Der Geruch der Werkstatt: Eine Liebeserklärung ans Schrauben

Du schiebst das Garagentor hoch, und bevor deine Hand den Lichtschalter findet, ist er schon da: der Geruch der Werkstatt. Kalter Beton, altes Motoröl, ein Rest Benzin, irgendwo der Lappen mit Kettenspray vom letzten Wochenende. Du stehst noch unter dem Tor, und in deinem Kopf läuft schon ein Nachmittag von vor 30 Jahren. Kein anderer Sinn holt dich so schnell zurück. Das ist keine Einbildung von Schraubern, die gern an früher denken, sondern hat mit dem Weg zu tun, den ein Geruch durch das Gehirn nimmt.

Warum dich der Geruch der Werkstatt so schnell erwischt

Fast alles, was du siehst, hörst, tastest oder schmeckst, läuft im Gehirn zuerst über eine Umschaltstelle, den Thalamus, bevor es in der zuständigen Hirnrinde ankommt. Beim Riechen ist das anders. Das Signal aus der Nase erreicht über den Riechkolben die Riechrinde, ohne den Umweg über den Thalamus, und zu ihr gehört bereits der Mandelkern, ein Zentrum für Gefühle.

Der Hippocampus, der beim Bilden von Erinnerungen hilft, bekommt seine Geruchsinformation fast vollständig über den Mandelkern. Ganz ohne Thalamus geht es allerdings auch beim Riechen nicht: Einer seiner Kerne verbindet die Riechrinde mit dem Stirnhirn. Er kommt aber erst danach ins Spiel, nicht als Eingangstür.

Was die Forschung über Geruchserinnerungen weiß

Marcel Proust hat das Phänomen in seinem Roman „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ berühmt gemacht: Ein in Tee getauchtes Gebäck, eine Madeleine, bringt dem Erzähler schlagartig seine Kindheit zurück. Die Psychologie hat dieser Beobachtung seither einiges hinzugefügt.

In einer Studie der Universität Stockholm von 2006 erinnerten sich 93 ältere Menschen an Erlebnisse, ausgelöst durch Wörter, Bilder oder Gerüche. Die Geruchserinnerungen waren älter, die meisten stammten aus den ersten zehn Lebensjahren. Bei Wörtern und Bildern lag der Schwerpunkt zwischen elf und 20. Eine Untersuchung in Liverpool aus dem Jahr 2000 fand den Gipfel der Geruchserinnerungen im Alter von sechs bis zehn.

Genauer ist die Nase dabei nicht. Die Psychologin Rachel Herz fand 2004 in einer Studie, dass durch Gerüche geweckte Erinnerungen emotionaler und eindringlicher sind als solche, die dasselbe Motiv als Bild oder Geräusch weckte. Lebhafter und detailreicher waren sie aber nicht. Zurück kommt also kein scharfes Foto, sondern eine Stimmung, und genau die trifft dich unter dem Garagentor.

Der Akkord aus Öl, Benzin und Gummi

Wer beim nächsten Mal genauer hinriecht, merkt: Es ist nie ein einzelner Duft. Da ist das schwere, etwas süßliche Motoröl, darüber der scharfe Hauch von Bremsenreiniger, der so schnell verfliegt, wie er kommt. Kriechöl hängt länger in der Luft, Kettenspray riecht ölig und ein wenig nach Lösungsmittel.

Neue Reifen bringen ihren eigenen, fast chemischen Gummigeruch mit, eine alte Sitzbank etwas Leder. Und wer einmal neben einem Zweitakter stand, als der morgens ansprang, kennt die bläuliche Wolke aus mitverbranntem Öl, die heute kaum noch jemand riecht. Jede Garage mischt diesen Akkord ein wenig anders, je nachdem, was darin steht und wer dort schraubt.

Schrauben, wenn nichts kaputt ist

Reparieren musst du, wenn etwas kaputt ist. Schrauben ist die andere Sache, die freiwillige. Freitagabend, die Maschine ist von der Heimfahrt noch warm, der Helm liegt auf der Werkbank, und statt aufs Sofa gehst du zur Ratsche. Wer so regelmäßig selbst Hand anlegt, kennt irgendwann jede Schraube und hört, wenn sich am Klang etwas ändert.

Bei Robert M. Pirsig findet sich dieses Gefühl schon 1974. In „Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten“ verbindet er eine lange Reise auf dem Motorrad mit Gedanken darüber, was es heißt, eine Sache wirklich zu verstehen. Auf Deutsch trägt es den Untertitel „Ein Versuch über Werte“. Gelesen haben musst du es nicht. Du kennst das Gefühl, wenn über einer widerspenstigen Mutter am Krümmer eine Stunde vergeht, ohne dass du an etwas anderes gedacht hast.

Vielleicht hast du das Schrauben bei jemandem gelernt, neben dem du als Kind standest und die Lampe halten durftest. Vielleicht hast du dir alles selbst beigebracht, mit Anleitung und Ausdauer. In beiden Fällen weißt du heute Dinge, die in keiner Anleitung stehen, etwa, wann ein Gewinde nicht sauber fasst, lange bevor es knirscht.

Schön heißt nicht harmlos

Schön ist der Akkord, gesund ist er nicht. In Sicherheitsdatenblättern von Bremsenreinigern steht, dass ihre Dämpfe Schläfrigkeit und Benommenheit verursachen können, und dazu der Rat, für gute Belüftung zu sorgen. Leicht entzündbar sind sie außerdem, und laut Datenblatt gehört die Dose weg von heißen Oberflächen, Funken und offener Flamme, also auch vom Auspuff, der von der Heimfahrt noch warm ist.

Benzin enthält in Europa bis zu einem Prozent Benzol, und Benzol ist für den Menschen krebserregend. Eine Werkstatt, in der du gern lange bist, ist deshalb eine, in der die Luft regelmäßig ausgetauscht wird, erst recht, wenn ein Kind daneben die Lampe hält.

Riecht es beim Hochschieben des Tors deutlich stärker nach Benzin als sonst, ist das kein Akkord, sondern ein Hinweis. Manchmal hat nur der randvolle Tank etwas hergegeben, manchmal ist ein Schlauch undicht, und gestartet wird erst, wenn klar ist, woher der Geruch kommt.

Bei einem Stoff hilft dir die Nase gar nicht. Abgas enthält Kohlenmonoxid, und das ist farblos und geruchlos. Yamaha warnt in der Anleitung seiner MT-07: Auch Ventilatoren, offene Fenster und Türen verhindern nicht, dass sich schnell eine gefährliche Menge sammelt.

In Schuppen, Garagen oder unter einem Carport soll der Motor laut Yamaha deshalb gar nicht erst laufen, und auch Honda schließt die Garage dafür in der Anleitung der NC750X ausdrücklich aus. Willst du nach dem Schrauben hören, ob er rund läuft, schiebst du die Maschine vorher hinaus, und in der Garage bleibt nur der Geruch der Werkstatt.

Was bleibt, wenn der Auspuff fehlt

Eine elektrische Maschine hat keinen Auspuff und keinen Tank, und Öl wechselst du an ihr kaum. Mit ihr riecht die Garage weniger nach Werkstatt. Vielleicht verbinden die Kinder von heute später einen anderen Akkord mit ihrer Jugend, warmen Gummi, frisches Kettenspray, den Kaffee auf der Werkbank. Der Weg von der Nase ins Gefühl fragt nicht, wonach es riecht.

Bis dahin bleibt der Moment unter dem Tor, bevor das Licht angeht. Vielleicht schraubst du an manchen Abenden gar nicht, weil etwas zu tun ist. Sondern weil du noch einmal riechen willst, wo du herkommst.

❓ Häufige Fragen zum Geruch der Werkstatt

Warum lösen Gerüche so starke Erinnerungen aus?

Riechen ist der einzige Sinn, dessen Signal nicht zuerst über den Thalamus läuft. Es erreicht die Riechrinde direkt, und zu der gehört der Mandelkern, ein Zentrum für Gefühle. Über ihn bekommt auch der Hippocampus, der beim Speichern von Erinnerungen mitarbeitet, seine Geruchsinformation.


Was ist der Proust-Effekt?

Proust-Effekt heißt das plötzliche Wiederkehren einer alten Erinnerung durch einen Geruch oder Geschmack, benannt nach Marcel Proust und der Madeleine in seinem Roman. Studien zeigen, dass solche Erinnerungen oft aus der frühen Kindheit stammen und sich emotionaler anfühlen.


Sind Geruchserinnerungen genauer als andere?

Genauer sind sie nicht, nur gefühlsstärker. In einem Versuch der Psychologin Rachel Herz waren Erinnerungen, die ein Geruch weckte, emotionaler als solche, die ein Bild oder Geräusch auslöste, aber weder lebhafter noch detailreicher.


Sind die Dämpfe in der Werkstatt gefährlich?

Bremsenreiniger und Benzin sind nicht harmlos. Die Dämpfe von Bremsenreiniger können laut Sicherheitsdatenblatt benommen und schläfrig machen und sind leicht entzündbar, und Benzin enthält krebserregendes Benzol. Lüfte deshalb gut und halte solche Mittel von heißen Teilen fern. Riecht es plötzlich stärker nach Benzin als sonst, startest du nicht, bevor du weißt, woher es kommt.


Warum soll der Motor nicht in der Garage laufen?

Kohlenmonoxid aus dem Abgas siehst und riechst du nicht. Yamaha und Honda warnen, dass es sich in Garagen auch bei offener Tür schnell gefährlich sammeln kann. Für eine Probe nach dem Schrauben schiebst du die Maschine vorher ins Freie.

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