Café Racer, Scrambler und Co.: Warum Retro nicht vergeht

Wer die Listen der meistzugelassenen Motorräder in Deutschland von 2022 bis 2026 nebeneinanderlegt, findet in jeder davon Maschinen im Stil früherer Jahrzehnte. Manche tauchen Jahr für Jahr auf, andere kommen neu dazu.

Die Listen stammen vom Industrie-Verband Motorrad, der jedes Jahr die 50 Motorräder mit den meisten Neuzulassungen in Deutschland veröffentlicht. Wer Retro für eine Mode hält, die kommt und wieder geht, findet in diesen Listen wenig, was dafür spricht.

Retro in der Liste, Jahr für Jahr

Die Kawasaki Z900RS, die ihr Hersteller selbst den Retro-Modellen zuordnet, steht 2022 auf Platz 16, 2023 auf Platz 38 und 2024 auf Platz 22. Nur 2025 fehlt sie unter den ersten 50. In den ersten neun Monaten 2026 ist sie mit 851 Maschinen auf Platz 23 zurück.

2025 rücken andere nach. Die Honda GB350S, die Honda auf seiner deutschen Seite mit Retro-Stil beschreibt, landet auf Platz 24. Die BMW R 12 G/S, eine Enduro im Stil der R 80 G/S von 1980, folgt auf Platz 26, ihre Schwester R 12 nineT auf Platz 42. Bis September 2026 stehen alle drei wieder in der Liste: die G/S auf Platz 24, die GB350S auf 36 und die nineT auf 49.

Der Stil steht im Namen

Manche Hersteller schreiben den Stil gleich in die Modellbezeichnung, und so steht er auch in der Statistik. 2022 führt die Liste die Honda CB 650 R Neo Sports Café auf Platz acht und die Royal Enfield Classic 350 auf Platz 20, 2023 steht die Honda wieder auf Platz acht. 2024 kommt die Triumph Scrambler 400 X auf Platz 36, 2025 die Ducati Scrambler 803 auf Platz 47.

Café Racer und Scrambler beschreiben heute vor allem eine Form. Auf dem einen liegst du weit nach vorn gebeugt über dem Tank, die Hände tief am Lenker. Auf dem anderen bleibst du aufrecht, die Hände weit auseinander am breiten Lenker, und er sieht aus, als wolle er auf die nächste Schotterstraße abbiegen. Im Alltag fragst du bei beiden dasselbe wie bei jedem anderen Motorrad: ob dir die Sitzposition liegt, ob ein Sozius Platz hat und wie weit ein Tank reicht.

Für die Branche gehört Retro zum Kern

Wie groß Retro insgesamt ist, lässt sich aus der Statistik nicht sauber ablesen, weil es keine eigene Fahrzeugklasse ist. Der Industrie-Verband fasst in seiner Auswertung für 2023 Naked Bikes und Motorräder im Retrostyling unter „Klassisches Motorrad“ zusammen. Zu diesem Segment gehörten fast 39 Prozent der neu zugelassenen Motorräder über 125 Kubik, 48.996 Maschinen.

Retro steht damit nicht am Rand des Marktes, sondern mitten in seinem größten Teil, gleich neben dem Naked Bike.

Zehn Jahre und eine Nachfolgerin

Wie ernst ein Hersteller diesen Stil nimmt, zeigt BMW. Die R nineT kam 2013 zum 90. Geburtstag von BMW Motorrad. Zehn Jahre später stellte BMW zum 100. die R 12 nineT als Nachfolgerin vor, wieder als klassischen Roadster mit luft- und ölgekühltem Boxer.

In der Mitteilung dazu nannte der Leiter von BMW Motorrad die R nineT einen unverzichtbaren Eckpfeiler der Modellpalette. Ein Modell, das zehn Jahre im Programm bleibt und dann eine Nachfolgerin bekommt, ist keine Mode. 2025 kam mit der R 12 G/S eine Enduro nach dem Vorbild der ersten G/S dazu.

Alt aussehen, neu sein

Retro gibt es in sehr verschiedenen Größen. Die GB350S hat laut Honda einen luftgekühlten Einzylinder mit 348 Kubik und 15,5 kW. Am anderen Ende stehen die beiden BMW, deren luft- und ölgekühlten Boxer der Hersteller mit 1.170 Kubik angibt. Zwischen beiden Enden liegen die 400er, 650er, 800er und 900er der Listen.

Neu ist an diesen Maschinen mehr, als die Form verrät. Für die R 12 nineT nennt BMW einen LED-Scheinwerfer, eine Upside-down-Gabel und radial verschraubte Vierkolben-Bremssättel, die beiden Rundinstrumente sind im Stil früherer Jahre gestaltet.

Warum es bleibt

Retro bleibt, weil es Jahr für Jahr gekauft wird, vom Einzylinder mit 348 Kubik bis zum Boxer mit 1.170. Und weil ein neues Motorrad im Stil der Siebziger eben ein neues Motorrad ist, mit der Technik seines Baujahrs. Die Form kommt von gestern, der Kaufvertrag ist von heute.

❓ Häufige Fragen zu Retro-Motorrädern

Welche Retro-Motorräder werden in Deutschland am häufigsten zugelassen?

Das meistzugelassene Retro-Motorrad in Deutschland war von Januar bis September 2026 die Kawasaki Z900RS. Knapp dahinter folgt in der Rangliste des Industrie-Verbands die BMW R 12 G/S, weiter hinten stehen etwa die Honda GB350S und die BMW R 12 nineT.


Ist Retro bei Motorrädern nur eine Mode?

Eine kurze Mode ist Retro bei Motorrädern nicht, das zeigen die Listen der Neuzulassungen. Seit 2022 steht in jedem Jahr mindestens ein Modell im klassischen Stil unter den 50 meistzugelassenen Motorrädern in Deutschland, die Kawasaki Z900RS in vier der fünf Listen von 2022 bis September 2026.


Was ist der Unterschied zwischen Café Racer und Scrambler?

Café Racer und Scrambler unterscheiden sich vor allem in der Haltung. Der Café Racer hat einen tiefen Lenker und eine schmale Sitzbank, du sitzt weit nach vorn gebeugt. Auf dem Scrambler bleibt der Oberkörper aufrecht, der Lenker ist breit, und die Maschine sieht nach Schotter aus.


Ist ein neues Retro-Motorrad technisch veraltet?

Technisch veraltet ist ein neues Retro-Motorrad in der Regel nicht, vor allem seine Form erinnert an früher. Unter dem klassischen Kleid stecken Bauteile von heute. Die Honda GB350S etwa hat zum luftgekühlten Einzylinder eine Traktionskontrolle.


Wie groß ist der Retro-Anteil am Motorradmarkt?

Einen genauen Retro-Anteil am Motorradmarkt weist die Statistik nicht aus, weil Retro keine eigene Fahrzeugklasse ist. Der Industrie-Verband Motorrad zählte 2023 Naked Bikes und Retro-Modelle zusammen als klassisches Motorrad, das waren fast 39 Prozent aller Neuzulassungen über 125 Kubik.

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