Kette spannen zum Saisonstart: Der gefährliche Fehler auf diesem Bild (und wie man es richtig macht)

Siehst du den Fehler auf diesem Foto?

Eine Hand, eine Ratsche, eine Achsmutter. Das sieht routiniert aus, nach jemandem, der weiß, was er tut. Genau das ist das Problem: Hier wird die Hinterachsmutter nach Gefühl angezogen. Ohne Drehmomentschlüssel, ohne den Wert aus dem Handbuch, einfach so lange, bis es sich fest genug anfühlt.

Spannst du die Kette am Motorrad, kommt dieser Handgriff ganz am Schluss, wenn die Arbeit schon erledigt scheint. Dabei hält genau diese Mutter das Hinterrad in der Schwinge. Hier steht, warum sie mit dem Drehmomentschlüssel angezogen wird, wie du die Kette Schritt für Schritt richtig spannst und was dabei sonst noch schiefgehen kann.

Was auf dem Foto falsch ist

Auf dem Foto ist keine Katastrophe zu sehen, sondern Alltag. Nach Gefühl anziehen geht meistens gut, und genau deshalb hält es sich so hartnäckig.

Die Hinterachsmutter ist kein gewöhnliches Befestigungsteil. Sie klemmt die Achse samt Rad, Kettenspannern und Bremssattelhalter in der Schwinge fest, und diese Klemmung hält das Rad an seinem Platz, wenn die Kette unter Last daran zieht. Liegt dein Gefühl daneben, kann es in zwei Richtungen schiefgehen, und die gefährlichere merkst du zunächst nicht: zu locker.

Sicherheitshinweis: Eine zu locker angezogene Hinterachsmutter löst sich unterwegs womöglich weiter. Dann verschiebt sich das Hinterrad in der Schwinge, die Kette kann abspringen und das Rad blockieren, und im schlimmsten Fall kommt die Achse frei.

Das passiert nicht auf dem Hof, sondern unter Last, beim Beschleunigen oder beim Bremsen.

Zu locker: wenn das Rad wandert

Eine zu schwach angezogene Achsmutter sitzt erst einmal. Beim Anfahren und in den ersten Kurven ist alles normal, die Kettenspanner stehen auf ihren Markierungen, das Rad läuft rund.

Unter Last arbeitet die Verbindung dann. Beim Beschleunigen zieht die Kette das Rad nach vorn, beim Bremsen will es nach hinten, und eine Mutter ohne genug Klemmkraft kann sich dabei nach und nach losdrehen. Die Achse verschiebt sich, links und rechts nicht unbedingt gleich weit, und das Rad läuft schräg zur Fahrtrichtung.

Du merkst das spät, wenn überhaupt: an einem Heck, das sich in Kurven seltsam anfühlt, an einer Kette, die plötzlich schlägt. Ein Splint an einer Kronenmutter verhindert, dass die Mutter ganz abfällt. Die fehlende Klemmkraft ersetzt er nicht. Verlässlich schützt nur das richtige Anzugsmoment.

Zu fest: warum auch das nicht hält

Zu fest klingt nach der sicheren Seite. Ist es nicht. Gewinde, Mutter und Achse sind für einen bestimmten Wert ausgelegt. Wer mit langem Hebel und viel Kraft weit darüber geht, überlastet das Gewinde, und eine überdehnte Verbindung hält beim nächsten Anziehen nicht mehr zuverlässig. Im schlimmsten Fall reißt das Gewinde.

Die Radlager bekommen davon meist weniger ab, als oft behauptet wird. Zwischen den beiden Lagern in der Nabe sitzt ein Distanzrohr, das die Klemmkraft der Achse aufnimmt, sodass die Mutter die Lager nicht zusammendrückt. Fehlt es nach einer Reparatur oder sind seine Stirnseiten abgenutzt, drückt die Achsmutter doch auf die Lager: Sie laufen heiß und verschleißen schnell.

Dazu kommt das Gewinde selbst: Anzugsmomente gelten, wenn das Handbuch nichts anderes sagt, für sauberes, trockenes Gewinde. Mit Fett darauf erzeugen dieselben Newtonmeter deutlich mehr Klemmkraft als vorgesehen.

Warum das Gefühl hier nicht reicht

„Ich schraube seit 20 Jahren, ich spüre, wann es fest genug ist.“ Bei den kleinen Schrauben an der Verkleidung mag das stimmen. An der Achse geht es um ganz andere Kräfte: Für die Hinterachsmutter der ersten MT-07-Generation (ab 2014) nennt Yamaha 105 Newtonmeter, für die Kontermuttern der Kettenspanner 16, und zwar schon in der Bedienungsanleitung. Andere Modelle liegen darunter oder darüber, und nur das Handbuch sagt dir, wo.

Wie wenig das Gefühl taugt, zeigt eine einfache Rechnung. An einer Ratsche mit 25 Zentimetern Hebel reichen rund 40 Kilogramm Handkraft für 100 Newtonmeter. Ob du 30 oder 50 Kilo in den Griff legst, also 75 oder 120 Newtonmeter, kannst du nicht zuverlässig schätzen. Der Drehmomentschlüssel misst es.

Ein Drehmomentschlüssel, dessen Bereich den Wert deiner Achsmutter abdeckt, gehört deshalb in jede Garage, in der an Rädern geschraubt wird. Genauso wichtig ist die Zahl, die du einstellst. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch. Durchhang und Anzugsmomente stehen bei vielen Herstellern schon in der Bedienungsanleitung, und die gibt es meist kostenlos als PDF. Ein Wert aus dem Forum kann für ein anderes Baujahr gelten oder schlicht falsch abgetippt sein.

Kette spannen am Motorrad: Schritt für Schritt

Kette spannen ist keine Hexerei. Es gibt aber eine Reihenfolge und zwei Stellen, an denen es gern schiefgeht: die Messposition und das Anziehen am Schluss.

Was du brauchst

Einen Drehmomentschlüssel mit passender Nuss für die Achsmutter, einen zweiten Schlüssel zum Gegenhalten am Achskopf, einen Schlüssel für die Kontermuttern der Kettenspanner, einen Zollstock oder ein Lineal, ein Kettenspray für Dichtringketten und die Angaben aus dem Handbuch deines Modells. Nennt das Handbuch auch für die Kontermuttern einen Wert, wie Yamaha mit 16 Newtonmetern, brauchst du dafür einen kleineren Drehmomentschlüssel, denn so weit hinunter reicht der große meist nicht. Je nach Messvorgabe kommt ein Montageständer dazu.

Schritt 1: die Messposition aus dem Handbuch

Stell die Maschine genau so hin, wie es das Handbuch verlangt. Yamaha lässt bei der MT-07 auf dem Seitenständer messen, ohne Last auf dem Motorrad und mit dem Getriebe im Leerlauf. Andere Hersteller geben eine andere Position vor, etwa mit angehobenem Hinterrad.

Warum das zählt: Mit angehobenem Hinterrad hängt die Schwinge tiefer als auf dem Seitenständer, und die Kette hat mehr Durchhang. Stellst du so den Wert für den Seitenständer ein, ist die Kette danach zu straff, und mit dir im Sattel wird sie noch straffer. Yamaha warnt in derselben Anleitung: Ein falscher Durchhang überlastet Motor und Antrieb und kann dazu führen, dass die Kette überspringt oder reißt.

Eine dauerhaft zu straffe Kette zieht außerdem ständig am Ritzel und damit am Lager der Getriebeausgangswelle. Das sitzt im Motorgehäuse, und sein Tausch ist eine große Reparatur.

Schritt 2: den Durchhang messen

Gang raus, Motor aus, Zündschlüssel abgezogen. Dann misst du an der Stelle und mit der Kraft, die das Handbuch vorgibt. Bei der MT-07 drückst du mit 15 Newton, also etwa anderthalb Kilo, unter dem Ende der Kettenführung auf die Kette und misst den Weg. Soll sind 51 bis 56 Millimeter.

Genau deshalb hilft eine Faustzahl aus dem Internet nicht weiter. Andere Hersteller messen in der Mitte zwischen Ritzel und Kettenrad, nehmen den Weg nach oben und unten zusammen und kommen auf ganz andere Zahlen. Maßgeblich ist, was für dein Modell im Handbuch steht.

Miss nicht nur an einem Kettenstück. Schieb die Maschine ein Stück vor und stell sie wieder auf den Seitenständer, oder dreh auf dem Montageständer das Rad von Hand weiter, je nachdem, wie dein Handbuch messen lässt, und miss an derselben Stelle erneut. Eingestellt wird am straffsten Stück. Schwankt der Durchhang von Stück zu Stück deutlich, hat die Kette steife Glieder oder ist ungleich gelängt, und dann ist sie meist fällig.

Schritt 3: Kontermuttern und Achsmutter lösen

Erst die Kontermuttern der Kettenspanner auf beiden Seiten lösen, dann die Achsmutter. Nicht abschrauben, nur so weit lösen, dass sich die Achse verschieben lässt.

Schritt 4: beide Seiten gleich nachstellen

Dreh die Einstellmuttern links und rechts immer um denselben Betrag, zum Beispiel jeweils eine halbe Umdrehung, und miss danach neu. Ist die Kette zu straff geworden, drehst du zurück und drückst das Hinterrad nach vorn.

Kontrollier die Markierungen an der Schwinge: Beide Seiten müssen auf demselben Strich stehen, sonst läuft das Rad schräg. Wer es genauer wissen will, misst den Abstand von der Schwingenachse bis zur Hinterachse auf beiden Seiten. Die Werte müssen gleich sein.

Schritt 5: anziehen, dann noch einmal prüfen

Jetzt kommt der Schritt, der auf dem Foto fehlt. Drehmomentschlüssel auf das vorgeschriebene Moment einstellen, am Achskopf gegenhalten und gleichmäßig anziehen, bis er auslöst. Bei der MT-07 kommt zuerst die Achsmutter, danach kommen die Kontermuttern mit ihrem eigenen, viel kleineren Wert. Dann prüfst du noch einmal Durchhang und Ausrichtung, denn beim Anziehen kann die Achse ein Stück wandern.

Hat deine Achse eine Kronenmutter mit Splint, gehört ein neuer Splint hinein, kein alter. Ob eine selbstsichernde Mutter nach dem Lösen ersetzt werden muss, steht im Handbuch.

Schritt 6: schmieren

Am besten nach einer Fahrt, wenn die Kette noch warm ist. Hast du gerade gespannt, bietet sich eine kurze Runde an, nach der du noch einmal den Durchhang prüfst. Sprüh von innen auf den unteren Strang, zwischen die Laschen, wo die Dichtringe sitzen. Schieb die Maschine zwischendurch etwas vor oder dreh das angehobene Rad von Hand, bis die ganze Kette dran war. Danach braucht das Mittel je nach Produkt eine Viertelstunde oder länger, bis es angezogen hat. Was übersteht, wischst du ab.

Sicherheitshinweis: Schmier die Kette nie bei laufendem Motor. Eine laufende Kette zieht Lappen und Finger ins Kettenrad.

Und halte Kettenspray von Reifen und Bremsscheibe fern: Fett auf der Lauffläche oder der Flanke kostet dich in Schräglage die Haftung, Fett auf der Scheibe die Bremswirkung. Deck beides im Zweifel ab.

Schmieren, Verschleiß, Wechsel

Fast alle Straßenmotorräder mit mittlerem oder großem Hubraum fahren heute mit Dichtringketten, O-Ring oder X-Ring. Im Gelenk jedes Glieds sitzt Fett, das die Dichtringe einschließen. Kettenspray braucht es trotzdem: für die Rollen auf ihren Buchsen, für die Dichtringe selbst, die nicht austrocknen dürfen, und gegen Rost.

Nimm ein Spray, das ausdrücklich für Dichtringketten freigegeben ist. Das klassische WD-40 aus der blauen Dose ist ein Kriechöl, kein Kettenfett, und der Kettenhersteller RK zählt Rostschutzöle zu den Mitteln, die an eine Dichtringkette nicht gehören.

Wie oft? Bei der MT-07 verlangt Yamaha alle 800 Kilometer frisches Kettenspray, zusätzlich nach jeder Wäsche und jeder Fahrt im Regen. D.I.D, einer der großen Kettenhersteller, empfiehlt 500 Kilometer. Auf langen Autobahnetappen schmierst du eher öfter, weil die Kette bei hohem Tempo mehr Fett abschleudert.

Gewechselt wird nach Längung. Laut D.I.D ist bei Dichtringketten nach einem Prozent Schluss, bei Ketten ohne Dichtringe nach zwei Prozent; bei einer 520er-Kette mit 120 Gliedern ist ein Prozent schon knapp zwei Zentimeter. Gemessen wird unter Zug über eine vorgegebene Zahl von Gliedern, wie es der Kettenhersteller oder das Werkstatthandbuch beschreibt. Weitere Warnzeichen sind steife Glieder, fehlende Dichtringe und Rost in den Gelenken. Kette, Ritzel und Kettenrad wechselst du am besten zusammen, sonst verschleißt die neue Kette auf den alten Zähnen schneller.

Was der Saisonstart noch braucht

Kette und Achsmutter sind nicht alles. Vor der ersten Tour lohnt ein Blick auf vier weitere Dinge.

Reifen. Gummi altert auch, wenn das Motorrad nur steht. Ein hart gewordener Reifen kostet Haftung, gerade im März auf kaltem Asphalt. Risse in der Flanke und Standplatten nach dem Winter schaust du dir vor der ersten Fahrt genau an, im Zweifel zusammen mit der Werkstatt. Den Luftdruck prüfst du kalt und vergleichst ihn mit dem Handbuch.

Bremsflüssigkeit. DOT 4 und DOT 5.1 nehmen Feuchtigkeit auf, und mit dem Wasseranteil sinkt der Siedepunkt. Bei langen Bremsungen bilden sich dann womöglich Dampfblasen, und der Druckpunkt wandert oder verschwindet ganz. Gewechselt wird nach Handbuch, bei den meisten Herstellern spätestens alle zwei Jahre, egal wie klar die Flüssigkeit aussieht.

Licht. Kondenswasser setzt über den Winter Steckern und Lampensockeln zu. Prüf alle Leuchten, vor allem die Blinker und das Bremslicht, einmal mit dem Handhebel und einmal mit dem Fußpedal.

Batterie. Hat sie ohne Ladegerät überwintert, miss die Ruhespannung. Zeigt eine Blei- oder AGM-Batterie 12,4 Volt oder weniger, lädst du nach. Unter etwa 11,8 Volt gilt sie als tief entladen und hat womöglich schon Schaden genommen, dann laden und in der Werkstatt testen lassen. Für Lithiumbatterien gelten andere Werte, die stehen in ihrer Anleitung.

Das Foto, zu Ende gedacht

Kette spannen am Motorrad geht schnell, wenn du es ein paar Mal gemacht hast, und die Messposition aus dem Handbuch hast du dann im Kopf. Bleibt der Handgriff, um den es auf dem Foto geht: den Drehmomentschlüssel auf das vorgeschriebene Moment stellen, bevor du die Mutter anziehst.

Das Foto am Anfang zeigt jemanden, der schraubt. Fertig ist er erst, wenn der Schlüssel geklickt hat.

❓ Häufige Fragen zur Kettenspannung am Motorrad

Wie viel Durchhang braucht eine Motorradkette?

Das hängt vom Modell und von der Messmethode ab, eine allgemeine Zahl gibt es nicht. Die erste Yamaha MT-07 (ab 2014) zum Beispiel soll 51 bis 56 Millimeter haben, gemessen auf dem Seitenständer mit 15 Newton Druck unter dem Ende der Kettenführung. Wert, Messstelle und Position stehen im Handbuch deines Modells.


Wie fest wird die Hinterachsmutter angezogen?

Mit dem Drehmomentschlüssel, auf das Moment, das dein Handbuch nennt. Bei der ersten Yamaha MT-07 (ab 2014) sind es 105 Newtonmeter, andere Modelle liegen darunter oder darüber. Der Wert gilt für sauberes, trockenes Gewinde, wenn das Handbuch nichts anderes vorschreibt.


Was passiert, wenn die Achsmutter zu locker ist?

Die Achse kann unter Last wandern, das Rad läuft schräg, und die Mutter kann sich weiter lösen. Im schlimmsten Fall springt die Kette ab und blockiert das Hinterrad, oder die Achse kommt frei. Ein Splint verhindert das Abfallen der Mutter, ersetzt aber nicht das richtige Anzugsmoment.


Was passiert, wenn die Achsmutter zu fest angezogen ist?

Dann überlastest du Gewinde, Mutter und Achse, und die Verbindung hält beim nächsten Mal nicht mehr zuverlässig. Die Radlager schützt normalerweise ein Distanzrohr zwischen ihnen. Fehlt es oder ist es abgenutzt, werden auch die Lager eingespannt und laufen heiß.


Muss ich zum Kettenspannen auf den Montageständer?

Nicht unbedingt. Manche Hersteller lassen auf dem Seitenständer messen, Yamaha bei der ersten MT-07 zum Beispiel ohne Last und im Leerlauf. Andere geben eine andere Position vor. Stellst du auf dem Montageständer den Wert für den Seitenständer ein, wird die Kette zu straff.


Wie oft muss ich die Kette prüfen und schmieren?

Yamaha lässt bei der ersten MT-07 den Durchhang vor jeder Fahrt prüfen und alle 800 Kilometer sowie nach jeder Wäsche oder Regenfahrt schmieren. Andere Hersteller nennen andere Intervalle, im Zweifel gilt dein Handbuch. Eine neue Kette längt sich am Anfang schneller, deshalb schaust du dann öfter nach.


Wann muss die Kette gewechselt werden?

Wenn sie zu lang geworden ist. Laut D.I.D ist bei Dichtringketten nach einem Prozent Längung Schluss, bei Ketten ohne Dichtringe nach zwei Prozent. Weitere Zeichen sind steife Glieder, fehlende Dichtringe und Rost in den Gelenken. Kette, Ritzel und Kettenrad wechselst du am besten zusammen.

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