach Kilometern und zwei nach dem Regen, also bis zu fünf Abende mit Lappen und Dose. Gesprüht wird am Abend, damit das Mittel bis zum Morgen einziehen kann. Wer erst kurz vor dem Losfahren sprüht, schleudert einen Teil davon gleich wieder ab.
Ohne Hauptständer und ohne Montageständer im Gepäck schiebst du die Maschine zwischen den Sprühstößen im Leerlauf und mit abgestelltem Motor ein Stück weiter, bis jedes Kettenglied etwas abbekommen hat. Honda rät, das Mittel sparsam aufzutragen und darauf zu achten, dass nichts auf Bremsen und Reifen gelangt, und auf dem Parkplatz gilt das auch für die Maschine nebenan.
Beim Kardanantrieb führt eine Welle die Kraft vom Getriebe nach hinten, wo ein Winkelgetriebe sie um 90 Grad ins Hinterrad umlenkt. Die Welle liegt geschützt in der Schwinge, und das Winkelgetriebe am Rad läuft in Getriebeöl. Es gibt nichts zu sprühen und nichts nachzuspannen, und auch der Kettensatz als Verschleißteil fällt weg.
Am besten passt der Kardan zu Motoren mit längs liegender Kurbelwelle, wie dem V2 von Moto Guzzi, dem Sechszylinder der Gold Wing oder dem Boxer von BMW. Bei ihnen liegt die Kurbelwelle schon in Fahrtrichtung, deshalb genügt am Hinterrad ein einziges Winkelgetriebe. Ein quer eingebauter Motor braucht dafür ein zweites am Getriebe.
Im Plan der R 1300 GS steht der Ölwechsel im Winkelgetriebe, das dort auch Hinterachsgetriebe heißt, schon bei der Einfahrkontrolle. Danach kommt frisches Öl alle 20.000 Kilometer hinein, spätestens aber nach zwei Jahren. Im selben Takt nach Kilometern stehen die Kontrolle des Ventilspiels und die Sichtkontrolle der Kardanwelle mit Schmieren im Plan, ersetzt wird die Welle nach 80.000 Kilometern Laufleistung. Den Ölwechsel im Winkelgetriebe führt auch der Plan der älteren R 1250 GS.
Honda lässt das Endantriebsöl der Gold Wing alle drei Jahre wechseln. Den Stand prüfst du dort auf festem, ebenem Boden am senkrecht gehaltenen Motorrad, und die rund 390 Kilo hält dabei am besten eine zweite Person. Dann nimmst du Einfüllkappe und O-Ring ab, und das Öl soll bündig mit der Unterkante der Öffnung stehen. Fehlt etwas, suchst du laut Honda zuerst nach einer Undichtigkeit, bevor Hypoidgetriebeöl SAE 80 bis zur Unterkante nachkommt, nicht darüber. Auf die Kappe gehört ein neuer O-Ring, und was danebengeht, wischst du sofort auf.
Eine Ölspur am Endantrieb ist kein Schönheitsfehler, denn was dort austritt, kann auf Reifen und Bremse gelangen. Die Reise geht dann erst weiter, wenn eine Werkstatt den Antrieb gesehen hat, und ist schon Öl an Reifen oder Bremse, kommt die Maschine auf den Anhänger. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.
Wellenantriebe gab es schon vor BMW, die belgische FN Four trieb ihr Hinterrad ab 1905 über eine Welle an. Bei BMW gibt es den Antrieb seit der R 32 von 1923, und BMW nannte ihn schon damals Kardan, obwohl die Welle noch ohne Kardangelenke auskam. Moto Guzzi setzt seit der V7 von 1967 auf den längs eingebauten V2 mit Welle zum Hinterrad, und seit den Achtzigerjahren laufen alle Modelle der Marke so. Die V85 TT trägt dieses Prinzip in die Klasse der mittleren Reiseenduros.
Honda stellte die Gold Wing GL 1000 im Herbst 1974 auf der IFMA in Köln vor. Sie hatte den Kardan von Anfang an, und auch die heutige Gold Wing fährt mit Endantrieb im Ölbad. Bei den großen Tourern ist der Kardan damit seit Jahrzehnten zu Hause.
Ein Kardan ist aufwendiger zu bauen und deutlich schwerer als eine Kette. Ein Teil dieses Gewichts sitzt mit dem Winkelgetriebe am Hinterrad und geht mit dem Rad über jede Bodenwelle auf und ab. Auf welligem Asphalt folgt das Hinterrad der Fahrbahn dadurch etwas schlechter, wie stark, hängt an Fahrwerk, Tempo und Belag. Geht am Winkelgetriebe doch einmal etwas kaputt, wird die Reparatur teuer.
Zwischen den Zahnrädern eines Kardans bleibt etwas Spiel, und das spürst du als kurzen Ruck, wenn du Gas gibst oder wegnimmst. Dazu kommt das Heck: Ohne Gegenmaßnahme hebt es sich beim Beschleunigen und sinkt beim Gaswegnehmen. BMW hält diese Bewegung seit 1987 mit der Paralever-Schwinge klein.
Wer weder sprühen noch Getriebeöl wechseln will, schaut auf den Zahnriemen. Er ist sauber und leise und braucht kein Spray, wartungsfrei ist er trotzdem nicht: Zustand und Spannung wollen geprüft werden, und Steine zwischen Riemen und Scheibe verträgt er nicht.
Am nächsten Morgen stehen die beiden Maschinen Seite an Seite. Auf der Kette liegt ein matter Film, das Spray hatte die ganze Nacht zum Einziehen. Beide Motoren springen fast im selben Moment an. Der eine hat seine Arbeit gestern Abend erledigt, beim anderen kommt die nächste erst mit dem Service, alle 20.000 Kilometer oder spätestens nach zwei Jahren.
Muss ein Kardanantrieb gewartet werden?
Gewartet wird auch ein Kardan, nur in größeren Abständen als eine Kette. An der R 1300 GS kommt alle 20.000 Kilometer, spätestens nach zwei Jahren, frisches Öl ins Winkelgetriebe am Hinterrad, dazu eine Sichtkontrolle der Welle mit Schmieren. Die Gold Wing bekommt laut Honda alle drei Jahre neues Endantriebsöl.
Wie oft muss eine Motorradkette geschmiert werden?
Wie oft eine Motorradkette Spray braucht, steht im Wartungsplan deines Modells. Honda nennt für die NC750X alle 1.000 Kilometer, bei der ersten Generation der MT-07 sind es 800 Kilometer, dazu jede Wäsche und jede Regenfahrt. Am günstigsten sprühst du abends, dann bleibt dem Mittel bis zum Start am Morgen genug Zeit.
Ist ein Kardan schwerer als eine Kette?
Mehr Gewicht bringt der Kardan mit, teils direkt am Hinterrad, wo das Winkelgetriebe sitzt. Im Gegenzug brauchst du kein Kettenspray, kein Nachspannen und keinen neuen Kettensatz.
Seit wann gibt es Motorräder mit Kardan?
Motorräder mit Wellenantrieb gibt es spätestens seit 1905, damals kam in Belgien die FN Four auf den Markt. BMW verbaut ihn seit 1923, Moto Guzzi seit 1967 und Honda seit 1974.
Warum ruckt ein Kardanmotorrad beim Gasgeben?
Rucken kommt zum einen vom Spiel zwischen den Zahnrädern, zum anderen davon, wie das Heck auf Gas und Gaswegnehmen reagiert. Eine Schwinge wie der Paralever von BMW, den es seit 1987 gibt, hält das Heben und Senken klein.
Welche Motorräder haben einen Kardanantrieb?
Kardan fahren vor allem die V2-Maschinen von Moto Guzzi, die Honda Gold Wing und die Boxer-Modelle von BMW. Gemeinsam ist ihnen eine Kurbelwelle in Fahrtrichtung, die den Antrieb über eine Welle einfach macht.
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