
Deckel ab, Knopf drücken, Stift einen Zentimeter tief in die Flüssigkeit: Bleibt nur die grüne Leuchte an, gilt die Bremsflüssigkeit als gut. So beschreiben es die Anleitungen der kleinen Prüfstifte, die es im Werkzeughandel gibt. Angezeigt wird dabei ein geschätzter Wassergehalt in Prozent. An einer heißen Bremse zählt aber der Siedepunkt in Grad, und den misst der Stift nicht.
Im Kopf des Stifts sitzen zwei Messfühler. Wie ein solches Gerät arbeitet, beschreibt eine US-Patentschrift von 1991: Gemessen wird der elektrische Leitwert zwischen zwei Kontakten, und der steigt, je mehr Wasser und andere Verunreinigungen in der Flüssigkeit stecken. Die Schaltung vergleicht den Wert mit festen Schwellen, und mit jeder Stufe geht eine weitere Leuchtdiode an.
Ermittelt hat der Erfinder diese Schwellen laut Patentschrift an einer durchschnittlichen Bremsflüssigkeit mit etwa null, einem, zwei und drei Prozent Wasser, passend für die meisten Marken. Ob die Sorte in deiner Bremse dazugehört, verrät dir die Leuchte nicht.
Was die Leuchten bedeuten, legt jeder Anbieter für sein Gerät fest. Bei einem Stift mit drei Leuchten heißt Grün unter 1,5 Prozent Wasser und Rot über drei Prozent. Ein Stift mit fünf Leuchten vom selben Anbieter hat diese Stufen: kein Wasser, unter einem, unter zwei, unter drei und über vier Prozent. Den Wechsel verlangt er schon ab der ersten roten Leuchte.
Grün leuchtet bei beiden schon nach dem Einschalten und heißt dann nur, dass das Gerät bereit ist. Ein anderer Anbieter schreibt ausdrücklich, sein Stift prüfe Bremsflüssigkeit auf Glykolbasis, und nennt als Sorte DOT 4. Steht auf deinem Deckel eine andere Sorte, sieh in der Anleitung des Stifts nach, ob er dafür gedacht ist.
Die DOT-Klassen gehen auf die US-Norm FMVSS 116 zurück, und die legt für jede Klasse zwei Mindest-Siedepunkte fest. DOT 4 muss frisch mindestens 230 Grad schaffen und im Normtest mit 3,7 Prozent Wasser noch mindestens 155 Grad. Für DOT 3 sind es 205 und 140 Grad, und DOT 5.1 verlangt sogar 260 und 180 Grad.
Die Norm nennt Untergrenzen für eine ganze Klasse, der Stift schätzt Wasser in Stufen. Den Siedepunkt deiner Flüssigkeit kennt keiner von beiden. Der Stift beantwortet also nicht die Frage, auf die es bergab ankommt.
Jede lange Bremsung schiebt Wärme von den Belägen über die Kolben in die Flüssigkeit im Sattel. Laut Yamaha setzt Wasser den Siedepunkt bedeutend herab, und es könnte zu Dampfblasen kommen. Weil sich Dampf zusammendrücken lässt, wird der Hebel weich und kommt näher an den Griff.
Merkst du das, nimm mit der Motorbremse Tempo heraus und halte an der nächsten geeigneten, möglichst ebenen Stelle. Dort kommt die Zündung aus, und du sicherst die Maschine gegen Wegrollen, mit eingelegtem Gang oder bei einem Automatikgetriebe so, wie es dein Handbuch vorsieht. Auf dem Seitenständer lässt du dann den Bremshebel los, damit die Bremse abkühlen kann.
Bleibt der Hebel danach weich, fährst du nicht weiter und holst dir Hilfe. Yamaha lässt einen weichen oder schwammigen Hebel schon bei der Kontrolle vor der Fahrt von der Fachwerkstatt entlüften. Wird er wieder fest, geht es mit viel Motorbremse und sparsam eingesetzter Bremse weiter hinunter, so wie es Honda für lange Gefälle empfiehlt. Vor der nächsten Passabfahrt gehört dann frische Flüssigkeit hinein, denn das Wasser steckt nach dem Abkühlen noch darin.
Der Stift steckt im Behälter, kochen kann die Flüssigkeit aber im Bremssattel. Viel tauschen die beiden nicht aus. Beim Bremsen schiebt der Hebel nur eine kleine Menge nach unten, die beim Loslassen zurückkommt, und dauerhaft wandert Flüssigkeit nur nach, wenn die Beläge dünner werden.
Ob im Sattel genauso viel Wasser steckt wie im Behälter, zeigt dir der Stift deshalb nicht. Er misst die Flüssigkeit, die beim Bremsen kaum warm wird. Wer kurz vorher nachgefüllt hat, misst zudem zum Teil frische Flüssigkeit. Die Anleitung eines Siedepunkttesters für Werkstätten warnt ausdrücklich, dass Nachfüllen vor dem Test das Ergebnis verfälscht.
Für die CB650R schreibt Honda ohnehin, Bremsflüssigkeit nur im Notfall selbst nachzufüllen oder auszutauschen. Wer nachfüllt, soll das Bremssystem danach umgehend vom Händler warten lassen.
Ein Siedepunkttester misst direkt den Siedepunkt. Laut der Anleitung eines solchen Geräts kommt etwas Flüssigkeit per Pipette in einen Messbecher, ein Heizdraht bringt sie zum Kochen, und das Display zeigt die Temperatur, bei der das passiert. Als Grenze für den Wechsel nennt dieselbe Anleitung den Nasssiedepunkt der Norm, bei DOT 4 also 155 Grad.
Genau ist auch das nur in Grenzen. Die Anleitung gibt plus oder minus fünf Prozent an, bei 155 Grad also knapp acht Grad in jede Richtung. Für die Frage, ob die Flüssigkeit raus muss, taugt das trotzdem mehr als jede Leuchte, weil es die Größe misst, um die es geht. Kommt die Probe aus dem Behälter, misst allerdings auch dieses Gerät die kühle Flüssigkeit von oben.
In den Wartungsplänen stehen für die Bremsflüssigkeit keine Messwerte, sondern Fristen. Bei Honda ist der Wechsel alle zwei Jahre fällig, etwa an NC750X, Gold Wing und Africa Twin. Yamaha lässt die Flüssigkeit im selben Abstand beim Händler tauschen, so steht es für die Tracer 700 wie für die MT-09. Suzuki sieht für die V-Strom 650 jedes Jahr oder alle 6.000 Kilometer eine Prüfung vor und alle zwei Jahre den Wechsel. Bei der R 1300 GS plant BMW den ersten Wechsel nach einem Jahr ein, dann geht es im Zweijahrestakt weiter.
Bei BMW heißt der Punkt „Bremsflüssigkeit im gesamten System wechseln“. Gemeint ist die ganze Anlage bis in die Sättel, und deshalb ersetzt kein Nachfüllen den Wechsel. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch. Das gilt auch für die Sorte, die auf dem Behälterdeckel steht.
Ganz nutzlos ist der Stift nicht. Zeigt er viel Wasser, ist das ein Grund, den Siedepunkt prüfen zu lassen oder gleich zu wechseln. Zeigt er wenig, verschiebt das keinen Termin aus dem Wartungsplan.
Damit beim Test nichts überläuft, sollte der Behälter waagerecht stehen. Ohne Hauptständer hält ein Helfer das Motorrad gerade oder ein Montageständer am Hinterrad. Am vorderen Behälter hilft zusätzlich der Lenkeinschlag.
Unter den Behälter kommt ein Tuch. Handschuhe und Schutzbrille trägst du, so verlangen es auch die Anleitungen der Stifte. Den Deckel putzt du vor dem Öffnen und schließt ihn nach dem Test gleich wieder, damit möglichst wenig Feuchtigkeit hineinkommt. Was danebengeht, nimmst du nach Hondas Rat gleich mit einem Tuch auf und wäschst die Fläche danach ab, denn Bremsflüssigkeit kann Lack und Kunststoff beschädigen.
Bevor du das nächste Mal zum Stift greifst, schlag das Serviceheft auf. Liegt der letzte Wechsel länger zurück, als dein Wartungsplan vorsieht, ist die Frage beantwortet, ganz gleich, welche Leuchte angeht. Liegt er kürzer zurück und willst du es genauer wissen, lass in der Werkstatt den Siedepunkt messen.
Misst ein Bremsflüssigkeitstester den Wassergehalt?
Bremsflüssigkeitstester in Stiftform messen den elektrischen Leitwert zwischen zwei Kontakten und schätzen daraus den Wassergehalt in Stufen. Die Schwellen sind auf eine durchschnittliche Bremsflüssigkeit eingestellt, so beschreibt es die Patentschrift zum Messprinzip. Den Siedepunkt deiner eigenen Flüssigkeit zeigen die Stifte nicht.
Was bedeutet die grüne Leuchte am Tester?
Grünes Leuchten zeigt bei manchen Stiften schon nach dem Einschalten nur an, dass das Gerät bereit ist. Nach dem Eintauchen steht Grün für wenig Wasser, je nach Gerät für weniger als 1,5 Prozent oder für gar keins.
Welchen Siedepunkt muss Bremsflüssigkeit haben?
Siedepunkte legt die US-Norm FMVSS 116 als Mindestwerte fest, je Klasse einen für frische Flüssigkeit und einen nach Wasseraufnahme im Test. DOT 4 braucht 230 und 155 Grad, bei DOT 5.1 sind es 260 und 180.
Warum ist der Messort im Behälter ein Problem?
Messort ist der Behälter, und dort wird die Flüssigkeit beim Bremsen kaum warm. Kochen kann sie im Bremssattel, und ob dort genauso viel Wasser steckt, verrät ein Test von oben nicht. Frisch Nachgefülltes macht das Ergebnis zusätzlich besser, als es ist.
Wie oft muss Bremsflüssigkeit gewechselt werden?
Gewechselt wird Bremsflüssigkeit nach jeweils zwei Jahren, so steht es für NC750X, MT-09 und V-Strom 650 in den Plänen von Honda, Yamaha und Suzuki. Die BMW R 1300 GS bekommt die erste frische Füllung nach zwölf Monaten, danach ebenfalls alle zwei Jahre. Für dein Modell gilt sein eigener Plan.
Was tun, wenn die Bremse bergab weich wird?
Weich wird ein Bremshebel bergab vor allem dann, wenn die Flüssigkeit Dampfblasen bildet. Bau mit der Motorbremse Tempo ab, halte an einer möglichst ebenen Stelle, stell den Motor ab und sichere die Maschine gegen Wegrollen, bevor du die Bremse zum Abkühlen loslässt. Ist der Hebel nach dem Abkühlen noch weich, ist die Fahrt hier zu Ende. Wird er wieder fest, geht es mit viel Motorbremse hinunter, und vor der nächsten Passabfahrt kommt frische Flüssigkeit hinein.
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