
Sprüh die Kette nach der Fahrt ein, am besten am Abend, und nicht kurz vor dem Losfahren. Frisch aus der Dose ist Kettenspray noch flüssig, und am kleinen Ritzel vorn zieht bei Tempo 100 rund das 240-Fache der Schwerkraft an jedem Tropfen. Was nicht hält, fliegt ab und sitzt hinterher unter dem Ritzeldeckel, auf der Schwinge und auf der Felge.
Sonntag, kurz nach neun: Helm schon auf der Sitzbank, Dose aus dem Regal, einmal über die Kette gesprüht und los. Das fühlt sich gründlich an. Für das Kettenspray ist es der ungünstigste Moment des ganzen Tages.
Nimm eine Honda CB650R. Laut Fahrerhandbuch läuft ihre Kette vorn über ein Ritzel mit 15 Zähnen und hinten über ein Kettenrad mit 42. Damit biegt sie sich vorn um einen Radius von knapp vier Zentimetern, hinten um knapp elf.
Bei Tempo 100 läuft die Kette selbst mit knapp 35 km/h, ungefähr einem Drittel des Fahrtempos. Das klingt gemütlich, wären da nicht die Zahnräder. Vorn zwingt das Ritzel jedes Glied auf diesen engen Bogen, und was außen daran klebt, will geradeaus weiter.
Aus Tempo und Radius ergibt sich, wie stark die Fliehkraft nach außen zieht. Am Ritzel ist sie bei 100 km/h rund 240-mal so groß wie die Schwerkraft, am großen Kettenrad hinten knapp 90-mal. Vorn zerrt also jeder Tropfen an der Kette, als wäre er 240-mal so schwer.
Eine Waschmaschine, die mit 1.000 Umdrehungen schleudert, drückt die Wäsche am Trommelrand ungefähr genauso stark nach außen. Die Trommel schleudert das Wasser aus deinem Pullover, das Ritzel das frische Kettenspray von der Kette.
Mit einer anderen Übersetzung ändert sich der Faktor 240 etwas, an der Größenordnung nichts. Am kleinen Ritzel ist die Kraft fast dreimal so groß wie hinten, und dort entscheidet sich, ob dein Spray bleibt oder geht.
Kettenspray kommt dünn aus der Dose, damit es in die engen Spalten zwischen Laschen, Rollen und Dichtringen kriecht. Dafür sorgt ein Lösungsmittel, das danach wieder verdunsten muss. Liqui Moly schreibt in der Produktinformation zu seinem Offroad-Kettenspray, dass der Schmierstoff erst nach dem Verdunsten seine endgültige Konsistenz und Haftfähigkeit bekommt.
Motul schreibt im Datenblatt seines weißen Kettensprays C2+, das Spray hafte so gut, dass es selbst an hoch belasteten, schnell laufenden Ketten nicht abschleudere. Für die volle Wirkung soll es vorher mindestens zehn Minuten trocknen.
Bei welcher Temperatur die zehn Minuten gelten, schreibt Motul nicht. In einer kalten Oktobergarage verdunstet ein Lösungsmittel langsamer als an einem warmen Juliabend, und kaltes Kettenspray kriecht langsamer in die Spalten.
Zehn Sekunden zwischen Sprühen und Aufsitzen sind von zehn Minuten weit entfernt. Eine Nacht ist ein Vielfaches davon.
Bei einer O-Ring-Kette steckt das wichtigste Fett schon drin, zwischen Bolzen und Hülse. Die Dichtringe zwischen den Laschen halten es dort und den Staub draußen, so beschreibt es der Kettenhersteller RK. Kettenspray kommt deshalb kaum an diese Stelle, und bei X-Ring-Ketten und anderen Dichtringformen ist das genauso.
Das Spray ist für etwas anderes da. Es versorgt die Rollen, die auf die Zähne treffen, und die Stellen, an denen die Dichtringe an den Laschen reiben. Dazu schützt es vor Rost. Zum Sprühen nennt RK zwei Stellen: den Spalt zwischen äußerer und innerer Lasche und den zwischen innerer Lasche und Rolle, beide von der Innenseite der Kette aus.
Motul erklärt im Datenblatt, warum die Innenseite zählt. Was dort sitzt, wird beim Weiterdrehen der Kette über das Ritzel in die Fugen gedrückt. Dazu passt die Rechnung von oben. Dieselbe Kraft, die außen auf den Laschen den Überschuss abwirft, treibt Kettenspray von der Innenseite nach außen durch die Spalten, dorthin, wo es arbeiten soll.
Eine dicke Schicht außen auf den Laschen schmiert dagegen nichts. Ein dünner Film schützt dort vor Rost, der Rest ist das Erste, was am Ritzel geht.
Ein Tropfen, der sich am Ritzel löst, fliegt geradeaus weiter, in die Richtung, in die das Kettenglied in diesem Moment unterwegs war. Vorn sitzt das Ritzel meist unter einem Deckel, und dort bleibt vieles davon hängen. Hast du den Ritzeldeckel schon einmal abgeschraubt, kennst du die schwarze Paste darunter.
Hinten liegt das Kettenrad offen am Hinterrad. Von dort landen die Tropfen als feine Sprenkel auf Schwinge, Kettenschutz und Kennzeichenhalter und auf der Kettenseite der Felge.
An diesen Sprenkeln liest du ab, ob Menge und Zeitpunkt stimmen. Mach die Felge auf der Kettenseite einmal sauber und schau sie nach der nächsten Tour an. Ist sie wieder dicht gesprenkelt, war es meist zu viel Kettenspray oder zu wenig Zeit zwischen Dose und Abfahrt. Findest du nur vereinzelte Punkte, stimmt beides.
Auf den Reifen gerät Spray mitunter schon beim Sprühen: Der Nebel aus der Düse bleibt nicht nur auf der Kette. Fährst du gleich danach los, kann mehr dazukommen. Der Kettenhersteller Regina rät in seiner Wartungsanleitung, vor der Abfahrt zehn bis 15 Minuten zu warten. Sonst werde das noch flüssige Mittel nach außen geschleudert und verschmutze Hinterreifen und Fußraste.
Im Fahrerhandbuch der CB650R steht, das Schmiermittel solle weder auf Bremsen noch auf Reifen gelangen und nicht zu reichlich aufgetragen werden. In der Anleitung der MT-07 von 2021 nennt Yamaha die Folge: Verunreinigungen auf Bremsen oder Reifen können zum Kontrollverlust führen.
Sicherheitshinweis: Fahr nicht los, solange Spray auf Reifen oder Bremse ist. Den Reifen wäschst du ab, wie Yamaha es vorgibt: warmes Wasser, milder Reiniger. Haben Bremsscheibe oder Beläge etwas abbekommen, bleibt die Maschine stehen, bis die Bremse gereinigt und geprüft ist. Verölte Beläge werden getauscht.
Ein Schmierfilm an der Reifenschulter meldet sich erst in Schräglage, wenn das Hinterrad wegrutscht. Auf Scheibe und Belägen kostet er Bremskraft, und die fehlt dir ausgerechnet beim harten Bremsen.
Am Abend nach der letzten Runde hat das Spray bis zum nächsten Morgen viele Stunden statt zehn Sekunden. Die Maschine steht ohnehin, und die Minuten für die Kette fallen dann kaum ins Gewicht. Regina rät sogar, möglichst gleich nach der Fahrt zu sprühen, solange die Kette noch warm ist. Dann ist das Mittel flüssiger und dringt besser ein.
So gehst du vor:
Zur Menge: Honda schreibt für die Kette „nicht zu reichlich“, Yamaha für Sprays und Wachs am ganzen Motorrad „sparsam“. Ein kurzer Sprühstoß je Kettenabschnitt ist mehr wert als eine Wolke, die auch die halbe Schwinge trifft. Weißes Kettenspray hilft dabei, weil du siehst, wo es schon sitzt.
Beim Mittel selbst gibt es Unterschiede im Detail. Honda nennt für die CB650R ein spezielles Schmiermittel für O-Ring-Ketten und als Ausweichlösung Getriebeöl in SAE 80 oder 90. Yamaha legt sich für die MT-07 von 2021 auf ein O-Ring-Kettenspray fest und warnt davor, Motoröl oder andere Schmiermittel auf diese Kette aufzutragen, weil sie Stoffe enthalten könnten, die die O-Ringe beschädigen. Beachte immer die Freigaben und Angaben in deinem Fahrzeughandbuch.
Am Nachmittag Regen am Reschenpass, abends der Hotelparkplatz im Vinschgau. Nach dem Abendessen ist die Dose dran, nicht erst am nächsten Morgen: Kette trocken wischen, kurz nachtrocknen lassen, sprühen, und bis zur Abfahrt hat das Spray die ganze Nacht. Ein alter Lappen unter der Kette hält den Boden sauber.
Für die MT-07 von 2021 nennt Yamaha solche Anlässe ausdrücklich. Neben dem Intervall von 1.000 Kilometern soll die Kette nach jeder Wäsche, nach einer Regenfahrt und nach einer Fahrt in feuchter Umgebung Spray bekommen. Für die CB650R sieht Honda vor, die Kette unmittelbar nach dem Waschen und Trocknen zu schmieren. RK rät nach Regenfahrten ebenfalls zur Pflege.
Im Herbst häufen sich diese Anlässe. Nasse Straßen, Nebel im Tal, Laub auf dem Asphalt: Die Kette wird öfter nass und schmutzig als im Juli, und jedes Mal ist Kettenspray fällig. Umso mehr lohnt es sich, das Sprühen auf den Abend zu legen.
Die festen Abstände unterscheiden sich deutlich. Im Wartungsplan der CB750 Hornet stehen 1.000 Kilometer, und Yamaha sieht für die MT-07 von 2021 denselben Abstand vor. Für abgedichtete Ketten auf der Straße nennt RK dagegen 500 Kilometer oder früher, sobald die Kette schmutzig ist.
Hast du es abends doch einmal vergessen, ist der frühe Morgen die zweitbeste Wahl. Sprühen gleich nach dem Aufstehen, nach einer Viertelstunde abwischen, und während du frühstückst und packst, trocknet das Spray weiter. Mehr Spielraum gibt dir trotzdem die Nacht, denn dann hat das Kettenspray auch in einer kalten Garage genug Zeit.
Honda verknüpft für die CB650R die Schmierabstände unter anderem mit dem Tempo. Je mehr hohe Geschwindigkeiten, schwierige Strecken und abrupte Lastwechsel die Kette aushalten muss, desto kürzer sollen die Abstände sein.
Die Rechnung vom Anfang zeigt, wie stark das Tempo auf frisches Spray wirkt. Bei 50 km/h zieht vorn am Ritzel rund das 60-Fache der Schwerkraft an jedem Tropfen, bei 100 das 240-Fache. Und mit Tempo 130 auf der Autobahn läuft die Kette rund 45 km/h schnell. Am Ritzel zieht dann rund das 400-Fache der Schwerkraft, am Kettenrad hinten rund das 150-Fache.
Viel Autobahn heißt also zweierlei: Die Kette braucht öfter Nachschub, und frisches Kettenspray hat es dort am schwersten.
Beim 400-Fachen der Schwerkraft hält sich außen auf den Laschen am ehesten, was Zeit zum Trocknen hatte.
Kettenspray vor oder nach der Fahrt?
Kettenspray gehört nach der Fahrt auf die Kette, am besten abends. Bis zur nächsten Ausfahrt vergehen dann Stunden statt Sekunden, und das Spray ist trocken, bevor das Ritzel daran zerrt. Direkt vor dem Losfahren gesprüht, verliert die Kette vor allem das, was außen auf den Laschen sitzt.
Wie lange muss Kettenspray trocknen?
Die Trocknungszeit von Kettenspray hängt vom Produkt ab. Motul nennt für sein C2+ mindestens zehn Minuten, der Kettenhersteller Regina rät vor der Abfahrt zu zehn bis 15 Minuten. Liqui Moly beschreibt, dass die volle Haftung erst nach dem Verdunsten des Lösungsmittels erreicht ist. In der Kälte braucht das länger. Sprühst du abends, spielt die Wartezeit bis zur Abfahrt keine Rolle.
Warum landet Kettenspray auf der Felge?
Kettenspray landet auf der Felge, weil an Kettenrad und Ritzel ein Vielfaches der Schwerkraft an allem zieht, was auf der Kette sitzt. Am Ritzel einer CB650R ist es bei Tempo 100 rund das 240-Fache. Flüssiges Spray und dicke Schichten lösen sich deshalb, und was am offenen Kettenrad hinten abfliegt, trifft die Felge. Ein Teil gerät außerdem schon beim Sprühen als Nebel auf das Rad.
Kann ich die Kette auch morgens schmieren?
Die Kette kannst du auch morgens schmieren, wenn zwischen Sprühen und Abfahrt genug Zeit bleibt. Am besten gleich nach dem Aufstehen, dann trocknet das Spray, während du dich fertig machst. Den Überschuss nimmst du nach zehn bis 15 Minuten bei abgestelltem Motor mit einem Lappen ab, und vor der Abfahrt kontrollierst du Reifen und Bremse.
Wie oft muss die Kette geschmiert werden?
Die Kette schmierst du nach dem Wartungsplan deiner Maschine und zusätzlich nach Regen oder Wäsche. Für die CB750 Hornet und die MT-07 von 2021 sehen Honda und Yamaha je 1.000 Kilometer vor, der Kettenhersteller RK nennt für abgedichtete Straßenketten 500. Bei der CB650R verlangt Honda für viel Tempo und abrupte Lastwechsel kürzere Abstände.
Was tun, wenn Kettenspray auf den Reifen gekommen ist?
Kettenspray auf dem Reifen wäschst du ab, bevor du fährst. Yamaha nennt dafür warmes Wasser und ein mildes Reinigungsmittel. Hat auch die Bremse etwas abbekommen, fährst du erst wieder, wenn Scheibe und Beläge gereinigt und geprüft sind, und verölte Beläge werden getauscht. An der Reifenschulter kostet Schmiermittel Haftung, und die brauchst du in Schräglage.
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